NordthüringenAlternative zur Cloud

Rathaus Ellrich: Sitz des IT-Verbunds Nordthüringen.
(Bildquelle: Stadt Ellrich)
Die Herausforderungen, vor denen die Kommunen stehen, sind mit XRechnung, digitalem Workflow inklusive Signatur, E-Akte, E-Payment sowie der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) vielfältig. Die Anforderungen vom Datenschutz über die IT-Sicherheit bis hin zur Realisierung eines Informationssicherheits-Management-Systems (ISMS) erhöhen die Komplexität und erfordern erhebliches fachliches Know-how.
Dieses zu finden und zu halten ist insbesondere für kleinere und mittlere Kommunen schwierig. Ihnen fehlen oft die personellen und materiellen Ressourcen, aber auch konkrete Blaupausen zur Umsetzung, weil zuständige Behörden und Institutionen nur bedingt Unterstützung liefern (können). Als oberste Dienstherren haften die Kommunen jedoch für Probleme und Verstöße. Jede Verwaltung muss daher ihre eigene digitale Strategie entwickeln. Diese kann je nach Größe, Kultur, Besonderheiten und Erwartungen variieren – auch hinsichtlich des Autonomiegrads der IT.
Komplette Erneuerung der IT-Infrastruktur
Der IT-Verbund Nordthüringen ist ein Zusammenschluss der Gemeinden Ellrich, Heringen/Helme, Werther und Kyffhäuserland. Seine Zweckvereinbarung definiert die Vorbereitung, Abstimmung und Umsetzung von Maßnahmen im IT-Bereich und umfasste somit auch die Entwicklung der digitalen Strategie zur Neuausrichtung mittels interkommunaler Zusammenarbeit. Diese sollte wahlweise autonom auf eigenen Verbund-Servern oder ausgelagert in der Cloud des Auftragnehmers realisiert werden.
Die mit einer Erfurter Anwaltskanzlei Ende April vergangenen Jahres veröffentliche europaweite Ausschreibung beinhaltete die weitgehend komplette Erneuerung der bestehenden Hardware- und Software-Infrastruktur. Im Rahmen eines Verhandlungsverfahrens mit vorgelagertem Teilnahmewettbewerb sollte der zu ermittelnde, wirtschaftlichste Anbieter bis Ende 2019 die Umsetzung inklusive Migration aller relevanten Daten aus den Vorsystemen realisieren.
Das Projekt umfasst unter anderem neue Netzwerkstrukturen, Server- und Speichersysteme, Betriebssysteme und Software für Finanz-, Melde- und Gewerbewesen, Liegenschaften, Bauverwaltung, Personalwesen, ECM/DMS, Vertragsverwaltung und Friedhofswesen nebst flankierenden Maßnahmen für Datenschutz und IT-Sicherheit sowie die Reorganisation der administrativen Aufgaben wie Monitoring, IT-Service-Desk und Fernunterstützung durch die eingebundenen Dienstleister.
Priorisierungen von Teilprojekten
Das für die Realisierbarkeit zur Verfügung stehende, umlagefinanzierte Budget sorgte dafür, dass die Cloud-Lösung aufgrund der hierfür zu beziffernden Kostenfolge nicht umgesetzt werden konnte. Innerhalb der Projektplanung mussten und wurden bereits in einer sehr frühen Phase Priorisierungen von Teilprojekten vorgenommen.
Anfang Oktober 2019 erteilte der IT-Verbund den Auftrag zur Durchführung des Gesamtprojekts. Den Zuschlag erhielt die Bietergemeinschaft unter Führung des Velberter Unternehmens ab-data mit seinen Systemhauspartnern Archikart, codia und Ibykus. Die Laufzeit des Vertrags ist auf sechs Jahre ausgelegt, inklusive Verlängerungsoption.
Ein besonderes Spannungsfeld stellte der Zeitplan dar. Er verlangte allen Projektbeteiligten sehr viel ab, sowohl in Bezug auf die Hardware-Beschaffung als auch in Bezug auf die Software-Einführung und -Schulung. Die pufferfreien Rahmenbedingungen erforderten von allen Seiten eine professionelle Projektumsetzung. Im Rahmen der Projekteröffnung mit Vertretern aller Verwaltungen und Bieterfirmen wurden unter anderem eine dezentrale Steuerung über Teilprojekte, verbindliche Liefer- und Realisierungstermine sowie diverse Zuständigkeiten vereinbart. Der gemäß der vorgegebenen Prioritäten fixierte und dokumentierte Ablaufplan wurde zur verbindlichen Grundlage für die Umsetzung des Gesamtprojekts.
Originalumstiege termingerecht abgeschlossen
Das für die Lieferung und Implementierung der IT-Infrastruktur verantwortliche Unternehmen Ibykus sicherte durch die Bereitstellung einer äquivalenten Übergangslösung (Server, Storage) die fristgerechten Installationen, Schulungen und Migrationen der Fachverfahren ab. Anfang Dezember wurde die Übergangslösung durch die Komponenten der beauftragten Ziellösung ohne Beeinträchtigung des Geschäftsbetriebs ersetzt.
