BitkomEltern fordern schnellere Digitalisierung

Ein Großteil der Eltern hadert mit der langsam voranschreitenden Digitalisierung an deutschen Schulen.
(Bildquelle: Bitkom Research 2021)
Mehr Tempo wagen, Investitionen erhöhen und Kompetenzen stärken: Wenn es nach den Eltern schulpflichtiger Kinder geht, muss die Digitalisierung der Schulen beschleunigt werden. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung des Digitalverbands Bitkom von etwa 1.000 Eltern mit mindestens einem Kind im Alter von 6 bis 18 Jahren im eigenen Haushalt. Demnach geht drei von vier Eltern (77 Prozent) die Digitalisierung der Schulen zu langsam – für vier von zehn (40 Prozent) sogar viel zu langsam. Der Digitalisierung steht die große Mehrheit grundsätzlich positiv gegenüber. 85 Prozent beurteilen sie als Chance für die Schulen. Demgegenüber sehen nur 10 Prozent darin ein Risiko. Beim Blick auf die Schulen ihrer Kinder sehen die meisten Eltern laut Studie großen Nachholbedarf. Acht von zehn (83 Prozent) sind der Meinung, dass verstärkt in die IT und Ausstattung mit digitalen Endgeräten investiert werden sollte. Der Status quo wird als nur mittelmäßig benotet.
Mehr Zentralisierung gewünscht
Die Eltern vergeben für die Ausstattung mit digitalen Endgeräten auf der Schulnotenskala im Durchschnitt eine 3- (3,4 – „befriedigend“), informiert der Bitkom. Ebenfalls „befriedigend“ (3,2) laute das Urteil zur Verfügbarkeit eines Internet-Zugangs. Jeweils mit einer 4+ („ausreichend“) seien die Schulen demnach bei der Verfügbarkeit von WLAN in Klassenräumen (3,5), dem Zustand der digitalen Endgeräte (3,6) und der Hilfe bei IT-Problemen (3,6) bewertet worden. Von der Politik fordern Eltern mehr Zentralisierung. Acht von zehn (78 Prozent) sehen den Föderalismus als Bremsklotz für die Digitalisierung der Schulen. Sieben von zehn (69 Prozent) befürworten, dass der Bund mehr Entscheidungskompetenzen in der Bildungspolitik haben sollte. „Die Eltern zeichnen ein eher ernüchterndes Bild von der Digitalisierung der Schulen und erwarten, dass das Tempo angezogen wird. Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung in vielen Bereichen massiv beschleunigt, und diese Beschleunigung brauchen wir auch in den Schulen“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. „Eltern von Schulkindern sind in der Corona-Pandemie ohnehin mehrfach belastet. Funktioniert der digitale Unterricht nicht, müssen Eltern neben allem anderen auch noch Hilfslehrkräfte spielen.“
Digitales Lernen ist Standard
Dabei ist digitales Lernen in den meisten Haushalten Standard, ergibt die Studie. In acht von zehn Elternhäusern (78 Prozent) benutzen Kinder demnach täglich ein digitales Endgerät im Zusammenhang mit dem Lernen oder der Vorbereitung für die Schule. Bei weiteren 16 Prozent werde zwar grundsätzlich auch digital gelernt, aber nicht täglich. Vier Prozent der Eltern geben an, dass gar nicht mit digitalen Endgeräten gelernt wird. Die durchschnittliche Bildschirmlernzeit betrage vier Stunden und 20 Minuten täglich. Die Bandbreite zwischen intensiver und geringer Nutzung sei allerdings groß: In jedem vierten Elternhaus (26 Prozent) mit Kindern, die ein digitales Endgerät für die Schule nutzen, betrage die tägliche Nutzungszeit sechs Stunden und mehr pro Kind, bei drei von zehn (29 Prozent) seien es fünf bis weniger als sechs Stunden und bei neun Prozent vier bis weniger als fünf Stunden.
Durchschnittliche Bildschirmlernzeit
Bei 34 Prozent seien es eine bis weniger als vier Stunden und bei drei Prozent weniger als eine Stunde. „Die durchschnittliche Bildschirmlernzeit kommt mit mehr als vier Zeitstunden ziemlich nah an die Dauer eines klassischen Unterrichtstages im Klassenzimmer heran. Wenn die Qualität des digitalen Lernangebots stimmt, lassen sich Wissenslücken aufgrund von Schulschließungen weitgehend vermeiden“, sagt Rohleder.
