Donnerstag, 8. Oktober 2026

Serie DigitalstädteMehrwerte schaffen

[07.07.2026] Förderprojekte wie der Wettbewerb Modellprojekte Smart Cities sind für kleinere Kommunen wie die Stadt Bad Belzig wichtig, um mit der Digitalisierung voranzukommen. Es braucht aber sichtbare Mehrwerte, damit es anschließend weitergeht.
Vier Personen aus dem Bad Belziger Smart-City-Team sitzen vor einer Infotafel

Das Bad Belziger Smart-City-Team.

v.l.: Philip Schwerdfeger, Ilka Dubois, Nicola Zeuner und Projektleiter Malte Specht

(Bildquelle: Stadt Bad Belzig)

Orte mit dem Vornamen Heilbad liegen meist sehr idyllisch. So auch das brandenburgische Bad Belzig im Naturpark Hoher Fläming, circa 80 Kilometer südwestlich von Berlin. Der herausgeputzten historischen Innenstadt rund um Rathaus und Marktplatz sieht man die europäischen Strukturfonds an; von der im 9. Jahrhundert gegründeten Burg Eisenhardt genießt man einen spektakulären Blick über Stadt und Umland. Nichts deutet darauf hin, dass es hier sonderlich digital zuginge. Dabei nimmt Bad Belzig zusammen mit dem benachbarten Wiesenburg am Modellprojekt Smart Cities (MPSC) teil und hat einige spannende Projekte am Start.

„Zukunftsschusterei“ lautet der Name dieser interkommunalen Zusammenarbeit, der sich dem Umstand verdankt, dass beide Projektteams anfangs zunächst in ehemaligen Schuhgeschäften untergekommen sind. Das erklärt vielleicht auch schon einen Teil der Motivation, sich als Smart City zu positionieren: Man will der Landflucht mit einem passenden Umfeld für digital Affine aus den etwa gleich weit entfernten Städten Leipzig, Magdeburg, Potsdam oder Berlin begegnen und für mögliche Zuzügler attraktiver werden. Insbesondere Wiesenburg setzt mit Dorfgemeinschaftshäusern, einem Smart Village Campus und der Umwandlung ehemaliger Industrieflächen auf größere Attraktivität.

Experimenteller Einsatz von Digitalisierung

Sechs Millionen Euro – verteilt auf sieben Jahre bei einem Eigenanteil von zehn Prozent – beziehen Bad Belzig und Wiesenburg zusammen aus dem MPSC. Dessen Fokus liegt mit dem Wechsel zum Bundesbauministerium nun auf integrierter Stadtentwicklung – weniger auf Verwaltungsdigitalisierung. Umwelt, Lebensqualität, Mobilität und Gesellschaft sind die offiziellen Handlungsfelder. „Der Schwerpunkt des Modellprojekts liegt im Bereich Softwareentwicklung für innovative Lösungen und dem experimentellen Einsatz von Digitalisierung“, sagt Malte Specht, Projektleiter Smart City in Bad Belzig. „Wir haben verschiedene Lösungen erprobt und schauen, was auf Interesse und Resonanz stößt, was sich für die Nachnutzung anbietet und zu einem Geschäftsmodell weiterentwickelt werden kann.“

So ist beispielsweise eine City App entstanden, die auf große Akzeptanz unter den Bürgerinnen und Bürgern stößt. In der Bad-Belzig-App werden aktuelle Lokalnachrichten angezeigt, ein Abfallkalender informiert per Push-Nachricht über Abholtermine, beim Maerker können Schlaglöcher, wilder Müll und Infrastrukturprobleme gemeldet werden, die Kommunalpolitik stellt sich vor, Beteiligungsverfahren starten hier und auch einige Bürgerservices wie die Gewerbean- und -abmeldung liegen online vor. Größtenteils bleibt die App jedoch informativ statt interaktiv und listet etwa sämtliche Vereine und deren Ansprechpartner auf oder macht auf verfügbare Ferienjobs für Schüler und Studierende aufmerksam.

