ZukunftskongressDie digitale Gemeinde
Was die Digitalisierung für den ländlichen Raum bedeutet, ist ein Thema des Zukunftskongresses Staat & Verwaltung 2017.
(Bildquelle: Jan Freese / pixelio.de)
Jüngere zieht es immer stärker in die Städte, während sich der ländliche Raum zusehends entleert. So leben mittlerweile 30 Prozent der deutschen Bevölkerung auf einer Fläche, die 70 Prozent Gesamtdeutschlands ausmacht. Zu diesem Ergebnis kommt das Bundesamt für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Neben einer deutlich niedrigeren Bevölkerungsdichte ist zudem der Anteil älterer Mitbürger im ländlichen Raum überdurchschnittlich hoch. Deshalb stellen sich bei der Entwicklung ländlicher Räume ganz andere Aufgaben als bei der städtischen Planung. Das gilt auch für die Konzeption innovativer Bürgerservices auf der Grundlage moderner Kommunikations- und Informationstechnologien. Im Best-Practice-Dialog 4.5 über die so genannte Digitale Gemeinde werden auf dem Zukunftskongress deshalb deren Chancen und Erfolgsfaktoren thematisiert. Die Digitalisierung des ländlichen Raums wird häufig auf den Ausbau eines Breitband-Netzes reduziert. In Abgrenzung dazu stellt die digitale Gemeinde sowohl den Einwohnern als auch der ortsansässigen Wirtschaft auf Basis eines bereits vorhandenen und hinreichend performanten Kommunikationsnetzes verschiedene, auf den lokalen Bedarf abgestimmte digitale Angebote zur Verfügung. Anschauliche Beispiele dank Familie Wirtz Wie sich der Alltag durch die Digitalisierung des ländlichen Raums ändern kann, zeigt Beispielfamilie Wirtz aus Ostholstein: Die 78-jährige Erna Wirtz ist in ihrer 600-Seelen-Gemeinde fest verwurzelt. Ihren Kardiologen besucht sie regelmäßig in der 24 Kilometer entfernten Kreisstadt. Es gibt nur wenige Busverbindungen dorthin. „Besonders schlimm ist der Buswechsel auf halber Strecke im Winter“, meint Erna Wirtz frustriert. Die schlechten Busverbindungen erschweren auch den täglichen Einkauf der alten Dame. Ihr 27-jähriger Enkel Stefan hat in Hamburg studiert. Wegen der Hektik und Anonymität der Großstadt ist Stefan Wirtz jedoch vor einem Jahr in seinen Heimatort zurückgekehrt. Er hat das seitdem nicht bereut. Dennoch vermisst er die Theateraufführungen und die vielen Konzertangebote der Elbe-Metropole. Auch der weite Weg zur nächsten Volkshochschule ist für den sprachbegeisterten jungen Mann ungewohnt und sehr lästig. Sein Vater Paul Wirtz ärgert sich: „Die Ampel an der Ortsausfahrt ist häufig kaputt. Man wartet endlos auf grün und nicht selten wird erst nach Tagen repariert. Was ich da jedes Mal an Zeit verliere…“ Seine Frau Kirsten Wirtz trauert dagegen der Zeit nach, in der die sozialen Beziehungen im Dorf noch intakt waren: „Früher waren die Nachbarn immer zur Stelle, wenn sie gebraucht wurden“, kommentiert sie wehmütig. Lokale und digitale Tauschbörsen Digitale Angebote können in solchen Fällen schnell Abhilfe schaffen. Der Vielfalt sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Verschiedene Lösungen unterstützen Mitfahr- oder Mitbringmöglichkeiten über lokale Online-Börsen oder Car Sharing auf Gemeindeebene. Andere Angebote bieten regionalen Erzeugern, Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben oder Einzelhändlern moderne Shopping-Portale in Kombination mit einem bequemen Lieferservice bis an die Haustür. Lokal begrenzte digitale Tauschbörsen vermitteln Nachbarschaftshilfe wie Nachhilfe- oder Musikunterricht, Gartenarbeit oder Babysitting und vertiefen den sozialen Zusammenhalt im Ort. Telemedizinische Diagnose- und Therapielösungen ersetzen den Arztbesuch oder längere Klinikaufenthalte. Opern- und Theateraufführungen oder VHS-Kurse werden aus der nächstgelegenen größeren Stadt über digitales Streaming direkt in das heimische Wohnzimmer übertragen. Zeitraubende Fahrten entfallen. Genutzt wird nur, was auch gebraucht wird Bei dieser Aufzählung nicht fehlen dürfen die digitalen