Donnerstag, 30. Juli 2026

Serie Smart Cities, Teil 4Bürger als Gestalter

[30.07.2026] Aus zahlreichen Praxisprojekten hat das Fraunhofer-Institut IESE zentrale Erkenntnisse gewonnen, wie eine gute Bürgerbeteiligung gestaltet sein sollte. Ein Erfolgsfaktor: Digitale Angebote sollten mit Vor-Ort-Formaten kombiniert werden.
Menschen blicken auf einen Tisch mit Notizzetteln

Beteiligung digital und analog zu denken, führt zum Erfolg.

(Bildquelle: Fraunhofer IESE)

Bürgerbeteiligung ist ein Kern demokratischer Kommunalentwicklung. Doch klassische Formate erreichen oft nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Digitale Werkzeuge eröffnen neue Möglichkeiten, andere Zielgruppen anzusprechen: etwa jüngere Menschen, Berufstätige oder Personen mit eingeschränkter Mobilität. Sie erlauben eine höhere Varianz der Beteiligung, unterschiedliche Beteiligungstiefen sowie eine zeit- und ortsunabhängige Mitwirkung rund um die Uhr. Digitale Beteiligung ersetzt die analoge Beteiligung aber nicht, sie erweitert sie. Erst im Zusammenspiel beider Formate kann breite, inklusive und zeitgemäße Bürgerbeteiligung gelingen.

Voraussetzung für Teilhabe ist, dass Angebote erreichbar sind. Barrierefreie Websites, leicht verständliche Informationen, analoge Alternativen sowie öffentliche Zugänge, etwa in Bibliotheken oder Bürgerbüros, ermöglichen eine breite Nutzung. Beteiligung gelingt zudem nur dann, wenn Menschen sich befähigt fühlen. Breit aufgestellte Unterstützungsangebote wie Workshops oder persönliche Ansprechpersonen sind daher zentral. Je mehr diese in bestehende Strukturen, zum Beispiel im Ehrenamt, eingebettet sind, desto wirksamer sind sie. Nicht zuletzt bedeutet echte Teilhabe Einfluss. Die Bürgerinnen und Bürger sollen nicht nur informiert, sondern aktiv an der Entwicklung von Lösungen beteiligt sein: durch Ideeneinbringung, Diskussionen und gemeinsame Entscheidungsprozesse.

Was es für digitale Partizipation braucht

Das Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE hat in zahlreichen Projekten umfangreiche Praxiserfahrungen gesammelt und seine fachliche Expertise in der Bürgerbeteiligung eingebracht. Daraus lassen sich zentrale Erkenntnisse zur digitalen Partizipation ableiten. So braucht es dafür in der Verwaltung eine offene Kultur, damit vielfältige Perspektiven einfließen können. Richtig umgesetzt führt digitale Beteiligung zu besseren Entscheidungen, höherer Akzeptanz und frühzeitigem Erkennen von Konfliktpotenzialen.

Gleichzeitig ist digitale Beteiligung mit zusätzlichem organisatorischem Aufwand verbunden: Prozesse müssen angepasst, Zuständigkeiten klar definiert und Mitarbeitende entsprechend qualifiziert werden. Entscheidend ist zudem, dass die Kommune Beteiligung inhaltlich verbindlich gestaltet. Für die Bürger muss transparent sein, welche Mitwirkungsspielräume tatsächlich bestehen und ob die Beteiligung konsultativ oder mitentscheidend angelegt ist. Zentrale Erfolgsfaktoren für digitale Beteiligung sind daher klare Verantwortlichkeiten, realistisch abgegrenzte Beteiligungsrahmen, praxisnahe Qualifizierungsangebote sowie die dauerhafte Verankerung digitaler Beteiligung in den Fachbereichen.

Wirksam wird digitale Beteiligung, wenn sie mit Vor-Ort-Formaten kombiniert und zielgruppengerecht kommuniziert wird. Das gelingt durch eine gezielte Ansprache verschiedener Gruppen über passende Kanäle, durch Kooperationen mit lokalen Akteuren und durch niedrigschwellige Angebote wie kartenbasierte Rückmeldungen oder kurze Online-Umfragen. Entscheidend für Motivation und Vertrauen sind alltagsnahe Themen sowie sichtbare Ergebnisse: transparente Rückmeldeschleifen, die nachvollziehbar machen, wie digitale Beiträge im Gesamtprozess und in Entscheidungen einfließen.

Was sich in der Praxis bewährt hat

Zu den digitalen Beteiligungsplattformen, mobilen Anwendungen und Methoden, die sich in der Praxis bereits bewährt haben, zählt zum Beispiel die Plattform Consul (wir berichteten). Über diese kann die Bürgerschaft Ideen einbringen, an Diskussionen teilnehmen und Feedback zu lokalen Projekten geben. Das fördert nicht nur die Transparenz und das Vertrauen in die Politik, sondern stärkt auch das Demokratieverständnis und ermöglicht es der Bevölkerung, ihre Bedarfe und Interessen einzubringen. Über das digitale Partizipationssystem DIPAS (wir berichteten) können die Bürger an städtischen Planungsverfahren beteiligt werden – datenschutzkonform, geobasiert und medienbruchfrei. Über digitale Karten, Luftbilder und 3D-Modelle können sie ein genau lokalisiertes Feedback zu verschiedenen Projekten mit Raumbezug geben, beispielsweise städtebauliche Planungen, Verkehrskonzepte oder Klima­strategien. So wird eine informierte Diskussion zwischen Fachleuten und Laien erleichtert.

