Verwaltungsdigitalisierung:
Hürden abbauen


[4.8.2022] Wie wichtig es ist, die Digitalisierung der Verwaltungen hierzulande voranzutreiben, hat die Corona-Pandemie deutlich gemacht. Ein Hindernis sind dabei die gewachsenen bürokratischen Strukturen und Hierarchien, die es IT-Visionären oft schwer machen, ihre Ideen umzusetzen. Hier ist ein rasches Umdenken erforderlich.

IT-Visionäre haben es oft schwer, ihre Ideen in der Verwaltung umzusetzen. Die Corona-Pandemie hat nicht nur den Kommunen gezeigt, wie essenziell es ist, die Verwaltungen zu modernisieren und alle Prozesse auf den Prüfstand zu stellen. Dabei geht es nicht allein um die technische Digitalisierung, angesagt ist vielmehr ein Umdenken innerhalb der Strukturen vieler Behörden.
Die Corona-Pandemie werden wir kurz- oder langfristig überwinden – und zwar dank der mutigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Visionäre, die von Anfang an den Kampf gegen das Virus aufgenommen und die ersten Impfstoffe entwickelt haben. Zu unserem Glück als Bürgerinnen und Bürger lag dieser Auftrag nicht in der Hand einer öffentlichen Verwaltung, sonst wären wir wohl bis heute mit bürokratischen Hürden und Zuständigkeitsprüfungen beschäftigt, würden auf Verordnungen und Weiteres warten.

Gewachsene Bürokratien werden verteidigt

In den vergangenen zwei bis drei Jahren wurden innerhalb der Verwaltungen zahlreiche neue Ämter geschaffen, die mit der Digitalisierung beauftragt sind und hier federführend sein sollen. Als Qualifikationsmerkmal für die mit den Digitalisierungsprojekten betrauten Mitarbeitenden gilt in zahlreichen Verwaltungen jedoch immer noch, dass diese den Verwaltungsspezifischen Lehrgang AL II absolviert haben. Der Kampf zwischen den zuständigkeitsgeübten Verwaltungsangestellten und den Visionären aus dem IT-Bereich hat verhehrende Folgen für den Fortschritt bei der Digitalisierung.
Einen weiteren Stolperstein stellen interne Grabenkämpfe zwischen den verschiedenen Ämtern dar, wenn jedes die Digitalisierung für sich alleine und nach seiner Vorstellung vorantreiben will. Keine Rolle spielt es dabei leider oft, wie sinnvoll und wirkungsvoll der eingeschlagene Weg in die Digitalisierung für die Verwaltung selbst, für die Unternehmen sowie die Bürgerinnen und Bürger ist. Vielmehr geht es allzu häufig darum, die Bürokratien und die Macht hinter den Bürotüren auf den einzelnen Etagen zu verteidigen. Somit wird die Digitalisierung in vielen Kommunen nicht als Chance gesehen, sondern es herrscht die Furcht, dass sich seit Jahrzehnten geltende Verwaltungsstrukturen als Hindernis und das ein oder andere Amt als überflüssig herausstellen könnten.

Über den Tellerrand blicken

Digitalisierung ist kein Verwaltungsakt, daher lässt sich die Frage, ob eine verwaltungskonforme Digitalisierung möglich ist, getrost mit Nein beantworten. Die Digitalisierung einer Verwaltung ist eine dauerhafte Aufgabe und muss amtsübergreifend bewältigt werden. Ein Querschnittsamt ist nur ein Teil der Lösung der vielen Probleme, die mit der Digitalisierung einhergehen, es muss jedoch auch Fachkräfte beherbergen und nicht nur zuständigkeitsgeübte Verwaltungsangestellte.
Ein Blick über den Tellerrand würde vielen Kommune auf ihrem Weg zur Digitalisierung helfen. Viel wichtiger ist es aber, dass die Führungsebene und die Personalämter, welche mit der Suche nach geeignetem Personal beauftragt sind, die Kompetenzen einer Fachkraft erkennen, auch wenn diese nicht über eine Verwaltungsausbildung verfügt. Damit steht dann aber schon die nächste Herausforderung für viele Bürokraten in der Verwaltung im Raum: Diesen Fachkräften und IT-Experten den benötigten Spielraum zu gewähren, vor allem aber, ihnen Vertrauen und Respekt entgegenzubringen.
Denn diese sind meist top ausgebildet und blicken auf jahrelange Erfahrung zurück. Sie können technische Zusammenhänge schnell und unbürokratisch erkennen und entsprechend handeln – denn für sie steht der Grundsatz einer Verwaltungsausbildung „Zuständigkeitsprüfung“ nicht im Vordergrund, sondern der jeweilige Vorteil und der daraus entstehende Nutzen durch die Digitalisierung.

