Mittwoch, 23. September 2026

Ostwestfalen-LippeAusfall mit Folgen

[16.01.2014] Ein Störfall in einer Vermittlungsstelle in Siegen im Januar 2013 hatte das digitale Leben im Siegerland lahmgelegt. Kommunen und IT-Dienstleister haben die Lektion verstanden und mit der Umsetzung erster Lösungen begonnen.
Das KRZ hat Lehren aus der Großstörung gezogen.

Das KRZ hat Lehren aus der Großstörung gezogen.

(Bildquelle: KRZ)

Knapp ein Jahr ist es her, dass in Siegen die komplette Telekommunikation aufgrund eines Brandes in einer Vermittlungsstelle zusammenbrach. Die öffentliche Aufregung hat sich gelegt, aber hinter den Kulissen wird eifrig weiter diskutiert. Und es bleibt nicht beim reinen Meinungsaustausch. Erste Konsequenzen werden bereits sichtbar, etwa durch den Neuaufbau des redundanten OWL-Netzes, das seit Mitte des vergangenen Jahres die Standorte Bielefeld, Gütersloh, Lemgo und Paderborn inklusive einer auch trassenmäßig gesonderten Backup-Lösung verbindet. Es bedurfte dazu intensiver Verhandlungen mit den beteiligten Telekommunikationsunternehmen.
Unmittelbar nach der Großstörung in Siegen – die unter anderem die Datenkommunikation vollständig lahmlegte – wurde den betroffenen Kollegen im kommunalen Rechenzentrum in Siegen vom Kommunalen Rechenzentrum Minden-Ravensberg/Lippe (KRZ) Hilfe angeboten. Diese musste nicht in Anspruch genommen werden, aber das Thema elektrisierte weiter. Das interne Notfall-Management in Lemgo hatte sich sofort intensiv mit dem Vorfall beschäftigt, Szenarien wurden durchgespielt und vor allem wurde geprüft, ob und wie im Störungsfall ein gemeinsames Backup sichergestellt werden kann – für kommunale und landeseigene Netze, für den Datenverkehr beim Katastrophenschutz und bei den Leitstellen sowie bei der Polizei.
Auf Initiative des KRZ trafen sich bereits im Mai alle kommunalen Service-Provider in Ostwestfalen-Lippe (OWL) gemeinsam mit den Verantwortlichen des Katastrophenschutzes im Regierungsbezirk Detmold und ließen sich aus erster Hand von den Kollegen aus Siegen sowie vom betroffenen Telekommunikationsunternehmen informieren. Auch Fachleute aus dem Regierungspräsidium nahmen an diesem Workshop teil. Abschließend wurde das KRZ damit beauftragt, die nächsten Schritte einzuleiten. Das KRZ-Forum 2013 Mitte Juni informierte dann insbesondere die politischen Verantwortungsträger ausführlich über die Brisanz des Themas. Wieder wurde anhand der konkreten Situation berichtet und der Landrat des Kreises Herford, Christian Manz, der auch KRZ-Verbandsvorsteher ist, appellierte an alle Beteiligten, schnell und umfassend Veränderungen einzuleiten. „Wir müssen nicht warten, bis so etwas bei uns passiert. Wir müssen jetzt handeln.“