In zwei von drei Elternhäusern (63 Prozent) steht den Schülerinnen und Schülern ein eigenes digitales Endgerät zur Verfügung, zeigt die Umfrage. In jedem fünften Elternhaus (20 Prozent) könnten Kinder ein Gerät der Eltern nutzen. In sieben Prozent der Elternhäuser teilen sich mehrere Kinder ein eigenes Gerät. In vier Prozent der Elternhäuser werde ein von der Schule gestelltes Gerät genutzt. Als Gerätekategorie seien Notebooks besonders populär, die in zwei von drei Haushalten (65 Prozent) für Schulaufgaben zum Einsatz kommen.
Klassische analoge Angebote
Während coronabedingter Schulschließungen haben digitale Unterrichtsangebote neun von zehn Elternhäuser (91 Prozent) erreicht. Dazu zählen Videokonferenzen (83 Prozent), Online-Präsenzunterricht (77 Prozent) und Lernplattformen (65 Prozent). Aber auch mit klassisch analogen Angeboten hätten viele Eltern Erfahrungen gemacht. Die Hälfte (48 Prozent) berichte von einer telefonischen Ansprache durch die Lehrkräfte. Jedes dritte Elternhaus (36 Prozent) habe den Fall gehabt, dass Aufgaben oder Dokumente aus der Schule abgeholt werden mussten. Bei acht Prozent seien Unterrichtsmaterialien per Post zugesandt worden. Spezielle Apps zum mobilen und individuellen Lernen seien demgegenüber noch kein Standard, würden aber immerhin in 44 Prozent der Elternhäuser zum Einsatz kommen. Nur vier Prozent der Eltern sagen laut Studie, dass Lehrkräfte solche Apps an allen Unterrichtstagen einsetzen. Bei 28 Prozent sei es regelmäßig, aber nicht an allen Unterrichtstagen. Bei 30 Prozent würden Lern-Apps nur in Ausnahmefällen und bei 29 Prozent nie eingesetzt. Rohleder führt aus: „Digitales Lernen bietet auch losgelöst von der Corona-Situation viele Vorteile und kann Schülerinnen und Schüler zusätzlich motivieren und die Lernerfolge steigern. Adaptive Lern-Apps stellen sich genau auf den individuellen Lernfortschritt ein und liefern passende Inhalte.“
Traditionelle Kommunikationsmittel
Wenn Lehrerinnen und Lehrer mit Eltern in Kontakt treten, geschieht dies überwiegend über traditionelle Kommunikationsmittel, berichtet der Bitkom. Sieben von zehn Eltern (71 Prozent) stehen per E-Mail mit Lehrkräften in Kontakt. Gut die Hälfte (54 Prozent) greifen dafür zum Telefonhörer. Erst dahinter rangieren neuere digitale Kommunikationsmittel wie eine schulinterne Online-Plattform (38 Prozent), Messenger (29 Prozent), soziale Netzwerke (17 Prozent) und Videotelefonie (9 Prozent), so die Studie. Bei den Messengern werde überwiegend auf WhatsApp gesetzt: 25 Prozent der Lehrkräfte nutzen für den Elternkontakt WhatsApp, 4 Prozent nutzen andere Messenger. Bei zwei Prozent werde noch über das Hausaufgabenheft kommuniziert. „Digitale Technologien sind den klassischen Kommunikationsmitteln in vielerlei Hinsicht überlegen. Speziell auf die Bedürfnisse des Schulalltags zugeschnittene Anwendungen wie Lernplattformen können den Austausch zwischen Lehrkräften und Eltern stark vereinfachen und effektiver gestalten“, sagt Rohleder.
