Freitag, 23. Oktober 2026

DigitalisierungLösungen fürs Land

[01.03.2019] Im Rahmen einer Metastudie hat das Kompetenzzentrum Öffentliche IT die zentralen Herausforderungen identifiziert, vor denen ländliche Räume künftig stehen. Digitale Innovationen versprechen Linderung und sorgen für mehr Lebensqualität.
Digitale Ansätze beleben ländliche Kommunen.

Digitale Ansätze beleben ländliche Kommunen.

(Bildquelle: pexels.com)

Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung lebt nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft in ländlichen Räumen. Dort ist das Angebot an Mobilität, Bildung, breitbandigem Internet, medizinischer Versorgung sowie Handel und Dienstleistungen generell weitmaschiger als in den städtisch geprägten Ballungsgebieten und wurde über die vergangenen Jahrzehnte weiter ausgedünnt. Kann die Digitalisierung helfen, die Lebensqualität auf dem Land zu erhalten? Das Kompetenzzentrum Öffentliche IT (ÖFIT) am Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS untersucht aktuell Projekte, die mit digitalen Mitteln die Herausforderungen in ländlichen Räumen adressieren. Aus rund 80 Studien, Berichten und Positionspapieren wurden in einer ersten explorativen Metastudie sieben zentrale Herausforderungen sowie die wichtigsten digitalen Innovationen zu deren Lösung identifiziert.

Wirtschaftsfaktor Internet

Ein wichtiger Wirtschafts- und Teilhabefaktor sind das Internet und digitale Anwendungen. Laut aktuellen Zahlen des Bundesverkehrsministeriums steht aber nur rund der Hälfte der Haushalte in ländlichen Gemeinden schnelles Internet mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) zur Verfügung – im Vergleich zu 94 Prozent der Haushalte im urbanen Raum. In einigen Regionen haben Bürger und Kommunen deshalb lokale Non-Profit-Netzgesellschaften gegründet, um den Netzausbau vor Ort selbst voranzutreiben. Andere erbringen die Arbeitsleistung für den Breitband-Anschluss gleich selbst, etwa das Ausheben der Kabelrohrgräben und Verlegen der Kabelrohre.
Aufgrund fehlender Wirtschaftlichkeit ist auch der öffentliche Nahverkehr in vielen ländlichen Gebieten zurückgebaut worden. Eine Alternative für Personen ohne eigenes Fahrzeug bieten Car- und Ridesharing-Angebote, die den ÖPNV bedarfsgerecht ergänzen. Im ländlichen Raum werden Carsharing-Portale oft ehrenamtlich oder von der Kommune betrieben, da die geringere Auslastung keinen gewinnorientierten Betrieb erlaubt. Schon seit Längerem eine politische Baustelle ist zudem das Thema Gesundheit. Patienten müssen auf dem Land zusehends weitere Wege zurücklegen. Auch hier können digitale Technologien für Entlastung sorgen. Etwa durch Telemedizin, bei der die ärztliche Beratung oder unterstützende Facharztdiagnosen per (Video-)Chat aus der Ferne erfolgen. Hausbesuche und eine grundlegende lokale Versorgung mit einfachen medizinischen Verfahren können auch von medizinischen Fachkräften erbracht werden, zum Teil unter telemedizinischer Anleitung. Mit den Gemeindeschwestern aus dem Pilotprojekt AGnES (Arztentlastende, gemeindenahe, E-Health-gestützte, systemische Intervention) ist ein solches Modell inzwischen deutschlandweit in der Implementation.

