Montag, 30. März 2026

InterviewDas Digitale immer mitdenken

[29.03.2021] Nach einem umfassenden Beteiligungsprozess hat Frankfurt am Main eine Digitalisierungsstrategie entworfen, die vor allem Smart-City-Lösungen in den Blick nimmt. Stadtrat und IT-Dezernent Jan Schneider über die Strategie und ihre Entwicklung im Kommune21-Interview.
Jan Schneider

Jan Schneider

(Bildquelle: Salome Roessler/Stadt Frankfurt am Main)

Herr Schneider, Frankfurt am Main hat Anfang November 2020 den Entwurf einer gesamtstädtischen Digitalisierungsstrategie vorgestellt. Was ist seitdem passiert?

Den Entwurf der Strategie habe ich zur Beschlussfassung in die städtischen Gremien eingebracht. Es hat sich schon eine lebhafte Debatte entwickelt, auch bedingt durch die bevorstehende Kommunalwahl.

Welche Themen stehen im Mittelpunkt des Vorhabens?

Unser Fokus liegt auf dem Thema Smart City. Das heißt: Durch den Einsatz intelligenter technischer Lösungen und die Nutzung vorhandener Daten soll die Lebensqualität in Frankfurt am Main nachhaltig verbessert werden. Um ein Beispiel zu nennen: Unser Amt für Straßenbau und Erschließung baut ein so genanntes Pavement Management auf, mit dem der Zustand der Straßen digital erfasst wird, um Unterhalt und Sanierungsmaßnahmen besser steuern zu können. Es gibt jetzt die Idee, die Müllfahrzeuge unseres Entsorgungsunternehmens FES, die jeden Tag auf diesen Straßen unterwegs sind, mit Kameras auszustatten. Damit kann dann der Straßenzustand regelmäßig erfasst werden. Solche Synergien sind ein Musterbeispiel für die Smart City.
Ausdrücklich zu betonen ist, dass die Themen Datenschutz und Datensouveränität einen hohen Stellenwert haben. Wir wollen nicht in Abhängigkeit von privaten Anbietern geraten, die vor allem Interesse daran haben, die Daten unserer Bürgerinnen und Bürger wirtschaftlich zu verwerten. Das ist wichtig, damit das Vertrauen in die Idee der Smart City nicht verlorengeht. Wo es möglich und vertretbar ist, stellen wir aber schon heute Daten über unser Open-Data-Portal öffentlich zur Verfügung. Wir wollen, dass möglichst viele Smart-City-Ideen auch außerhalb der Stadtverwaltung umgesetzt werden. Deshalb ist zentraler Bestandteil unserer Strategie die Vernetzung der verschiedenen Akteure aus Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. Denn Digitalisierung ist ein Thema, das alle Bereiche des täglichen Lebens – von der Verkehrssteuerung über die Energieversorgung bis hin zur Wohnungswirtschaft – durchdringt und bei dem alle Beteiligten ihren Beitrag leisten müssen.

„Wir wollen, dass möglichst viele Smart-City-Ideen auch ­außerhalb der Stadtverwaltung umgesetzt werden.“

Aus welchem Grund hat sich die Stadt für diesen Schwerpunkt in der Digitalisierungsstrategie entschieden?

Schon seit einigen Jahren hat die Stadt Frankfurt am Main eine ­E-Government-Strategie, die sukzessive umgesetzt wird, indem wir beispielsweise in der Stadtverwaltung immer mehr Online-Dienstleistungen anbieten. Mit der Digitalisierungsstrategie gehen wir jetzt einen Schritt weiter und blicken über die Stadtverwaltung hinaus. Ziel ist es, die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren zu intensivieren und das Themenspektrum zu erweitern. Ein wichtiger Partner dabei ist zum Beispiel unser lokaler Energieversorger Mainova, der ein flächendeckendes Netz mit LoRaWAN-Technologie zur Datenübertragung aufbaut. Das Projekt soll bereits in diesem Frühjahr abgeschlossen sein.

Wie wurde die neue Strategie erarbeitet?

