Sonntag, 16. August 2026

InterviewDas Digitale immer mitdenken

[29.03.2021] Nach einem umfassenden Beteiligungsprozess hat Frankfurt am Main eine Digitalisierungsstrategie entworfen, die vor allem Smart-City-Lösungen in den Blick nimmt. Stadtrat und IT-Dezernent Jan Schneider über die Strategie und ihre Entwicklung im Kommune21-Interview.
Jan Schneider

Jan Schneider

(Bildquelle: Salome Roessler/Stadt Frankfurt am Main)

Herr Schneider, Frankfurt am Main hat Anfang November 2020 den Entwurf einer gesamtstädtischen Digitalisierungsstrategie vorgestellt. Was ist seitdem passiert?

Den Entwurf der Strategie habe ich zur Beschlussfassung in die städtischen Gremien eingebracht. Es hat sich schon eine lebhafte Debatte entwickelt, auch bedingt durch die bevorstehende Kommunalwahl.

Welche Themen stehen im Mittelpunkt des Vorhabens?

Unser Fokus liegt auf dem Thema Smart City. Das heißt: Durch den Einsatz intelligenter technischer Lösungen und die Nutzung vorhandener Daten soll die Lebensqualität in Frankfurt am Main nachhaltig verbessert werden. Um ein Beispiel zu nennen: Unser Amt für Straßenbau und Erschließung baut ein so genanntes Pavement Management auf, mit dem der Zustand der Straßen digital erfasst wird, um Unterhalt und Sanierungsmaßnahmen besser steuern zu können. Es gibt jetzt die Idee, die Müllfahrzeuge unseres Entsorgungsunternehmens FES, die jeden Tag auf diesen Straßen unterwegs sind, mit Kameras auszustatten. Damit kann dann der Straßenzustand regelmäßig erfasst werden. Solche Synergien sind ein Musterbeispiel für die Smart City.
Ausdrücklich zu betonen ist, dass die Themen Datenschutz und Datensouveränität einen hohen Stellenwert haben. Wir wollen nicht in Abhängigkeit von privaten Anbietern geraten, die vor allem Interesse daran haben, die Daten unserer Bürgerinnen und Bürger wirtschaftlich zu verwerten. Das ist wichtig, damit das Vertrauen in die Idee der Smart City nicht verlorengeht. Wo es möglich und vertretbar ist, stellen wir aber schon heute Daten über unser Open-Data-Portal öffentlich zur Verfügung. Wir wollen, dass möglichst viele Smart-City-Ideen auch außerhalb der Stadtverwaltung umgesetzt werden. Deshalb ist zentraler Bestandteil unserer Strategie die Vernetzung der verschiedenen Akteure aus Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. Denn Digitalisierung ist ein Thema, das alle Bereiche des täglichen Lebens – von der Verkehrssteuerung über die Energieversorgung bis hin zur Wohnungswirtschaft – durchdringt und bei dem alle Beteiligten ihren Beitrag leisten müssen.

„Wir wollen, dass möglichst viele Smart-City-Ideen auch ­außerhalb der Stadtverwaltung umgesetzt werden.“

Aus welchem Grund hat sich die Stadt für diesen Schwerpunkt in der Digitalisierungsstrategie entschieden?

Schon seit einigen Jahren hat die Stadt Frankfurt am Main eine ­E-Government-Strategie, die sukzessive umgesetzt wird, indem wir beispielsweise in der Stadtverwaltung immer mehr Online-Dienstleistungen anbieten. Mit der Digitalisierungsstrategie gehen wir jetzt einen Schritt weiter und blicken über die Stadtverwaltung hinaus. Ziel ist es, die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren zu intensivieren und das Themenspektrum zu erweitern. Ein wichtiger Partner dabei ist zum Beispiel unser lokaler Energieversorger Mainova, der ein flächendeckendes Netz mit LoRaWAN-Technologie zur Datenübertragung aufbaut. Das Projekt soll bereits in diesem Frühjahr abgeschlossen sein.