Neuaufbau des OWL-Netzes

Im ersten Schritt wurde das OWL-Netz neu konzipiert. Zumindest nach der Vertragslage stehen nun zwei physikalisch vollkommen getrennte Netze zur Verfügung. Gleichzeitig beschäftigt das Notfall-Management aber auch die Frage nach der energetischen Versorgung im Schadensfall. Hier besteht noch massiver Handlungsbedarf. Natürlich hat das KRZ an seinen beiden Rechenzentrumsstandorten sowohl USV-Anlagen (Unterbrechungsfreie Stromversorgung) wie auch Notstromaggregate, aber was nützt eine funktionierende Rechenzentrumsinfrastruktur, wenn die Kreis- und Rathäuser wegen Stromausfall auf den Datenstrecken nicht erreichbar sind?
Die zwingend notwendige Entscheidung, aktuell durch den IT-Planungsrat eine ganzheitliche IT-Sicherheitsrichtlinie für alle Ebenen der öffentlichen Datenverarbeitung verbindlich in Kraft zu setzen und die unhaltbare Unterscheidung zwischen bundeseigener, länderspezifischer und kommunaler IT damit sicherheitstechnisch zu beenden, ist auch vor dem Hintergrund der Erkenntnisse vom Januar 2013 konsequent. Für das KRZ in Lemgo – aber auch überall in der Republik – kommt es in den nächsten Monaten darauf an, die Weichen auf allen Ebenen richtig zu stellen – sowohl in der IT hinsichtlich Verfügbarkeit wie in der krisenfesten Stromversorgung im Katastrophenfall.
Bereits vor dem Siegener GAU wurde der Entschluss gefasst, durch die Errichtung eines weiteren Standorts in Lemgo die Kapazität der Rechenzentrumsinfrastruktur auszuweiten. Zusammen mit der Einrichtung zahlreicher zusätzlicher Arbeitsplätze, bedingt durch das stark wachsende Servicegeschäft sowohl für die aktuell 37 Träger wie auch für weitere rund 600 Vertragskunden aus dem kommunalen Bereich, wurde die Chance ergriffen, am neuen Standort in der Kernstadt die technische Infrastruktur zusätzlich zum bisherigen Schwerpunkt auf dem Campus am Schloss Brake komplett neu aufzustellen: Doppelte Anbindung an unterschiedliche Vermittlungsstellen, Aufbau redundanter Lichtleiterverbindungen und eine vom BSI zu zertifizierende IT-Sicherheitskonformität sind dabei selbstverständlich. Zudem stellt sich die Frage, wie das KRZ auf Dauer auch in den Rat- und Kreishäusern „seine“ Leistungen im Krisenfall bereitstellen kann. Dazu gehört einerseits die Antwort auf Situationen, was vor Ort passiert, wenn der lokale Energieversorger zeitweise ausfällt und damit die Energieversorgung zusammenbricht. Andererseits müssen aber auch Antworten hinsichtlich der Bereitstellung von krisenfester Tele- und Datenkommunikation gefunden werden.

Rekommunalisierung der Netzinfrastruktur

In den zurückliegenden Monaten hat sich in Ostwestfalen-Lippe eine neue, stark kommunal geprägte Netzinfrastruktur der Versorgungsbetriebe herausgebildet. Diese Rekommunalisierung eröffnet neue Chancen, kritische Infrastrukturen redundant bereitzustellen. Die Diskussion hat begonnen und man ist zuversichtlich, hier in überschaubarer Zukunft zu gemeinsamen, kostengünstigen und handhabbaren Lösungen zu kommen. Die gemeinsame Eigentümerschaft der hiesigen Kommunen sowohl am Zweckverband wie auch beim Netzbetreiber sind dafür gute Voraussetzungen. Darüber hinaus gibt es erste Überlegungen, die Energieversorgung des KRZ aus der Rolle des reinen Empfängers dahingehend zu verändern, selbst liefernder Partner des lokalen Versorgers zu werden. Der Neubau eröffnet dazu alle Chancen. Das Stichwort lautet hier: Blockheizkraftwerk. Noch sind die Überlegungen nicht abgeschlossen, aber die Beteiligten rechnen in jedem Fall bereits.
IT-Sicherheit nach bundesweitem Standard für alle Verwaltungsebenen sowie die Nutzung krisenfester Infrastrukturen sowohl im energetischen wie im Tele- und Datenkommunikationsbereich sind Themen, denen auch weiterhin intensiv nachgegangen wird. Insoweit war Siegen der rechtzeitige Schuss vor den Bug.

Reinhold Harnisch ist Geschäftsführer des Kommunalen Rechenzentrums Minden-Ravensberg/Lippe (KRZ) und stellvertretender Bundesvorsitzender von Vitako.




