Hamburg:
Am Datentisch planen


[10.1.2019] Für Planungsverfahren mit Raumbezug will die Freie und Hansestadt Hamburg künftig ein digitales Partizipationssystem anbieten. Digitale Datentische sollen unter anderem die von den Bürgern online eingereichten Beiträge einbinden.

Hamburg testet die Bürgerbeteiligung am digitalen Planungstisch. Im Jahr 2017 hat die Freie und Hansestadt Hamburg das Projekt DIPAS – Digitales Partizipationssystem – gestartet. Bereits 2012 beschloss der Hamburger Senat, dass die Bürgerbeteiligung bei Projekten der Stadtentwicklung, Umwelt und Infrastruktur intensiviert werden soll. Dazu wurde zum einen in der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW) die so genannte Stadtwerkstatt als Stabsstelle und Dachmarke eingerichtet. Zum anderen wurden die Ressourcen bei Bezirken und Landesbehörden gestärkt. In der Folge ist die Anzahl der Beteiligungsverfahren deutlich gestiegen.
Seit Anfang 2016 bietet die Stadtwerkstatt den Hamburger Planungsträgern das gemeinsam mit dem Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung (LGV) entwickelte Online-Beteiligungstool zur Ergänzung der konventionellen Beteiligungsverfahren an. Das Tool orientiert sich in Struktur und Funktionalität an der Referenzarchitektur für Online-Partizipation des IT-Planungsrats. Es handelt sich im Kern um ein kartenbasiertes Tool zur Sammlung georeferenzierter Bürgerbeiträge zu Planungsvorhaben. Mit dem zusätzlichen Online-Angebot und der orts- und zeitunabhängigen Beteiligungsmöglichkeit sollen mehr Menschen als bisher Gelegenheit zur Beteiligung erhalten. Seit 2016 wurde das Tool bei 22 Verfahren verschiedener Planungsträger eingesetzt.

Medienbruchfrei beteiligen

Parallel startete im Jahr 2015 die HafenCity Universität (HCU) in Kooperation mit dem MIT Media LAB das CityScienceLab (CSL) als Labor für digitale Stadtforschung. Das CSL übernahm vom MIT digitale Planungstische, so genannte City­Scopes. Diese datengestützten, interaktiven Stadtmodelle machen ortsbezogene Daten und städtische Funktionszusammenhänge anschaulich und nachvollziehbar. Komplexe Fragestellungen, etwa aus den Bereichen Stadtentwicklung, Verkehrs- oder Umweltplanung, lassen sich mit ihnen analysieren, visualisieren und simulieren. Ihren ersten Einsatz hatten die Tische im Projekt Finding Places, bei dem in einer Workshop-Reihe mit Bürgern Flächen für die Errichtung von Flüchtlingsunterkünften gesucht wurden. Im Anschluss an das Finding-Places-Verfahren wurde die BSW/Stadtwerkstatt beauftragt, die Methode und Technologie der CityScopes für die Stadtplanung in Hamburg zu adaptieren. Die Stadtwerkstatt entwickelte daraufhin gemeinsam mit dem LGV und dem CSL ein Konzept, das Online-Beteiligung und digitale Vor-Ort-Werkzeuge in einem System zusammenführt.
Kernziel von DIPAS ist es, den methodischen Ansatz des CityScope mit dem Beteiligungstool als technischem Werkzeug zu vereinen und so ein integriertes, medienbruchfreies digitales System zur Bürgerbeteiligung zu entwickeln. Durch den Einsatz der digitalen Datentische soll das Potenzial der öffentlich zugänglichen städtischen Daten und des digitalen Stadtmodells künftig nicht nur online, sondern auch vor Ort bei Bürgerveranstaltungen nutzbar werden. Die Aufbereitung komplexer Materie in einer nutzerfreundlichen Darstellung soll den Austausch auf Augenhöhe zwischen Laien und Fachleuten befördern. Online-Beiträge sowie Beiträge aus Veranstaltungen werden parallel und synchron in einer Datenbank erfasst. Mithilfe eines Administratoren-Back-End sind sie mit verschiedenen statistischen Methoden auswertbar.

