Freitag, 13. Februar 2026

InterviewUrbanität wird neu definiert

[30.03.2020] Im Kommune21-Interview fordert Bitkom-Präsident Achim Berg die Gründung eines Kompetenzzentrums Digitale Städte und Regionen sowie zusätzliche Fördermittel in Höhe von 500 Millionen Euro pro Jahr für kommunale Digitalisierungsinitiativen.
Bitkom-Präsident Achim Berg

Bitkom-Präsident Achim Berg

(Bildquelle: Bitkom e.V.)

Herr Berg, der Branchenverband Bitkom hat 2019 erstmals einen Smart City Index veröffentlicht (wir berichteten). Was wollen Sie mit dem Vergleich erreichen?

Städte sind besonders spannende Reallabore für die Digitalisierung. An kaum einem anderen Ort können digitale Technologien so konzentriert und für viele Menschen anschaulich und erlebbar werden. Allerdings hatte Deutschland in diesem Bereich lange Nachholbedarf. Zu der Frage, wie smart und digital die deutschen Städte sind, gibt es eine Vielzahl an Publikationen und Veranstaltungen. Was bislang fehlte, war eine systematische Untersuchung, welche Städte bereits welche Lösungen aus den verschiedenen Themenfeldern der Smart City umgesetzt haben. Das leistet der Smart City Index, mit dem wir unter allen 81 deutschen Großstädten Vorreiter und Nachzügler identifiziert haben. Dort, wo aktuell Lethargie herrscht, wollen wir wachrütteln. Die unzähligen Reaktionen auf unsere Veröffentlichung haben gezeigt, dass wir einen Nerv getroffen haben.

Wo liegen im Vergleich die Stärken und Schwächen der Städte?

Die Ergebnisse zeigen ein sehr vielfältiges Bild der deutschen Smart-City-Landschaft. Die Spreizung ist enorm. Hamburg als Spitzenreiter erreicht 79,5 von 100 möglichen Punkten, am anderen Ende steht Salzgitter mit 20,5 Punkten. Auch in den fünf untersuchten Einzelkategorien zeigt sich, dass die Städte teilweise ein sehr eigenständiges Smart-City-Profil entwickelt haben. So liegt etwa das insgesamt auf Platz 20 platzierte Mannheim in der Verwaltung vor Berlin und Bonn an der Spitze. Bei IT und Kommunikation führt Köln vor Hamburg und München. In Energie und Umwelt geht der Spitzenplatz an Hamburg gefolgt von Darmstadt und Heidelberg, bei Mobilität liegt Karlsruhe in Führung. Die Kategorie Gesellschaft führt wiederum Hamburg an, gefolgt von Wuppertal und Frankfurt am Main. Sie sehen, dass Hamburg insgesamt zu Recht ganz oben steht – und dass dahinter der eine oder andere Hidden Champion lauert.

Der Smart City Index untersucht alle deutschen Städte ab 100.000 Einwohnern. Wie sieht es in kleineren Kommunen aus?

Metropolen wie Hamburg, Berlin oder München haben zweifelsohne einen strukturellen Vorteil. Allein durch ihre Größe können diese Städte eine Vielzahl an Projekten anstoßen, was ein gutes Abschneiden begünstigt. Mittlere und kleinere Städte müssen sehr viel mehr Kraft aufbringen, um etwa in Förderwettbewerben des Bundes und der Länder erfolgreich zu sein. Aber das ist keinesfalls unmöglich. Heidelberg und Darmstadt haben es in die Top Ten geschafft. Auch Potsdam, Kiel oder Ulm schneiden angesichts ihrer Einwohnerzahl beeindruckend gut ab. Da wir ausschließlich Städte mit mindestens 100.000 Einwohnern untersucht haben, gibt es für Mittel- und Kleinstädte kein umfassendes Bild. Jedoch finden sich auch dort herausragende Digitalisierungsinitiativen, wie im hessischen Bad Hersfeld, im bayerischen Coburg oder im nordrhein-westfälischen Lemgo.

