Mittwoch, 21. Oktober 2026

InterviewEs ist Zeit, endlich zu handeln

[21.10.2026] Wie sich Behörden mit sicheren Kommunikationslösungen unabhängiger von außereuropäischen Anbietern machen können, erläutert Benjamin Schilz, CEO von Wire, im Interview mit Kommune21 auf der Smart Country Convention 2026.

Benjamin Schilz: Eine sichere Kommunikationsplattform kann ein wichtiger Bestandteil der Krisenkommunikation sein.

(Bildquelle: WIRE)

Herr Schilz, Wire ist regelmäßig auf der Smart Country Convention vertreten. Welche Bedeutung hat die Messe für Ihr Unternehmen und mit welchen Erwartungen sind Sie nach Berlin gekommen?

Die Smart Country Convention ist für uns eine der wichtigsten Veranstaltungen in Deutschland, wenn es um den öffentlichen Sektor geht. Wir sind jedes Jahr hier, weil wir viele unserer Kunden und Partner treffen. Unsere Lösungen werden in verschiedenen Ministerien und Behörden eingesetzt, und zahlreiche Anwender sind auf der Messe vertreten. Hinzu kommen Technologiepartner wie Materna, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Für uns ist die Veranstaltung deshalb vor allem eine Gelegenheit, bestehende Kontakte zu pflegen, uns über aktuelle Entwicklungen auszutauschen und neue Kooperationen anzustoßen.

Digitale Souveränität ist eines der zentralen Themen der Messe. Wie bewerten Sie die aktuelle Diskussion in Deutschland und Europa?

Für mich ist digitale Souveränität vor allem ein europäisches Thema. Es geht nicht darum, ob Deutschland oder Frankreich unabhängig wird, sondern darum, dass Europa insgesamt handlungsfähiger wird. Die jüngsten politischen Entwicklungen, etwa die amerikanischen Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof, zeigen, wie dringend wir handeln müssen. Wir können nicht dauerhaft von amerikanischen oder chinesischen Technologien abhängig sein und damit Risiken für unsere demokratischen Institutionen eingehen. Deshalb sage ich: Wir müssen aufhören, nur darüber zu reden, und endlich handeln. Deutschland ist bei diesem Thema bereits sehr weit. Wir arbeiten seit vielen Jahren mit der Bundesregierung zusammen und sehen, dass zahlreiche Institutionen und Bundesländer die digitale Souveränität aktiv vorantreiben. Gleichzeitig haben wir in Europa hervorragende Technologieunternehmen, die leistungsfähige Software entwickeln. Diese Unternehmen müssen stärker zusammenarbeiten, um gemeinsam vollständige Lösungen anbieten zu können.

Welchen Beitrag kann Wire zur digitalen Souveränität der öffentlichen Verwaltung leisten?

Wire ist eine umfassende Plattform für sichere Kommunikation und Zusammenarbeit. Sie bietet Instant Messaging, Telefonie, Videokonferenzen und weitere Kollaborationsfunktionen. Damit können unterschiedliche Anwendungen wie Microsoft Teams oder Zoom ersetzt werden. Unsere Plattform wurde von Anfang an mit einem konsequenten Sicherheitsansatz entwickelt. Die gesamte Kommunikation ist Ende-zu-Ende verschlüsselt. Außerdem ist unser Quellcode Open Source und kann damit unabhängig überprüft werden. Wir setzen auf offene Standards wie Messaging Layer Security, kurz MLS, und arbeiten seit vielen Jahren mit öffentlichen Stellen zusammen, die unsere Sicherheitsarchitektur unabhängig prüfen. Wire verfügt zudem über eine BSI-Zertifizierung. Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass wir unter anderem mit der deutschen Bundesregierung zusammenarbeiten. Sicherheit, Transparenz und die Möglichkeit zur Integration in andere Systeme sind die Grundlagen unseres Ansatzes.

