Interview:
Fundamentaler Wandel


[12.9.2016] Digitalisierung bedeutet, dass viel stärker auf die Bedürfnisse der Menschen eingegangen werden kann, sagt Renate Radon. Was das für die öffentliche Verwaltung heißt, erläutert die Public-Sector-Chefin von Microsoft im Kommune21-Interview.

Renate Radon Frau Radon, im Vorfeld des Zukunftskongresses Staat & Verwaltung hat der Nationale Normenkontrollrat ein Gutachten veröffentlicht mit dem Tenor: E-Government findet in Deutschland nicht statt. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Ich denke, das Gremium wollte einen Weckruf setzen – und das ist durchaus notwendig. Die Digitalisierung betrifft nicht nur einzelne Prozesse oder Bereiche, sie bringt einen fundamentalen Wandel von Gesellschaft und Wirtschaft mit sich. Und dieser Wandel wird und darf vor der öffentlichen Verwaltung nicht haltmachen. Insofern ist die Digitalisierung der Verwaltung mindestens ebenso wichtig wie die Digitalisierung der Wirtschaft, die mit den Schlagworten Industrie 4.0 und Internet der Dinge umschrieben wird.

In internationalen E-Government-Studien landet Deutschland ja in der Tat immer auf den hinteren Plätzen. Kann man Deutschland wirklich mit Estland vergleichen?

Man kann generell sagen, dass die Verwaltungsstrukturen in Ländern wie Estland oder Dänemark, das ebenfalls sehr weit fortgeschritten ist, nicht so komplex sind wie bei uns. Deutschland trägt mit Sicherheit nicht nur die rote La­terne. Der Föderalismus und die sehr unterschiedliche Ausprägung der Städte und Gemeinden hat dazu geführt, dass es hier sehr viele und auch sehr gute Insellösungen gibt. Diese müssen nun weiter ausgebaut und vernetzt werden. Ich glaube, dass die Digitalisierung der Verwaltung durch den Zustrom von Flüchtlingen eine Beschleunigung erfährt.

Wie positioniert sich Microsoft im Bereich der öffentlichen Verwaltung?

Plakativ gesagt, bedeutet die Digitalisierung, dass viel stärker auf die Bedürfnisse der Menschen eingegangen werden kann. Die Industrie macht es vor. Der Kunde steht im Mittelpunkt und nicht mehr das Produkt. Selbst die Automobil-Industrie will nicht mehr nur Fahrzeuge verkaufen, sondern Mobilität anbieten. Im öffentlichen Bereich rückt nun der Bürger in den Fokus, im Gesundheitssektor steht der Patient im Vordergrund und bei der Bildung geht es nicht mehr nur um den Lernstoff, sondern um das Stärkenprofil des Lernenden. Für diese Individualisierung positioniert sich Microsoft auch im Public Sector.

Gibt es dafür Beispiele?

Ein exzellentes Beispiel ist die Stadt Ulm. Bei einem Konversionsprojekt nach dem Abzug der US-Streitkräfte wurden die Bürger an der Entscheidung beteiligt, wie das Kasernengelände künftig genutzt werden soll. Dadurch entstand ein sehr positives politisches Klima, die Bürger sind sozu­sagen näher an die Stadtverwaltung herangerückt. Heute wird das dafür verwendete Verfahren auch bei anderen politischen Entscheidungen genutzt. Ein weiteres Beispiel findet sich im Freistaat Thüringen. Dort ist eine von uns entwickelte App im Einsatz, die es den Bürgern erlaubt, an Haushaltsdiskussionen teilzunehmen. Auch das ist meines Erachtens eminent wichtig, weil die Bürger mitentscheiden sollten, wie Steuergelder verwendet werden.

„Unser Cloud-Angebot wird den digitalen Wandel in Deutschland beschleunigen.“

Welche Technologien von Microsoft stecken hinter diesen Anwendungen?

Unsere Kollaborationsplattform SharePoint ist ein wichtiger Bestandteil solcher Lösungen, auch Analyse-Tools oder Office 365 und Skype for Business spielen eine wichtige Rolle. Es geht aber nicht um Bits und Bytes, sondern darum, den Verwaltungen und Bürgern sinnvolle Lösungen zur Verfügung zu stellen.

Viel diskutiert werden derzeit Konzepte zur Smart City. Wie definieren Sie den Begriff?