Angebote der Gemeindeverwaltung. Sie machen zahlreiche Behördengänge überflüssig und eröffnen neue Formen der bürgerschaftlichen Beteiligung an kommunalen Entscheidungen. Ein auf jedem Smartphone nutzbarer Mängelmelder bietet etwa allen Bürgern die Möglichkeit, die zuständigen Stellen der Gemeindeverwaltung unter Nutzung der GPS-Funktionalität auf akute Störungen oder Mängel der Infrastruktur wie Löcher im Straßenbelag, defekte Ampelanlagen oder beschädigte Straßenlaternen aufmerksam zu machen. Über die eingeleiteten Schritte bis zur Behebung des jeweiligen Problems wird der hilfreiche Bürger laufend informiert. Was sind aber die Erfolgsfaktoren auf dem Weg zur digitalen Gemeinde? Eine besonders wichtige Erkenntnis ist: Genutzt wird nur, was auch gebraucht wird. Ohne die sorgfältige Abstimmung digitaler Lösungen auf den ortsspezifischen Bedarf ist das Risiko hoch, dass die Nutzer ausbleiben. Daher ist die jeweilige Zielgruppe eines Angebots in allen Projektphasen aktiv einzubinden. Erreicht werden muss dabei stets eine breite Identifikation engagierter Bürger mit den digitalen Angeboten. Smart Cities nicht kopieren Diese Angebote dürfen sich gerne durch die medienwirksamen digitalen Initiativen großer Städte inspirieren lassen. Kopieren sollte man die Smart Cities aber nicht. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen, Ziele und Erfolgsfaktoren gelingender Digitalisierungsprojekte in Stadt und Land. Weniger ist mehr – dieser Grundsatz gilt auch für die Entwicklung der digitalen Gemeinde. Auf der Grundlage einer auf mehrere Jahre ausgelegten digitalen Agenda sollten kluge Akzente gesetzt und lösbare Aufgaben angegangen werden. Rasche Erfolge und ein breiter Nutzen sollten das Projekt ins Gespräch bringen und ihm Rückenwind für neue Anwendungen verleihen. Die wiederum müssen sich zunächst einschwingen und erzielen deshalb erst nach einiger Zeit Akzeptanz. Es ist außerdem wichtig, alle digitalen Angebote auf ihre Eignung auch für Nutzergruppen ohne PC oder Smartphone zu prüfen. Die Digitalisierung im ländlichen Raum ist nicht nur Thema für ein paar Technikbegeisterte, vielmehr eröffnet sie allen Einwohnern neue Möglichkeiten. Zeit also, sich auf den Weg zur digitalen Gemeinde zu machen. Dass dies die Lebensqualität in den ländlich geprägten Regionen weiter verbessern kann, wird auch der Dialog auf dem Zukunftskongress zeigen.
http://www.alr-sh.de
Dieser Beitrag ist in der Juni-Ausgabe von Kommune21 erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren.
NEGZ-Herbsttagung: Impulse für die Verwaltungsdigitalisierung
[10.09.2026] Bei der Herbsttagung des NEGZ haben Fachleute aus Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft aktuelle Fragen der Verwaltungsdigitalisierung diskutiert. Im Mittelpunkt standen unter anderem EUDI-Wallet, Open Source, Künstliche Intelligenz und digitale Souveränität. mehr...
Smart Country Convention: Lösungen für den Bürgerbesuch
[10.09.2026] Auf der Smart Country Convention präsentiert JCC Software Lösungen für Terminvereinbarung, Besuchersteuerung, Personalplanung und Zahlungsabwicklung. Kommunen sollen damit Bürgerbesuche durchgängig organisieren und ihre Beschäftigten bei der Bearbeitung entlasten können. mehr...
Merseburger Digitaltage: Austausch über Smart City und digitale Verwaltung
[07.09.2026] Rund 700 Fachleute trafen sich Ende August bei den Merseburger Digitaltagen 2026 zum Austausch über Smart City und digitale Verwaltung. Im Mittelpunkt standen konkrete Anwendungen wie die digitale Baugenehmigung, Digitale Zwillinge und neue Funktionen für Verwaltungsprozesse. mehr...
Learntec: Projekte für den delina gesucht
[03.09.2026] Der Deutsche E-Learning Award geht 2027 in seine 20. Runde. Bis 30. September können Unternehmen und Bildungseinrichtungen Projekte aus allen Bildungsbereichen einreichen. Zum Jubiläum kommt einmalig ein Impact Award für frühere Siegerprojekte hinzu. mehr...