Auch über verschiedene City-Apps können Hinweise aus der Bevölkerung gesammelt werden und fließen in Verwaltungsprozesse ein. Living Labs wiederum sind praxisnahe Innovationsansätze, bei denen neue Ideen, Technologien oder Dienstleistungen gemeinsam mit den Nutzenden unter realen Bedingungen entwickelt und getestet werden. Im Mittelpunkt steht die enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren. Digitale Bürgerräte schließlich sind ein Instru­ment der demokratischen Beteiligung, bei dem zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger – repräsentativ für die Bevölkerung – online zusammenkommen, um politische oder gesellschaftliche Themen zu diskutieren und Empfehlungen zu erarbeiten.

Hybride Formate und integrierte Plattformen

Digitale Teilhabe ist kein Selbstzweck, sondern ein zentrales Werkzeug, um Bürgerbeteiligung wirksamer und inklusiver zu gestalten. Die Projekterfahrungen des Fraunhofer IESE zeigen, dass insbesondere hy­bride Beteiligungsformate neue Zielgruppen erreichen und Beteiligungsprozesse qualitativ stärken.

Aus Sicht des Fraunhofer IESE wird sich Bürgerbeteiligung technologisch weiter in Richtung integrierter Plattformen, modularer Beteiligungswerkzeuge und intelligenter Auswertung entwickeln. Digitale Lösungen werden stärker in bestehende Verwaltungsprozesse eingebettet und unterstützen Kommunen dabei, Rückmeldungen strukturiert, transparent und nachvollziehbar aufzubereiten. Perspektivisch gewinnen datengetriebene Ansätze – etwa zur Auswertung großer Beteiligungsrückläufe oder zur Unterstützung der Moderation – ebenso an Bedeutung wie Anforderungen an Barrierefreiheit, Datenschutz und Interoperabilität. Das Fraunhofer IESE begleitet Kommunen auf diesem Weg mit methodischer, technologischer und wissenschaftlicher Expertise, um Beteiligung zukunftsfähig, skalierbar und praxisnah zu gestalten.

Fabienne Hammer ist Projektmanagerin, Martin Kohl ist Smart City Engineer in der Abteilung Smart City Design am Fraunhofer-Institut IESE.




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: E-Partizipation
Magdeburg_VR_Bürgerbeteiligung_Personen im Elbedome
bericht

Magdeburg: Beteiligung mit VR

[28.07.2026] Wie lassen sich komplexe städtebauliche Planungen anschaulich vermitteln und die Bürgerbeteiligung stärken? Ein Forschungsprojekt zeigt am Beispiel der Großen Münzstraße in Magdeburg, wie Virtual Reality neue Wege in der Bauleitplanung eröffnen kann. mehr...

Darstellung des Bürgertipps-Portals "Sag's Achim" auf einem Monitor, einem Tablet und einem Smartphone

Achim: Portal für Bürgertipps

[27.07.2026] Die Stadt Achim ist die erste Kommune im Kreis Verden, die auf das moderne Bürgertipps-Portal von Anbieter NOLIS setzt. Sag’s Achim lässt sich über Smartphone, Tablet und PC gleichermaßen einfach nutzen und löst die bisherige Online-Mängelmelder-Lösung ab. mehr...

Der Mainzer Oberbürgermeister Nino Haase zeigt auf ein iPad, das die neue Microsite Bürgerbeteiligung Mainz zeigt

Mainz: Microsite erleichtert das Mitgestalten

[14.07.2026] Die Bürgerbeteiligung der Stadt Mainz präsentiert sich mit einem rundum modernisierten Webauftritt. Die neue Microsite „Gemeinsam Mainz gestalten“ soll es den Bürgerinnen und Bürgern künftig noch einfacher machen, Mitwirkungsmöglichkeiten wahrzunehmen. mehr...

Weibliche Hand, die ein Smartphone auf einen Fliegenpilz im Wald richtet

Uslar/Katlenburg-Lindau: Digitale Beteiligungsplattform zur Artenvielfalt

[10.07.2026] Für den Naturschutz ist ein feinmaschiges Monitoring der Artenvielfalt zentral. Interessierte Bürgerinnen und Bürger vor Ort können aufgrund lokaler Gebietskenntnis und wiederholter Beobachtung wertvolle Hinweise liefern. Ein Forschungsprojekt in Niedersachsen nutzt dazu digitale Lösungen von wer denkt was. mehr...

Vektorillustration mit jungen Menschen in der Nähe eines großen Smartphones, die Feedback und Bewertungen für ein Produkt oder eine Dienstleistung abgeben.

