Gaia-XWirtschaft first

Gaia-X: Europäische Cloud-Infrastruktur
(Bildquelle: samy/stock.adobe.com)
Als Gaia-X im Oktober 2019 als großangelegtes Daten-Infrastrukturprojekt angetreten ist, stand das Vorhaben ganz im Zeichen der digitalen Souveränität. Man wollte eine europäische Alternative zu amerikanischen Cloud-Anbietern wie Amazon, Microsoft und Google schaffen. Der damalige Wirtschaftsminister Peter Altmaier sprach vom Goldstandard bei Cloud-Diensten und einem europäischen Datenökosystem. Denn der Datenwirtschaft gehört die Zukunft. Raumfahrt, Finanzwesen, Gesundheitsindustrie, Bauwirtschaft und der gesamte Bereich der Mobilität setzen auf das Datengeschäft. Hintergrund für Gaia-X waren auch sicherheitspolitische Aspekte – die Befürchtung, dass aufgrund des US-Cloud-Act hiesige Daten ungewollt und unbemerkt in Richtung USA abfließen könnten.
Der Idee nach sollen europäische Unternehmen zu einem auf Vernetzung beruhenden, dezentralen Cloud-Ökosystem zusammengeschlossen und hierfür eine standardisierte Infrastruktur mit Cloud-Services entwickelt werden. Gründungsmitglieder waren elf deutsche und elf französische Firmen, darunter Bosch, BMW, Deutsche Telekom, SAP und Siemens oder OVH und Orange sowie einige Firmen aus dem Mittelstand und dem öffentlichen Sektor. Inzwischen besteht das Konsortium aus mehr als 300 Unternehmen – und erste springen wieder ab. So hatte sich etwa der französische Mittelständler Scaleway im November vergangenen Jahres zu diesem Schritt entschlossen und wendet sich damit gegen ein Polarisierungsparadoxon, wie es Geschäftsführer Yann Lachelle nennt: Dass nämlich mit Akteuren wie Microsoft, Google und Amazon oder dem chinesischen Konzern Huawei genau jene Großanbieter mitmischen, gegen deren Vorherrschaft man sich ursprünglich gewendet hatte. Sogar die US-amerikanische Firma Palantir, spezialisiert auf nachrichtendienstliche Schnüffel-Software, ist bei Gaia-X mit von der Partie. Seitens der Gaia-X-Foundation heißt es, aus wettbewerbsrechtlichen Gründen dürfe niemand ausgeschlossen werden. Francesco Bonfiglio, Geschäftsführer der Stiftung, spricht von einer Umarmungsstrategie und erklärte noch im Dezember gegenüber der Zeitschrift Wirtschaftswoche: „Wer glaubt, dass Gaia-X Nicht-Europäer ausschließen dürfte, hat keine Ahnung von der Welt der Daten.“
Regelwerk flexibilisiert
Diese Welt der Daten ist nämlich, was deren Aufbewahrung und Verarbeitung anbelangt, längst aufgeteilt. Die so genannten Hyperscaler bieten seit Jahren funktionierende und wettbewerbsfähige Cloud-Services an. Der Markt wird angeführt von Amazon mit 30 Prozent, gefolgt von Microsoft (15 Prozent), Google und IBM (jeweils 8 Prozent). Und Treuhänder-Modelle, die eine Datenaufbewahrung auf europäischem Territorium nach den Datenschutzstandards der EU vorsehen, sind ebenfalls nicht ganz unbekannt.
Ohnehin ist das Regelwerk von Gaia-X dahingehend flexibilisiert worden, dass nun drei Compliance-Stufen existieren, über die eine Konformitätsbewertungsstelle wacht und alle Angebote und Anbieter überprüft und zertifiziert. Alles ist möglich: Datenhaltung irgendwo (Level 1), Datenhaltung in Europa (Level 2) oder noch stärkere Anforderungen gegenüber Zugriffsrechten aus Drittstaaten. Dieser Level 3 schließt theoretisch eine Beteiligung nicht-europäischer Anbieter aus. Doch ist noch ungeklärt, ob Partnermodelle, wie sie jüngst beim Zusammenschluss der Unternehmen SAP und Arvato Systems mit der Microsoft-Azure-Technologie verkündet wurden, nicht doch der Compliance von Gaia-X entsprechen können.
