Sonntag, 22. März 2026

InterviewDas OZG hängt an der Cloud

[31.10.2022] Ralf Kleindiek, seit Dezember vergangenen Jahres neuer Berliner Chief Digital Officer, spricht im Kommune21-Interview über den Digitalisierungsstand in der Hauptstadt sowie die Zukunft des Onlinezugangsgesetzes und des Einer-für-Alle-Prinzips.
Dr. Ralf Kleindiek

Dr. Ralf Kleindiek

(Bildquelle: Foto Kirsch)

Herr Kleindiek, Sie sind seit Dezember vergangenen Jahres neuer Berliner Chief Digital Officer (CDO) und haben zu Ihrem Amtsantritt 100 digitale Akteure besucht. Welche Eindrücke haben Sie dabei gewonnen?

Die Idee war, in den ersten 100 Tagen 100 Akteurinnen und Akteure aus allen Bereichen zu treffen, die mit der Digitalisierung in Berlin zu tun haben. Die Verwaltung war dabei, die Wirtschaft, die Wissenschaft und die Zivilgesellschaft. Dabei habe ich drei Dinge bemerkt: Erstens, dass sich die Gespräche und Themen, die sich aus dem 100-Tage-Programm ergeben haben, fortsetzen und ich mit vielen Menschen weiterhin in Kontakt stehe. Zweitens haben wir in Berlin ein wahnsinniges Potenzial, hier arbeiten 120.000 Menschen im Bereich Digitalisierung. Das gibt es nirgendwo sonst in Europa. Uns beneiden etwa viele um die sehr erfolgreiche und starke Start-up-Szene. Die dritte Erkenntnis ist, dass dieses Potenzial für die öffentliche Hand, Verwaltung und Politik noch viel zu wenig genutzt wird und wir die Zusammenarbeit der einzelnen Bereiche deshalb intensivieren müssen.

Berlin bildet eines der Schlusslichter bei der Verwaltungsdigitalisierung. Woran liegt das?

Ich bin als CDO für alle gesamtstädtischen Fragen der Digitalisierung verantwortlich, so auch für die Digitalisierung der Verwaltung. Zu meinen Aufgaben gehört, dafür zu sorgen, dass wir etwa das so genannte 14-Tage-Ziel erreichen und alle Bürgerinnen und Bürger innerhalb von zwei Wochen einen Termin beim Bürgeramt bekommen können. Wir haben uns auch die Modernisierung der Ordnungsämter vorgenommen und wollen, dass das Behörden-Pingpong zwischen Senat und Bezirken aufhört und die Zuständigkeiten geklärt werden. Das alles sind große Transformationsvorhaben. Seit Mitte Mai dieses Jahres nutzt das Bezirksamt Mitte als erste Behörde die neue Version der digitalen Akte, Ende August ist die Innenverwaltung gefolgt und sukzessive kommen in diesem Jahr noch 15 weitere Verwaltungen auf Bezirks- und Landesebene hinzu. Laut Berliner E-Government-Gesetz muss die digitale Akte bis Ende 2024 eingeführt sein. Das ist eines meiner wichtigsten Projekte.

Warum kam es zu so großen Verzögerungen bei der E-Akte? Andere Länder und Kommunen sind längst weiter.

Die Einführung der elektronischen Akte ist für alle Verwaltungen eine große Herausforderung, nicht nur in Berlin. Und das nicht allein in technischer Hinsicht, sondern vor allem, weil es sich um ein großes Transformationsprojekt und Reorganisationsvorhaben handelt. In Berlin gibt es einige Besonderheiten, unter anderem eine Ausschreibung, die wiederholt werden musste. Diese Hürden sind jetzt überwunden, und es gibt einen verlässlichen Plan.

Sind die Zuständigkeiten mit den Berliner Bezirken nun geklärt und gibt es künftig keine eigene IT mehr in den Rathauskellern?

