Samstag, 16. Mai 2026

Databund-ForumMehr Wettbewerb und Kooperation

[09.06.2021] Die mittelständische IT-Wirtschaft fühlt sich beim Onlinezugangsgesetz systematisch übergegangen. Auf dem Databund-Forum 2021 sprachen sich aber nicht nur Verbandsmitglieder gegen die Ausbremsung von Wettbewerb bei digitalen Lösungen für die Verwaltung aus.

Fünf Jahre Umsetzungszeit für die gesetzlichen Vorgaben des Onlinezugangsgesetzes (OZG). Ein Steuerungsgremium, bei dem eine komplette föderale Ebene, die Kommunen, übergangen wird. Ein App-Store, der allein Eigenlösungen des öffentlichen Sektors vorsieht, entwickelt und Vorhandenes teils neu „erfindet“. Und dies alles versehen mit dem euphemistischen Solidar-Slogan „Einer für Alle“ (EfA). Es darf nicht erstaunen, dass das Wort von der Planwirtschaft die Runde macht und nicht überall auf Gefallen stößt. Vor allem die mittelständische IT-Wirtschaft sieht sich ausgebremst und vermisst den Wettbewerb. „Das Geschäft ist immer politischer geworden, aber die Politik hat sich von der gelebten Praxis entfernt“, sagt Stefan Hauber, Geschäftsführer der HSH Soft- und Hardware Vertriebs GmbH, auf dem diesjährigen Forum des Databundes, dessen Vorsitzender er ist.

Nicht ganz im Sinne der OZG-Erfinder

Was ist passiert? Der IT-Mittelstand, welcher seit Jahrzehnten Software-Lösungen für den öffentlichen Sektor entwickelt, fühlt sich seit dem IT-Planungsratsbekenntnis zum EfA-Prinzip übergangen und ist mit der Verteilung der Gelder aus dem Konjunkturpaket nicht einverstanden. Drei Milliarden Euro stehen bekanntlich zur Verfügung (wir berichteten). Allein dieses Jahr fließen 1,4 Milliarden in die eilige OZG-Umsetzung, die Bund und Länder mit dem Kuchenmesser untereinander aufgeteilt haben. Den Wettbewerb um gute Lösungen mittels Ausschreibungen hat man zugunsten einer Inhouse-Vergabekonstruktion liquidiert, so der zentrale Vorwurf, der auf dem Databund-Forum laut wurde. „Jetzt werden Lösungen, die es schon gibt, mit völlig überzogenen Budgets nachgebaut“, sagt Stephan Hauber.
Aus der Perspektive des Bundes und der Bundesregierung sieht das freilich anders aus. Dort gilt das EfA-Prinzip als „Instrument, um schneller voranzukommen“, als „neuer Weg“ und „neues Miteinander“, erklärte Digitalministerin Dorothee Bär, die, anstatt auf dem Databund-Forum zu erscheinen, es vorzog, eine Videobotschaft aus dem Kanzleramt zu entsenden. Auch Bundes-CIO Markus Richters Beitrag war vorab aufgezeichnet worden. Richter stellt klar, dass es besser sei, wenn Änderungen „an einer zentralen Stelle erfolgen und nicht in 11.000 Kommunen“. Neben der flächendeckenden Verfügbarkeit sei allerdings auch die Ende-zu-Ende-Digitalisierung die eigentliche Herausforderung. Von den 315 „fertigen“ Leistungen, die Richter wiederholt ins Feld führte, liegen indes die allermeisten nur in einzelnen Verwaltungen vor, das heißt sie sind noch nicht ausgerollt und weisen zudem lediglich Reifegrad 2 vor: können also nur digital beantragt werden. Etwaige Nachweise müssen dann als PDF hochgeladen oder der Verwaltung zugeschickt werden, die Bearbeitung erfolgt händisch und der Bescheid wird ebenfalls per Post verschickt. Nicht ganz im Sinne der OZG-Erfinder.

