Freitag, 31. Juli 2026

KI-OasenWenn Städte träumen

[31.07.2026] Das Architekturbüro weiss Architekten entwickelt mit den KI-Oasen ein Beteiligungsformat, das Wünsche und Ideen der Bürgerinnen und Bürger niederschwellig in ortsspezifische Bilder übersetzt. In Eichstätt wird daraus nun ein kommunales Pilotprojekt.
KI-generiertes Rendering zur möglichen Neugestaltung des Domplatzes Eichstätt

Mit der KI Bürgerideen zum Eichstätter Domplatz in Bilder übersetzen.

(Bildquelle: w e i s s Architekten)

Klassische Bürgerbeteiligung fühlt sich oft abstrakt an. Wer ein Mikrofon vorgehalten bekommt oder vor einer langen Liste vorgegebener Antworten sitzt, greift schnell zu Begriffen, die in der öffentlichen Debatte gerade kursieren. Das spiegelt häufig nicht das wider, was sich die Menschen tatsächlich für ihre Stadt wünschen. Auch freie Antwortzeilen lösen das Problem nicht. Worte erzeugen in jedem Kopf andere Bilder, je nach Persönlichkeit, Hintergrund und Lebensgeschichte. Für die gemeinsame Verständigung ist das schwierig: Es fehlt die geteilte Vorstellung und die Beteiligten reden aneinander vorbei.

Visuelle Zukunftsvarianten

Genau hier setzen die vom Architekturbüro weiss Architekten entwickelten KI-Oasen an. Das Format unterscheidet sich grundlegend von klassischen Beteiligungsformaten. Wo Online-Umfragen, Workshops oder Textprotokolle eher kalkulierend und abstrakt bleiben, setzt das Projekt auf einen spielerischen, emotional zugänglichen Ansatz. Teilnehmende benötigen weder Fachsprache noch planerisches Vorwissen. Statt eines fertigen Entwurfs entstehen mehrere visuelle Zukunftsvarianten, die nebenei­nander stehen. Vielfalt wird sichtbar, bevor Festlegungen getroffen werden. Polarisierende Debatten treten in den Hintergrund. Was bleibt, ist eine gemeinsame Landkarte für die nächsten Planungsschritte.

KI-generiertes Rendering zur möglichen Neugestaltung des Eixchstätter Domplatzes
Auch so könnte der Domplatz in Eichstätt künftig aussehen (Grafik: w e i s s Architekten).

Die Mechanik dahinter ist bewusst einfach gehalten. Bürgerinnen und Bürger geben kurze Begriffe oder Wünsche zu einem konkreten Ort ein. Diese Eingaben werden dann in KI-kompatible Prompts übersetzt, aus denen ortsspezifische Bilder generiert werden. Anschließend werden die Ergebnisse öffentlich zurückgespiegelt, etwa in einer Pop-up-Ausstellung oder im Rahmen eines moderierten Veranstaltungsformats. Der Output ist ausdrücklich kein fertiger Entwurf, sondern ein Set diskutierbarer Entscheidungsoptionen. Sämtliche Eingaben werden anonymisiert und ausschließlich bürointern für die Auswertung des Beteiligungsprozesses genutzt.

Ein Baustein im Beteiligungsmix

Noch vor einem Jahr war diese Arbeit mit KI aufwendig. Das Tool musste manuell trainiert werden, indem ihm zahlreiche Bilder eines Ortes zugeordnet und beschrieben wurden, damit es Muster erkennen konnte. Bilder konnten faktisch nur Personen erstellen, die mit dem System vertraut waren. Mittlerweile verstehen Bildgenerierungsmodelle den Eingabeprompt deutlich präziser und können konkrete Orte gezielt nach Vorgaben verändern. Bei aller Zugänglichkeit verstehen die Verantwortlichen das Format jedoch nicht als perfektes Werkzeug. Eine rein digitale, visuell ausgerichtete Methode könnte weniger technikaffine Menschen ebenso ausschließen wie Personen mit Seheinschränkungen. Die KI-Oasen sind daher als ein Baustein im Beteiligungsmix gedacht, der bei Bedarf durch ergänzende Formate begleitet werden sollte.

Erstmals erprobt wurde das Format vor zwei Jahren in einer Ausstellung zu urbanen Räumen in der Stadt Eichstätt, dem Sitz von weiss Architekten. Es folgten unter anderem Vorträge bei der Agentur Visit Berlin sowie der Tagung „Zukünfte entwerfen. Futures Studies als Rahmen für eine nachhaltige Entwicklung“. Mit Unterstützung der Initiative „Mensch in Bewegung“ entstand zudem eine Buchpublikation, die das Vorhaben wissenschaftlich einordnet; „KI-Oasen. Wenn Städte träumen. Partizipative Stadtgestaltung mit Künstlicher Intelligenz“ ist im September 2025 im Buchhandel erschienen.

Das Feedback der Initiative war prägend: „Mensch in Bewegung“ verortet die KI-Oasen als Beitrag zur Future Literacy, also zur Fähigkeit, Zukunft sprachlich und gedanklich greifbar zu machen.
Die bisherigen Erprobungen zeigen, dass das Tool generationenübergreifend funktioniert. Junge wie ältere Menschen kommen mit der Bedienung gut zurecht, Ideen werden gleich gewichtet und Diskussionen verharren seltener bei klassischen Streitlinien wie Parkplatz versus Fahrradabstellplatz, sondern öffnen sich für umfassendere Vorstellungen vom öffentlichen Raum. Bemerkenswert ist auch der psychologische Effekt: Wer die eigene Vorstellung visualisiert sieht, gewinnt Klarheit über das, was er oder sie sich für die Stadt wünscht. Bilder aktivieren die positive Seite von Ideen, Widerstandsreflexe sinken.

Erprobung in Eichstätt

Den bislang weitreichendsten Schritt geht das Format derzeit in Eichstätt. In Zusammenarbeit mit der Stadt erarbeitet weiss Architekten ein angepasstes KI-Tool für ein Stimmungs- und Erwartungsbild der Bürgerinnen und Bürger zum Domplatz, die Freischaltung für die Öffentlichkeit ist für Juli 2026 geplant. Es wird der erste Einsatz der KI-Oasen als kommunaler Partizipationsprozess, eingebettet als Vorstufe zu einem Planungswettbewerb im Jahr 2028. Die gewonnenen Eingaben werden geclustert, ausgewertet und so aufbereitet, dass sie als Grundlage in die Wettbewerbsunterlagen einfließen.

Das Format KI-Oasen ist nicht auf Plätze und Innenstädte beschränkt: Übertragbar ist es auf Quartiersentwicklung, Tourismus- und Standortprozesse sowie strategische Entscheidungssituationen in Organisationen. Ziel ist es, aus den KI-Oasen ein skalierbares Tool zu entwickeln, das Entscheidungsträgern einen verlässlichen Einblick in die Erwartungshaltung und Wünsche der Bevölkerung an einen Ort gibt. Um das Tool unter möglichst vielfältigen Bedingungen testen und weiterentwickeln zu können, sucht weiss Architekten weitere Kommunen und Institutionen, die sich als Pilotpartner beteiligen möchten (Kontakt: weiss@w-e-i-s-s.com).

Andreas Dannemann ist Mitarbeiter bei weiss Architekten, Eichstätt.




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