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: IT-Sicherheit

Advertorial: Entlastung in der IT-Sicherheit für den öffentlichen Sektor

[22.09.2026] Die Digitalisierung von Prozessen und Angeboten macht Kommunen und Behörden effizienter und zukunftsfähig. Erschwert wird dieses Mammutprojekt durch immense Cyberbedrohungen und die Frage nach technologischen Abhängigkeiten und Datenhoheit. Gefragt sind Security-Lösungen, die nicht nur durch ein hohes Sicherheitsniveau überzeugen, sondern transparent und unabhängig sind und wenig Aufwand erzeugen. mehr...

it-sa 2026: NCP zeigt deutsche Zero-Trust-Lösung

[21.09.2026] Auf der IT-Sicherheitsmesse it-sa 2026 in Nürnberg stellt das Unternehmen NCP engineering erstmals eine in Deutschland entwickelte Zero-Trust-Lösung vor. Darüber hinaus zeigt das Unternehmen Lösungen für sicheren Remote Access und mobiles Arbeiten in sicherheitskritischen Bereichen. mehr...

Cyber-Kriminalität: Die Gefährdungslage verschärft sich aktuell dramatisch.

Baden-Württemberg: Mehr Cyber-Angriffe auf Kommunen

[14.09.2026] Die Cybersicherheitsagentur Baden-Württemberg (CSBW) verzeichnet für 2025 eine deutlich gestiegene Zahl von Sicherheitsvorfällen. Besonders betroffen waren Kommunen und Hochschulen. Bei Landkreisen, Städten und Gemeinden sowie kommunalen Unternehmen nahm die Zahl der erfassten Fälle um fast 50 Prozent zu. mehr...

Blick in den leeren Tagungsraum im Kreishaus Lüdenscheid (Märkischer Kreis).

Märkischer Kreis: IT-Sicherheit bleibt Daueraufgabe

[08.09.2026] Der Märkische Kreis plant für dieses und das folgende Jahr weitere Maßnahmen zum Schutz seiner IT. Vorgesehen sind ein Notfallhandbuch, ein neues Konzept für gesicherte Fernzugänge sowie interne und externe Prüfungen der Server. mehr...

Kommunix: Informationssicherheitsvorfall bei TEVIS-Online

[02.09.2026] Kommunix untersucht einen Cyber-Angriff auf die Hosting-Infrastruktur von TEVIS-Online. Zwei Kundeninstanzen waren von Angreiferaktivitäten betroffen, inzwischen wurde ein Abfluss personenbezogener Daten ausgeschlossen. mehr...

Fraunhofer SIT: Leitfaden zur Umstellung auf Post-Quanten-Kryptografie

[26.08.2026] Ein neuer Leitfaden soll Kommunen und Behörden bei der Umstellung auf Post-Quanten-Kryptografie unterstützen. Er zeigt, wie sich bestehende IT-Systeme erfassen, Risiken bewerten und neue Beschaffungen auf quantensichere Verfahren ausrichten lassen. mehr...

bericht

Cyber-Sicherheit: KI ist Segen und Fluch

[06.08.2026] Für Verwaltungen ist KI Segen und Fluch zugleich. Einerseits soll sie den Fachkräftemangel kompensieren und Bürgerservices beschleunigen, andererseits wird sie für Cyber-Angriffe genutzt. Oft fehlt eine IT-Infrastruktur, die KI und Cyber-Abwehr verbindet. mehr...

Person mit neongelbem Regenzeug von hinten, auf dem Rücken steht in schwarzer Schrift: Security

Niedersachsen: IT-Sicherheitszentrum für Kommunen

[28.07.2026] Niedersachsen stärkt den Cyberschutz seiner Verwaltung mit zwei Bausteinen: Das Land investiert in Lizenzen für den KI-gestützten Schutzschirm Aegis und lässt von fünf kommunalen IT-Dienstleistern ein gemeinsames IT-Sicherheitszentrum aufbauen, das Kommunen unterstützen soll. mehr...

