Freitag, 7. August 2026

E-PartizipationHören und gehört werden

[15.05.2012] Baden-Württemberg will zum Musterland für Bürgerbeteiligung werden. Mit umfangreichen Maßnahmen sollen das aktive Zuhören und Aufnehmen der Vorschläge sowie mehr Systematik und Verbindlichkeit für Bürgerideen im Bewusstsein verankert werden.
Baden-Württemberg: Bürgergesellschaft in Netz und Netzwerk denken.

Baden-Württemberg: Bürgergesellschaft in Netz und Netzwerk denken.

Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid (l.) und Ministerpräsident Winfried Kretschmann

(Bildquelle: Staatsministerium Baden-Württemberg)

Die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg hat sich Bürgerbeteiligung von Anfang an auf die Fahnen geschrieben und im Regierungsprogramm verankert. Ministerpräsident Winfried Kretschmann spricht in diesem Zusammenhang gerne von einer Politik des Gehörtwerdens als Leitidee. Grundlegende Elemente einer solchen Politik sind das aktive Zuhören und Aufnehmen der Vorschläge sowie mehr Systematik und Verbindlichkeit für Bürgerideen. Hierfür wurde das Amt der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung geschaffen, die gleichberechtigt mit den Ministern am Kabinettstisch sitzt.

Projekte für mehr Bürgerbeteiligung

Um eine breite Beteiligung zu erreichen, wurden mehrere Projekte entwickelt. Eines ist die Schaffung einer „Allianz für Beteiligung“. Als unabhängiges, selbsttragendes und landesweites Netzwerk soll diese dazu beitragen, das Thema Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft im Land zu verankern. Das Besondere an der Allianz ist, dass sie wie ein intelligenter Schwarm immer mehr Akteure auf dem Weg zur Bürgergesellschaft mitnehmen und unterstützen soll und zwar weitgehend staatlich unabhängig. Hier engagieren sich Akteure, die das Gemeinwesen über das ehrenamtliche Engagement hinaus erfolgreich gestalten – sei es im Bereich Energiewende, neue Mobilität oder Demografie, Stiftungen, Kommunalverbände, Eigeninitiativen oder Unternehmen. Eine zentrale Frage dabei wird sein, wie zukünftig auch benachteiligte Gruppen und Milieus gesellschaftlich stärker beteiligt werden können. Dazu müssen neue Wege beschritten werden. So führt die Landesregierung regelmäßig Besuche in verschiedenen Kommunen durch, um Einblicke zu bekommen und in einen direkten Dialog treten zu können. Außerdem werden regelmäßig verschiedene Gruppierungen zu Kamingesprächen ins Staatsministerium eingeladen, um zuzuhören und nach Möglichkeiten für mehr Beteiligung zu suchen.

Gesetzliche Hürden abbauen

Wegweisende Vorarbeit beim Thema Beteiligung haben die kommunalen Spitzenverbände wie der Städtetag oder das Themenheft des Gemeindetages mit vielen gelungenen Beispielen geleistet. Das Rad der Beteiligung muss nicht gänzlich neu erfunden werden, es gilt vielmehr, enger zusammenzurücken und klarer zu kommunizieren, was der Einzelne mitbringt.
Die Reformen des Gesetzgebungsprozesses zu direkter Demokratie und anderer demokratischer Rechte sind Dreh- und Angelpunkt, wenn es um die Stärkung der Bürgerbeteiligung geht. Ziel ist es, die Hürden beim Volksbegehren deutlich abzubauen. Neben der Veränderung von gesetzlichen Rahmenbedingungen im Bereich Wahlrecht und direkter Demokratie wird die Landesregierung auch informelle Verfahren ausbauen. Auf kommunaler Ebene liegen diese allerdings ausschließlich in der Verantwortung der Kommunen. Die Landesregierung begrüßt deshalb die intensiven Bemühungen des Landkreis-, Städte- und- Gemeindetages, Bürgerbeteiligung in das Verwaltungshandeln zu integrieren. Es ist geplant, die Gemeindeordnung so zu verändern, dass Bürgerbeteiligungsverfahren einfacher möglich sind.

