Dienstag, 14. Juli 2026

Demo DayVibe Modeling zum Ausprobieren

[14.07.2026] Im Rahmen eines Demo Day wurde beim NEGZ – Kompetenznetzwerk Digitale Verwaltung das Potenzial KI-gestützter Low-Code-Entwicklung für die Verwaltung aufgezeigt und über offene Fragen diskutiert.
Referent auf dem Demo Day des NEGT

Auf dem Demo Day zu KI-gestützter Low-Code-Entwicklung für Verwaltungen zeigten vier Anbieter, wie sich auf ihren Low-Code-Plattformen das sogenannte Vibe Modeling umsetzen lässt.

(Bildquelle: Christian Weidner)

In 30 Sekunden zum Ende-zu-Ende-digitalisierten Bürgerservice: Das war eine der eindrucksvollen Vorführungen beim ersten Demo Day zu KI-gestützter Low-Code-Entwicklung für Verwaltungen, der am 18. Juni 2026 in den Räumen des Unternehmens Computacenter in Berlin-Tempelhof stattfand. Das gemeinsame Format des NEGZ – Kompetenznetzwerk Digitale Verwaltung und des European Digital Innovation Hub pro_digital (EDIH) möchte praktische Lösungen der Verwaltungsdigitalisierung zum Anschauen und Ausprobieren erlebbar machen.

Beim Demo Day zeigten vier Anbieter – Intrexx, Structr, ServiceNow und CIB –, wie sie auf ihren Low-Code-Plattformen sogenanntes Vibe Modeling umsetzen: Nicht mehr das klassische Zusammenklicken in grafischen No-Code-Oberflächen steht im Mittelpunkt, sondern der Prompt in natürlicher Sprache, aus dem die KI eine lauffähige Anwendung erzeugt. Die rund 50 Teilnehmenden erhielten zunächst in kurzen Vorträgen einen Überblick über die vier Lösungen. Anschließend konnten sie entscheiden, welche der vier Plattformen sie in den Breakout-Sessions praktisch testen wollten.

Breite Spanne an Lösungen

Die Veranstalter hatten die vier Anbieter aus einem offenen Call gezielt ausgewählt, um eine möglichst breite Spanne an Lösungen zu präsentieren: Open Source und proprietäre Software, europäische und internationale Anbieter sowie App- und Verfahrensplattformen. Im direkten Vergleich zeigten sich zudem die unterschiedlichen Ursprünge der Plattformen. Einige kommen aus der Datenbankentwicklung, bei ihnen sind Prozessmodelle und Benutzeroberflächen eher zusätzliche Elemente. Andere haben ihren Ursprung in der Geschäftsprozessmodellierung, die entsprechend das zentrale Ordnungselement bildet.

Gemeinsam war allen Lösungen, dass sie KI-Modelle über ein Chatfenster einbinden, wo dieses auch Vorgehen vorschlägt oder Nachfragen stellt. Für Verwaltungen besonders interessant: Bei einigen Anbietern lassen sich verschiedene Large Language Models (LLMs) flexibel anbinden – im Zweifel auch On-Premise-Modelle des eigenen Rechenzentrums.

Stärken von Vibe Modeling

In den Vorführungen wurde schnell deutlich, worin die Stärke von Vibe Modeling liegt. Die Anbieter gaben den vorgegebenen Anwendungsfall – einen Bürgerservice für Anwohnerparkausweise beziehungsweise einen Mängelmelder – als Prompt in das Chatfenster ein. Innerhalb kürzester Zeit entstanden vollständige Bürgerservices mit einem Front End für die Bürgerinnen und Bürger, einem Back End für die Verwaltungsmitarbeitenden und Statusmeldungen per E-Mail.

Blick in einen Besprechungsraum – Breakoutsession der Firma CIB auf dem NEGZ Demo Day
In den Breakout-Sessions konnten die Lösungen im praktischen Einsatz getestet werden (Bildquelle: Christian Weidner)

Dabei zeigte sich auch, warum das Vibe Modeling auf einer Low-Code-Plattform einen Vorteil gegenüber freiem Vibe Coding bietet: Man baut meist in einer fertig eingerichteten Entwicklungsumgebung. Das Front End für Bürger kann in ein bestehendes Bürgerportal eingebunden werden. Das Back End nutzt ein vorhandenes Mitarbeiterportal oder greift für Zugangsberechtigungen zumindest auf angebundene Nutzerverzeichnisse zurück. Der Anschluss an den Mailserver ist eingerichtet, sodass Statusupdates von offiziellen E-Mail-Adressen der Behörde versendet werden können. Auch behördeneigene Datenbanken und behördenübergreifende Registerzugänge lassen sich prinzipiell so anbinden.