Es gibt eine klare politische Verständigung im Koalitionsvertrag darüber, dass die Landesverwaltung zum ITDZ Berlin kommt, dem zentralen IT-Dienstleister. Bei den Bezirken ist es aufgrund ihrer Eigenständigkeit nicht ganz so einfach möglich, wird im Ergebnis aber trotzdem dazu führen. Das setzt einerseits die Leistungsfähigkeit des ITDZ voraus und geeignete Rahmenbedingungen, nicht zuletzt finanzielle, damit sich das ITDZ besser entwickeln kann, als dies bislang der Fall war. Andererseits müssen die Verwaltungen eine Bereitschaft zur Migration entwickeln. Zur Zentralisierung gibt es aus technischen und fiskalischen Gründen und nicht zuletzt auch unter IT-Sicherheits­aspekten keine Alternative.

„Nach fünf Jahren OZG wissen wir, dass die Verwaltungscloud ein absoluter Erfolgsfaktor ist.“

Wie weit ist Berlin beim Onlinezugangsgesetz (OZG)? Laut OZG-Dashboard sind bislang nur 80 OZG-Leistungen verfügbar, nämlich die des Bundes.

Wir haben in Berlin rund 120 Dienstleistungen, die wir digital in unterschiedlichen Reifegraden anbieten. Wir müssen uns noch mit dem Bund darüber verständigen, wie wir das im Dashboard genau zählen und dokumentieren können. Berlin hat beim OZG die Federführung für den elektronischen Nachweis übernommen, da geht es beispielsweise um Heirats- und Geburtsurkunden. Spätestens im Frühjahr nächsten Jahres werden wir soweit sein, dass wir sie nutzen können. Generell muss man eingestehen: Die Ziele des Onlinezugangsgesetzes noch bis Ende dieses Jahres zu erreichen, war seit Längerem für die Bundesländer unrealistisch. Das habe ich sehr früh gesagt und hätte mir dies auch vom Bund gewünscht, damit wir gemeinsam mit den Ländern und Kommunen früher in die Diskussion darüber hätten eintreten können, wie wir mit dieser Situation umgehen. Es darf kein erneutes Scheitern des OZG-Vorhabens geben! Deswegen brauchen wir realistische Ziele, die wir auch finanzieren können. Das betrifft alle, die daran beteiligt sind, aber vor allem Kommunen und Länder, die zum Teil noch einen erheblichen Nachholbedarf haben. Wir sollten jetzt nicht ein unrealistisches Ziel durch ein neues ersetzen.

Wie stehen Sie zum Einer-für-Alle (EfA)-Prinzip?

Das Einer-für-Alle-Prinzip hat viel Dynamik erzeugt, doch wenn man sich das Ergebnis anschaut, dann ist der Ertrag, also die Nachnutzung ganz konkreter Dienstleistungen, minimal. Die Quote fällt umso geringer aus, je kleiner eine Kommune ist. Es überrascht also wenig, dass das EfA-Prinzip bei der Freien und Hansestadt Hamburg mit dem Dienstleister Dataport offenbar gut funktioniert, während es in einer ganzen Reihe von Flächenstaaten deutlich weniger erfolgreich ist. Ich plädiere dafür, dass wir das EfA-Prinzip neu justieren und prüfen, ob solche Nachnutzungen technologisch, fiskalisch, rechtlich und organisatorisch sinnvoll sind oder nicht.

Man gewinnt den Eindruck, dass mit dem Scheitern des OZG die Länder an eigenen Lösungen und Verteilwegen sitzen. Macht jetzt wieder jeder seins?

Nein, der Eindruck täuscht. Wir brauchen den FIT-Store und auch die Möglichkeiten, die sich durch den Marktplatz von govdigital eröffnen. Die zentralen Dienstleister der einzelnen Länder werden künftig sehr viel stärker zusammenarbeiten. Damit Dienstleistungen jedoch einfach und umstandslos genutzt werden können, brauchen wir möglichst schnell leistungsfähige Cloud-Lösungen. Jede Dienstleistung in jeder Kommune eigenständig zu etablieren, wäre ein sehr mühsamer Weg. Nach fünf Jahren OZG wissen wir, dass die Verwaltungscloud ein absoluter Erfolgsfaktor ist. Gleichermaßen ist für mich wichtig, dass es eine Fokussierung gibt und die 575 Dienstleistungen ebenso wie die EfA-Leistungen priorisiert werden müssen. Was sind die 50 bis 60 Dienstleistungen, die 80 Prozent der Verwaltungsvorgänge ausmachen? Hierauf will ich mich in Berlin konzentrieren.

