Sonntag, 6. September 2026

StudieBürgerbeteiligung ohne Hightech

[08.06.2026] Erstmals wurde bundesweit untersucht, wie Kommunen digitale Bürgerbeteiligung einsetzen. Die Erhebung zeigt, dass ostdeutsche Kommunen häufiger aktiv sind als westdeutsche. Gleichzeitig zeigt sich bundesweit: Digitale Bürgerbeteiligung in der Breite ist kein Hightech-Unterfangen.
Vektorillustration mit jungen Menschen in der Nähe eines großen Smartphones, die Feedback und Bewertungen für ein Produkt oder eine Dienstleistung abgeben.

Bürgerbeteiligung braucht technische Infrastruktur, aber nicht zwingend aufwendige Lösungen.

(Bildquelle: kikiabdurahman/123rf.com)

Wie steht es um digitale Beteiligung in Deutschland, vor allem in den Kommunen? Ein Forschungskonsortium – bestehend aus der Technischen Universität Dresden sowie den Universitäten Düsseldorf, Leipzig und Koblenz – geht dieser Frage nach und untersucht die „Erfolgsfaktoren lokaler E-Partizipation“. Gefördert wird das Projekt von Stiftung Mercator

Nun berichtet das Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT) über erste Ergebnisse. Demnach hat das Konsortium die erste bundesweite Erhebung vorgenommen, bei der alle deutschen Kommunen – rund 10.700 Gemeinden insgesamt – die Gelegenheit hatten, Angaben über digitale Bürgerbeteiligung vor Ort zu machen. Etwa 22 Prozent haben die Fragebögen ausgefüllt, was als gute Rücklaufquote betrachtet werden kann.

Mehr Beteiligung im Osten

Am Anfang der Untersuchung stand die Frage, welche Gemeinden überhaupt digitale Beteiligung anbieten. Erwartbar wäre, dass vor allem Größe und Steuerkraft entscheidend sind. Die Daten bestätigen zwar den Größenfaktor, zeigen aber zugleich einen auffälligen geografischen Befund: Ostdeutsche Kommunen bieten signifikant häufiger digitale Bürgerbeteiligung an als westdeutsche – obwohl ihre eigenwirtschaftliche Finanzbasis im Schnitt deutlich schwächer ist. Dieser „Osteffekt“ lässt sich nicht allein mit klassischen Strukturmerkmalen erklären. Er bleibt auch dann signifikant, wenn Einwohnerzahl, Steuerkraft, Breitbandverfügbarkeit, Bevölkerungsentwicklung und weitere Standortfaktoren berücksichtigt werden.

Zentrale Portale als Faktor

Besonders stark zeigt sich der Effekt bei Klein- und Mittelstädten, während die Unterschiede bei Großstädten und sehr kleinen Gemeinden geringer ausfallen. Auch die interne Organisation liefert bislang keine schlüssige Erklärung. Kommunen, die digitale Beteiligung anbieten, stemmen das Thema in Ost und West ähnlich: meist mit bestehendem Personal, aus laufenden Haushalten und häufig angestoßen durch die Verwaltungsspitze. Der entscheidende Unterschied liegt offenbar eine Ebene höher. Rund 31 Prozent der ostdeutschen Kommunen in der Stichprobe können auf ein zentrales Beteiligungsportal ihres Landes zurückgreifen, im Westen sind es nur zehn Prozent. Gerade für kleinere Verwaltungen könnte diese Infrastruktur den Einstieg erheblich erleichtern.

Pragmatismus schlägt Hightech

Beim Blick auf die technologische Umsetzung – im gesamten Bundesgebiet – zeigt sich, was insbesondere im Osten den Erfolg erst ermöglicht: Beteiligung funktioniert auch ohne kostspielige Spezialsoftware. So setzen knapp zwei Drittel (64 Prozent) der aktiven Gemeinden auf ein Kontaktformular, 24 Prozent planen die Einführung. Auch Umfragetools (44 Prozent) sowie alltägliche Werkzeuge wie Social-Media-Kanäle und Videokonferenzen bilden das Rückgrat kommunaler Beteiligung. Knapp die Hälfte (47 Prozent) nutzt auch umfangreichere Online-Portale und ein Drittel (32 Prozent) kartenbasierte Tools. Anspruchsvolle Lösungen wie Digitale Zwillinge, Interaktive Stelen oder Augmented Reality/Virtual Reality (AR/VR) spielen laut der Studie in der heutigen Praxis eine geringe Rolle, auch wenn jede fünfte Gemeinde (21 Prozent) den Einsatz Digitaler Zwillinge für die Zukunft plant.

KI bleibt vorerst Zukunftsthema

Künstliche Intelligenz wird aktuell nur in neun Prozent der Kommunen für Beteiligungsangebote genutzt, auch wenn fast ein Drittel (29 Prozent) KI in Zukunft einsetzen will – allerdings primär, um den Verwaltungsalltag zu bewältigen und Ressourcen zu schonen und erst dann, um beispielsweise den Aufwand der Auswertung zu minimieren, etwa bei der grafischen Ergebnisdarstellung oder der Zusammenfassung von Bürgerbeiträgen. Der geplante KI-Einsatz verweist auf neue Anforderungen: Wenn Algorithmen Bürgerbeiträge auswerten, filtern oder moderieren, berührt das nicht nur Effizienzfragen, sondern auch demokratische Prozesse. Diese Entwicklung kritisch und konstruktiv zu begleiten, werde eine der zentralen Aufgaben der künftigen Partizipationsforschung sein, so das ÖFIT.



Stichwörter: E-Partizipation, ÖFIT, Studie


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