Cloud Computing:
Vielfalt an Modellen


[21.6.2012] Cloud Computing verändert die Geschäftsmodelle der kommunalen Rechenzentren, sagt Ulrich Künkel, Geschäftsführer des hessischen IT-Dienstleisters ekom21, im Kommune21-Interview. Damit einher gehen auch neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

Ulrich Künkel Herr Künkel, die Software-Industrie sucht ihr Heil derzeit in der Wolke. Was muss ein kommunaler IT-Dienstleister tun, um sich in Richtung Cloud Computing zu bewegen?

Das Thema Cloud ist sehr vielschichtig und vielseitig. Dies gilt insbesondere für die kommunale Seite. Cloud Computing ist nicht nur eine Frage der Technologie und der technischen Infrastruktur, sondern auch eine Frage der Veränderung und Erweiterung von Geschäftsmodellen. Die kommunalen Dienstleister müssen sich selbst die Frage beantworten, welche Rolle sie nach diesem Veränderungsprozess einnehmen wollen. Das hängt zum einen von den technischen Möglichkeiten und den fachlichen Kompetenzen ab, zum anderen von der Marktdurchdringung und Marktbeteiligung, inhaltlich und regional. Danach gilt es, die Maßnahmen umzusetzen, die in Bezug auf das gewählte Geschäftsmodell erforderlich sind. Diese unterscheiden sich, je nachdem, ob man selbst Betreiber eines Cloud-Rechenzentrums, Hersteller von Anwendungssoftware oder Anbieter von Anwendungsservices sein möchte und dabei die Rechenzentrumsleistung vom Cloud-Rechenzentrum bezieht. Es sind durchaus auch Kombinationen dieser Leistungsspektren und Geschäftsmodelle möglich. Eine wichtige Aufgabe ist es zudem, den Markt auf die neue Technologie vorzubereiten, Angebote zu formulieren, die technischen sowie wirtschaftlichen Vorzüge bekannt zu machen und somit die potenziellen Anwender zu überzeugen.

Welche Vorteile hat die Cloud-Technologie für die IT-Dienstleister?

Zunächst geht es um den Erhalt und die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit durch Kosteneinsparungen im Betrieb und den Ausbau bestehender oder die Erschließung neuer Geschäftsfelder sowie die bessere Nutzung und Auslastung der Hard- und Software-Infrastruktur. Dies alles verbessert die Wirtschaftlichkeit. Selbstverständlich werden wir auch eigene Anwendungen und Arbeitsplätze zukünftig im Sinne von Cloud Computing betreiben. Angefangen haben wir damit in einzelnen Bereichen des Supports, aber auch im Bereich der Software-Entwicklung, in denen virtualisierte Desktops zum Einsatz kommen. Das spart technische Ressourcen, aber vor allem Zeit bei Installation, Administration und Support und verschafft zusätzlich mehr Sicherheit und Flexibilität bei wechselnden Arbeitsbedingungen in den Arbeitsgruppen oder Projekt-Teams. Zusätzlich wird ein Beitrag zum Schutz der Umwelt geleistet,denn hoch virtualisierte und On-Demand-skalierbare Rechenzentrumsinfrastrukturen führen zu erheblichen Energieeinsparungen gegenüber herkömmlichen Rechenzentren, Server-Räumen oder Desktops.

Wie ist ekom21 in diesem Bereich aufgestellt?

Der Vielfalt der möglichen Geschäftsmodelle entsprechend hat es sich ekom21 zum Ziel gesetzt, selbst ein Cloud-Rechenzentrum aufzubauen und zu betreiben. Dabei sollen zunächst die hessischen Kommunen, also unsere Mitglieder, von dieser neuen Technologie im Sinne einer Modernisierung der derzeitigen Fachanwendungen profitieren. Dazu haben wir unser Rechenzentrum in den vergangenen Jahren systematisch in Richtung Cloud um- und ausgebaut. Die Themen Virtualisierung, Skalierbarkeit sowie insbesondere Sicherheit und Verfügbarkeit haben dabei Berücksichtigung gefunden. So ist ekom21 bereits mehrere Jahre in Folge vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) mit dem BSI-Grundschutzzertifikat ausgezeichnet worden. Ein wichtiger Punkt ist auch die Verfügbarkeit von cloudfähiger Anwendungssoftware. Hier setzen wir konzentriert auf die Web-Architektur. Einige Anwendungen haben wir in den vergangenen Jahren selbst entwickelt, andere beziehen wir von kommunalen und privaten Software-Herstellern. Im Sinne von Arbeitsteilung und Kosteneinsparung denken wir auch daran, einzelne Anwendungen im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft von anderen kommunalen Rechenzentren zu beziehen und diesen sowie Kommunen außerhalb Hessens ebenfalls solche Cloud-Angebote zu machen.