„Langfristig sollten alle 11.000 deutschen Kommunen in Deutschland bei der Digitalisierung gefördert werden.“
Gewinner ist die reiche Stadt Hamburg. Ist es eine Frage der finanziellen Möglichkeiten oder des politischen Willens, ob eine Stadt den Weg zur Smart City einschlägt?

Bei einem flüchtigen Blick auf die Ergebnisse könnte man zu dem Schluss kommen, dass es allein ums Geld geht. Aber das würde zu kurz greifen. Finanzkraft allein macht noch keine Smart City. Und auch mit wenigen Mitteln kann viel erreicht werden. Sonst hätten wohlhabende Städte wie Koblenz, Reutlingen oder Erlangen besser abschneiden müssen. Und umgekehrt dürfte Mannheim mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung im reichen Baden-Württemberg kaum bundesweit Spitze bei der digitalen Verwaltung sein. Der politische Wille vor Ort ist also mindestens genauso wichtig.

Was ist aus Ihrer Sicht die Basis für eine Smart City, womit sollte eine Stadt egal welcher Größenordnung beginnen?

Zuallererst sollten Digitalisierungsprozesse zentral organisiert und die dafür notwendigen Strukturen geschaffen werden, etwa durch das Einrichten von Abteilungen, Stabsstellen oder Arbeitsgruppen. Letztlich ist entscheidend, dass klar ist, wer Verantwortung hat. Eng damit verbunden sind die öffentliche Kommunikation und Beteiligung. Die Bürgerinnen und Bürger müssen einbezogen werden – angefangen damit, sich den notwendigen Rückhalt in der Stadtgesellschaft zu sichern, konkrete Maßnahmen demokratisch zu legitimieren und den Technologie- und Kulturwandel in der eigenen Verwaltung aktiv zu managen. Schließlich braucht es auch ein strategisches Vorgehen, etwa indem eine Digitalstrategie entwickelt, formuliert und umgesetzt wird.

Viele Smart-City-Vorhaben werden von Bund oder Ländern gefördert. Ist das der richtige Weg für eine flächendeckende Verbreitung oder führt das zu einzelnen Leuchtturm-Projekten?

Wettbewerbe, Förderprojekte und Netzwerke können eine wichtige Initialzündung für Smart-City-Initiativen sein, wie der Wettbewerb Digitale Stadt von Bitkom und Deutschem Städte- und Gemeindebund oder die jährliche Smart Country Convention. Es gibt zahlreiche Förderprogramme, etwa der Europäischen Union, des Bundes, der Bundesländer sowie teilweise auch der Kommunen. Diese komplexe Situation führt dazu, dass sich viele Kommunen auf mehrere Förderprogramme gleichzeitig bewerben, was kleinere und vor allem finanzschwache Gemeinden strukturell benachteiligt.

Was können Bund und Länder, aber auch die IT-Wirtschaft noch tun, um die Kommunen auf dem Weg in die digitale Zukunft zu unterstützen?

Langfristig sollten alle 11.000 deutschen Kommunen, insbesondere auch in ländlichen Regionen, bei der Digitalisierung gefördert werden, und nicht mehr nur größere Städte. Dafür sollte ein Kompetenzzentrum Digitale Städte und Regionen unter Federführung des Bundes und unter enger Einbindung der kommunalen Spitzenverbände und der Digitalwirtschaft eingerichtet werden, um einen effizienten Know-how-Transfer zu ermöglichen und allen Kommunen praktische Unterstützung anbieten zu können. Darüber hinaus müssen vom Bund zusätzliche Fördermittel in Höhe von mindestens 500 Millionen Euro pro Jahr für kommunale Digitalisierungsinitiativen bereitgestellt werden. Gut wäre, wenn die Länder das entsprechend kofinanzieren würden. Die Wirtschaft ist gefordert, bestehende Smart-City-Lösungen besser zugänglich zu machen und die immensen Potenziale aufzuzeigen, die damit für die Kommunen verbunden sind.

Ein Blick nach vorn: Wie ist ihre Vision der vernetzten Stadt der Zukunft?