Für den Bitkom ist diese Offenheit so erforderlich wie wünschenswert: Hierdurch erst würden verschiedenste Anwendungsszenarien für die Cloud möglich. Ohnehin lässt für den Digitalverband die Einsicht in die strategische Bedeutung und wirtschaftliche Tragweite von Cloud-Technologien hierzulande noch zu wünschen übrig. „Es ist gut, dass die Politik die zentrale Rolle von Cloud-Technologien für die digitale Transformation erkannt hat und Cloud-Anbieter und Cloud-Angebote in Europa stärken will“, sagt Lukas Klingholz, Leiter Cloud und Künstliche Intelligenz beim Bitkom. „Anwender und Nutzer von Clouds aus Wirtschaft und öffentlichem Sektor benötigen die volle Bandbreite an vertrauenswürdigen, sicheren und leistungsfähigen Angeboten. Es ist genau in unserem Sinne, wenn Anwender je nach Szenario frei wählen können, weil das sowohl Souveränität als auch Freiheit schafft.“
Geringe Rolle des öffentlichen Sektors
Der öffentliche Sektor – vertreten etwa durch die Städte Hamburg, Leipzig und Düsseldorf und IT-Dienstleister wie AKDB, DVZ und Dataport – spielt in dem Konsortium eine eher geringe Rolle. Gleichwohl hält man die öffentliche Mitarbeit an der operativen Ausrichtung von Gaia-X für entscheidend und setzt darauf, eine relevante Stimme für die Einhaltung der digitalen Souveränität zu sein. „Der öffentliche Sektor macht durch seine Beteiligung an Gaia-X die besonderen Herausforderungen durch rechtliche Rahmenbedingungen, den Anspruch an IT-Sicherheit und Datenschutz bei der Verwendung von Daten deutlich“, sagt Johann Bizer, Vorstand von Dataport. „Das ist von zentraler Bedeutung, weil nur auf die Art auch Akteure aus Industrie und Wissenschaft die Daten aus dem öffentlichen Sektor werden verwenden können.“
Dataport ist mit drei Use Cases bei Gaia-X vertreten. Zum einen nimmt der Dienstleister am vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Projekt Possible teil, bei dem eine komplette Büro- und Kommunikationsumgebung für die Cloud geschaffen wird. Bei Dataport AI entstehen KI-Anwendungen, um die Datennutzung der öffentlichen Verwaltung voranzutreiben. „Wir trainieren mit Verwaltungsdaten bestimmte KI-Anwendungen, etwa Sprach- und Texterkennung. Diese Trainingsmodelle könnten wir über Gaia-X anbieten. Personengebundene Daten würden dabei gar nicht herausgegeben. Aber das Modell, das wir trainiert haben, könnte auch von anderen genutzt werden“, sagt Tina Siegfried, die bei Gaia-X den öffentlichen Sektor vertritt. Und auch beim Projekt Merlot steht künstliche Intelligenz im Vordergrund, allerdings bezogen auf den Bildungsbereich und die Schul-Cloud.
Die meisten Use Cases, die derzeit entstehen, finden indes im Bereich Industrie 4.0, Energie, Finanzwesen, in der Baubranche und dem Gesundheitswesen statt. Die beteiligten Akteure haben ein entsprechendes Eigeninteresse an den zu schaffenden Diensten und Strukturen. Seitens der Gaia-X-Foundation ist unlängst der Startschuss für die Implementierung gefallen, als erste Federation Services beispielsweise für die Identifizierung in Datenräumen verabschiedet wurden.
Souveränität als Verkaufsargument?
Doch wie sieht es unter den Teilnehmern und Anwendern mit ihrer Bereitschaft aus, für souveräne Services gegebenenfalls auch mehr zu bezahlen? Eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums stellt die hohe Bedeutung einer Verbesserung der digitalen Souveränität für die deutsche Wirtschaft fest. Beim Bitkom ist eine Studie zur souveränen Cloud in Planung. Der Verband geht allerdings davon aus, dass Souveränität insbesondere für regulierte Industrien eine große Rolle spielt – damit ist unter anderem der öffentliche Sektor gemeint.
Dieser Beitrag ist in der Ausgabe April 2022 von Kommune21 erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren.
Schleswig-Holstein: Konsequent digital
[28.01.2026] Von Anlagengenehmigung bis zum Wohngeld: Schleswig-Holstein setzt den Roll-out von Onlinediensten und die Digitalisierung der Verwaltung weiter konsequent um. Ein landeseigenes Digitalisierungs-Dashboard soll die Fortschritte künftig visualisieren. mehr...
OZG-Leistungen: Schub für die digitale Verwaltung
[26.01.2026] Der Bund sowie Bayern und Hessen als Pilotländer erproben einen neuen Weg, um digitale Verwaltungsdienste überall anbieten zu können. Dabei finanziert der Bund Roll-in-Teams für die Kommunen, während sich die Länder verpflichten, bis Ende 2026 fünf Online-Dienste landesweit einzuführen. Das Verfahren soll auf andere Länder übertragen werden. mehr...
Deutscher Städtetag: Lüneburgs OB ist neue Vizepräsidentin
[26.01.2026] Lüneburgs Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch ist die neue Vizepräsidentin des Deutschen Städtetages. Sie folgt auf Katja Dörner, die im Herbst 2025 nicht erneut zur Oberbürgermeisterin gewählt wurde und somit auch aus dem Präsidium des DST ausgeschieden ist. mehr...
Potsdam: Neuer Digitalisierungsrat
[19.01.2026] In Potsdam hat sich der zweite Digitalisierungsrat der Stadt konstituiert. Er soll in den kommenden drei Jahren den digitalen Wandel der brandenburgischen Landeshauptstadt begleiten und bringt dafür Expertise aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ein. mehr...