Landesregierung im Dialog

Begleitend und mit eigenen Initiativen ist die Landesregierung in die Bürgerbeteiligung und den Dialog zu Stuttgart 21 involviert. Die Stabsstelle im Staatsministerium begleitet konstant verschiedene Prozesse rund um das Bahnprojekt. So ist das Land im BürgerFORUM der Stadt Stuttgart vertreten. Des Weiteren werden die Partner des Bahnprojekts Stuttgart 21 die Öffentlichkeit im Rahmen eines Dia-logforums in die weitere Planung auf den Fildern einbeziehen. Der Filder-Dialog soll das formelle Planfeststellungsverfahren unterstützen und Bürgern die Möglichkeit eröffnen, alternative Vorschläge in die bisherige Planung einzubringen.

Hilfestellung für Kommunen

Ein weiterer Schwerpunkt ist der im Koalitionsvertrag formulierte Auftrag zur Erstellung eines Leitfadens für eine neue Planungs- und Beteiligungskultur. Angestrebt wird, den Landesbehörden eine praktische Anleitung für die Durchführung von Beteiligungsverfahren an die Hand zu geben. Im Zentrum der Beteiligung wird ein frühzeitiger Informations- und Meinungsaustausch mit den Bürgern stehen. Mit Verwaltungs- und Beteiligungsexperten sollen dafür geeignete Dialogverfahren vorgeschlagen und gegebenenfalls unabhängige Moderatoren hinzugezogen werden.
Um eine Politik der Bürgerbeteiligung langfristig zu verankern, müssen auch neue Schwerpunkte bei der Aus- und Weiterbildung der Beamten gesetzt werden. Auf Anregung der Stabsstelle entwickelt die BW-Stiftung ein Programm für Beteiligungslotsen in Kommunen. Die Verwaltungsakademien haben in Absprache mit der Stabsstelle begonnen, Weiterbildungen zu Mediation anzubieten. Die Curricula von Führungsakademie und Verwaltungshochschulen sollen in Kooperation mit der Wirtschaft um den Schwerpunkt Bürgerbeteiligung ergänzt werden. Zudem gibt es eine Ausbildung von Moderatoren für Bürgerräte (Vorarlberger Modell) durch die Evangelische Akademie Bad Boll.
Darüber hinaus wurde von der grün-roten Landesregierung ein Kabinettsausschuss für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung einberufen, der als beratendes und vorbereitendes Gremium für Richtlinienfragen zum ressortübergreifenden Austausch und zur Gewährleistung der Koordinierung des Themas dient. Versucht wird auch, über die Grenzen hinaus zu schauen und Baden-Württemberg als international anerkannten Akteur in den Beteiligungsdiskurs einzubringen. So haben sich das Land Baden-Württemberg und der Schweizer Kanton Aargau auf einen verstärkten Austausch zu Fragen der direkten Demokratie und Beteiligung verständigt.