Offen sein für Visionäre

Es mangelt bei der Verwaltungsdigitalisierung weder an den finanziellen Mitteln noch an Software-Lösungen – im Gegenteil. Passende Software und Budget alleine reichen jedoch nicht aus, um die Digitalisierung voranzutreiben. Es bedarf vielmehr eines grundlegenden Umdenkens der Führungsebenen innerhalb der Verwaltung.
Viele Verwaltungen sind dazu aufgerufen, ihre internen Strukturen kritisch und sehr schnell auf den Prüfstand zu stellen. Es muss sich die Erkenntnis durchsetzen, dass es im Jahr 2022 und nach einer Krise wie der Corona-Pandemie nicht mehr darum gehen kann, dass sich die Verwaltung selbst verwaltet, sondern vielmehr darum, sich nach außen zu öffnen und zugänglich zu machen – und zwar nicht nur in Form von Türen, sondern besonders für die vielen Visionäre und Macher, die Deutschland aufzuweisen hat.
Für viele Fachkräfte sind die Stellenausschreibungen des öffentlichen Diensts nicht mehr attraktiv genug. Die Vergütung mag dafür ein wichtiger Grund sein, eine entscheidende Rolle spielt jedoch auch der mangelnde Spielraum, welchen die Verwaltung den Fachkräften bietet, um ihre Ideen zu verwirklichen. Ihnen bleibt daher nur der Weg in die private Wirtschaft, wo man sich schon vor Jahren auf ein unbürokratisches Miteinander vorbereitet und die Voraussetzungen hierfür geschaffen hat. Ideenbringer sind in der privaten Wirtschaft willkommen und müssen im Gegensatz zur öffentlichen Verwaltung nicht bei jeder Stellenbewertung den Nachweis erbringen, ob sie einen Verwaltungslehrgang absolviert haben oder nicht. Entscheidend ist hier alleine die erbrachte Leistung.

Hakam Najjar war zehn Jahre lang im Bereich der Digitalisierung einer öffentlichen Verwaltung tätig, bevor er im Oktober 2021 als Unternehmensberater für Digitalisierung /ECM-DMS Consultant/Digitalisierungsberater in die freie Wirtschaft wechselte.


Stichwörter: Panorama, Personalwesen

Bildquelle: msgrafixx/123rf.com

Druckversion    PDF     Link mailen


Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich Panorama
Cell Broadcast: Bundesweiter Test im Dezember
[26.7.2022] Beim bundesweiten Warntag am 8. Dezember soll erstmals die Benachrichtigung per Cell Broadcast erprobt werden. Die entsprechende Meldung wird dann an alle empfangsfähigen, in einer Funkzelle eingebuchten Mobilfunkgeräte versendet. mehr...
Bad Laer: Zählerstand online erfassen
[26.7.2022] In der niedersächsischen Gemeinde Bad Laer können die Zählerstände für die Wasserabrechnung jetzt online an die Verwaltung gemeldet werden. Das macht die Erfassung nicht nur für die Bürgerinnen und Bürger deutlich einfacher, sondern entlastet auch die Verwaltungsmitarbeiter. mehr...
Bad Laer: Jährliche Ablesung der Wasserstandszähler erfolgt jetzt online.
wer denkt was: Vier neue Mängelmelder gehen in Betrieb
[22.7.2022] Das Anliegen-Management-System von wer denkt was ist bei immer mehr Kunden im Einsatz. In den zurückliegenden Wochen kamen vier weitere Kommunen im Bundesgebiet hinzu, die ihren Bürgern den Mängelmelder nun online oder per App als kurzen Draht in die Verwaltung anbieten. mehr...
Das Anliegen-Management-System Mängelmelder kommt in immer mehr Kommunen zum Einsatz und wird dort von den Bürgern gut angenommen.
Bayern: Iphofen ist das 100. Digitale Amt
[21.7.2022] In Bayern ist jetzt das 100. Digitale Amt ausgezeichnet worden. Es handelt sich um die Verwaltungsgemeinschaft Iphofen, die ihren Bürgern – wie die anderen mit dem Prädikat versehenen Kommunen auch – mindestens 50 Verwaltungsleistungen digital anbietet. mehr...
Berlin: Touristischer Daten-Hub
[20.7.2022] Der Berlin-Tourismus soll künftig von smarter Technologie profitieren. Den Prototyp des touristischen Daten-Hubs für die Stadt will visitBerlin mit dem Partner Join bis Ende 2022 entwickelt haben. mehr...
Weitere FirmennewsAnzeige

Interview mit Professor Robert A. Sedlák: Transformation in der kommunalen Wirtschaft
[19.7.2022] Im Interview erläutert der systemische Organisationsberater Robert A. Sedlák, inwiefern Institutionen der kommunalen Wirtschaft und insbesondere Stadtwerke die aktuellen Herausforderungen im Kontext gesellschaftlicher, politischer und technologischer Transformationsprozesse nutzen können, um zu einem proaktiven Gestalter der Trends unserer Zeit zu werden. mehr...
Suchen...

Aktuelle Information des Verlags


In Zeiten der Corona-Pandemie werden wir aktuelle Ausgaben von Kommune21 allen Interessierten bis auf weiteres kostenfrei digital zur Verfügung stellen. Weisen Sie bitte auch Ihre Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice auf diese Möglichkeit hin.

Wir haben an dieser Stelle eine Bitte an Sie:
Die gegenwärtige Situation macht einmal mehr deutlich, wie wichtig das Thema Digitalisierung auch in Ihrer Verwaltung, Behörde oder Schule ist. Kommune21 berichtet seit 20 Jahren über alle wichtigen Themen der IT-gestützten Verwaltungsmodernisierung und hilft, die Digitalisierung im Public Sector transparent und besser zu gestalten. Bitte prüfen Sie über Ihre Buchhaltung, ob Sie bereits ein reguläres Abonnement von Kommune21 haben. Wenn nicht, dann freuen wir uns, wenn Sie gerade in diesen Zeiten ein Abonnement in Betracht ziehen. Danke!

Kommune21, Ausgabe 08/2022
Kommune21, Ausgabe 07/2022
Kommune21, Ausgabe 06/2022
Kommune21, Ausgabe 05/2022

Aboverwaltung


Abbonement kuendigen

Abbonement kuendigen
Ausgewählte Anbieter aus dem Bereich Panorama:
JCC Software
48149 Münster
JCC Software
AIDA ORGA GmbH
75391 Gechingen
AIDA ORGA GmbH
Aktuelle Meldungen