„Für mich ist digitale Souveränität vor allem ein europäisches Thema.“

Wire kooperiert unter anderem mit Materna Virtual Solution. Was bedeutet diese Partnerschaft für Ihre Kunden?

Wir bedienen ähnliche Kundengruppen und unsere Lösungen ergänzen sich sehr gut. Materna Virtual Solution bietet beispielsweise Produkte zur Absicherung mobiler Endgeräte und für das sichere Personal Information Management an. Wire lässt sich in diese Umgebung integrieren und stellt die geschützte Kommunikation bereit. Dadurch können wir gemeinsam eine durchgängige Sicherheitslösung anbieten, die beim Endgerät beginnt und bis zur Kommunikationsplattform reicht. Vereinfacht gesagt: Materna schützt das Gerät, Wire sichert die Kommunikation darauf. Viele unserer Kunden nutzen bereits Produkte beider Unternehmen. Durch die Zusammenarbeit können wir ihnen eine integrierte Lösung bereitstellen.

Welche Kunden nutzen Wire bereits? Ist Ihr Unternehmen vor allem im europäischen öffentlichen Sektor aktiv?

Wir sind weltweit tätig und arbeiten sowohl für öffentliche Einrichtungen als auch für privatwirtschaftliche Unternehmen. Beide Bereiche machen ungefähr die Hälfte unseres Kundenportfolios aus. In Europa gehört die deutsche Bundesregierung zu unseren öffentlich bekannten Kunden. Darüber hinaus arbeiten wir mit weiteren Regierungen, Verteidigungsorganisationen und Nachrichtendiensten zusammen, die wir aus Vertraulichkeitsgründen nicht nennen können. Im privatwirtschaftlichen Bereich zählen beispielsweise die Schwarz Gruppe und die,DEKRA zu unseren Kunden. Wir sind aber auch außerhalb Europas aktiv, unter anderem in den USA und in Asien. Das mag zunächst überraschen, weil wir häufig über europäische digitale Souveränität sprechen. Tatsächlich gibt es ähnliche Herausforderungen weltweit. In den USA steht vor allem die sichere Kommunikation im Vordergrund. In Asien spielt dagegen auch die technologische Unabhängigkeit eine große Rolle, weil viele Länder zwischen den USA und China stehen. Digitale Souveränität ist deshalb keineswegs nur ein europäisches Anliegen.

Zu Ihren kommunalen Kunden gehört auch die Stadt Groß-Gerau. Welche besonderen Anforderungen stellen Städte und Gemeinden an sichere Kommunikationslösungen?

Kommunen sind für uns ein besonders interessantes, aber auch anspruchsvolles Marktsegment. Das liegt vor allem an ihren sehr unterschiedlichen Größen und IT-Ressourcen. Große Städte verfügen in der Regel über eigene IT-Abteilungen und entsprechende Kompetenzen. In kleineren Kommunen sieht das ganz anders aus. Dort gibt es manchmal nur einen einzigen Mitarbeiter, der sich um die gesamte IT kümmern muss. Solche Verwaltungen benötigen Lösungen, die sich einfach einführen und betreiben lassen. Deshalb setzen wir in diesem Bereich verstärkt auf Partner, die nicht nur unsere Software bereitstellen, sondern auch die notwendige Infrastruktur und den laufenden Betrieb übernehmen können. Unser Ziel ist es, eine durchgängige Lösung vom Endgerät bis zur Kommunikationsplattform anzubieten, die sich auch für kleinere Verwaltungen wirtschaftlich betreiben lässt.

„Auch eine Kommune mit wenigen Nutzern benötigt eine sichere Kommunikationsplattform.“

Heißt das, dass Wire künftig auch für sehr kleine Kommunen mit beispielsweise 50 oder 100 Beschäftigten infrage kommt?

