InterviewAngriffe wird es immer geben

Dr. Stefan Wolf, regio-iT-Geschäftsführer
(Bildquelle: regio iT GmbH)
Herr Dr. Wolf, welche IT-Sicherheitsbedrohungen sehen Sie derzeit als die größten Herausforderungen für öffentliche Einrichtungen? Laut dem aktuellen Jahresbericht des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik bleibt Ransomware die größte Herausforderung. Die Angriffsvektoren haben sich nicht wesentlich geändert: Phishing, das Ausnutzen von Schwachstellen und zunehmend die Nutzung von User-IDs aus Datenlecks. Diese Bedrohungen beschäftigen uns massiv. Hinzu kommt, dass Angreifer zunehmend KI-Tools einsetzen, um Angriffe mit einem hohen Automatisierungsgrad durchzuführen. Das bedeutet, dass wir noch stärker in die Erkennung und Reaktion auf Angriffe investieren müssen. regio iT hat ein Computer Emergency Response Team, KomCERT, ins Leben gerufen. Welche Aufgaben und Ziele hat das KomCERT? Das KomCERT wurde bereits 2017 gegründet, zunächst als Informationsdrehscheibe für unsere Kunden zu Bedrohungslagen und Sicherheitsvorfällen. In den vergangenen Jahren hat sich der Fokus verändert. Heute steht die Beratung im Vordergrund: Security Assessments, Beratung zu neuen Technologien und Unterstützung bei Sicherheitsvorfällen – von Phishing-Mails bis hin zu Vor-Ort-Einsätzen bei erfolgreichen Angriffen. Daneben bieten wir klassische Dienstleistungen wie den Warn- und Informationsdienst und die Vernetzung mit dem BundesCERT und den LandesCERT an. Stellen wir uns einen konkreten Fall vor. Ein IT-Verantwortlicher einer Kommune oder einer Schule stellt fest, dass alle Daten auf den Servern von unbekannten Angreifern verschlüsselt wurden. Was sind die ersten Schritte, die er unternehmen sollte? Die ersten Schritte hängen vom Status des Angriffs ab. Ist der Angriff noch im Gange, sollten Internet-Verbindungen und externe Zugänge sofort unterbrochen und die Systeme in einen sicheren Modus gebracht oder heruntergefahren werden. Ist der Angriff bereits erfolgt, muss eine gründliche forensische Analyse durchgeführt werden, um das Ausmaß und den Status des Angriffs festzustellen. Parallel dazu müssen die weiteren Schritte eingeleitet werden, wie etwa das Einberufen eines Krisenstabs und die Kommunikation nach innen und außen. Wie funktioniert die Koordination der Krisenkommunikation? Das ist ein sehr schwieriges Feld, weil die Betroffenen im ersten Moment unter Schock stehen und guter Rat teuer werden kann, wenn man ohne kompetenten Partner unterwegs ist. Die Krisenkommunikation muss nach innen und nach außen erfolgen. Wichtig ist eine Erstinformation der Betroffenen und der Öffentlichkeit sowie intern an die Mitarbeitenden. Diese kann zunächst rudimentär sein: Was ist passiert, wer ist direkt und indirekt betroffen, wie ist das Ausmaß des Schadens und welche nächsten Schritte sind geplant. „Für die Mehrzahl der Kommunen können wir das Sicherheitsniveau deutlich verbessern.“ Wie wichtig ist in solchen Fällen die Zusammenarbeit mit der Polizei? Wir empfehlen, sofort die Ermittlungsbehörden einzuschalten, da es sich bei Cyber-Angriffen um Straftaten handelt und die Polizei mit Rat und Tat zur Seite steht. Sie verfügt über Spezialeinheiten zur Cyber-Abwehr und für Verhandlungen mit Ransomware-Tätern. Die Ermittlungsbehörden, insbesondere in Nordrhein-Westfalen, sind gut vorbereitet und haben mittlerweile große Erfahrung und Kompetenz in diesem Bereich. Welche technischen Maßnahmen werden getroffen, um Daten nach einem Angriff zu retten? Zunächst muss eine forensische Analyse durchgeführt werden, um das Ausmaß des Schadens festzustellen. Es sollten mehrere forensische Werkzeuge mit einem Vier-Augen-Prinzip eingesetzt werden, um eine größtmögliche Sicherheit über den Schaden und die Wiederanlaufmöglichkeiten zu erhalten. Diese Analysen sind oft sehr langwierig und umfangreich. Was ist zu tun, um zum Normalbetrieb zurückzukehren? Die Rückkehr zum Regelbetrieb erfordert einen klaren Wiederanlaufplan. Es muss genau überlegt werden, in welcher Reihenfolge und mit welcher Priorität die Systeme wieder hochgefahren werden sollen. Dabei spielen technische Möglichkeiten wie abgeschottete Bereiche oder die Unterstützung durch Hard- und Software-Hersteller