Leipzig: Cyber-Angriff auf IT-Dienstleister Lecos

[23.07.2026] Ein Cyber-Angriff auf den Leipziger IT-Dienstleister Lecos wurde frühzeitig erkannt und gestoppt. Die Stadt und Lecos selbst setzen auf transparente Kommunikation und teilten mit, dass lediglich dienstliche Kontakt- und technische Verzeichnisdaten abgeflossen seien. Die IT-forensischen Untersuchungen dauern an. mehr...

Gruppenfoto vor deutscher und estnischer Flagge.

Bonn/Estland: Von den Besten lernen

[21.07.2026] Estland gilt europaweit als Vorreiter für digitale Innovation und Cyber-Sicherheit. Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis wollen die Zusammenarbeit mit dem baltischen Staat ausbauen und dabei insbesondere den geplanten Cyber Campus Region Bonn voranbringen. mehr...

Miniatur-Rettungsring auf einer Tastatur

ITEBO: Auch im Ernstfall arbeiten können

[16.07.2026] Um den Verwaltungsbetrieb auch im Krisenfall aufrechthalten zu können, sollten Kommunen einen vorbereiteten Notfallarbeitsplatz vorhalten. Eine solche Lösung bietet unter anderem ITEBO an. mehr...

Illustration zum Thema Cybersicherheit: Im Vordergrund sitzt eine dunkel gekleidete Person mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze vor einem Laptop. Im Hintergrund sind schemenhafte Silhouetten von Menschen zu sehen, die miteinander sprechen oder arbeiten. Überlagerte digitale Elemente und eine angedeutete Stadtlandschaft in Blau- und Grautönen vermitteln den Eindruck einer vernetzten digitalen Welt und symbolisieren die Bedrohung durch Cyberangriffe auf Organisationen und Verwaltungen.
bericht

Komm.ONE: Cyber-Sicherheit wird zur Daueraufgabe

[29.06.2026] Der IT-Dienstleister Komm.ONE warnt beim Cybersicherheitstag 2026 vor zunehmender Professionalisierung der Angreifer. Prävention, Zusammenarbeit und Künstliche Intelligenz gewinnen an Bedeutung. mehr...

Bild in Blautönen: Junger Mann in Office-Umgebung stützt Kopf in Hand, un ihn herum eingeblendet Icons für Dokumente und Daten und Vernetzung

CSBW: Neues Handbuch für IT-Notfälle

[23.06.2026] Für Verwaltungen bestehen jederzeit Risiken für Sicherheitsvorfälle und Datenschutzverletzungen – mit möglichen schweren Folgen. Die Cybersicherheitsagentur Baden-Württemberg unterstützt Land und Kommunen mit neuen Angeboten, ein belastbares Informationssicherheits-Managementsystem aufzubauen. mehr...

Etwas düster wirkende Bühne mit der obligaten Großprojektion, davor Personen in förmlicher Business-Kleidung in Gruppenfopto-Aufstellung

BSI/NExT: Drei Projekte für mehr Sicherheit

[22.06.2026] Den InfoSec Impact Award von BSI und NExT erhielten drei herausragende IT-Sicherheitslösungen aus dem Public Sector, die sich mit Software-Lieferketten, Cyber-Trainings und interkommunaler Zusammenarbeit befassen. Die Projekte werden als Best Practices veröffentlicht und der Fachöffentlichkeit vorgestellt. mehr...

Im Homeoffice für Cyber-Sicherheit sensibilisieren.

Schleswig-Holstein: Maßnahmenpaket für Cyber-Sicherheit

[01.06.2026] Schleswig-Holstein baut die Cyber-Sicherheit für Land und Kommunen aus. Zum Schutzschirm gehören unter anderem ein erweitertes Schwachstellenmanagement, mobile IT für Krisenlagen und Vor-Ort-Supportteams. Digitale souveräne Arbeitsplätze und IT-Infrastruktur sichern Behörden weiter ab. mehr...