Ja, unbedingt. Auch eine Kommune mit 50 oder 100 Nutzern benötigt eine sichere Kommunikationsplattform. Für uns als Hersteller ist es allerdings schwierig, jede dieser kleinen Organisationen einzeln zu betreuen. Deshalb bauen wir derzeit ein Partnernetzwerk auf, über das sich solche Lösungen gebündelt anbieten lassen. Ein Dienstleister könnte beispielsweise eine Wire-Instanz betreiben und diese mehreren Kommunen zur Verfügung stellen. Dadurch lassen sich Betrieb und Betreuung effizient organisieren. Wir führen dazu bereits zahlreiche Gespräche mit Partnern in Deutschland und erwarten, dass in den kommenden Monaten entsprechende Angebote entstehen werden. Damit möchten wir Wire auch für kleinere Städte und Gemeinden leichter zugänglich machen.

Kommunen werden zunehmend Opfer von Cyber-Angriffen. Welche Rolle kann Wire spielen, wenn die reguläre IT-Infrastruktur einer Verwaltung durch einen Angriff ausfällt?

Eine sichere Kommunikationsplattform kann in solchen Situationen ein wichtiger Bestandteil der Krisenkommunikation sein. Wir bieten Wire sowohl als Cloud-Lösung an, die in Europa gehostet wird, als auch für den Betrieb im eigenen Rechenzentrum. Gerade für größere Organisationen kann eine On-Premises-Installation sinnvoll sein. Für eine Kommune mit 50 Nutzern wäre das dagegen meist zu aufwendig. Hier kommen wieder unsere Partner ins Spiel. Sie können Wire in einem souveränen deutschen Rechenzentrum betreiben und die Infrastruktur für mehrere Kommunen bereitstellen. Damit lässt sich eine sichere Kommunikationsumgebung schaffen, die nicht zwingend von der lokalen IT-Infrastruktur einer einzelnen Verwaltung abhängig ist. Solche Modelle setzen wir bereits mit Partnern um, weitere Kooperationen sind in Vorbereitung.

Digitale Souveränität hat politisch stark an Bedeutung gewonnen. Spüren Sie diese Entwicklung auch bei der Nachfrage nach Ihren Lösungen?

Ja, sehr deutlich. Wire ist in den vergangenen drei Jahren jeweils auf ungefähr die doppelte Größe gewachsen. Und wir sehen weiterhin ein erhebliches Wachstumspotenzial, sowohl in Europa als auch international. Unser Ziel ist es, dazu beizutragen, starke europäische Technologieunternehmen aufzubauen, die mit den großen amerikanischen Anbietern konkurrieren können. Dafür müssen wir allerdings größer werden und vor allem stärker zusammenarbeiten. Genau deshalb investieren wir in unser Partnernetzwerk. Kein einzelnes Unternehmen kann sämtliche Anforderungen allein abdecken. Wenn wir unsere Kompetenzen bündeln, können wir gemeinsam leistungsfähige Alternativen anbieten.

Was muss aus Ihrer Sicht geschehen, damit Europa bei digitalen Technologien langfristig unabhängiger wird?

Wir müssen europäisch denken und handeln. Es darf nicht darum gehen, ob sich ein deutsches Unternehmen gegen ein französisches, italienisches oder britisches Unternehmen durchsetzt. Entscheidend ist, dass wir gemeinsam wettbewerbsfähige europäische Produkte entwickeln und anbieten. Dafür haben wir bereits eine sehr gute technologische Basis und zahlreiche innovative Unternehmen. Jetzt kommt es darauf an, diese Stärken zusammenzuführen. Nur wenn wir grenzüberschreitend kooperieren, können wir die notwendige Größe erreichen und echte Alternativen zu den dominierenden außereuropäischen Plattformen schaffen. Digitale Souveränität wird nicht durch politische Absichtserklärungen entstehen, sondern dadurch, dass wir gemeinsam konkrete Lösungen entwickeln und einsetzen.

Interview: Alexander Schaeff




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