Können Sie uns schon etwas über das geplante OZG 2.0 sagen?

Es gibt noch keinen Referentenentwurf seitens des Bundes für die Fortführung des OZG. Im November findet eine Klausurtagung der CIOs von Bund und Ländern statt. Dort werden wir über die wesentlichen Inhalte sprechen. Mit Sicherheit wird es ein Nachfolgegesetz geben. Vor dem Hintergrund der finanziellen Handlungsmöglichkeiten, wenn die Bundesmittel auslaufen, wird die politische Verständigung mit den Kommunen wieder schwieriger. Darum werbe ich dafür, dass man eine bundesgesetzliche Vorgabe realistisch formuliert.

Interview: Helmut Merschmann




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik
Digitalstrategie SH 2026

Schleswig-Holstein: Digitalstrategie 2026 vorgestellt

[19.03.2026] Schleswig-Holstein hat seine neue Digitalstrategie beschlossen. Erstmalig waren zentrale Partner aus Kommunen und Zivilgesellschaft systematisch in den Strategieprozess eingebunden, um einen breiten gesellschaftlichen Ansatz zu ermöglichen. mehr...

Vier lächelnde Männer in Anzügen sitzen nebeneinander an einem Holztisch, vor sich Dokumente, hinter sich drei drapierte Flaggen (EU; BRD, Baden-Württemberg)

Baden-Württemberg: Gemeinsam schneller digital

[18.03.2026] In Baden-Württemberg haben Land und Kommunen eine neue – die inzwischen dritte – E-Government-Vereinbarung unterzeichnet. Das Land will den Roll-out von Verwaltungsleistungen in den Kommunen mit weiteren zehn Millionen Euro finanzieren. mehr...

Porträtaufnahme von Milen Starke.

Thüringen: Land unterstützt Kommunen intensiv

[17.03.2026] Ein neuer Prüfbericht des Thüringer Rechnungshofs sieht beträchtliche Defizite bei der OZG-Umsetzung und der Digitalisierung der kommunalen Verwaltung. In einer Stellungnahme erläutert das Digitalministerium, wie das Land Kommunen unterstützt. mehr...

Spielwürfel mit aufgedruckten Pfeilen weisen den Weg hin zu einem Würfel mit grünem Häkchen.
bericht

Verwaltungsdigitalisierung: Lehren für die Zukunft ziehen

[12.03.2026] In 25 Jahren Verwaltungsdigitalisierung mangelte es nicht an ehrgeizigen Zielen. Diese wurden aber trotz der nötigen finanziellen Ressourcen häufig verfehlt. Aus den Erfahrungen der Vergangenheit können Lehren für aktuelle Projekte gezogen werden. mehr...

Luftbild von Meschede

Hochsauerlandkreis: Weichenstellung für die Zukunft

[11.03.2026] Im Hochsauerlandkreis will ein neuer Ausschuss für Digitalisierung und Verwaltungsmodernisierung für Zukunftsfähigkeit sorgen. In der Auftaktsitzung befassten sich die Ausschussmitglieder intensiv mit dem aktuellen Stand der Verwaltungsdigitalisierung und dem Ausbau der Breitband- und Mobilfunkinfrastruktur. mehr...

Porträtaufnahme von Nikolaus Reisel.
interview

Digitalisierung: Wiens sozialer Auftrag

[10.03.2026] Technologie soll Freiheit schaffen – nicht einengen, sagt Nikolaus Reisel. Kommune21 sprach mit dem Head of Platform der Stadt Wien über digitalen Humanismus, offene Standards und den Einsatz von KI in der Verwaltung der österreichischen Hauptstadt. mehr...

Blick von hinten auf eine männliche Figur im Anzug, die in einem Tunnel aus Papieren steht, am Ende des Tunnels ist Licht.

Hessen: Standardbefreiung online beantragen

[09.03.2026] Hessens Kommunen sollen die Möglichkeit haben, neue Wege der Aufgabenerfüllung zu erproben. Die so genannte Standardbefreiung erlaubt es kommunalen Körperschaften, von landesrechtlichen Regelungen abzuweichen, um Abläufe zu modernisieren und Bürokratie abzubauen. Dazu gibt es jetzt einen unkomplizierten Online-Antrag. mehr...