Wie wurde die neue Strategie erarbeitet?

Federführend war die Stabsstelle Digitalisierung der Stadtverwaltung. Unterstützt wurde die Erstellung der Strategie von der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) und der Firma City & Bits. Im Rahmen der Erarbeitung gab es einen umfangreichen Beteiligungsprozess. Unser Ansatz war, nicht ein Konzept „von oben“ überzustülpen, sondern es auf eine möglichst breite Grundlage zu stellen. So konnten im Juni 2019 zunächst die Bürger in einer Online-Befragung mitteilen, in welchen Themenbereichen sie sich besonders positive Auswirkungen der Digitalisierung erhoffen. Auch die verschiedenen Akteure aus Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft wurden in unterschiedlichen Formaten intensiv eingebunden. Es gab zum Beispiel Experteninterviews, Runde Tische zu verschiedenen Themen und eine zentrale Veranstaltung mit rund 100 Teilnehmern. Unter anderem waren alle städtischen Ämter aufgefordert, ihre Ideen und Projekte einzubringen. Diese Formate haben allein schon viel bewirkt, weil dadurch Akteure intensiv miteinander ins Gespräch gekommen sind.

Welche Rolle spielte dabei die Meinung der Bürger?

Die Anregungen aus den Beteiligungsformaten sind in verschiedene Maßnahmen und Projekte eingeflossen. Von Bürgern kamen zum Beispiel Projektideen wie „Daten heizen Häuser“ oder der Ausbau digitaler Nachbarschaftsnetzwerke.

Wie ist Frankfurt am Main im deutschlandweiten Vergleich bei der Digitalisierung aufgestellt?

In einigen Bereichen ist Frankfurt am Main schon sehr gut aufgestellt. Im Smart-City-Ranking des Branchenverbands Bitkom etwa belegt die Stadt im Bereich Mobilität einen ganz guten Platz, auch wenn solche Tabellen immer mit Vorsicht zu genießen sind. Die Versorgung mit schnellem Internet ist dank einer großen Abdeckung des Stadtgebiets mit Gigabit-Angeboten über das Koaxialnetz sehr gut, obwohl Rankings meist ein anderes Bild vermitteln, weil sie nur die reinen Glasfaseranschlüsse betrachten. Aber klar ist auch: Wir haben bei einigen Themen Nachholbedarf, weshalb wir jetzt diese Strategie auf den Weg gebracht haben.

Welche Hindernisse gilt es zu überwinden, um die Digitalisierungsstrategie erfolgreich umzusetzen?

Hier sind zwei Dinge zu nennen: Erstens muss Digitalisierung innerhalb der Stadtverwaltung als Querschnittsaufgabe betrachtet werden. Um erfolgreich zu sein, müssen alle Akteure an einem Strang ziehen. Zweitens braucht man für die Umsetzung auch Ressourcen, nämlich Personal und Geld. Unsere externen Dienstleister haben uns auf Basis der Erfahrungen anderer Städte empfohlen, zehn Stellen für die Stabsstelle Digitalisierung und drei Millionen Euro jährlich als Anschubfinanzierung für Projekte bereitzustellen. Aber Sie kennen die angespannte finanzielle Lage der Kommunen, die sich durch die Corona-Pandemie noch einmal verschärft hat. Deshalb habe ich zunächst nur fünf Stellen und zwei Millionen Euro pro Jahr beantragt.

Welche Schritte stehen bei der Umsetzung der Strategie als nächstes an?

