Montag, 1. Juni 2026

InterviewBrücken bauen

[31.10.2019] Im Interview mit Kommune21 erläutert Burkhard Jung, Präsident des Deutschen Städtetags und Stadtoberhaupt von Leizpig, wie die OZG-Umsetzung und der Weg zur Smart City gelingen können und was er sich für seine Amtszeit vorgenommen hat.
Burkhard Jung

Burkhard Jung, Präsident des Deutschen Städtetags und OB von Leipzig

(Bildquelle: Michael Bader)

Herr Jung, Sie sind seit Juni neuer Präsident des Deutschen Städtetags (wir berichteten) – der erste aus einer ostdeutschen Stadt. Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Amtszeit gesetzt?

Der Deutsche Städtetag versteht sich selbst als die Stimme der Städte, egal ob diese im Osten, Westen, Norden oder Süden Deutschlands liegen. Diesem Selbstverständnis kann ich sehr viel abgewinnen. Aber natürlich bringe ich als Leipziger Oberbürgermeister auch ostdeutsche Perspektiven in die Diskussionen ein. Statt allerdings immer wieder nur über Ost-Befindlichkeiten und West-Befindlichkeiten zu debattieren, ist es mir sehr wichtig, gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen in den Städten die eine oder andere Brücke zwischen Ost und West zu bauen. Wichtige Themen bleiben natürlich auch Klimaschutz, bezahlbares Wohnen, gleichwertige Lebensverhältnisse, nachhaltige Mobilität und Digitalisierung.

Wie sollte Digitalisierung im Verhältnis zwischen Bürgern und Verwaltung ausgestaltet werden?

Die Städte haben den Anspruch, ihre Verwaltungen nutzerfreundlich, zeitgemäß und wirtschaftlich aufzustellen. Im Kern geht es um einen guten, modernen Service für die Menschen, möglichst unabhängig von klassischen Öffnungszeiten und ohne Fahrtwege. „Digital first“ ist der Leitgedanke. Der persönliche Kontakt zur Verwaltung muss aber natürlich weiterhin möglich bleiben.

Was müssen die Städte bei der Digitalisierung besser machen, um im internationalen Vergleich aufzuholen?

Verglichen mit Bund und Ländern sind die großen Städte seit Beginn der 1990er-Jahre Vorreiter bei digitalen Verwaltungsleistungen. Unbestritten sind aber auch weiterhin große Anstrengungen notwendig – sowohl aufseiten der Kommunen, als auch von Bund und Ländern. So müssen beispielsweise Verwaltungsprozesse komplett medienbruchfrei digital abgebildet werden können, so wie es das Onlinezugangsgesetz (OZG) vorgibt. Damit das gelingt, müssen wir die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft stärken und dort vorhandene Lösungen einbeziehen. Und wir müssen die Bürgerinnen und Bürger dafür begeistern, die digitalen Verwaltungsleistungen zu nutzen.

„Bis 2022 können wir die Chancen, die das OZG bietet nicht realisieren.“
Wie kommt die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes in den Städten voran? Wurde das Zeitfenster zu eng bemessen?

Hinter dem Onlinezugangsgesetz steckt ein föderales Großprojekt mit Bund, Ländern und Kommunen als Beteiligten. Erklärtes Ziel ist es, dass die Menschen über verbundene Portale ihre Verwaltungsangelegenheiten regeln, egal ob Bund, Land oder Kommune zuständig sind. Die Städte sind bei der Umsetzung des OZG treibende Kräfte, denn sie stehen im direkten Kontakt mit den Menschen vor Ort. Wie Bund und Länder auch wollen wir die Kundenzufriedenheit verbessern und Verwaltungsleistungen online anbieten. Das Zeitfenster wurde dafür jedoch viel zu eng bemessen. Bis 2022 können wir die Chancen, die das OZG bietet – nämlich ein besserer Service für die Menschen – nicht realisieren. Vorhandene Verwaltungslösungen müssen zunächst überarbeitet werden. Keinesfalls dürfen wir alte analoge Prozesse eins zu eins digitalisieren. Für zentrale Verwaltungsverfahren, zum Beispiel die Beantragung eines Personalausweises, brauchen wir zentrale Lösungen, denn nicht jede Stadt muss hier etwas Eigenes anbieten. Das alles kostet Zeit, ist aber auch sinnvoll. Sonst vertun wir die Chance, zu entbürokratisieren, einzusparen und die Bürgerinnen und Bürger zufriedener zu machen.

Wie kann der Deutsche Städtetag die Kommunen bei der Umsetzung des OZG unterstützen?