Dadurch konnten – wie ursprünglich avisiert – bereits im November die Kernverfahren Finanz- und Meldewesen installiert, geschult und getestet werden. Die Originalumstiege einschließlich historischer Datenmigrationen wurden termingerecht in allen angeschlossenen Verwaltungen bis Anfang Dezember abgeschlossen. Die Installation und Integration weiterer Fachverfahren wie Lohn und Gehalt sowie das Friedhofswesen folgten. Nicht-zeitkritische Aufgaben mit niedrigerer Priorität wurden begonnen, deren konkrete Umsetzung aber, zur Entzerrung des Gesamtprojekts und Entlastung der Mitarbeiter, nach hinten verschoben. Optionale Zusatzkomponenten wurde zur Entlastung des Projekts zunächst nicht beauftragt.
Von elf auf 30 (überwiegend virtuelle) Server
Parallel dazu wurde das ursprüngliche Konzept in enger Abstimmung deutlich erweitert. So entstand bereits Ende vergangenen Jahres am Standort Ellrich ein leistungsfähiges, hochmodernes kleines Rechenzentrum. Anstelle der vormals elf Server sind nunmehr knapp 30, überwiegend virtuelle Server im Einsatz. Die bislang kostenintensiven Netzwerkanbindungen wurden durch schnelle Datenleitungen ersetzt.
Zum Schutz der Bürgerdaten wurden umfangreiche Maßnahmen ergriffen. Hierzu zählt neben einer Vielzahl an Firewalls und speziellen Sicherheitskonzepten auch der Einsatz externer IT-Sicherheitsberater und Datenschutzbeauftragter. Und, wie Ellrichs Bürgermeister Henry Pasenow betont: „Bei den Software-Lösungen des IT-Verbunds sind wir auf wesentlich schnellere Web-Anwendungen übergegangen, mit denen die Verwaltungen deutlich effizienter arbeiten können.“
Positiver Gesamteindruck
Die bei der Dimension des Gesamtprojekts sowie der Kürze der Projektlaufzeit zu erwartenden Probleme fielen erfreulich gering aus. Es handelte sich weitgehend um die Nachmigration einzelner Daten, einen zunächst nicht funktionierenden Mitteilungsdienst an das Thüringer Landesrechenzentrum, einzelne Schulungsdefizite sowie koordinierende Aufgaben aufgrund personeller Ausfälle.
Das beeinträchtigt aber nicht den positiven Gesamteindruck. Trotz des Abschaltens der Hardware- und Software-Komponenten des Vorlieferanten zum 31. Dezember 2019 kam es nicht zu Produktionsausfällen. Alle Komponenten wurden trotz Zeitdrucks termingerecht in Betrieb genommen. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewältigung der digitalen Herausforderungen sind gegeben. Und ganz nebenbei wurden die vier Kommunen auch noch zu den ersten Verwaltungen in Thüringen, die mit den neuen VOIS-Verfahren Melde-/Gewerbewesen und Gebührenkasse des Anbieters HSH arbeiten.
Das erfolgreiche Projekt des IT-Verbunds ist ein starkes Signal für kleinere und mittlere Verwaltungen: In interkommunaler Zusammenarbeit können neue Anforderungen durch OZG, E-Akte und Datenschutz sachgerecht bewältigt werden. Sofern zielorientiert angegangen, liefert eine autonome IT-Infrastruktur ein wirtschaftlicheres Ergebnis als eine ausgelagerte Cloud-Lösung.
Dieser Beitrag ist in der Ausgabe März 2020 von Kommune21 erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren.
Halle (Saale): Smarte Technik statt Parksuchverkehr
[05.01.2026] Ein beliebtes Erlebnisbad sorgte in Halle (Saale) bislang für unnötigen Verkehr in einem Wohngebiet. Der Grund: Es werden Parkplätze gesucht. Die Echtzeitanzeige der Parkhausbelegung am Erlebnisbad plus Hinweis auf alternative Parkmöglichkeiten sollen dem nun ein Ende bereiten. mehr...
GovTech Deutschland: Ergebnisse des RaaS-Projekts
[22.12.2025] GovTech Deutschland hat das Projekt Register-as-a-Service (RaaS) abgeschlossen. Die Ergebnisse – eine vollständige Referenzarchitektur, funktionale technische Implementierungen und ein begleitendes Rechtsgutachten für moderne Cloud-Register – stehen Open Source über die Plattform openCode zur Verfügung. mehr...
Digitale Barrierefreiheit: Inklusive Transformation
[19.12.2025] In einer neuen Modulserie des eGov-Campus steht das Thema digitale Barrierefreiheit im Vordergrund. Der Kurs sensibilisiert die Teilnehmenden für dieses Thema, informiert über rechtliche Grundlagen und vermittelt praktische Umsetzungshilfen. mehr...