In der digitalen, intelligent vernetzten Stadt wird Urbanität neu definiert. Smart Cities stehen für eine bessere Zukunft des Lebens und Arbeitens auf engem Raum – digital, effizient, ökologisch und sozial. Lange Wartezeiten auf dem Amt oder beim Arzt, Staus und Verkehrsunfälle, Lärm und Abgase gehören der Vergangenheit an, wenn die einmaligen Möglichkeiten digitaler Technologien ausgeschöpft würden. Die Digitalisierung ist die Grundlage für Erhalt und Steigerung unserer wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit, der Lebensqualität von Jung und Alt sowie der Leistungsfähigkeit unseres Staats – insbesondere von Kommunen.

Interview: Alexander Schaeff




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Smart City
Vier Personen stehen unter einer LED-Tafel, die Parkmöglichkeiten in Wolfsburg anzeigt.

Wolfsburg: City-Infosystem ersetzt Parkleitschilder

[12.02.2026] In Wolfsburg informieren jetzt smarte, frei programmierbare LED-Tafeln flexibel über freie Parkmöglichkeiten und den Verkehr in der Stadt und können auch darüber hinausgehende Hinweise ausstrahlen. Aus dem einstigen Parkleitsystem ist somit ein multifunktionales City-Informationssystem geworden. mehr...

Gruppenfoto vor weißem Lieferwagen

Marpingen: Pilotprojekt für KI-gestütztes Straßenmanagement

[02.02.2026] In Marpingen werden Schäden an Straßen und Verkehrsschildern von kommunalen Fahrzeugen bei Alltagsfahrten per Smartphone erfasst. Eine KI-gestützte Open-Source-Lösung übernimmt die Aufbereitung der Daten. Bald soll die Lösung in 25 weiteren saarländischen Kommunen ausgerollt werden. mehr...

Richard Himes und Landrat Bär halten einen Taupunktsensor, der in einem Raum steht.
bericht

Kreis Hof: Werkzeug für Winterdienst

[29.01.2026] Taupunktsensoren unterstützen im Hofer Land den Winterdienst. Dabei agieren Kreis und angehörige Kommunen gemeinsam. Die Entscheidung über das Ausrücken, Streuen oder Räumen treffen trotz der umfassenden Daten weiterhin die Beschäftigten. mehr...

Drei Personen stehen nebeneinander in einem Raum und halten eine Urkunde und den Milesight Impact Award 2025 in den Händen.

Smart Waste Hürth: Weltweites Leuchtturmprojekt

[27.01.2026] In Hürth messen Ultraschallsensoren den Füllstand öffentlicher Abfallbehältnisse und senden diese Daten an eine Künstliche Intelligenz. Die ermittelt, wann die Müllwagen welche Route nehmen sollten, um die Behälter zu leeren. Jetzt ist Smart Waste Hürth als weltweit sichtbares Leuchtturmprojekt ausgezeichnet worden. mehr...

Zwei Screenshots aus er App Park Stark: links die Umkreissuche, rechts Anzeige aller freien bzw. belegten Parkplätze im Stadtgebiet von Mannheim.

Mannheim: Orientierung für barrierefreies Parken

[20.01.2026] In Mannheim steht eine neue, barrierefreie App für die Suche nach freien Schwerbehindertenparkplätzen zur Verfügung. Park-Stark nutzt Echtzeitdaten von über 250 Stellplätzen und zeigt Verfügbarkeit, Navigation und Alternativen direkt auf dem Smartphone an. mehr...

Blick auf eine Veranstaltungshalle. Im Hintergrund ist ein Messestand zu sehen, davor stehen zahlreiche kleinere Tische, an denen Personen zusammen sitzen.

Mönchengladbach: Fünfter Smart City Summit Niederrhein

[20.01.2026] Mönchengladbach lädt am 26. Februar zur fünften Auflage des Smart City Summit Niederrhein ein. Mit Vorträgen, Workshops und einem großen Ausstellungsbereich richtet er sich an ein Fachpublikum, das sich mit der digitalen Transformation von Kommunen beschäftigt. Dabei werden strategische Perspektiven mit anschaulichen Praxisbeispielen verknüpft. mehr...

Bürgermeister Michael Gerdhenrich hält die neue Broschüre in der Hand, im Hintergrund ist auf einem Bildschirm das Video zu BE smart zu sehen.