Die Präsidenten von Deutscher Städtetag, Deutscher Landkreistag und Deutscher Städte- und Gemeindebund vor Mikrofonen

Spitzenverbände: Kommunale Handlungsfähigkeit sichern


[06.03.2026] Die kommunalen Spitzenverbände warnen vor der Handlungsunfähigkeit von Städten, Landkreisen und Gemeinden. Bund und Länder müssten dringend Maßnahmen ergreifen, sollen die kommunalen Haushalte nicht vollständig kollabieren. mehr...

NExT/DigitalService: Nachhaltige Verwaltungsmodernisierung

[05.03.2026] Eine gemeinsame Veröffentlichung von NExT und dem DigitalService des Bundes zeigt Wege zu einer wirksamen Verwaltungsdigitalisierung. Dabei wird deutlich: Nachhaltige Effekte und eine echte Digitalrendite entstehen vor allem durch die gezielte Modernisierung der Verwaltungsstrukturen. mehr...

Reihe von Autos, die in einer Straße parkt,, der Bildhintergrund ist unscharf.

DStGB: Praxisnaher Rahmen für Parkraumkontrolle

[02.03.2026] Die Kommunalen Spitzenverbände äußerten sich bei einer Anhörung im Bundestag zu geplanten Gesetzesänderungen, die auch die digitale Parkraumkontrolle betreffen. Sie fordern unter anderem eine praxisgerechte, flexible und technologieoffene Umsetzung ohne zusätzliche Bürokratie. mehr...

Drei offensichtlich gut gelaunte, lachende Männer in formaler Kleidung vor einem Tisch mit Dokumenten, warme Farbstimmung im Bild.

Hessen: Land und Kommunen gestalten Zukunft

[23.02.2026] In Hessen haben das Land und die Kommunalen Spitzenverbände den Zukunftspakt vereinbart, um die kommunale Selbstverwaltung zu stärken. Dies soll durch den Abbau bürokratischer Lasten, eine faire Finanzierung und engere Zusammenarbeit der Ebenen bei der Digitalisierung erreicht werden. mehr...

Porträtaufnahme von Milen Starke.
interview

Thüringen: Digitalisierung auf Kurs

[17.02.2026] Platz vier im Bundesvergleich, Vorreiter bei digitaler Souveränität und Open Source sowie klare Pläne für 2026 – was hinter den Zahlen steckt und wo Thüringen bewusst andere Wege geht, erläutert Landes-CIO Milen Starke im Interview. mehr...

Frankfurt am Main: Neues Transformation Office

[16.02.2026] In Frankfurt am Main übernimmt nun das Transformation Office die Steuerung der Digitalisierungsvorhaben in der Verwaltung. Wurden die Projekte bislang überwiegend dezentral realisiert, sollen diese fortan beim Transformation Office gebündelt und so effizienter und wirkungsvoller umgesetzt werden. Das Office arbeitet mit allen Ämtern der Stadt zusammen. mehr...

Zwei Personen unterzeichnen eine Absichtserklärung

Heidelberg / Hochschule Ludwigsburg: Theorie und Praxis verzahnen

[09.02.2026] Mit dem Ziel, die digitale Modernisierung der Verwaltung voranzutreiben, haben die Stadt Heidelberg und die Hochschule Ludwigsburg jetzt eine Kooperation vereinbart. Geplant sind regelmäßige gemeinsame Forschungsprojekte, aus denen sich Best-Practice-Beispiele auch für andere Kommunen ableiten lassen. mehr...

Wehende Flagge des Landes Schleswig-Holstein vor schwach bewölktem Himmel.

Schleswig-Holstein: Konsequent digital

[28.01.2026] Von Anlagengenehmigung bis zum Wohngeld: Schleswig-Holstein setzt den Roll-out von Onlinediensten und die Digitalisierung der Verwaltung weiter konsequent um. Ein landeseigenes Digitalisierungs-Dashboard soll die Fortschritte künftig visualisieren. mehr...