Wichtig ist natürlich die Beschlussfassung in den städtischen Gremien. Parallel dazu werden aber bereits viele Projekte weiter vorangetrieben. Das schon erwähnte Funknetz der Mainova zum Beispiel ermöglicht zahlreiche Anwendungen: Wasser- und Wärmezähler lassen sich aus der Ferne auslesen, Bäume werden in Abhängigkeit von der Feuchtigkeit des Bodens bewässert, Parkplätze übers Smartphone reserviert und Abfalltonnen abgeholt, sobald sie voll sind. Das alles ist denkbar in der Smart City Frankfurt am Main, aber natürlich noch nicht innerhalb der nächsten Monate. Wir wollten ein Papier vorlegen, das einen gewissen Ehrgeiz in sich trägt, aber keine unrealistischen Zeitpläne vorgaukelt. Insgesamt ist die Umsetzung ein dynamischer Prozess, bei dem einiges verworfen und viel Neues hinzukommen wird. Wichtig aber ist, dass die Strategie den Rahmen dafür setzt und dass wir das Digitale immer mitdenken. Bei allen Vorhaben muss die Stadt prüfen, ob es für den Aufgabenbereich digitale Lösungen gibt oder einen Partner, der schon etwas in die Richtung macht. Wenn das gelingt, ist schon viel erreicht.

Interview: Corinna Heinicke




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Smart City
Ein Wasserhahn, aus dem Euroscheine fließen, wird von der Hand eines Mannes im schauten Anzu zugedreht
bericht

Serie Smart Cities, Teil 5: Digitalisierung verstetigen

[13.08.2026] In vielen Kommunen wurde die Einführung digitaler Lösungen mithilfe von Fördermitteln angestoßen. Was ist nun zu tun, um die Smart-City-Projekte auch nach dem Ende des Förderzeitraums finanzierbar zu machen und fest in den kommunalen Prozessen zu verankern? mehr...

Geflutete Straße in Deutschland, Schild Hochwasser im Vordergrund

Studie: Digitale Hochwasservorsorge

[10.08.2026] Eine neue Publikation aus der Begleitforschung des Programms Modellprojekte Smart Cities zeigt anhand mehrerer Praxisbeispiele, wie digitale Lösungen Kommunen bei der Hochwasservorsorge unterstützen. mehr...

Messfahrzeug zum Erfassen des Straßenzustands

Dresden: Straßenzustand smart erfasst

[07.08.2026] In der Smart City Dresden erfolgt derzeit eine Befahrung im gesamten Stadtgebiet, um den Zustand des Straßennetzes digital zu erfassen. In Kombination mit Sensordaten soll das der Stadt künftig ermöglichen, die finanziellen Mittel für den Straßenbau mit dem größtmöglichen Nutzen einzusetzen. mehr...

Abholboxen für Pässe oder Urkunden unweit des Wiesbadener Bürgerbüros.
bericht

Serie Digitalstädte: Stadt der Pilotprojekte

[04.08.2026] Wiesbaden setzt bei der Digitalisierung auf einen ganzheitlichen Ansatz. Bürgerorientierung steht bei allen Vorhaben im Vordergrund. Gleichzeitig beteiligt sich Hessens Landeshauptstadt an zwei prestigeträchtigen Pilotprojekten des Bundesdigitalministeriums. mehr...

Silke Lehnhardt
interview

Interview: Mehr Mut zum Ausprobieren

[04.08.2026] Silke Lehnhardt hat nach 30 Jahren Privatwirtschaft den Wechsel in die Verwaltung gewagt. In Wiesbaden leitet sie nun das Amt für Innovation, Organisation und Digitalisierung. mehr...

Gruppenbild mit Förderurkunde im Schatten eines Baumes

Dietzenbach: Nachhaltiger und noch smarter

[04.08.2026] Dietzenbach erweitert sein Smart-City-System um ein Energiemonitoring und eine automatisierte Wintergefahrenerkennung. Dafür integriert die Stadt erprobte Anwendungen anderer hessischer Kommunen in ihre bestehende Datenplattform. mehr...