Saarland: Dritte Auflage des E-Government-Pakts
[08.01.2026] Das Saarland und die Kommunen haben die dritte Auflage ihres E-Government-Pakts unterzeichnet. Das Land wird demnach die Kommunen bei der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) und beim Ausbau digitaler Angebote unterstützen. Ein gemeinsames IT-Steuerungsgremium wird die vereinbarten Maßnahmen begleiten. mehr...
GovTech Kommunal: Kommunen digital handlungsfähig machen
[18.12.2025] Die Initiative GovTech Deutschland hat ihr Angebot um den Verein GovTech Kommunal erweitert. Es soll damit eine bundesweite Einheit geschaffen werden, welche die kommunale Digitalisierung systematisch bündelt und konsequent an den Bedarfen der Städte, Gemeinden und Landkreise ausrichtet. Die Mitgliedschaft steht mit gestaffeltem Beitragsmodell allen Kommunen offen. mehr...
Hanau: Stadtweite IT neu ausgerichtet
[18.12.2025] Hanau hat sich das Ziel gesteckt, bis 2030 die Digitalisierung der gesamten „Unternehmung Stadt“ abzuschließen. Dazu werden Entscheidungs-, Verantwortungs- und Budgetstrukturen künftig an einer Stelle gebündelt, zudem soll die Stelle des CDO geschaffen werden. mehr...
Deutscher Landkreistag: Kommunen in Modernisierungsagenda einbinden
[11.12.2025] Die von Bund und Ländern vereinbarte föderale Modernisierungsagenda bewertet der Deutsche Landkreistag (DLT) als positiv. Damit Bürger, Unternehmen und Kommunen jedoch tatsächlich entlastet werden, ist ein enger Schulterschluss mit Landkreisen, Städten und Gemeinden bei der Umsetzung erforderlich. mehr...
Sachsen-Anhalt: Zentrale Serviceagentur für Kommunen
[08.12.2025] Eine Machbarkeitsstudie aus Sachsen-Anhalt zeigt, dass eine zentrale Serviceagentur für Kommunen Verwaltungsabläufe beschleunigen und verbessern kann. Digitalministerin Lydia Hüskens kündigte an, dass ab 2026 sukzessive eine Unterstützungseinheit für Kommunen umgesetzt werden soll. mehr...
IT-Planungsrat: Kommunalbeirat NOOTS
[08.12.2025] Das Kommunalgremium des IT-Planungsrats übernimmt im Zuge der Neuaufstellung des Nationalen Once-Only-Technical-Systems (NOOTS) zusätzlich die Rolle des Kommunalbeirats NOOTS. Es hat dabei keine Entscheidungsbefugnis, sondern erfüllt eine Resonanz- und Feedbackfunktion. mehr...
4. Digitalministerkonferenz: Bessere Zusammenarbeit aller Ebenen
[27.11.2025] Bei der 4. Digitalministerkonferenz in Berlin setzte Niedersachsens Digitalministerin Daniela Behrens den Schwerpunkt auf föderale Zusammenarbeit: Sie forderte eine engere, effektivere Zusammenarbeit aller föderaler Ebenen und den Zugang zu Services des ITZBund auch für Länder und Kommunen. mehr...
Oldenburg: Mit neuem Amt in die digitale Zukunft
[27.11.2025] Alle Aufgaben rund um digitale Verwaltungsprozesse und die IT-Infrastruktur bündelt die Stadt Oldenburg ab Anfang kommenden Jahres in einem eigenen Amt für digitale Transformation. Das soll Abstimmungsaufwände reduzieren, Prozesse beschleunigen und dauerhaft zu innovativen, bürgernahen Angeboten beitragen. mehr...
Föderale Modernisierungsagenda: Jetzt muss gehandelt werden
[27.11.2025] Der Nationale Normenkontrollrat mahnt die in der Föderalen Modernisierungsagenda vorgesehene bessere Aufgabenbündelung mit Nachdruck an. Die Ministerien müssten dieses Projekt konsequent weiterverfolgen, um Effizienz und Entlastung der Kommunen zu sichern. mehr...
Vitako: 20 Jahre Austausch und Innovation
[11.11.2025] Seit zwei Jahrzehnten vertritt Vitako die Interessen der kommunalen IT-Dienstleister. Bei der Jubiläumsfeier würdigte Digitalminister Karsten Wildberger in klaren Worten die Rolle der Kommunen als Ausgangspunkt digitaler Verwaltung und rief zu enger Zusammenarbeit mit Bund und Ländern auf. mehr...
Hamburg: Annika Busse ist die neue CIO
[11.11.2025] Annika Busse ist die neue CIO der Freien und Hansestadt Hamburg. Die bisherige stellvertretende Hamburg-CIO hat zum 1. November die Nachfolge von Jörn Riedel angetreten, der nach langjährigem Wirken in den Ruhestand verabschiedet wurde. mehr...























