Leserbrief:
Kritik an Vergabeverfahren berechtigt?


[26.9.2018] Das Unternehmen CIP hat Kommunen in der Vergangenheit einige Gründe geliefert, sich für eine Neuausschreibung zu entscheiden, meint Kommune21-Leser Holger Michel. Im hessischen Neustadt habe man aber sehr genau darauf geachtet, sich dem Vorwurf nicht auszusetzen, dabei das Vergaberecht zu umgehen.

Vor einiger Zeit berichtete Kommune21 darüber, dass sich eine Reihe von Software-Anbietern im Bereich Finanzfachverfahren über unlautere Geschäftspraktiken beklagt (wir berichteten). Zum Hintergrund: Viele Kommunen, welche zuvor die Software CIP-KD genutzt haben, die derzeit im großen Stile abgelöst wird, wechseln zur Firma KSL – Kommunalservice aus Chemnitz, die das Produkt proDoppik anbietet. KSL besteht zum Großteil aus ehemaligen CIP-Beschäftigten, Mehrheitsgesellschafter ist inzwischen die H&H Datenverarbeitungs- und Beratungsgesellschaft, die wiederum proDoppik entwickelt. Zu diesem Beitrag erreichte uns ein Leserbrief, den wir hier gerne veröffentlichen.

Leserbrief

Sehr geehrte Damen und Herren,

eben habe ich mir die Zeit genommen, Ihren Artikel bezüglich der Ausschreibungsverfahren CIP und H&H zu lesen. Der unbeteiligte Leser könnte der darin geäußerten Kritik an den Vergabeverfahren sicher folgen. Als jemand, der seit Jahren mit CIP arbeiten musste, liest sich das etwas anders. Zunächst zu meiner Person: Ich bin seit circa 30 Jahren bei einer Kommune in Hessen beschäftigt, die zu den ersten CIP-Kunden überhaupt gehörte und habe die Anfänge (die Ausgründung durch ehemalige Philips-Mitarbeiter) selbst erlebt.
Auch damals kam es wohl in den seltensten Fällen zu Ausschreibungen, sondern Herr Kremer (ehemaliger CIP-Geschäftsführer und Anteilseigner) und seine Mitarbeiter bereisten die bekannten Philips-Kunden, die nach Aufgabe der dortigen Geschäftssparte ihre Zeit gekommen sahen. Die Kundenbindung versuchte man immer in einer „familiären“ Art zu bewahren.
Allerdings mischte CIP auch mit günstigen Einstiegspreisen den Markt auf. Tatsächlich war deren Produkt seinerzeit innovativ, modern und erfüllte (fast) alle Anforderungen, und für das, was nicht angeboten werden konnte (zum Beispiel die Vollstreckung), fanden sich mit der Zeit Ergänzungsprodukte. Auch bei der Auswahl dieser Ergänzungsprodukte war eine öffentliche Ausschreibung oft sinnlos, da es zu jeweils einem Marktführer keine wirkliche Alternative gab, wenn man auf eine sinnvolle Anbindung an die CIP-Software Wert legte.
Leider hat sich das Produkt in mehr als 20 Jahren Laufzeit fast nicht weiterentwickelt. In dieser Zeit sind die Ansprüche insbesondere auch an die Software-Ergonomie doch weiter fortgeschritten, als CIP sich das eingestehen wollte oder konnte. Leider betraf dies zum Teil auch die Begleitprodukte. Ob dies auf das von Ihnen benannte Produkt von DATA-team zutrifft, kann ich nicht beurteilen, da ich das Produkt nicht kenne. Seitens CIP hat man sich auf dem Kundenbestand ausgeruht. Die Neuentwicklung unter der neuen Eigentümerin (dem Unternehmen mps public solutions, wir berichteten) kam nach meiner Meinung mindestens zehn Jahre zu spät.
Die Schnittstellentechnik funktionierte in den alten Versionen von CIP zum Teil eher beschränkt und war technisch und in der Bedienung kompliziert. Die Einbindung von fremden Archivsystemen funktionierte auch eher suboptimal, weil man das hausinterne Produkt CIP-Archiv stützen wollte. Eine Anfrage zu einer zusätzlichen Schnittstelle für diesen Themenbereich blieb, trotz mehrfacher Erinnerung, mehr als zwei Jahre lang unbeantwortet. Bei Problemen wurde die Verantwortung oft von CIP zum Drittanbieter und umgekehrt hin- und hergeschoben. Als ehemaliger CIP-Kunde kann ich damit gut nachvollziehen, warum man bei einer Neuausschreibung auf interne Module, ohne Schnittstellen, Wert legt.
Nach der Veräußerung und der Verlegung des Betriebssitzes nach Koblenz verließen viele ehemalige Mitarbeiter das Unternehmen, woraufhin der Support bei CIP zeitweise zusammenbrach. Alles in allem hat CIP in der Vergangenheit viele gute Gründe geliefert, warum man sich überhaupt für eine Neuausschreibung entscheiden konnte. Darunter auch Zwischenmenschliches, welches aber bei einer objektiven Betrachtung außen vor bleiben sollte.
Wir haben unsere Software auch neu ausgeschrieben (ohne das Beratungsunternehmen KommCura) und erhielten nach der Auswertung der nach objektiven Kriterien erstellten Wertungsmatrix ein eindeutiges Ergebnis zugunsten der Lösung von H&H. Wobei eine Entscheidung gegen CIP beziehungsweise mps nicht notwendig wurde, was an diesen selbst lag. Ob in anderen Fällen Vergaberecht umgangen wurde, kann ich selbstverständlich nicht beurteilen. Wir waren in unserem Fall sehr bemüht, genau darauf zu achten, uns diesem Vorwurf nicht auszusetzen.

Holger Michel, Neustadt (Hessen)


Stichwörter: Finanzwesen, C.I.P., mps, H&H



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