Bürgerbeteiligung via Internet

Die vergangenen Jahre und Ereignisse haben gezeigt, dass auch mehr Transparenz und Beteiligung im Internet erforderlich sind. Das Web ermöglicht eine stärkere Beteiligung der Bürger in Richtung einer Politik des Gehörtwerdens. Um diesen Anspruch umzusetzen, wird eine Online-Bürgerbeteiligungsplattform der Landesregierung entwickelt, die bis Winter 2012 starten soll.
Das Ziel der Transparenz soll durch einen Ausbau der bisherigen Aktivitäten Baden-Württembergs im Bereich E-Government und digitaler Demokratie erreicht werden. In einem umfassenden Informationsfreiheitsgesetz sollen gesetzliche Regelungen geschaffen werden, damit die Bürger unter Beachtung des Datenschutzes grundsätzlich freien Zugang zu den bei den öffentlichen Verwaltungen vorhandenen Informationen haben. Zu diesem Zweck wird die im Sommer 2012 anstehende Evaluation des Bundesinformationsgesetzes ausgewertet, um dann einen baden-württembergischen Ansatz, ein Informationsfreiheitsgesetz der zweiten Generation, zu erarbeiten.
Die Prinzipien Frühzeitigkeit, hohe Transparenz, Offenheit für Alternativen, breite Information und Einbeziehung stummer Gruppen betreffen auch die Zugänglichkeit zu Daten. Ein Open-Data-Portal ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg des Landes zu einer Bürgergesellschaft. Das Innenministerium arbeitet an der Weiterentwicklung der Plattform service-bw. Der Prototyp eines Open-Data-Portals Baden-Württemberg wurde auf der CeBIT freigeschaltet. Die Beteiligungsplattform und der Prototyp, der bereits in vorbildlicher Weise Daten bürgernah zur Verfügung stellt, ergänzen sich dabei.

Gisela Erler ist Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung im Staatsministerium Baden-Württemberg.




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Politik
Nahaufnahme der Flagge von Mecklenburg-Vorpommern

Mecklenburg-Vorpommern: Landes- und Kommunalverwaltung rücken zusammen

[29.07.2026] Mecklenburg-Vorpommern tritt dem kommunalen Zweckverband eGo-MV bei. Land und Kommunen wollen damit ihre Zusammenarbeit bei IT-Infrastrukturen, Standards und gemeinsamen Digitalisierungsprojekten verbindlicher organisieren. mehr...

Porträtaufnahme von Kristina Sinemus.

Hessen: Digitale Basis für finanzschwache Kommunen

[22.07.2026] Mit einem neuen Förderprogramm unterstützt Hessen insbesondere finanzschwächere Kommunen bei der Einführung grundlegender Technologien für die Verwaltungsdigitalisierung. Damit soll die digitale Transformation auch in Kommunen mit engen finanziellen Spielräumen vorankommen. mehr...

Zahnräder_Hände
bericht

Digitalisierung: Taskforce eingerichtet

[16.07.2026] Niedersachsen versteht die Digitalisierung als ebenenübergreifende Aufgabe. Mit Rahmenwerk, strategischer Steuerung und operativer Unterstützung, gebündelt mit Standardisierung und konsequenter Kooperation, sind Land und Kommunen auf einem guten Weg. mehr...

bericht

Baden-Württemberg: Komm.ONE fordert neue Dynamik

[06.07.2026] Die Verwaltungsdigitalisierung in Baden-Württemberg soll deutlich an Tempo gewinnen. Im Mittelpunkt stehen eine engere Zusammenarbeit zwischen Land und Kommunen, verlässliche Finanzierungsmodelle sowie eine stärkere Rolle des kommunalen IT-Dienstleisters bei der Umsetzung zentraler Digitalisierungsprojekte. Auch eine langfristige Annäherung an die Landes-IT BITBW schließen die Verantwortlichen nicht aus. mehr...

Sachsen-Flagge im Wind

Sachsen: Mittel für kommunale Digitalisierung

[06.07.2026] Sachsen plant im Doppelhaushalt 2027/2028 weitere Mittel für die Verwaltungsdigitalisierung ein. Neben dem Sächsischen Verwaltungsnetz und zentralen Landesportalen sollen auch Kommunen bei digitalen Diensten und internen Verfahren unterstützt werden. mehr...

Gruppenfoto am Spreeufer, das Kanzleramt im Hintergrund

Vitako: Der moderne Staat fängt in den Kommunen an

[02.07.2026] Die Staatsmodernisierung entscheidet sich nicht im Konzept, sondern in der kommunalen Umsetzung. Beim Politischen Abend von Vitako diskutierten Bundestagsabgeordnete und Fachleute, wie kommunale IT-Dienstleister, gemeinsame Standards und klare Governance die Verwaltungsdigitalisierung voranbringen können. mehr...