Federführend war die Stabsstelle Digitalisierung der Stadtverwaltung. Unterstützt wurde die Erstellung der Strategie von der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) und der Firma City & Bits. Im Rahmen der Erarbeitung gab es einen umfangreichen Beteiligungsprozess. Unser Ansatz war, nicht ein Konzept „von oben“ überzustülpen, sondern es auf eine möglichst breite Grundlage zu stellen. So konnten im Juni 2019 zunächst die Bürger in einer Online-Befragung mitteilen, in welchen Themenbereichen sie sich besonders positive Auswirkungen der Digitalisierung erhoffen. Auch die verschiedenen Akteure aus Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft wurden in unterschiedlichen Formaten intensiv eingebunden. Es gab zum Beispiel Experteninterviews, Runde Tische zu verschiedenen Themen und eine zentrale Veranstaltung mit rund 100 Teilnehmern. Unter anderem waren alle städtischen Ämter aufgefordert, ihre Ideen und Projekte einzubringen. Diese Formate haben allein schon viel bewirkt, weil dadurch Akteure intensiv miteinander ins Gespräch gekommen sind.

Welche Rolle spielte dabei die Meinung der Bürger?

Die Anregungen aus den Beteiligungsformaten sind in verschiedene Maßnahmen und Projekte eingeflossen. Von Bürgern kamen zum Beispiel Projektideen wie „Daten heizen Häuser“ oder der Ausbau digitaler Nachbarschaftsnetzwerke.

Wie ist Frankfurt am Main im deutschlandweiten Vergleich bei der Digitalisierung aufgestellt?

In einigen Bereichen ist Frankfurt am Main schon sehr gut aufgestellt. Im Smart-City-Ranking des Branchenverbands Bitkom etwa belegt die Stadt im Bereich Mobilität einen ganz guten Platz, auch wenn solche Tabellen immer mit Vorsicht zu genießen sind. Die Versorgung mit schnellem Internet ist dank einer großen Abdeckung des Stadtgebiets mit Gigabit-Angeboten über das Koaxialnetz sehr gut, obwohl Rankings meist ein anderes Bild vermitteln, weil sie nur die reinen Glasfaseranschlüsse betrachten. Aber klar ist auch: Wir haben bei einigen Themen Nachholbedarf, weshalb wir jetzt diese Strategie auf den Weg gebracht haben.

Welche Hindernisse gilt es zu überwinden, um die Digitalisierungsstrategie erfolgreich umzusetzen?

Hier sind zwei Dinge zu nennen: Erstens muss Digitalisierung innerhalb der Stadtverwaltung als Querschnittsaufgabe betrachtet werden. Um erfolgreich zu sein, müssen alle Akteure an einem Strang ziehen. Zweitens braucht man für die Umsetzung auch Ressourcen, nämlich Personal und Geld. Unsere externen Dienstleister haben uns auf Basis der Erfahrungen anderer Städte empfohlen, zehn Stellen für die Stabsstelle Digitalisierung und drei Millionen Euro jährlich als Anschubfinanzierung für Projekte bereitzustellen. Aber Sie kennen die angespannte finanzielle Lage der Kommunen, die sich durch die Corona-Pandemie noch einmal verschärft hat. Deshalb habe ich zunächst nur fünf Stellen und zwei Millionen Euro pro Jahr beantragt.

Welche Schritte stehen bei der Umsetzung der Strategie als nächstes an?

Wichtig ist natürlich die Beschlussfassung in den städtischen Gremien. Parallel dazu werden aber bereits viele Projekte weiter vorangetrieben. Das schon erwähnte Funknetz der Mainova zum Beispiel ermöglicht zahlreiche Anwendungen: Wasser- und Wärmezähler lassen sich aus der Ferne auslesen, Bäume werden in Abhängigkeit von der Feuchtigkeit des Bodens bewässert, Parkplätze übers Smartphone reserviert und Abfalltonnen abgeholt, sobald sie voll sind. Das alles ist denkbar in der Smart City Frankfurt am Main, aber natürlich noch nicht innerhalb der nächsten Monate. Wir wollten ein Papier vorlegen, das einen gewissen Ehrgeiz in sich trägt, aber keine unrealistischen Zeitpläne vorgaukelt. Insgesamt ist die Umsetzung ein dynamischer Prozess, bei dem einiges verworfen und viel Neues hinzukommen wird. Wichtig aber ist, dass die Strategie den Rahmen dafür setzt und dass wir das Digitale immer mitdenken. Bei allen Vorhaben muss die Stadt prüfen, ob es für den Aufgabenbereich digitale Lösungen gibt oder einen Partner, der schon etwas in die Richtung macht. Wenn das gelingt, ist schon viel erreicht.