Ein weiteres Beispiel für den praktikablen Umgang mit digitalen Möglichkeiten in einer Smart City ist die Buchungsplattform Biletado. Das Gemeinschaftsprojekt der Kiel Region, dem Amt Süderbrarup (Schleswig-Holstein) und der Stadt Bad Belzig erlaubt es, Räume und Ressourcen für Meetings und Veranstaltungen online zu buchen. In Bad Belzig lassen sich Seminarräume im Kulturzentrum oder im Rathaus reservieren, Technik wie Lautsprecher und Mikrofone dazubuchen und gleich online bezahlen. Das System ist mandantenfähig und kann zwischen interner und externer Nutzung unterscheiden.

Planen mit Daten

Ein Schwerpunkt in Bad Belzig ist zudem der Bereich Planen mit Daten. Auf unterschiedliche Weise werden Szenarien datengetriebener Stadtentwicklung erprobt, um die Kommune klimaresilienter und bürgernah weiterzuentwickeln. Ein weiteres Datenprojekt ist eine Klimadaten-Plattform, die auf einem LoRaWAN basiert, mit stadtweit verteilten 104 Sensorgruppen zur Messung der Bodenfeuchte. Der Fläming weist für Brandenburg typische Sandböden auf, die wenig Wasser speichern. Im Ortsteil Lübnitz sind in den vergangenen sechs Jahren 60 Prozent des alten, denkmalgeschützten Baumbestands aufgrund von Trockenheit eingegangen. Die Messungen ermöglichen es, die Effekte auf einem Dashboard zu visualisieren. Dort kann Bodenfeuchte in 30 oder 60 Zentimetern Tiefe angezeigt werden. Eingebettet ist dies in ein Citizen-Science-Projekt, an dem sich viele Bürgerwissenschaftler beteiligen und etwa die Klimabedingungen ihrer Streuobstwiese messen. Sie haben Zugang zum Dashboard und wissen somit zum Beispiel, wann sie wässern müssen.

Anders als viele Teilnehmerkommunen am MPSC hat sich Bad Belzig gegen eine urbane Datenplattform entschieden. Stattdessen kooperiert die Stadt mit Open-Source-Communities wie dem The Things Network, einer globalen LoRaWAN-Initiative im Bereich Klimaschutz. Über diese IoT-Plattform sind weitere Smart-Metering-Projekte geplant: Wasserzähler auf Burg Eisenhardt und eine Raumtemperaturüberwachung in den Rathausbüros. Die gesammelten Daten dienen als Grundlage für zukünftige energetische Sanierungsmaßnahmen.

Zukunft und Weiterfinanzierung der Projekte

Nachnutzung ist beim MPSC keine Muss-, aber eine wünschenswerte Kann-Anforderung. Die Bad-Belzig-App – allerdings auch schon vom Land gefördert – ist inzwischen in 50 brandenburgischen Kommunen im Einsatz und weiteren 20 bundesweit. Das Raumbuchungssystem Biletado wird in Brandenburg noch von der Stadt Guben nachgenutzt, mit der enge Kontakte bestehen. „Gute Nachnutzung ist dann gewährleistet, wenn man zusammenarbeitet, zusammen entwickelt und die gleiche Software verwendet“, sagt Projektleiter Malte Specht. „Je mehr Kommunen dasselbe System nutzen, desto wahrscheinlicher ist es, dass es überlebt.“

Die Förderung des Modellprojekts läuft in Bad Belzig Ende 2027 aus. Bis dahin müssen die angeschobenen Projekte abgeschlossen sein. Ihre Zukunft und Weiterfinanzierung hängen vom Mehrwert und der Sichtbarkeit in der Kommune ab. Malte Specht berichtet, dass regulatorische und rechtliche Hürden häufig dem Erfolg im Weg stehen. Wollte man Biletado etwa zu einem Veranstaltungsmanagementsystem für Vereine ausbauen, wäre man nach EU-Recht ein Online-Marktplatz mit enormen rechtlichen Anforderungen. Auch das Smart-Metering-Netzwerk gemeinsam mit Unternehmen kommerziell weiterzuentwickeln, ist nicht so einfach möglich. Es deutet sich aber an, dass die Stadtwerke die Betriebsbürgschaft übernehmen und sich künftig die Kosten mit der Stadt teilen. Das wäre ja schon ein Erfolg.

Helmut Merschmann




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