Porträt Landrat Dr. Achim Brötel

Deutscher Landkreistag: Landkreise als Innovationsräume

[25.06.2026] Digitale Modernisierung muss in der kommunalen Praxis ankommen: Der Deutsche Landkreistag dringt im Austausch mit Bundesdigitalminister Karsten Wildberger darauf, Landkreise bei zentralen Vorhaben der Staatsmodernisierung frühzeitig einzubinden. mehr...

Dr. Annika Busse - Hamburg CIO
interview

Hamburg: Gemeinsam mehr erreichen

[24.06.2026] Seit Ende vergangenen Jahres ist Annika Busse neue Hamburg-CIO. Im Interview spricht sie über Mitarbeitermotivation, Ziele für Hamburgerinnen und Hamburger sowie die Verwaltung und darüber, woran sie am Ende ihrer Amtszeit gemessen werden möchte. mehr...

von rechts: Mehring, Sinemus, Wildberger, daneben noch weitere (unbekannte) Personen

BMDS/Bayern: Kooperation zur flächendeckenden Digitalisierung

[23.06.2026] Im Rahmen einer Pilotkooperation wollen das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS) und das Bayerische Staatsministerium für Digitales (StMD) bis Ende dieses Jahres in allen bayerischen Kommunen zentrale digitale Verwaltungsleistungen bereitstellen. Die Rolle des Generalunternehmers auf Ebene des Landes übernimmt die AKDB. mehr...

zwei Männer geben sich die Hand_Karsten Wildberger_mario Voigt

Thüringen: Wichtige Online-Dienste für alle Kommunen

[11.06.2026] Thüringen und der Bund wollen fünf Verwaltungsleistungen bis Ende März 2027 landesweit digital verfügbar machen. govdigital und KIV Thüringen sollen die Online-Dienste in den Thüringer Kommunen bis zur vollständigen Betriebsfähigkeit integrieren. mehr...

Niedersachsen: Im Maschinenraum der Verwaltungsdigitalisierung

[28.05.2026] Seit April unterstützt eine Taskforce niedersächsische Kommunen dabei, wichtige Verwaltungsleistungen online anzubinden. Die Beteiligten arbeiten eng zusammen, um technische, organisatorische und finanzielle Hürden für den Einsatz der Online-Dienste aus dem Weg zu räumen – mit Erfolg. mehr...

bericht

re:publica26: Vom Ankündigen zum Liefern

[21.05.2026] Auf der Digitalkonferenz re:publica26 zieht Bundesdigitalminister Karsten Wildberger eine Jahresbilanz und spricht sich resolut für mehr digitale Souveränität und Open Source aus. mehr...

Komm.ONE: Landesregierung strebt engere Zusammenarbeit an

[18.05.2026] Die neue Landesregierung in Baden-Württemberg will Landes-IT und kommunale IT künftig enger zusammenführen und ein gemeinsames Rechenzentrum aufbauen. Komm.ONE unterstützt die Pläne und sieht darin eine wichtige Grundlage für die weitere Digitalisierung der Verwaltung. mehr...

Offizielles Porträt von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger

Ein Jahr BMDS: Gute Ansätze – zu wenig Verbindlichkeit

[07.05.2026] Ein Jahr nach dem Start des Digitalministeriums ziehen weitere Branchenverbände Bilanz. Die Open Source Business Alliance fordert mehr Verbindlichkeit bei Open Source und digitaler Souveränität, der BREKO verlässliche Rahmenbedingungen für den Glasfaserausbau. mehr...

Mitglieder des Digitalausschusses des DStGB

DStGB: Umsteuern zur rein digitalen Verwaltung

[30.04.2026] Wie digitale Lösungen, Automatisierung und Künstliche Intelligenz zur Modernisierung des Staates beitragen und so für die dringend nötige Entlastung der Kommunen sorgen können, diskutierte der Ausschuss für Digitalisierung des Deutschen Städte- und Gemeindebunds auf seiner Frühjahrstagung.
 mehr...