„Es ist vorstellbar, dass künftig alle Fachanwendungen im Sinne von Cloud Computing betrieben werden.“


Welche Anwendungsfelder sehen Sie für Cloud Computing im kommunalen Bereich?

Es ist vorstellbar, dass künftig alle Fachanwendungen im Sinne von Cloud Computing betrieben werden. Das gilt insbesondere für diejenigen Kommunen, die solche Anwendungen derzeit noch autonom betreiben sowie für E-Government-Services im Allgemeinen. Aber selbstverständlich können auch Office-Anwendungen aus der Wolke bezogen werden, bis hin zur kompletten Desktop-Virtualisierung. Wie eingangs erwähnt, werden mit Cloud Computing neue Geschäftsfelder für Dienstleistungen und damit auch neue Anwendungsfelder entstehen, etwa im Bereich des Customizing, der Anwendungsintegration, der Schulung und der Anwendungsbetreuung. Auch spielen neue Lösungen, wie das Thema Videokonferenzen oder elektronischer Postein- und -ausgang eine Rolle.

Wo sehen Sie heute die wesentlichen Hemmnisse für Cloud Computing im öffentlichen Sektor?

Hier sind in erster Linie die Bereiche Sicherheit und Datenschutz zu nennen, also die Antwort auf die Frage: Was passiert mit meinen Daten? Dort, wo kommunale Rechenzentren bereits seit mehr als 40 Jahren erfolgreich tätig sind, sollte dies allerdings kein Thema sein. Weitere Hemmnisse bestehen im Bereich der technischen Infrastruktur. Gemeint sind etwa die teilweise noch nicht ausreichenden Netz­anbindungen oder auch die Kosten hierfür. Zudem fehlt es noch an cloudfähiger Anwendungssoftware – mit Office-Anwendungen alleine ist es nicht getan. Diese genügen sicherlich bei einer Reihe von Arbeitsplätzen, nicht aber im Bereich der Sachbearbeitung. Hier fehlt dann die Integration in die Fachanwendungen. Es ist auch eine Frage der Zeit, bis Anwender bereit oder aufgrund bestehender Verträge in der Lage sind, die Technologie, das Fachverfahren und eventuell auch den IT-Dienstleister zu wechseln.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Wie verändert die Cloud-Technologie die kommunale IT-Landschaft?

Die IT-Infrastruktur in den Kommunen wird sich verändern, insbesondere bei denjenigen, die derzeit noch nicht mit einem Rechenzent­rum zusammenarbeiten. Aber auch der Markt der kommunalen IT-Dienstleister ist im Wandel begriffen. Das betrifft Rechenzentren, Software-Hersteller und Dienstleistungsunternehmen gleichermaßen. Es wird neue Formen der Zusammenarbeit geben: Nicht jeder kommunale IT-Dienstleister wird unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ein Cloud-Rechenzentrum betreiben können, er kann aber Anwendungen über ein solches beziehen und seinen Kunden somit weiterhin die gewohnten Services zur Verfügung stellen. Das spart Kosten, ermöglicht Spezialisierungen und erhält und fördert am Ende die Kundenbeziehungen. Die Chancen, die sich aus der Cloud-Technologie ergeben, werden dazu führen, dass neue Geschäftsfelder und neue Unternehmen im Bereich der Anwendungsintegration, der Betriebsoptimierung, aber auch im Bereich der Dienstleistungen entstehen. Partnerschaften werden eine große Rolle spielen. Ich bin gespannt, wie sich das Ganze entwickelt und sehe ekom21 zusammen mit anderen Partnern, den Rechenzentren, den Software-Herstellern und den Dienstleistern auf einem guten Weg in die Cloud.

Interview: Alexander Schaeff

Das Interview wird in der Juli-Ausgabe von Kommune21 im Titelthema Cloud Computing veröffentlicht. Das Heft erscheint am 29. Juni 2012. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren. (Deep Link)

Stichwörter: IT-Infrastruktur, ekom21, Ulrich Künkel, IT-Dienstleister, BSI-Zertifikat, Virtualisierung

Bildquelle: ekom21

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