Eine smarte Stadt setzt Technologien ein, um kurz-, mittel- und langfristige Probleme in den Griff zu bekommen. In Ulm wurde eine mittelfristige Herausforderung gemeistert. Aber kurzfristige Lösungen werden immer wichtiger, wie man an Überflutungen nach massiven Regenfällen sieht. Zur intelligenten Stadt gehören deshalb auch Analyse-Werkzeuge, die Frühwarn-Indikatoren beispielsweise für Unwetter-Ereignisse liefern, sodass jede Kommune schnell Notmaßnahmen ergreifen kann. Ein weiteres Beispiel ist Buenos Aires. Wir haben festgestellt, dass die Stadt stirbt, weil immer mehr Bürger wegziehen. Es wurde dann analysiert, was getan werden muss, damit die Stadt wieder lebenswert wird. Solche Fragen der Stadtentwicklung sind natürlich nur mittel- bis langfristig anzugehen. Auch in Deutschland werden solche Probleme immer größer werden.

In Deutschland sterben ja eher ländliche Gemeinden.

Wir sind auch in ländlichen Regionen aktiv. Handlungsfelder sind beispielsweise die Bereiche Gesundheit und Bildung. In verschiedenen ostdeutschen Ländern arbeiten wir in Projekten für eine bessere medizinische Versorgung. Dazu können Kollaborationsplattformen beitragen. Und wir entwickeln Konzepte gegen das Schulsterben im ländlichen Raum, das Stichwort lautet hier Bildungscloud.

Microsoft bietet künftig Cloud-Dienste aus deutschen Rechenzentren an. Welche Idee steckt hinter der Deutschland-Cloud?

Es gibt hierzulande ein ausgeprägtes Bewusstsein für Datenschutz und Datensicherheit. Diesem Sicherheitsbewusstsein tragen wir mit der Deutschland-Cloud Rechnung. Drei Faktoren müssen dazu erfüllt sein: Die Daten müssen in Deutschland liegen, das gewährleisten wir in Rechenzentren in Frankfurt und bei Magdeburg. Diese Rechenzentren sind vom Internet abgekoppelt, um maximalen Schutz vor Cyber-Attacken zu haben. Außerdem gewährleisten wir, dass uns niemand zwingen kann, die Daten preiszugeben. Dazu setzen wir einen Datentreuhänder ein. Das ist T-Systems, die Geschäftskundensparte der Deutschen Telekom, die dem deutschen Datenrecht unterliegt. Microsoft hat also keine Möglichkeit, die Daten herauszugeben. Auch die Wartungsmaßnahmen werden von speziell ausgebildeten und zertifizierten T-Systems-Mitarbeitern durchgeführt. So können wir einen maximalen Schutz der Daten gewährleisten. Dieses Konzept einer Cloud in Rechenzentren vor Ort werden wir übrigens auch in anderen Ländern implementieren.

Wie ist das Interesse an diesem Cloud-Angebot?

Wir erhalten ein sehr positives Echo. Ich war selbst überrascht, wie hoch die Nachfrage auf der diesjährigen CeBIT war. Sehr viele Vertreter aus Bund, Ländern und Kommunen haben sich über die Deutschland-Cloud informiert. Wir bieten eine Preview-Phase an und sehr viele Kunden nutzen diese Möglichkeit. Ich glaube, dass Microsoft mit diesem Cloud-Angebot den digitalen Wandel in Deutschland beschleunigen wird.

Ein Blick nach vorn. Wie entwickelt sich die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung?

Es wird sehr wichtig sein, die Hierarchien in den Verwaltungen zu verändern. Ich glaube, dass Kooperationsnetzwerke auf allen Ebenen des Staates und auch zwischen den Städten entstehen. Zudem wird es eine Koexistenz zwischen traditionellen und Online-Kanälen geben, dadurch werden Ämter und Behörden ihre Dienste rund um die Uhr anbieten. Die öffentliche Verwaltung wird nicht mehr reaktiv und administrativ agieren, sondern die Bürger aktiv beraten und unterstützen.

Interview: Alexander Schaeff

www.microsoft.de
Dieser Beitrag ist in der September-Ausgabe von Kommune21 erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren. (Deep Link)

Stichwörter: Panorama, Microsoft, Cloud Computing, Smart City

Bildquelle: Microsoft

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