Mit digitalen Mitteln Bürger mobilisieren

Zwecks Ausbildung und Studium ziehen viele junge Menschen vom Land in die Städte. E-Learning-Angebote können diesen Druck verringern. Neben Online-Studiengängen, Massive Open Online Courses (MOOCs) und Webinaren können digitale Lerninhalte auch die primäre und sekundäre Schulbildung in immer heterogeneren Klassenstrukturen unterstützen, wie an der „School of Distance Learning Niedersachsen“, die insbesondere friesische Inselschulen unterstützt.
Weniger Anwohner, mehr große Einkaufszentren und der Online-Handel haben zudem das Nahversorgungsangebot im ländlichen Raum ausgedünnt. Auch die Wege zum Bürgeramt werden durch die Fusion von Verwaltungseinheiten immer weiter. Eine Lösung ist die Online-Abwicklung von Verwaltungsleistungen. Weniger computeraffine Bürger können über Video-Terminals in Gemeindehäusern oder mobile Bürgerdienste mit Stationen an Wochenmärkten, Seniorenheimen oder Bibliotheken bedient werden.
Bürgerschaftliches Engagement, Nachbarschaftshilfe und Ehrenamt schließen häufig die Lücken, die von zurückgebauten öffentlichen Infrastrukturen hinterlassen werden. Digitale Mittel bieten neue Möglichkeiten, um Freiwillige zu mobilisieren und gemeinsame Aktivitäten zu koordinieren. Auch die öffentliche Verwaltung kann profitieren, wenn sie die Bürger in das Verwaltungshandeln einbezieht. So können trotz knapper öffentlicher Finanzen Leistungen aufrechterhalten werden. Über digitale Mängel- und Ideenmelder wie den Brandenburger Maerker können die Bürger auf Missstände oder Wünsche im öffentlichen Raum aufmerksam machen. Die Verwaltung kann direkt auf die Eingaben reagieren, mit den Bürgern in Dialog treten und das eigene Handeln transparent machen.

Probleme verschärfen sich

Digitale Lösungsansätze und praktische Anwendungen gibt es in allen sieben Handlungsfeldern. Im Rahmen einer Online-Erhebung hat das ÖFIT Verantwortliche von rund 70 Projekten zu ihren Erfahrungen befragt. Obwohl die Umfrage noch läuft, zeichnen sich bereits einige Trends ab. So geben fast alle Befragten an, dass die Herausforderungen, die ihr jeweiliges Projekt adressiert, seit dessen Start in etwa gleichgeblieben sind oder sich sogar verschärft haben. Das deckt sich mit den Erkenntnissen anderer Forschungsvorhaben, denen zufolge digitale Ansätze die grundlegenden Herausforderungen des ländlichen Raums in begrenztem Maß zwar lindern, jedoch nicht lösen können.
Zwei Drittel der Projekte haben ein Geschäftsmodell für den laufenden Betrieb ihres Vorhabens und die Nutzung der Projektergebnisse. Diese reichen von einem Abonnement-Modell für die Kommunen über die Gründung einer Genossenschaft bis hin zu Mieteinnahmen und die Eingliederung in bestehende Angebote der öffentlichen Hand. Fast alle Projekte werden zumindest anteilig aus öffentlichen Fördergeldern finanziert. Danach folgen Fördermittel aus anderen Quellen wie Stiftungen, Investitionen von Unternehmen und Forschungseinrichtungen sowie eine Finanzierung aus Eigenmitteln der Kommunen. Spenden, Nutzungsgebühren oder anderweitige Einnahmen machen den kleinsten Teil der Finanzierungsbasis aus.

Förderpraxis überdenken

In der Erhebung geben bisher lediglich Breitband-Gesellschaften und einzelne Nahversorgungsangebote an, kostendeckend zu wirtschaften. Das ist durchaus einleuchtend: Wo sich Privatwirtschaft und öffentliche Hand aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit zurückgezogen haben, können auch innovative Projekte kaum kostendeckend oder gar gewinnbringend agieren. Sollen die Angebote trotzdem erhalten bleiben, ist damit zu rechnen, dass sie dauerhaft förderbedürftig bleiben. Diese finanzielle Belastung kann von vielen der betroffenen Kommunen nicht allein gestemmt werden. Auffällig ist auch die hohe Zahl ähnlich gelagerter Modell- und Pilotprojekte, die mit Bundes- und Landesmitteln gefördert, nach der Projektlaufzeit jedoch trotz guter Ergebnisse oft eingestellt werden, da der Dauerbetrieb aus kommunalen Mitteln nicht zu finanzieren ist. Um eine nachhaltig positive Wirkung im ländlichen Raum zu erzielen und erfolgreiche Modelle in die Breite zu tragen, sollte die Förderpraxis für den ländlichen Raum überdacht werden.
Digitale Technologien eröffnen also viele Möglichkeiten, die Lebensqualität im ländlichen Raum zu erhalten. Gefragt sind nun vor allem eine bessere Vernetzung und Wissenstransfer sowie eine veränderte Förderungspraxis. Insgesamt können digitale Ansätze aber nur punktuell wirken, die großen strukturellen Herausforderungen des ländlichen Raums werden sich nicht per App lösen lassen.

Nicole Opiela und Basanta Thapa sind Wissenschaftliche Mitarbeiter des Kompetenzzentrums Öffentliche IT am Fraunhofer-Institut FOKUS in Berlin.


Stichwörter: Politik, Breitband, ÖFIT


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