eine Rolle. Auch die Menge der wiederherzustellenden Daten hat einen großen Einfluss auf den Wiederanlaufprozess. Welche Schulungs- und Sensibilisierungsmaßnahmen können Sie empfehlen, um Angriffen vorzubeugen? Cybersecurity sollte in die Regelkommunikation jeder Organisation integriert werden, ähnlich wie Arbeitssicherheit und betriebliches Gesundheitsmanagement. Regelmäßige Awareness-Veranstaltungen für Mitarbeitende und technische Schulungen für IT-Mitarbeitende sind unerlässlich. Dazu gehört auch die regelmäßige Information über aktuelle Phishing-Kampagnen. Was raten Sie betroffenen Institutionen im Umgang mit Lösegeldforderungen? Im öffentlich-rechtlichen Bereich halte ich Lösegeldzahlungen für kaum vorstellbar. Im privatrechtlichen Bereich mag es Fälle geben, in denen die Abwägung zwischen Schaden und Lösegeld zu einer Zahlung führt. Wir empfehlen aber immer, die Ermittlungsbehörden einzubeziehen, da viele Lösegeldzahlungen nicht zu einer effektiven Entschlüsselung der Systeme führen. Welche Maßnahmen sollten öffentliche Einrichtungen ergreifen, um sich besser gegen Cyber-Angriffe zu schützen? Eine grundlegende Cyber-Hygiene ist notwendig: Passwort-Management, Sicherung externer Zugänge, regelmäßige Schwachstellen-Scans und aktuelles Patch-Management. Diese Maßnahmen können das Sicherheitsniveau deutlich erhöhen. Wie sieht ein gutes Back-up-Management aus, um Daten im Falle eines Angriffs zu schützen? Ein gutes Back-up-Management sollte dem 3-2-1-Prinzip folgen: drei Kopien auf zwei verschiedenen Medien, eine davon ausgelagert. Zusätzlich empfehle ich so genannte Cybervaults, das sind abgekoppelte Umgebungen, die Back-ups enthalten und nicht manipulierbar sind. Diese Back-up-Tresore sollten nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich sein. Welche Technologien und Konzepte können zur Erhöhung der Cyber-Sicherheit beitragen? KI-basierte Lösungen wie Extended Detection and Response (XDR) sind bereits heute unverzichtbar. Sie helfen, Anomalien zu erkennen und automatisiert auf Angriffe zu reagieren. Auch Logfile-Analysen durch KI werden immer wichtiger, da Menschen diese komplexen Datenstrukturen nicht alleine bewältigen können. Wie können Kommunen von der Zusammenarbeit mit regio iT und dem KomCERT profitieren? Neben den Notfalldienstleistungen des KomCERT bieten wir eine Reihe von Präventions- und Detektionsprodukten an, die vor Ort eingesetzt werden können. KomCERT unterstützt auch bei individuellen Security Assessments und der Entwicklung von Notfallkonzepten. Unser großes Netzwerk bietet zusätzliche Unterstützung und Ressourcen. Cyber-Angriffe werden auch von staatlichen Hackern durchgeführt. Ist das eine neue Qualität der Bedrohung? Ja, staatlich gelenkte Angreifer sind oft sehr unauffällig und nutzen Techniken zur Spurenverwischung, die ihre Erkennung erschweren. Die Qualität der Angriffe hat zugenommen und es gibt eine Art Fresskette in der Internet-Kriminalität, bei der Schwachstellen mehrfach ausgenutzt werden. Die einzige Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, besteht darin, die Reaktionszeit auf ein Minimum zu reduzieren und sich ernsthaft auf den Ernstfall vorzubereiten. Sehen Sie bei den Kommunen ein Bewusstsein für diese Gefahren, insbesondere für staatliche Cyber-Angriffe? Das Bewusstsein wird immer mehr geschärft. In politischen Ausschüssen und Veranstaltungen erleben wir immer wieder den Aha-Effekt. Polizei und Landespolizei informieren und sensibilisieren regelmäßig. Die Kommunen müssen schneller reagieren, denn sie sind Teil der Kritischen Infrastruktur und stehen zunehmend im Fokus der Angreifer. Es gab krasse Fälle, wo Gemeinden wochenlang lahmgelegt waren. Wie optimistisch sind Sie, dass sich solche Fälle nicht wiederholen? Angriffe wird es immer geben, denn die Intensität der Angriffe nimmt nicht ab. Aber ich bin optimistisch, dass wir mit den richtigen technischen Maßnahmen viele Angriffe erfolgreich abwehren oder schnell erkennen und reagieren können. Bei staatlich gelenkten Akteuren mit großen Ressourcen wird es schwieriger, aber für die Mehrzahl der Kommunen können wir das Sicherheitsniveau deutlich verbessern.
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