Interview: Corinna Heinicke




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Smart City
Screenshot des Digitalen Zwillings der Stadt Aachen.

Aachen / Mannheim: Verlässliche Daten für die Stadtplanung

[30.03.2026] Wie urbane Digitale Zwillinge die klimafeste Stadtplanung unterstützen können, wollen die Städte Mannheim und Aachen in dem vierjährigen Förderprojekt MACspeeDZ zeigen. Die nötigen Daten liefern im Stadtgebiet installierte Sensoren, Künstliche Intelligenz hilft bei der Aufbereitung der Messwerte. Am Ende soll ein Werkzeug entstehen, das auch andere Städte nutzen können. mehr...

Zwei Männer in neongelber Warnkleidung auf einem städtischen Platz, sie betrachten ein kleines Solarmodul

Hannover: Neue Messtechnik für alte Bäume

[27.03.2026] Im Rahmen des Projekts BlueGreenCity-KI entwickelt die Stadt Hannover KI-basierte Lösungen, um städtisches Grün klimaresilient und ressourcenschonend zu bewirtschaften. Nun wird ein neues Dendrometer erprobt, das differenzierte Analysen zum Trockenstress eines typischen Stadtbaums ermöglicht. mehr...

Pegelmessstelle der Stadt Lohmar

Lohmar: Pegel werden digital überwacht

[25.03.2026] Neue Pegelmessstellen an fließenden Gewässern liefern der Stadt Lohmar jetzt kontinuierliche Daten zur Überwachung der Wasserstände. Die Informationen sind über die städtische Datenplattform auch öffentlich einsehbar. mehr...

Eine Personengruppe steht in der Amberger Altstatt versammelt.

Amberg: Ist ein Behindertenparkplatz frei?

[25.03.2026] Künftig soll auf der Amberger Website in Echtzeit angezeigt werden, ob die Behindertenparkplätze in der Altstadt belegt oder frei sind. Die entsprechenden Daten liefern Bodensensoren. Eine automatische Kontrolle der Parkberechtigung ist damit nicht möglich. mehr...

Drei Männer sitzen nebeneinander an einem Tisch. Vor ihnen liegen Vertragsunterlagen.

Nürnberg: Digitaler Verkehrszwilling im Test

[23.03.2026] Mit einem Digitalen Zwilling will Nürnberg die Auswirkungen von Straßenbaumaßnahmen auf den Verkehr künftig im Vorfeld simulieren und somit Engpässe besser einschätzen und Baustellen noch gezielter aufeinander abstimmen können. Mit diesem Ziel hat die Stadt nun ein auf drei Jahre angelegtes Pilotprojekt gestartet. mehr...

Vier Personen stehen um einen Monitor versammelt, auf dem das Smart City Dashboard für Schlangen zu sehen ist.

Schlangen: Wetter- und Pegeldaten im Blick

[23.03.2026] Ein Smart City Dashboard zeigt für die Gemeinde Schlangen Wetter- und Pegeldaten in Echtzeit an. Messstationen und Sensoren liefern über ein offenes LoRaWAN die nötigen Werte. Neben den öffentlich zugänglichen Daten erhält die Verwaltung selbst zusätzliche Auswertungen, um beispielsweise auf kritische Wetterlagen passgenauer reagieren zu können. mehr...

Eine Person scannt mit dem Smartphone den QR-Code eines Stadtwürfels in Bremerhaven.

Bremerhaven: Stadtwürfel statt Baustellenschild

[20.03.2026] Mit QR-Code versehene Stadtwürfel sollen in Bremerhaven künftig direkt am Ort des Geschehens über Bauprojekte informieren. Der QR-Code führt zu einer ausführlichen Projektbeschreibung auf der kommunalen Website. Im Gegensatz zu Bauschildern können die Würfel flexibel platziert und verlinkt werden. mehr...