Beckum: BE smart

[09.01.2026] Konsequent treibt Beckum die Entwicklung zur Smart City voran. Beispielsweise bietet die Stadt mittlerweile ein digitales Bürgerbüro, eine Mängelmelder-App oder einen Kita-Navigator an. Einige ihrer Digitalisierungsprojekte stellt die Kommune nun in einer digitalen Broschüre und einem Kurzfilm vor. mehr...

Porträtaufnahme von Karola Voss.
interview

Serie Digitalstädte: KI wird uns weiterhelfen

[08.01.2026] Die Ahauser Bürgermeisterin Karola Voß will im Bereich Wissensmanagement noch stärker auf Künstliche Intelligenz setzen und dadurch Ressourcen schonen. mehr...

Blick auf das Hauser Rathaus, ein großzügiger Backsteinbau.
bericht

Serie Digitalstädte: Mit Super-App unterwegs

[07.01.2026] In einer losen Serie stellt Kommune21 Digitalstädte mit Vorbildcharakter vor. Den Anfang macht Ahaus: Die nordrhein-westfälische Stadt ist ein Reallabor für digitale Anwendungen – mit einer Super-App als Schlüssel. mehr...

Screenshot der Startseite von herzlich-digital.de.

Kaiserslautern: Geordnete Liquidation von KL.digital

[06.01.2026] Die Stadt Kaiserslautern bereitet die geordnete Liquidation der KL.digital GmbH zum 30. Juni 2026 vor. An diesem Tag endet der Förderzeitraum der Modellprojekte Smart Cities, auf der die finanzielle Grundlage von KL.digital vollständig beruht. Die Projekte und Ideen sollen aber nahtlos in die Stadtverwaltung übergehen und dort weiterentwickelt werden. mehr...

Ein Netzwerk bestehend aus leuchtenden Linien.

Göttingen: Ausbau des städtischen Messnetzes

[22.12.2025] Ein Sensoriknetzwerk liefert der Stadt Göttingen wichtige Informationen über Wasserstände, die Baumgesundheit und die lokale Klimaentwicklung. Das Netz soll in den kommenden Jahren ausgebaut werden. Die Daten sollen unter anderem in Forschung, Analysen und Planungsprozesse einfließen. mehr...

Skyline der Stadt Frankfurt am Main

Frankfurt am Main: Digital Ressourcen schonen

[15.12.2025] Die Stadt Frankfurt am Main hat drei weitere Digitalisierungsprojekte umgesetzt: den Aufbau eines digitalen Wassermanagements, die Einführung der automatisierten Straßenzustandserfassung sowie die Open Library. Alle drei Projekte tragen dazu bei, Ressourcen zu schonen und Kosten zu sparen. mehr...

Screenshot der digitalen Karte auf Mainziel.de, welche die Parkhäuser der Stadt anzeigt.

Frankfurt am Main: Informiert zum Parkhaus

[12.12.2025] Viele Parkhausbelegungen in Frankfurt am Main sind jetzt in Echtzeit online einsehbar. Die erfassten Daten können von Verkehrstelematikanbietern oder Radiosendern für eigene Angebote abgerufen werden. Auch an die Mobilithek des Bundes werden sie übertragen. mehr...

Blick über den beleuchteten Frankfurter Weihnachtsmarkt am Römer.

Frankfurt am Main: Echtzeitdaten zum Weihnachtsmarkt

[05.12.2025] Ein Pilotprojekt mit LiDAR (Light Detection and Ranging)-Sensoren führt die Stadt Frankfurt am Main während des Weihnachtsmarkts am Römer durch. Die Sensoren messen dort das aktuelle Besucheraufkommen mit Laserstrahlen, die erfassten Daten stehen auf der urbanen Datenplattform in Echtzeit zur Verfügung. mehr...

Ein Parkplatzschild steht am Eingang eines Freiluftparkplatzes.

Troisdorf: Smarter parken

[03.12.2025] Mit einer smarten Lösung bereitet Troisdorf der ineffizienten Parkraumbewirtschaftung ein Ende. Parksensoren erfassen jetzt die Belegung einzelner Stellplätze, die Bürgerinnen und Bürger werden darüber in Echtzeit per App informiert. mehr...