Kommunale IT-DienstleisterWechselvolle Geschichte

Dr. Marianne Wulff
(Bildquelle: Die Hoffotografen Berlin)
Frau Dr. Wulff, wie haben sich die kommunalen IT-Dienstleister in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten entwickelt?
Die IT-Dienstleister haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Gegründet aus EDV-Kompetenznot und im interkommunalen Geist wurden später etliche der Einrichtungen wieder aufgelöst – mit dem fatalen Effekt, dass auch kleine Kommunen ihre IT teilweise bis heute selbst betreiben, was angesichts der Komplexität gerade kommunaler IT-Infrastrukturen keine Lösung ist. Die IT-Dienstleister haben recht unterschiedliche Formen angenommen. Die meisten agieren gegenüber ihren Kunden als Rundum-Sorglos-Dienstleister. Und sie haben immer wieder neue Aufgaben übernommen. Besonders hervorheben möchte ich den Aufbau und Betrieb von E-Government-Services, mit der zunächst sehr anspruchsvollen Öffnung von IT-Infrastrukturen nach außen, die Integration verschiedenster Fachverfahren und neuerdings die Übernahme kompletter kommunaler Aufgaben wie etwa der Lohnabrechnung.
Inwiefern haben sich das Aufgabenspektrum und das Marktumfeld verändert?
Neben den eben schon genannten neuen Aufgaben kann man sagen, dass die Rolle des Systemintegrators stark an Bedeutung gewonnen hat, wohingegen auf dem Markt kommunaler Fachverfahren eine deutliche Konsolidierung und Bereinigung vollzogen wurde. Nur noch sehr wenige kommunale IT-Dienstleister entwickeln selbst große Lösungen. Entsprechend hat sich die Rolle der Dienstleister vor allem auf dem Feld der Beratung gewandelt: Sie stehen ihren kommunalen Kunden viel stärker als früher zur Seite, wenn es um die Einführung neuer technischer Lösungen oder die Nutzung von IT-Anwendungen zur Verbesserung von Effizienz und Dienstleistungsorientierung geht. Das Umfeld hat sich insbesondere in zwei Dimensionen verändert: So stehen die kommunalen IT-Dienstleister heute im Wettbewerb untereinander, was früher kaum denkbar gewesen wäre. Die privaten Anbieter von IT-Leistungen hingegen sind noch nicht wirklich in den kommunalen Markt vorgedrungen. Die Versuche, IT-Leistungen in Gemeinschaftsunternehmen zu erbringen, sind fast alle gescheitert. Auch die Übernahme kommunaler IT durch private Unternehmen ist bisher zu vernachlässigen. Es gibt jedoch sehr viel mehr Partnerschaften mit Privaten und partielle Kooperationen. Hier hat eine deutliche Annäherung stattgefunden. Die zweite Dimension betrifft das Thema Personal. Da die IT-Dienstleister im Kampf um die besten Köpfe im direkten Wettbewerb mit der Privatwirtschaft stehen, beschäftigen sie sich intensiv mit Fragen des Personal-Managements. Auf diesem Feld sind allerdings weitere Anstrengungen notwendig, um im Wettbewerb bestehen zu können – auch vor dem Hintergrund der teils restriktiven Rahmenbedingungen der öffentlichen IT-Dienstleister, etwa hinsichtlich der Bezahlungsmöglichkeiten.
„Die kommunalen IT-Dienstleister stehen heute im Wettbewerb untereinander.“
Welche wegweisenden E-Government-Projekte wurden mit Unterstützung kommunaler IT-Dienstleister durchgeführt?
Unendlich viele, könnte ich antworten. Ich will aber doch einige herausgreifen: Die IT-Dienstleister haben die Umsetzung der EU-Dienstleistungsrichtlinie intensiv mit vorangetrieben – mit welchem Nutzungserfolg, wissen wir alle. Nachhaltiger ist der teils sehr frühe Aufbau von Portalen inklusive der Implementierung von Authentifizierungslösungen – lange bevor der neue Personalausweis (nPA) kam. Aber auch die Integration der eID-Funktion des nPA in Portale ist eine wichtige Leistung der Dienstleister. Weitere Highlights sind die Integration von Geodaten in E-Services, die Entwicklung von zahlreichen elektronischen Diensten und neuerdings die Entwicklung von Apps. Nicht vergessen werden sollten der Aufbau und Betrieb des Meldeportalverbundes über Ländergrenzen hinweg.
Wie werden sich die IT-Dienstleister in Zukunft entwickeln?
Auch wenn wir nicht in der Glaskugel lesen können, sind doch einige Entwicklungen deutlich erkennbar oder sogar schon abgeschlossen, der Öffentlichkeit aber weitgehend verborgen geblieben. Viele kommunale IT-Dienstleister haben ihre Leistungstiefe reduziert. Nicht mehr jeder macht alles, zahlreiche Services werden in Zusammenarbeit mit anderen erbracht. Dabei handelt es sich um bilaterale Kooperationen oder große Verbünde wie den KDN in Nordrhein-Westfalen. Auch Fusionen sind kein Fremdwort mehr.
Für Nordrhein-Westfalen wird immer wieder eine Konsolidierung der kommunalen IT-Landschaft gefordert. Wie bewerten Sie die Situation in dem Bundesland und wie unterscheidet sie sich von der in anderen Ländern?
In Nordrhein-Westfalen sind die Kommunen im Durchschnitt und verglichen mit den anderen Ländern sehr groß und sehr selbstbewusst. Das begründet auch zumindest in Teilen die besondere IT-Landschaft. Denn die großen kommunalen Einheiten waren historisch gesehen sehr viel eher in der Lage, das komplizierte EDV-Geschäft selbst zu betreiben, was dazu führte, dass es von Anfang an viele eigenständige städtische oder regionale IT-Dienstleister in den Kommunen gab. Trotz dieser strukturellen Besonderheiten ist eine Menge Bewegung in die IT-Landschaft gekommen. Dass die Geschwindigkeit der Entwicklung manchem externen Betrachter sehr gering erscheint, verwundert einerseits nicht. Andererseits erfolgt die Entwicklung auch verborgener als zum Beispiel im Norden Deutschlands. Und Kooperationsvereinbarungen und Fusionen sind auch in Nordrhein-Westfalen keine Unbekannten mehr. Daher sollten die Betrachter der IT-Landschaft aufmerksam hinschauen, bevor sie alte Forderungen aufrechterhalten, ohne die Veränderungen zu kennen und zu würdigen.
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