Studie: Bürgerbeteiligung ohne Hightech

[08.06.2026] Erstmals wurde bundesweit untersucht, wie Kommunen digitale Bürgerbeteiligung einsetzen. Die Erhebung zeigt, dass ostdeutsche Kommunen häufiger aktiv sind als westdeutsche. Gleichzeitig zeigt sich bundesweit: Digitale Bürgerbeteiligung in der Breite ist kein Hightech-Unterfangen. mehr...

Elbphilharmonie spiegelt sich in einer Glaskugel mit dem Wort Hamburg

Hamburg: Aktionsplan für Nachhaltigkeit

[05.06.2026] Ihr Engagement für eine offene und transparente Verwaltung baut die Freie und Hansestadt Hamburg weiter aus und ist in die neue Programmphase von Open Government Partnership (OGP) Local gestartet. Im Fokus steht die gesamtstädtische Nachhaltigkeitsstrategie. mehr...

Marktplatz-mit-BeachFlag-2048x1538

wer denkt was: 15 Jahre Innovation und Dialog

[07.05.2026] Das Unternehmen wer denkt was feiert Jubiläum: Seit 15 Jahren begleitet die Firma Kommunen im ganzen Bundesgebiet bei der Umsetzung moderner Beteiligungsprozesse. mehr...

Stuttgart gelauncht Beteiligungsportal_frau schaut auf Tablet

Stuttgart: Relaunch fürs Beteiligungsportal

[04.05.2026] Ihr Beteiligungsportal hat die Stadt Stuttgart grundlegend modernisiert. Der Zugang wurde barrierearm und intuitiv gestaltet. Für mehr Verständlichkeit und effiziente Auswertungen setzt die Stadt auf KI. mehr...

Screenshot der Radspur-App im App-Store.

Kirchenlamitz: Radspur-App liefert Daten aus der Praxis

[20.03.2026] Mit welcher Frequenz Radwege genutzt werden und ob es auf den Strecken Verbesserungsbedarfe gibt, will die Stadt Kirchenlamitz mithilfe einer App herausfinden. Ist die Anwendung auf dem Smartphone installiert und aktiviert, kann sie anonymisiert GPS- und Erschütterungsdaten erfassen. Auch können die Nutzerinnen und Nutzer über die App auf Gefahrenstellen oder Hindernisse hinweisen. mehr...

Die drei Stadtoberhäupter stehen zum Foto versammelt, OB Hetjes hält einen Laptop in den Händen auf dessen Bildschirm das Beteiligungsportal Seid Dabei eingeblendet ist.

Bad Homburg v. d. Höhe / Friedrichsdorf / Wehrheim: Gemeinsame Beteiligungsplattform

[19.03.2026] Mit Seid Dabei haben Bad Homburg v. d. Höhe, Friedrichsdorf und Wehrheim eine gemeinsame Beteiligungsplattform gestartet, auf der jede Kommune zwar einen eigenen Bereich verwaltet, die technische Infrastruktur aber mit den anderen teilt. mehr...

Mehrere Personen stehen nebeneinander, im Hintergrund sind Aussteller des eGo-Saar und von Gerda BürKI zu sehen.
bericht

Gersheim: Mehr Service mit Gerda

[27.02.2026] Die Gemeinde Gersheim hat gemeinsam mit dem Zweckverband eGo-Saar einen KI-Chatbot pilotiert, der die Verwaltung entlastet und den Bürgerservice verbessert. Der Prototyp kann künftig in allen saarländischen Kommunen eingesetzt werden. mehr...

Mehrere Personen stehen um einen Maptable versammelt und bearbeiten eine Stadtkarte.
bericht

E-Partizipation: Möglichkeiten und Grenzen

[26.02.2026] Analoge Beteiligungsformate sprechen nur eine begrenzte Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern an. Fügen Kommunen digitale Partizipationsangebote planvoll hinzu, erreichen sie mehr Zielgruppen. Wichtig ist die intelligente Kombination der beiden Ansätze. mehr...

ein Laptop auf dessen Display die Website zur Beteiligungsplattform der Stadt Darmstadt aufgerufen ist

Darmstadt: Digitalstrategie mitgestalten

[25.02.2026] Mit einer neuen Digitalstrategie will die Stadt Darmstadt wichtige Weichen für die Zukunft ihrer digitalen Verwaltung und Services stellen. In die finale Fassung sollen auch Anregungen aus der Bürgerschaft einfließen. mehr...

Blau-Grün-Weißes Logo von Beteiligung NRW mit verschiedenen farbigen Quadraten und kommunikationsbezogenen Icons (Stift, Monitor, Sprechblase usw.)

Nordrhein-Westfalen: Viel Zuspruch für Beteiligung NRW

[24.02.2026] Vier Jahre nach dem Start hat sich die digitale Plattform Beteiligung NRW etabliert: Mehr als 264 Kommunen und Behörden nutzen das vom Land finanzierte Portal, über das bislang rund 23.000 Verfahren abgewickelt und etwa 26 Millionen Seitenaufrufe verzeichnet wurden. mehr...