Bei der Umsetzung des OZG ist der Erfahrungsaustausch der Städte untereinander elementar. Wir unterstützen die Städte bei konkreten fachlichen Umsetzungsfragen und spezifischen technischen Lösungen und sorgen dafür, dass Mehrfacharbeiten möglichst vermieden werden. Neben dem Transfer konkret erzielter Ergebnisse geht es auch darum, dass sich die Städte bereits in einem frühen Planungsstadium zu ersten Überlegungen eng austauschen. Und wir unterstützen die Städte dabei, Positionen gegenüber Bund und Ländern zum Onlinezugangsgesetz zu bilden und vertreten sie in Gremien wie dem IT-Planungsrat.

Viele Städte machen sich auf den Weg zur Smart City. Was sehen Sie als größte Hindernisse?

Für die intelligente Vernetzung zu Smart Cities gibt es keine Blaupause. Dazu werden in den Städten gerade viele gute Projekte entwickelt und erprobt. Oftmals steht eine nachhaltige und klimaschonende Mobilität im Fokus, die Nutzung erneuerbarer Energien oder auch die lebenswertere Gestaltung öffentlicher Räume. Die Ziele, die sich die Städte im Zuge einer intelligenten Vernetzung geben, sind jedoch sehr unterschiedlich. Klar ist allerdings, dass die Stadt der Zukunft eine vernetzte sein wird, in der Kooperationen weiter an Bedeutung gewinnen und sich bestehende Routinen und Prozesse grundlegend verändern.

An welchen Vorbildern können sich die Städte hier orientieren?

Vorbildhaft sind die Städte, die mit ihren baulichen Beständen sorgsam umgehen, sie für die Zukunft ertüchtigen, Neues behutsam hinzufügen, Grün in die Stadt holen und gleichzeitig urbane Dichten – die Mischung von Wohnen, Gewerbe, Produktion, Bildung, Freizeit und Erholung auf engem Raum – ermöglichen und auf eine nachhaltige Mobilität setzen. Der entscheidende Faktor ist der Mensch. Sein Wohlergehen muss der Maßstab für unser Handeln bleiben bei allen denkbaren Veränderungen. Nicht alles, was technisch machbar ist, ist sinnvoll und erstrebenswert.

Interview: Alexandra Braun




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik

Niedersachsen: Im Maschinenraum der Verwaltungsdigitalisierung

[28.05.2026] Seit April unterstützt eine Taskforce niedersächsische Kommunen dabei, wichtige Verwaltungsleistungen online anzubinden. Die Beteiligten arbeiten eng zusammen, um technische, organisatorische und finanzielle Hürden für den Einsatz der Online-Dienste aus dem Weg zu räumen – mit Erfolg. mehr...

bericht

re:publica26: Vom Ankündigen zum Liefern

[21.05.2026] Auf der Digitalkonferenz re:publica26 zieht Bundesdigitalminister Karsten Wildberger eine Jahresbilanz und spricht sich resolut für mehr digitale Souveränität und Open Source aus. mehr...

Komm.ONE: Landesregierung strebt engere Zusammenarbeit an

[18.05.2026] Die neue Landesregierung in Baden-Württemberg will Landes-IT und kommunale IT künftig enger zusammenführen und ein gemeinsames Rechenzentrum aufbauen. Komm.ONE unterstützt die Pläne und sieht darin eine wichtige Grundlage für die weitere Digitalisierung der Verwaltung. mehr...

Offizielles Porträt von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger

Ein Jahr BMDS: Gute Ansätze – zu wenig Verbindlichkeit

[07.05.2026] Ein Jahr nach dem Start des Digitalministeriums ziehen weitere Branchenverbände Bilanz. Die Open Source Business Alliance fordert mehr Verbindlichkeit bei Open Source und digitaler Souveränität, der BREKO verlässliche Rahmenbedingungen für den Glasfaserausbau. mehr...

Mitglieder des Digitalausschusses des DStGB

DStGB: Umsteuern zur rein digitalen Verwaltung

[30.04.2026] Wie digitale Lösungen, Automatisierung und Künstliche Intelligenz zur Modernisierung des Staates beitragen und so für die dringend nötige Entlastung der Kommunen sorgen können, diskutierte der Ausschuss für Digitalisierung des Deutschen Städte- und Gemeindebunds auf seiner Frühjahrstagung.
 mehr...