Ein Sensor an einem Baum im Tennenloher Forst, im Hintergrund eine Feuerwehrkraft

Katastrophenschutz: Waldbrände mit KI frühzeitig erkennen

[03.08.2026] Im Rahmen des Projekts SmartForestFire entwickelt das Fraunhofer Cluster für kognitive Technologien CCIT ein KI-gestütztes Frühwarnsystem, um Brände schneller zu erkennen, Fehlalarme zu reduzieren und insbesondere kleinere oder kritische Waldgebiete effizient überwachen zu können. Im Tennenloher Forst bei Erlangen wird es aktuell unter realen Bedingungen erprobt. mehr...

Kassel: Smart-City-App veröffentlicht

[30.07.2026] Die Stadt Kassel hat eine Smart-City-App für Bürgerinnen, Bürger und Gäste veröffentlicht. Die Anwendung bündelt städtische Informationen und Echtzeitdienste auf einer Open-Source-Plattform und soll gemeinsam mit den Nutzenden weiterentwickelt werden. mehr...

Dem Schulwerk unterstehen unter anderem Schulen in Augsburg.

Augsburg: Smart-City-Plattform wächst weiter

[23.07.2026] Augsburg hat seine Smart-City-Plattform technisch und inhaltlich erweitert. Aktuelle Stadt- und Verkehrsdaten lassen sich nun flexibler in Webseiten und Anwendungen einbinden. Teile des Angebots stehen auch in der Augsburg-App bereit. mehr...

Vier Personen aus dem Bad Belziger Smart-City-Team sitzen vor einer Infotafel
bericht

Serie Digitalstädte: Mehrwerte schaffen

[07.07.2026] Förderprojekte wie der Wettbewerb Modellprojekte Smart Cities sind für kleinere Kommunen wie die Stadt Bad Belzig wichtig, um mit der Digitalisierung voranzukommen. Es braucht aber sichtbare Mehrwerte, damit es anschließend weitergeht. mehr...

Mehrere Personen halten Sensoren in die Kamera

Gütersloh: Sensoren unterstützen Winterdienst

[07.07.2026] 
In Gütersloh geht das Smart-City-Projekt „Smarter Winterdienst“ in den Testbetrieb – an 13 Standorten im Stadtgebiet werden künftig Sensoren den Zustand der Fahrbahnoberfläche erfassen. mehr...

Die Stadt der Zukunft ist vernetzt.

BBSR: Smarte Praxisbeispiele für Kommunen

[06.07.2026] Das BBSR hat sein Kompendium „Smart Cities und Smart Regions“ und die dazugehörige Storymap erweitert. Die 30 neuen Beispiele zeigen, wie Kommunen aus konkreten Problemen digitale Lösungen entwickeln – und was andere Städte und Gemeinden daraus für eigene Projekte lernen können. mehr...

eine der Rheinbrücken zwischen Mannheim und Ludwigshafen

Mannheim: Sensoren schützen Rheinbrücken

[06.07.2026] Optische Sensoren erfassen ab sofort den Verkehr auf den beiden Rheinbrücken zwischen Mannheim und Ludwigshafen. Das von der Smart City Mannheim realisierte Monitorungprojekt soll dazu beitragen, Verkehrsströme transparent zu machen und gezielte Maßnahmen zum Schutz der Bauwerke abzuleiten. 
 mehr...

Grafik zur urbanen Datenplattform in Aalen
bericht

Aalen / Heidenheim: Hoher Praxisnutzen

[29.06.2026] In Aalen und Heidenheim wird Smart City praxisnah: Sensoren liefern Daten zu Glatteis, Pegelständen und weiteren Risiken. Eine gemeinsame Plattform verbindet diese Informationen und unterstützt Verwaltung, Feuerwehr und Bauhof im Alltag. mehr...

Fahrraddaten Screenshot Digitaler Zwilling

Wiesbaden: Positive Bilanz zum Digitalen Zwilling

[29.06.2026] Der Digitale Zwilling Wiesbaden hat sich für die Stadt seit seinem Start im Sommer vergangenen Jahres bereits zu einem wichtigen Werkzeug für Planung, Beteiligung und Information entwickelt. 
 mehr...