Beteiligung einfacher berücksichtigen

DIPAS kann letztlich für alle Planungsverfahren, die einen deutlichen Raumbezug haben, eingesetzt werden; seien es städtebauliche Planungen, Grünplanungen, Verkehrsplanungen oder Integrierte Städtebauliche Entwicklungskonzepte (ISEK) sowie Masterplanverfahren, deren Themen und Inhalte gut über Karten und Visualisierungen erschlossen werden können. Das System nutzt dazu die Vielfalt öffentlicher Geodaten. Gleichzeitig erleichtert es die Verarbeitung des Bürger-Feedbacks, da eine nachträgliche Digitalisierung zur Auswertung und Verarbeitung entfällt. Im Default-Mode erfolgt die Abgabe der Bürgerbeiträge anonym, personenbezogene Daten werden also nicht erfasst.
DIPAS wird mit dem PHP- und Open-Source-basierten Content-Management-System (CMS) Drupal entwickelt und unter Bitbucket veröffentlicht. Es setzt auf dem Hamburger GeoMasterPortal auf und erhält auch Fachdaten aus dem UrbanDataHub. Das Serverhosting erfolgt in Deutschland. Perspektivisch soll DIPAS mit dem parallel in der Entwicklung befindlichen DiPlanungs-System zur Steuerung von Bebauungsplanverfahren gekoppelt werden und so B-Plan-Sachbearbeitern einen leichten Zugang zu den Ergebnissen informeller Beteiligungsverfahren ermöglichen. Nach Ende der Projektlaufzeit soll DIPAS allen Hamburger Bezirken, Landesbetrieben und öffentlichen Unternehmen, die Planungsaufgaben erfüllen, zur Nutzung zur Verfügung gestellt werden.
Die Federführung für DIPAS liegt bei der Stadtwerkstatt im Amt für Landesplanung und Stadtentwicklung der BSW. Die Stadtwerkstatt koordiniert das Gesamtprojekt, liefert die beteiligungsfachlichen Konzepte und Bausteine und organisiert und steuert Pilotierungseinsätze sowie Usability-Analysen. Technischer Partner ist der LGV. Er ist für die Software-Entwicklung und das GUI-Design zuständig. Als fachliche Leitstelle treiben die Stadtwerkstatt und der LGV die Entwicklung des Systems mit eigenen Ressourcen, Fördermitteln aus dem Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020 der EU-Kommission sowie mit Fördermitteln vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) voran. Als dritter DIPAS-Projektträger organisiert und steuert die HafenCity Universität vor allem die prozessbegleitende Evaluation und trägt Wissen sowie Vernetzungsbeziehungen aus wissenschaftlichen Projekten bei.

Weitere Ziele

DIPAS ist als dreijähriges Projekt mit mehreren Entwicklungsphasen konzipiert. Ziel der ersten Iteration war die Schaffung einer einsatzfähigen Basisstufe, mit der 2D-Karten und Fachdaten dargestellt und Bürgerbeiträge online und vor Ort aufgenommen werden können. Diese Basisstufe wurde bis zum Sommer 2018 erreicht und im Frühherbst bei einem Leitbildverfahren für den Bezirk Bergedorf getestet. Eine weitere Erprobung im Rahmen eines vorgeschalteten Ideensammlungsverfahrens zur Entwicklung des Masterplans für den neuen Stadtteil Grasbrook ist im Dezember vergangenen Jahres gestartet. Gleichzeitig wird die Basisstufe technisch weiterentwickelt und an der Einbindung digitaler Bebauungspläne sowie der Integration eines 3D-Stadtmodells gearbeitet. Im Frühjahr 2019 soll eine Schnittstelle für die Integration dreidimensionaler städtebaulicher Entwürfe in das 3D-Stadtmodell hergestellt und im Zuge des anschließenden städtebaulichen Wettbewerbs für Grasbrook erprobt werden.
Im dritten Entwicklungsschritt sollen die Eigenschaften städtebaulicher Konfigurationen im Hinblick auf physikalische Parameter wie Licht, Schall oder Wind simulierbar gemacht werden. Daneben sollen aus dem vom BMBF geförderten Projekt Civitas Digitalis KI-Facilitation-Bots eingeführt werden, welche die Nutzer bei der Abfassung von Beiträgen unterstützen. Aus dem Horizon-2020-Projekt sollen die Smarticipate-Funktionalitäten zur kriteriengestützten, automatisierten Vorprüfung von eingereichten Bürgervorschlägen hinzukommen.
Zukünftig geplante Weiterentwicklungen betreffen unter anderem KI-basierte Tools zur automatischen Textanalyse, eine verbesserte Social-Media-Verknüpfung und die Integration von Live-Daten.

Claudius Lieven ist in der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen tätig.

www.hamburg.de/stadtwerkstatt
Dieser Beitrag ist in der Ausgabe Januar 2019 von Kommune21 im Schwerpunkt E-Partizipation erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren. (Deep Link)

Stichwörter: E-Partizipation, Bürgerbeteiligung, Hamburg, DIPAS

Bildquelle: Bezirksamt Hamburg Bergedorf/Claas Möller

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