Digitalpolitiker skeptisch

Hierin nun einen Durchbruch zu erkennen, fiel auch den Digitalpolitikern schwer, die auf dem Databund-Forum zu einer Podiumsdiskussion zusammenkamen. Anke Domscheit-Berg (Die Linke) sprach sich für eine Veränderung der Ausschreibungsrichtlinien und für eine 20-prozentige Vergabequote an den Mittelstand aus. Noch vor dem OZG müsse eine vernünftige Infrastruktur auch auf dem Lande angeboten werden, damit der Mittelstand an der Digitalisierung teilnehmen kann. Manuel Höferlin (FDP) zeichnete ein skeptisches Bild der IT-Konsolidierung und des IT-Managements: „Alle IT-Projekte verlaufen schleppend.“ Höferlin forderte einen Digitalpakt Verwaltung mit einer „fairen Plattform“, wo öffentliche und privatwirtschaftliche Lösungen angeboten werden sollen. Elvan Korkmaz (SPD) stimmte diesem Gedanken zu und war überzeugt, dass „die kommunalen IT-Dienstleister und der Mittelstand Garanten für die digitale Souveränität“ seien. Auch Anna Christmann (Die Grünen) sprach sich für eine „Kooperationskultur“ aus und forderte mehr Akteure aus der Praxis und mehr Expertise aus der Verwaltung ein.
Den Grund für das verschleppte Vorankommen erkannte Thomas Heilmann (CDU) im Föderalismus. Das dezentrale System in Deutschland sei lange Zeit erfolgreich gewesen, bei der Digitalisierung allerdings hinderlich. Der IT-Planungsrat fasse viel zu langsam Beschlüsse, die dann von den Ländern nicht oder zu unterschiedlich umgesetzt würden. „Es muss eine Institution geben, die die technischen Standards festlegt. Dadurch geht nicht der Föderalismus verloren“, glaubt Heilmann. Damit war die Diskussion für und wider ein Digitalministerium eröffnet, welches Zuständigkeiten bündeln soll, ein eigenes Budget vorweist und in der nächsten Legislatur umfassende Änderungen anstoßen könnte. Während sich alle anwesenden Digitalpolitiker mit dieser Idee anfreunden konnten, schlug Anna Christmann die Einrichtung einer „Technologie-Taskforce aus der Praxis zur professionellen Steuerung von IT-Projekten“ vor.

Bestellsituation etablieren

Beim Ausblick auf die „Kommunale IT nach dem Jahr 2023“ klangen erneut die Dresdner Forderungen an (wir berichteten), die sich für einen neuen Zuschnitt der Zuständigkeiten in der kommunalen IT aussprechen. Ernst Bürger, Abteilungsleiter für Digitale Verwaltung und Steuerung OZG im Bundesinnenministerium, sagte: „Ich würde mir wünschen, dass Kommunen ab 2023 mehr Zeit für ortsnahe Tätigkeiten haben.“ Regelbasierte Prozesse, Automatisierung und Dunkelverarbeitung würden künftig Behörden entlasten, die durch den FIT-Store in eine „Bestellsituation“ gelangen würden und nur die Leistungen beziehen, die sie benötigen – und für die sie dann je nach Nutzung bezahlen müssen.
Marco Brunzel, Leitung Digitalisierung und E-Government in der Metropolregion Rhein-Neckar, skizzierte die Idee einer austarierten Plattform, an der auch die mittelständischen IT-Dienstleister teilhaben, indem sie den Plattformansatz konsequent mittragen und sich danach ausrichten. Dieser Kom-Store müsse in der Oberliga spielen, wozu auch öffentliche Dienstleister auf Landesebene nicht immer gehören würden. Insgesamt setzte sich bei der anschließenden Diskussion der Gedanke durch, dass Wettbewerb in der Regel zu besseren Lösungen führe und die zusätzlich notwendige Konsolidierung nicht allein marktgetrieben vonstatten gehen dürfe. Insbesondere eine kontrollierte Standardisierung, möglicherweise von einem neuen Normungsinstitut durchgesetzt, steht ganz oben auf der Agenda. Auf diesen gemeinsamen Nenner können sich alle Beteiligten immerhin einigen.

Helmut Merschmann




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik
Offizielles Porträt von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger

Ein Jahr BMDS: Gute Ansätze – zu wenig Verbindlichkeit

[07.05.2026] Ein Jahr nach dem Start des Digitalministeriums ziehen weitere Branchenverbände Bilanz. Die Open Source Business Alliance fordert mehr Verbindlichkeit bei Open Source und digitaler Souveränität, der BREKO verlässliche Rahmenbedingungen für den Glasfaserausbau. mehr...

Mitglieder des Digitalausschusses des DStGB

DStGB: Umsteuern zur rein digitalen Verwaltung

[30.04.2026] Wie digitale Lösungen, Automatisierung und Künstliche Intelligenz zur Modernisierung des Staates beitragen und so für die dringend nötige Entlastung der Kommunen sorgen können, diskutierte der Ausschuss für Digitalisierung des Deutschen Städte- und Gemeindebunds auf seiner Frühjahrstagung.
 mehr...

Vitako: Impulse für die Digitalisierung

[29.04.2026] Auf der Vitako-Mitgliederversammlung haben Deutschlands kommunale IT-Dienstleister zentrale Weichen für die Verwaltungsdigitalisierung gestellt. Im Fokus standen der Deutschland-Stack, die interföderale Marktentwicklung, das Zukunftsbild der kommunalen IT sowie Fragen der digitalen Souveränität.  mehr...

Bitkom: Schulen erhalten Smart-School-Siegel

[24.04.2026] Bundesbildungsministerin Karin Prien hat in Berlin Schulen für herausragende digitale Bildungskonzepte ausgezeichnet. Der Wettbewerb des Branchenverbands Bitkom zeigt, wie sich digitale Innovationen im Unterricht erfolgreich umsetzen lassen und künftig stärker verbreitet werden sollen. mehr...

Porträt von Heiko Geue

Mecklenburg-Vorpommern: Schub für die Registermodernisierung

[21.04.2026] Mecklenburg-Vorpommern hat bis zu 150 Millionen Euro für Registermodernisierung und Maßnahmen für mehr IT-Sicherheit freigegeben. Land und Kommunen betonen die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit bei der Verwaltungsdigitalisierung. mehr...