Merseburger Digitaltage: KGSt zeigte die Vorteile von RPA
[03.09.2026] Robotic Process Automation kann Kommunen auf dem Weg zur proaktiven Verwaltung unterstützen. Bei den Merseburger Digitaltagen 2026 zeigte die KGSt, wie Software-Roboter bestehende Fachverfahren nutzen und Sachbearbeitende von Routinen entlasten können. mehr...
KGSt-Forum: Kommunales Netzwerktreffen in Leipzig
[02.09.2026] Das KGSt-Forum 2026 bringt vom 16. bis 18. September rund 5.000 Verwaltungsexpertinnen und -experten nach Leipzig. Im Mittelpunkt stehen kommunales Management, Digitalisierung, KI und der Austausch über praxistaugliche Lösungen. mehr...
GISA: Digitale Souveränität gestalten
[27.08.2026] GISA präsentiert auf der Smart Country Convention 2026 Lösungen für Cloud-Transformation, IT-Sicherheit, souveräne KI sowie digitale Verwaltungs- und Forschungsprozesse. In Kurzvorträgen geht es außerdem um Fördermittel, Vertragsmanagement und digitale Zusammenarbeit. mehr...
Brandenburger Digitaltag/Wildauer Verwaltungstag: Aktuelle Fragen der Verwaltungsdigitalisierung
[26.08.2026] Der Brandenburger Digitaltag und der Wildauer Verwaltungstag finden am 10. September erstmals gemeinsam an der TH Wildau statt. Im Mittelpunkt stehen Staatsmodernisierung, gemeinsame Standards und die Zusammenarbeit von Land und Kommunen. mehr...
Baden-Württemberg: GovTech-Konferenz in Karlsruhe
[18.08.2026] Am 30. September bringt die neue Konferenz „LÄND of GovTech“ in Karlsruhe Vertreterinnen und Vertreter aus Verwaltung, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Im Mittelpunkt sollen die Themen Verwaltungsmodernisierung, Deutschland-Stack, Künstliche Intelligenz und Justizcloud stehen. mehr...
Intergeo: Weiterentwicklung der Fachmesse
[28.07.2026] Die Intergeo erhält ab 2028 ein neues Standortkonzept und eine langfristige Partnerschaft mit der Hamburg Messe und Congress. Hamburg wird damit ab 2029 regelmäßiger Austragungsort der Fachmesse für Geodäsie und Geo-Information – mit Folgen für das Veranstaltungsformat und die Branche. mehr...
Advertorial: Digitale Souveränität und Resilienz für die kommunale Daseinsvorsorge
[23.07.2026] Wie können Kommunen und kommunale Unternehmen die Resilienz ihrer kritischen Infrastrukturen stärken, ohne an Innovationsfähigkeit einzubüßen? Diese Frage steht im Zentrum des bundesweiten Kongresses CIVI/CON, der im September in Wuppertal stattfindet. mehr...
Smart Country Convention: Kongressprogramm konkretisiert sich
[06.07.2026] Die Smart Country Convention konkretisiert ihr diesjähriges Programm mit weiteren hochrangigen Sprecherinnen und Sprechern sowie ausgewählten Praxisbeispielen zur Verwaltungsdigitalisierung. Die Kongressmesse will im Oktober in Berlin zeigen, wie Bund, Länder und Kommunen digitale Technologien künftig in Verwaltung und öffentlicher Daseinsvorsorge einsetzen. mehr...
Advertorial: Die Zukunft des digitalen Staates erleben
[18.06.2026] Die Herausforderungen für den öffentlichen Sektor wachsen stetig. Bürgerinnen und Bürger erwarten moderne digitale Services, Unternehmen fordern effiziente Verwaltungsprozesse und Kommunen stehen vor der Aufgabe, ihre Städte und Regionen nachhaltig und resilient zu gestalten. Die Smart Country Convention 2026 ist der zentrale Ort, um gemeinsam neue Lösungen zu entwickeln. mehr...
Intergeo: Geodaten, KI und Reality Capturing im Fokus
[16.06.2026] Die Intergeo erweitert ihr Konzept und rückt Geodaten, Künstliche Intelligenz und Reality Capturing noch stärker in den Mittelpunkt. Die Fachmesse und Konferenz in München will damit neue Impulse für Digitalisierung, Infrastrukturentwicklung und datenbasierte Anwendungen setzen. mehr...
GeoIT Days: Potenzial von KI für Geodaten
[15.06.2026] Künstliche Intelligenz erweitert die Möglichkeiten von Geo-Informationssystemen und Digitalen Zwillingen für Infrastruktur, Verwaltung und Energiewende. Auf den GeoIT Days in Münster diskutieren Fachleute aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, welche Folgen diese Entwicklung für Planung und Entscheidungsprozesse hat. mehr...


