Diese vorkonfigurierte Umgebung ist eine der zentralen Stärken von Low-Code-Plattformen beim KI-gestützten Entwickeln. Der Punkt, ab dem Mitarbeitende bei der Lösungsentwicklung ihre IT-Fachleute hinzuziehen müssen, verschiebt sich immer weiter nach hinten. 

Demokratisierung der Softwareentwicklung

Damit wird die Demokratisierung von Softwareentwicklung und der vielbeschworene Citizen Developer, also die low-codende Fachabteilungsmitarbeiterin, die Professorin Isabell Peters von der TH Wildau in ihrem Eingangsvortrag beschrieb, greifbar.

Dabei dürfte es in der Praxis zunächst weniger um Bürgerservices gehen, die beim Demo Day aus Gründen der Anschaulichkeit als Beispiele dienten. Verfahren, welche die Bürger involvieren, sind zu sensibel, als dass man sie ohne Weiteres von einer KI generieren ließe. Offensichtlicher sind Anwendungen und Automatisierungen innerhalb der Behörde – für ein Team, einen Fachbereich oder auch nur die eigene Arbeit. Diese Einschätzung spiegelte sich auch in den Rückmeldungen der Teilnehmenden aus den vier Breakouts wider.

Auch kritische Fragen wurden diskutiert

In der Abschlussdiskussion kamen neben viel Begeisterung auch kritische Fragen zu Compliance und Standards auf. Barrierefreiheit, FIM, XÖV, KERN UX – KI-generierte Lösungen müssen mit den spezifischen Vorgaben des öffentlichen Sektors kompatibel sein, wenn sie ohne arbeitsaufwendige Zusatzschritte zum Einsatz kommen sollen. Die gezeigten KI-Lösungen waren generisch und noch nicht auf die Anwendung im öffentlichen Sektor zugeschnitten. Reicht es, solche Vorgaben im Prompt zu referenzieren? Oder müssen Standards und Vorgaben künftig selbst KI-verständlich abgelegt werden, damit sie präzise und ressourcenschonend von der KI ausgelesen werden können? 

Auch die Sorge um digitale Souveränität blieb in der Diskussion präsent. So praktisch Low-Code-Plattformen heute sind, so sehr können sie perspektivisch zu einem Walled Garden werden. Wer Dutzende oder Hunderte Anwendungen auf einer Plattform modelliert hat und nicht sicher sein kann, diese mit überschaubarem Aufwand auf eine andere Plattform zu übertragen, verliert effektiv seine Wechselfähigkeit.

Breiter Einsatz wird kommen

Überraschend ist die Leistungsfähigkeit der Kombination von KI und Low Code. Dabei befanden sich die KI-Funktionalitäten bei den meisten Anbietern auf dem Demo Day noch in der Erprobung. Mit zunehmender Reife ist davon auszugehen, dass Vibe Modeling in den kommenden Jahren breit eingesetzt wird – vor allem für behördeninterne Anwendungen, Automatisierungen und prototypische Lösungen. 

Beim anschließenden Biergartenbesuch diskutierten die Teilnehmenden des Demo Day unter anderem, was Vibe Modeling für Fachanwendungen bedeutet. Dabei kam die These auf, dass es mit der zunehmenden Verfügbarkeit von digitalen Rechtsressourcen und „Law as Code” durchaus eine Option werden kann, technisch weniger anspruchsvolle Fachanwendungen auf der eigenen Low-Code-Plattform mit Vibe Modeling zu entwickeln.

Gelungene Premiere

Für das Format des Demo Day war es eine gelungene Premiere. Lösungen verschiedener Anbieter in einem nicht-werblichen Setting selbst ausprobieren und direkt vergleichen zu können, hat erkennbar einen Nutzen. Es wird bereits beraten, welches Thema der nächste Demo Day aufgreifen soll. Vorschläge dafür werden gerne entgegengenommen. 

Basanta Thapa ist Geschäftsführer des NEGZ – Kompetenznetzwerk Digitale Verwaltung.




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