Deutschland hat früh digitale Ambitionen entwickelt.

IT-Planungsrat: Kommunen scheuen EfA-Kosten

[17.04.2026] Eine neue Studie des IT-Planungsrats zeigt, warum Online-Dienste von Bürgern zu wenig genutzt und von Kommunen kaum nachgenutzt werden. Sie schlägt eine föderale Antragsplattform mit kommunalen Marken, Ende-zu-Ende-Digitalisierung und einer Cloud-Infrastruktur vor. mehr...

Niedersachsen beschließt IT-Strategie  „Digitale Verwaltung 2025“.

BMDS/Niedersachsen: Fokusleistungen in alle Kommunen

[16.04.2026] Mit einem neuen Ansatz will das BMDS digitale Verwaltungsleistungen in die Fläche bringen. Kernstück ist die Beauftragung eines Generalunternehmers, der die Ende-zu-Ende-Verantwortung für den Roll-out in den Kommunen übernimmt. Nach Bayern und Hessen hat nun Niedersachsen eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet. mehr...

Porträt Jasmin Grünschläger
interview

Interview: Wir sitzen im gleichen Boot

[02.04.2026] Im Märkischen Kreis haben sich mehrere Kommunen zum Netzwerk Digitalisierung und E-Government zusammengeschlossen. Welchen Mehrwert der interkommunale Austausch bringt, beschreibt Jasmin Grünschläger, Digitalisierungsbeauftragte der Stadt Menden. mehr...

Digitalstrategie SH 2026

Schleswig-Holstein: Digitalstrategie 2026 vorgestellt

[19.03.2026] Schleswig-Holstein hat seine neue Digitalstrategie beschlossen. Erstmalig waren zentrale Partner aus Kommunen und Zivilgesellschaft systematisch in den Strategieprozess eingebunden, um einen breiten gesellschaftlichen Ansatz zu ermöglichen. mehr...

Vier lächelnde Männer in Anzügen sitzen nebeneinander an einem Holztisch, vor sich Dokumente, hinter sich drei drapierte Flaggen (EU; BRD, Baden-Württemberg)

Baden-Württemberg: Gemeinsam schneller digital

[18.03.2026] In Baden-Württemberg haben Land und Kommunen eine neue – die inzwischen dritte – E-Government-Vereinbarung unterzeichnet. Das Land will den Roll-out von Verwaltungsleistungen in den Kommunen mit weiteren zehn Millionen Euro finanzieren. mehr...

Porträtaufnahme von Milen Starke.

Thüringen: Land unterstützt Kommunen intensiv

[17.03.2026] Ein neuer Prüfbericht des Thüringer Rechnungshofs sieht beträchtliche Defizite bei der OZG-Umsetzung und der Digitalisierung der kommunalen Verwaltung. In einer Stellungnahme erläutert das Digitalministerium, wie das Land Kommunen unterstützt. mehr...

Spielwürfel mit aufgedruckten Pfeilen weisen den Weg hin zu einem Würfel mit grünem Häkchen.
bericht

Verwaltungsdigitalisierung: Lehren für die Zukunft ziehen

[12.03.2026] In 25 Jahren Verwaltungsdigitalisierung mangelte es nicht an ehrgeizigen Zielen. Diese wurden aber trotz der nötigen finanziellen Ressourcen häufig verfehlt. Aus den Erfahrungen der Vergangenheit können Lehren für aktuelle Projekte gezogen werden. mehr...

Luftbild von Meschede

Hochsauerlandkreis: Weichenstellung für die Zukunft

[11.03.2026] Im Hochsauerlandkreis will ein neuer Ausschuss für Digitalisierung und Verwaltungsmodernisierung für Zukunftsfähigkeit sorgen. In der Auftaktsitzung befassten sich die Ausschussmitglieder intensiv mit dem aktuellen Stand der Verwaltungsdigitalisierung und dem Ausbau der Breitband- und Mobilfunkinfrastruktur. mehr...

Porträtaufnahme von Nikolaus Reisel.
interview

Digitalisierung: Wiens sozialer Auftrag

[10.03.2026] Technologie soll Freiheit schaffen – nicht einengen, sagt Nikolaus Reisel. Kommune21 sprach mit dem Head of Platform der Stadt Wien über digitalen Humanismus, offene Standards und den Einsatz von KI in der Verwaltung der österreichischen Hauptstadt. mehr...

Blick von hinten auf eine männliche Figur im Anzug, die in einem Tunnel aus Papieren steht, am Ende des Tunnels ist Licht.

Hessen: Standardbefreiung online beantragen

[09.03.2026] Hessens Kommunen sollen die Möglichkeit haben, neue Wege der Aufgabenerfüllung zu erproben. Die so genannte Standardbefreiung erlaubt es kommunalen Körperschaften, von landesrechtlichen Regelungen abzuweichen, um Abläufe zu modernisieren und Bürokratie abzubauen. Dazu gibt es jetzt einen unkomplizierten Online-Antrag. mehr...