Vitako: Impulse für die Digitalisierung

[29.04.2026] Auf der Vitako-Mitgliederversammlung haben Deutschlands kommunale IT-Dienstleister zentrale Weichen für die Verwaltungsdigitalisierung gestellt. Im Fokus standen der Deutschland-Stack, die interföderale Marktentwicklung, das Zukunftsbild der kommunalen IT sowie Fragen der digitalen Souveränität.  mehr...

Bitkom: Schulen erhalten Smart-School-Siegel

[24.04.2026] Bundesbildungsministerin Karin Prien hat in Berlin Schulen für herausragende digitale Bildungskonzepte ausgezeichnet. Der Wettbewerb des Branchenverbands Bitkom zeigt, wie sich digitale Innovationen im Unterricht erfolgreich umsetzen lassen und künftig stärker verbreitet werden sollen. mehr...

Porträt von Heiko Geue

Mecklenburg-Vorpommern: Schub für die Registermodernisierung

[21.04.2026] Mecklenburg-Vorpommern hat bis zu 150 Millionen Euro für Registermodernisierung und Maßnahmen für mehr IT-Sicherheit freigegeben. Land und Kommunen betonen die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit bei der Verwaltungsdigitalisierung. mehr...

Deutschland hat früh digitale Ambitionen entwickelt.

IT-Planungsrat: Kommunen scheuen EfA-Kosten

[17.04.2026] Eine neue Studie des IT-Planungsrats zeigt, warum Online-Dienste von Bürgern zu wenig genutzt und von Kommunen kaum nachgenutzt werden. Sie schlägt eine föderale Antragsplattform mit kommunalen Marken, Ende-zu-Ende-Digitalisierung und einer Cloud-Infrastruktur vor. mehr...

Niedersachsen beschließt IT-Strategie  „Digitale Verwaltung 2025“.

BMDS/Niedersachsen: Fokusleistungen in alle Kommunen

[16.04.2026] Mit einem neuen Ansatz will das BMDS digitale Verwaltungsleistungen in die Fläche bringen. Kernstück ist die Beauftragung eines Generalunternehmers, der die Ende-zu-Ende-Verantwortung für den Roll-out in den Kommunen übernimmt. Nach Bayern und Hessen hat nun Niedersachsen eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet. mehr...

Porträt Jasmin Grünschläger
interview

Interview: Wir sitzen im gleichen Boot

[02.04.2026] Im Märkischen Kreis haben sich mehrere Kommunen zum Netzwerk Digitalisierung und E-Government zusammengeschlossen. Welchen Mehrwert der interkommunale Austausch bringt, beschreibt Jasmin Grünschläger, Digitalisierungsbeauftragte der Stadt Menden. mehr...

Digitalstrategie SH 2026

Schleswig-Holstein: Digitalstrategie 2026 vorgestellt

[19.03.2026] Schleswig-Holstein hat seine neue Digitalstrategie beschlossen. Erstmalig waren zentrale Partner aus Kommunen und Zivilgesellschaft systematisch in den Strategieprozess eingebunden, um einen breiten gesellschaftlichen Ansatz zu ermöglichen. mehr...

Vier lächelnde Männer in Anzügen sitzen nebeneinander an einem Holztisch, vor sich Dokumente, hinter sich drei drapierte Flaggen (EU; BRD, Baden-Württemberg)

Baden-Württemberg: Gemeinsam schneller digital

[18.03.2026] In Baden-Württemberg haben Land und Kommunen eine neue – die inzwischen dritte – E-Government-Vereinbarung unterzeichnet. Das Land will den Roll-out von Verwaltungsleistungen in den Kommunen mit weiteren zehn Millionen Euro finanzieren. mehr...

Porträtaufnahme von Milen Starke.

Thüringen: Land unterstützt Kommunen intensiv

[17.03.2026] Ein neuer Prüfbericht des Thüringer Rechnungshofs sieht beträchtliche Defizite bei der OZG-Umsetzung und der Digitalisierung der kommunalen Verwaltung. In einer Stellungnahme erläutert das Digitalministerium, wie das Land Kommunen unterstützt. mehr...

Spielwürfel mit aufgedruckten Pfeilen weisen den Weg hin zu einem Würfel mit grünem Häkchen.
bericht

Verwaltungsdigitalisierung: Lehren für die Zukunft ziehen

[12.03.2026] In 25 Jahren Verwaltungsdigitalisierung mangelte es nicht an ehrgeizigen Zielen. Diese wurden aber trotz der nötigen finanziellen Ressourcen häufig verfehlt. Aus den Erfahrungen der Vergangenheit können Lehren für aktuelle Projekte gezogen werden. mehr...