Reutlingen: Ausbau digitaler Dienstleistungen
[12.12.2025] In Reutlingen wächst das Angebot digitaler Verwaltungsdienstleistungen. Dazu zählen vollständig digitale Prozesse ebenso wie die flächendeckend angebotenen Fototerminals für Passbilder. Auch können Fundsachen online aufgerufen werden. Weitere Onlineservices bietet außerdem das Standesamt an. mehr...
München: Feedback zum Deutschland-Stack
[11.12.2025] Mit ihren Anmerkungen zum Deutschland-Stack will die bayerische Landeshauptstadt München dazu beitragen, die digitale Transformation der Verwaltung voranzutreiben. Unter anderem regt die Stadt an, die kommunalen Bedürfnisse sowie die Dresdner Forderungen zur digitalen Verwaltung mehr zu berücksichtigen. mehr...
BW-Empfangsclient: Anträge ohne Fachsoftware empfangen
[10.12.2025] Mit dem BW-Empfangsclient können Kommunal- und Landesbehörden in Baden-Württemberg jetzt auch solche digitalen Verwaltungsleistungen anbieten, für die sie bislang keine Fachsoftware nutzen. Die Behörden können sich kostenfrei selbst registrieren, die Lösung ist sofort einsetzbar. mehr...
Fulda: Enge Kooperation mit ekom21
[09.12.2025] Eine engere Kooperation haben die Stadt Fulda und ekom21 vereinbart. Dabei hat die Kommune auch Fachverfahren ins Rechenzentrum des kommunalen IT-Dienstleisters überführt. mehr...
Wien: Open Source stärkt Europas Unabhängigkeit
[08.12.2025] Die Europäische Kommission würdigt die Open-Source-Strategie Wiens. In einem neuen Bericht wird die Stadt als führend beschrieben. Wien setzt auf offene Software, um digital unabhängig und sicher zu arbeiten. mehr...
Onlineformulare: Gegenseitig unterstützen
[01.12.2025] Onlineformulare sind heute unverzichtbar – und EfA-Leistungen decken längst nicht alles ab. Mit No-Code-Formularen und im interkommunalen Austausch können Städte und Gemeinden hier flexibel und kostenbewusst agieren. mehr...
Deutsche Verwaltungscloud: Digitale Antragsbearbeitung made in Hessen
[26.11.2025] Mit HessenDANTE bietet die HZD eine innovative Plattform, mit der sich die Antragstellung für unterschiedlichste Verwaltungsleistungen komplett digital und OZG-konform abbilden lässt. Das Paket ist nun auch über die Deutsche Verwaltungscloud zu beziehen. mehr...
Axians Infoma: Innovationspreis 2025 verliehen
[24.11.2025] Mit Künstlicher Intelligenz (KI) konnte die Stadtverwaltung Bad Dürkheim ihren Eingangsrechnungsprozess automatisieren. Für diese Maßnahme ist sie mit dem Axians Infoma Innovationspreis 2025 ausgezeichnet worden. Zu den Finalisten zählen außerdem das Gesundheitsamt des Landkreises Saarlouis und die Stadt Fürth. mehr...
Baden-Württemberg: Virtuelles Amt für Kommunen
[05.11.2025] In Baden-Württemberg fördert das Digitalministerium gemeinsam mit der Digitalakademie@bw die Kommunen beim Ausbau des Virtuellen Amts mit insgesamt 400.000 Euro. Bewerbungen können noch bis zum 15. Dezember eingereicht werden. Interessierte Kommunen wenden sich direkt an IT-Dienstleister Komm.ONE. mehr...
MR Datentechnik: Ganzheitliche IT statt Insellösungen
[05.11.2025] Mit ganzheitlichen, maßgeschneiderten IT-Lösungen unterstützt das Unternehmen MR Datentechnik öffentliche Auftraggeber von der Hardware über die IT-Sicherheit bis hin zur smarten Netzwerk- oder Medientechnik. Die Managed Services stehen auch für den Bildungsbereich zur Verfügung. mehr...
Karlsruhe: Digitale Begleiterin auch bei Gefahr
[29.10.2025] Als zentrale mobile Plattform bündelt die Karlsruhe.App zahlreiche digitale Dienste der Stadtverwaltung sowie stadtnahe Angebote von Drittanbietenden. Nun hat die Stadt auch das Modulare Warnsystem (MoWaS) in die App integriert. mehr...
Nidderau: Wirtschaftlicher dank Bürgernähe
[28.10.2025] In Nidderau können die Bürger an einem Terminal rund um die Uhr digitale Anträge stellen. An einem anderen Terminal können sie jederzeit Pässe und Dokumente abholen. Der Hessische Städte- und Gemeindebund und der hessische Steuerzahlerbund haben die Stadt unter anderem für diese beiden Lösungen mit dem so genannten Spar-Euro ausgezeichnet. mehr...
