Probleme mit der WLAN-Verbindung
Beim Homeschooling musste die weit überwiegende Mehrheit der Eltern Erfahrungen mit technischen und anderen Problemen machen, zeigt die Umfrage des Digitalverbands. Sieben von zehn (71 Prozent) hätten den Fall gehabt, dass die Lernplattform nicht erreichbar war. Vier von zehn (42 Prozent) hätten Probleme mit der häuslichen WLAN-Verbindung gehabt. Drei von zehn (31 Prozent) berichten von Problemen mit Software oder Apps, die nicht funktionierten. 28 Prozent klagen über eine unzureichende Bandbreite des heimischen Internet-Anschlusses. In jedem achten Haushalt (12 Prozent) fehle es an Geräten, damit jedes Kind flexibel lernen kann. In jedem neunten (11 Prozent) hätte das Kind nicht am Online-Unterricht teilnehmen wollen. Nur sieben Prozent der Eltern hätten beim Homeschooling keines dieser Probleme gehabt. „Die auftretenden Probleme beim Ausrollen von Lernplattformen und der Verzicht auf den Einsatz bewährter Technologien haben das Homeschooling in den vergangenen Monaten ausgebremst“, erklärt Rohleder. „Ein Hemmnis ist der fehlende Pragmatismus beim Datenschutz. Weltweit führende IT-Unternehmen investieren seit Jahren dreistellige Millionenbeträge in Systeme für die mobile Zusammenarbeit – und das lässt sich nicht einfach so nachbauen. In der Pandemie sollten marktübliche und leistungsfähige Systeme auch den Schulen zugänglich gemacht werden. Außerdem sollte der föderale Flickenteppich an Lernplattformen und -angeboten nun zügig in einer Nationalen Bildungsplattform gebündelt werden.“
Digitale Medien integriert
In der Corona-Krise hat sich in Bezug auf die Digitalisierung der Schulen allerdings auch viel bewegt. Jeweils mehr als acht von zehn Eltern berichten in der Umfrage, dass die Schüler nun Zugang zu einer zentralen Lernplattform haben (86 Prozent) und dass neuerdings ein Videokonferenz-Tool für den Fernunterricht genutzt wird (84 Prozent). Auf der technischen Ebene werde zudem von zusätzlich angeschafften Endgeräten an den Schulen (25 Prozent), der Bereitstellung eines IT-Supports bei technischen Problemen durch die Schule (25 Prozent) und der Ausstattung der Lehrkräfte mit digitalen Endgeräten (23 Prozent) berichtet. Auch inhaltlich entwickle sich der Unterrichtsalltag im Zuge der Pandemie weiter: 56 Prozent der Eltern geben an, dass die Schülerinnen und Schüler jetzt Dokumente in digitaler Form gemeinsam bearbeiten. Und 51 Prozent sagen laut Studie, dass die Lehrkräfte mittlerweile wissen, wie sie digitale Medien pädagogisch in den Unterricht integrieren.
Homeschooling bis zu den Sommerferien
Die Digitalisierung der Schulen sollte nach Ansicht der großen Mehrheit der Eltern weiter entschieden vorangetrieben werden. Nahezu alle (96 Prozent) meinen nach Angaben des Bitkom, dass der Einsatz digitaler Technologien und Medien an allen Schulen Standard sein sollte. Neun von zehn (88 Prozent) seien überzeugt, dass jeder Schule eine Lernplattform zur Verfügung stehen sollte. Acht von zehn (80 Prozent) wollen jede Schule in die Lage versetzt wissen, alle Schülerinnen und Schüler bis zu den Sommerferien per Homeschooling zu unterrichten. Homeschooling bis zum Ende der Pandemie zum neuen Normalzustand zu machen, befürworten 28 Prozent der Eltern. Und ein gutes Fünftel (22 Prozent) will, dass auch nach der Pandemie der Unterricht zumindest teilweise per Homeschooling stattfindet.
Mehr digitale Akzente
Auch bei den Unterrichtsinhalten sollten nach Ansicht der meisten Eltern mehr digitale Akzente gesetzt werden. Auf der Wunschliste ganz oben stehen verpflichtende regelmäßige Fortbildungen zu digitalem Unterricht für Lehrkräfte (95 Prozent). Neun von zehn Eltern (92 Prozent) fordern, dass digitale Kompetenzen im Schulunterricht einen höheren Stellenwert genießen sollten. Acht von zehn (83 Prozent) seien der Ansicht, dass Schulen den Kindern die Fähigkeit vermitteln sollten, sich sicher in sozialen Netzwerken und im Internet zu bewegen. Und fast ebenso viele (79 Prozent) wünschen sich, dass Informatik ab der fünften Klasse ein allgemeines Pflichtfach wird. Rohleder: „In der Corona-Pandemie wurde allgemein verstanden, dass digitale Technologien und Kompetenzen ein unverzichtbares Muss für alle sind.“
20 weitere Smart Schools ausgezeichnet
In Deutschland machen sich immer mehr Schulen mit Erfolg auf den Weg in die digitale Zukunft. Die besten unter ihnen zeichnet der Bitkom laut eigener Angabe jedes Jahr als Smart School aus (#link+35038+wir berichteten#link-). Smart Schools sind digitale Vorreiterschulen und stützen sich auf drei Säulen: Digitale Infrastruktur, digitale pädagogische Konzepte und Lehrinhalte sowie digitalkompetente, entsprechend qualifizierte Lehrkräfte. 2021 wurden 20 weitere Schulen in neun Bundesländern ausgezeichnet – von Grundschulen über Gesamtschulen und Gymnasien bis hin zur Berufsschule. Darunter sind beispielsweise das Otto-Hahn-Gymnasium Böblingen in Baden-Württemberg, die Fichtelgebirgsrealschule Marktredwitz in Bayern, die BEST-Sabel Grundschule Mahlsdorf in Berlin oder die Grace-Hopper-Gesamtschule Teltow in Brandenburg, informiert der Digitalverband. Das Netzwerk umfasse damit nun 81 Standorte, die als Smart School ausgezeichnet wurden.
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