Mönchengladbach: Echtzeit-Sensoren überwachen Verkehrsflüsse

[18.03.2026] Ob ausverkaufte Heimspiele der Borussia, Konzerte populärer Bands oder internationale Sportereignisse – im Mönchengladbacher Nordpark finden zahlreiche Großveranstaltungen statt. Mithilfe smarter Daten will die Stadt die dort anfallenden Verkehrsströme besser verstehen und lenken. mehr...

Abstrakte Darstellung eines Baums, der Daten sendet.

KI: Wenn Bäume ihren Wasserbedarf selbst melden

[17.03.2026] Um Stadtbäume gesund zu erhalten, müssen sie vor Trockenstress geschützt werden. Nicht zuletzt aus Kostengründen ist aber auch eine Überwässerung zu vermeiden. Ein urbanes, mit Künstlicher Intelligenz (KI) arbeitendes Bewässerungssystem erfüllt beide Kriterien und unterstützt obendrein bei der Routenplanung. mehr...

Screenshot vom Deckblatt des Studienberichts zum Smart City Index 2025, den der Digitalverband Bitkom vorgelegt hat.

Smart City Index 2025: Studienbericht liefert Detailergebnisse

[17.03.2026] Den Smart City Index 2025 ergänzend hat der Digitalverband Bitkom nun einen Studienbericht mit bislang unveröffentlichten Teilergebnissen herausgegeben. Er macht beispielsweise ersichtlich, dass fast alle Städte bei der Energie- und Wärmeplanung auf digitale Technologien setzen. mehr...

Screenshot aus dem Simulationstool

Hamburg: Mit dem Digitalen Zwilling Verkehrslärm simulieren

[11.03.2026] Hamburg hat ein neues Tool zur Lärmsimulation entwickelt, mit dem bereits in frühen Phasen die Verkehrslärmverhältnisse für Bauvorhaben bewertet werden können. Die quelloffene Lösung steht über OpenCoDE auch anderen Städten zur Verfügung. mehr...

Mehrere Personen stehen in einem Raum zum Gruppenfoto versammelt. Zwei von ihnen betätigen einen symbolischen Startknopf, eine dritte hält einen aufgeklappten Laptop in den Händen auf dem die Startseite der neuen Website zu sehen ist.

Kreis Warendorf: Smart Region mit eigener Website

[11.03.2026] Als Smart Region Kreis Warendorf bringen der Landkreis und 13 kreisangehörige Kommunen ihre Digitalisierung gemeinsam voran. Auf einer neuen Website präsentiert das Zukunftsprojekt nun seine Digitalisierungsstrategie und erklärt die einzelnen Handlungsfelder. mehr...

Der Digitale Zwilling der Stadt Dresden ist auf einem Tablet zu sehen, das eine Person in den Händen hält.

Dresden: Digitaler Zwilling simuliert Unwetter

[09.03.2026] Wie sich Unwetterereignisse auf Dresden auswirken können, simuliert jetzt ein Digitaler Zwilling der Stadt. Welche Eindrücke und Erfahrungen die Nutzerinnen und Nutzer mit dem öffentlich zugänglichen Prototyp der 3D-Anwendung machen, soll eine Online-Umfrage zeigen. mehr...

Mehrere Personen stehen in einem Raum zum Gruppenfoto versammelt.

Oberhausen: Smarte Ideen aus der Stadtgesellschaft

[09.03.2026] Über ihren Co-Creation Fund unterstützt die Stadt Oberhausen zum zweiten Mal innovative Smart-City-Vorhaben aus der Stadtgesellschaft. Der Fund wird durch Fördermittel des Bundes ermöglicht mit dem Ziel, Ideen aus der Bürgerschaft sowie von Initiativen, Organisationen und weiteren Beteiligten gemeinsam mit der Stadtverwaltung umzusetzen. mehr...

Screenshot des DigiTal Zwilling Wuppertal mit den eingeblendeten Bodenfeuchtedaten.

DigiTal Zwilling Wuppertal: Erste Echtzeitsensordaten

[06.03.2026] Der Digitale Zwilling Wuppertals zeigt jetzt Echtzeitdaten zur Bodenfeuchte an unterschiedlichen Standorten an. Es handelt sich um die ersten live verfügbaren Sensordaten auf der Plattform. mehr...