Donnerstag, 22. Oktober 2026

Open SourceHybride Strategie

[22.10.2026] Open-Source-Software (OSS) ist in der kommunalen Verwaltung ein zentraler Faktor für digitale Souveränität und wirtschaftliche IT. Neben allen Vorteilen birgt OSS aber auch ­Risiken. Einen praxisnahen Weg eröffnet hier ein hybrider Strategieansatz.
ein Mann sitzt vor zwei Monitoren auf denen Code zu sehen ist

Für Verwaltungen ist ein Mittelweg aus Open und Closed Source empfehlenswert.

(Bildquelle: Bartek/stock.adobe.com [KI-generiert])

Die aktuelle Situation der kommunalen Haushalte ist angespannt: Ende 2025 waren sie mit rund 64,1 Milliarden Euro verschuldet. Laut der gemeinsamen Haushaltsumfrage 2025 des Städtetags und des Städte- und Gemeindebunds Nordrhein-Westfalen konnten nur zehn der 396 Städte und Gemeinden in NRW einen ausgeglichenen Haushalt aufstellen. Einen weiteren entscheidenden Einfluss auf die IT-Strategien in der öffentlichen Verwaltung üben die geopolitischen Veränderungen der vergangenen Jahre aus, welche vermehrt Forderungen nach digitaler Souveränität laut werden lassen. Offene Software wird zu einem In­strument, mit dem Kommunen ihre Unabhängigkeit von großen Konzernen und ausländischen rechtlichen Einflüssen stärken können.

Ebenso hat der IT-Planungsrat gehandelt und im November vergangenen Jahres erweiterte EVB-IT-Muster empfohlen. Bei neuen Softwareentwicklungsprojekten ist Open Source im EVB-IT-Erstellungsvertrag grundsätzlich als Standard angelegt. Zudem fordert der Planungsrat die Bereitstellung von Quellcode über die Plattform OpenCoDE für Open-Source-Software (OSS), die durch oder für die öffentliche Verwaltung entwickelt wird. Diese Entscheidungen unterstützen eine nachhaltige und souveräne Digitalisierung im kommunalen Umfeld.

Unabhängigkeit, Flexibilität und Kostensenkungspotenziale

Ein Vorteil von Open-Source-Software ist die größere Unabhängigkeit von den Softwareherstellern – sowohl organisatorisch als auch finanziell. Kommunen vermeiden eine umfassende Abhängigkeit von einzelnen Produzenten, die häufig Inter­operabilität verhindern oder Preisspiralen verursachen. Denn es lässt sich beobachten, dass traditionelle Lizenzmodelle zunehmend durch abonnementbasierte, cloudgestützte Modelle mit jährlichen Kostensteigerungen abgelöst werden.

Zum anderen bietet die freie Verfügbarkeit des Quellcodes von OSS maximale Flexibilität. Kommunen können bei Bedarf eigene Entwicklungen oder Anpassungen vornehmen und so ihre IT-Lösungen genau an lokale Bedürfnisse anpassen. Auch die Abhängigkeit von Hardwareplattformen ist geringer, was die Durchführung von Konsolidierungen und Modernisierungsprojekten erleichtert. Offener Quellcode kann darüber hinaus die Sicherheit erhöhen, weil er durch Dritte überprüfbar ist. Das macht schnelle Reaktionen auf entdeckte Sicherheitslücken möglich.

Risiken minimieren 

Allerdings birgt Open Source auch Risiken: Bei Community-Projekten ohne verbindlichen Hersteller- oder Dienstleister-Support müssen Betrieb, Fehlerbehebung und Weiterentwicklung durch eigenes Personal und eigene Expertise abgesichert werden. Eine zu große Flexibilität kann zudem zu einer Fragmentierung führen und die Komplexität der eingesetzten Lösungen erhöhen. Auch Sicherheitsrisiken bestehen, da die offene Quellcode-Struktur zur Einschleusung von Schadcode genutzt werden kann, sofern die Steuerung vonseiten der Community unzureichend ist.

Um diese Risiken zu minimieren, empfiehlt sich die Etablierung von Transparenzmechanismen, auch regelmäßige Schwachstellen-Scans und Updates sowie ein Lizenzmanagement sind essenziell. Wichtig ist zudem, den Fokus auf Projekte mit großen, aktiven Communities zu legen, um die Sicherheit und Nachhaltigkeit der Open-Source-Lösung zu stärken. Hier sind die kommunalen IT-Dienstleister und Kommunen zukünftig vermehrt in der Pflicht, ein entsprechendes OSS-Ökosystem nachhaltig zu gestalten und am Leben zu erhalten.

Hybrides Modell als realistischer Mittelweg 

Auf der einen Seite kann die rein proprietäre Closed-Source-Strategie (CSS) also starke Abhängigkeiten und hohe Kosten nach sich ziehen, auf der anderen Seite jedoch durch etablierte Hersteller-, Support- und Betriebsmodelle Sicherheitsvorteile bieten. Eine konsequent eingesetzte Open-Source-Strategie wiederum kann die digitale Souveränität deutlich stärken, bringt aber He­rausforderungen wie Pflegeaufwand, Fachkräftemangel und rechtliche Komplexität mit sich. Ein hybrides Modell, das OSS und CSS kombiniert, stellt sich für die kommunale Verwaltung als realistischer Mittelweg dar. Dabei wird das Prinzip „Teile und Herrsche“ genutzt, um Abhängigkeiten zu reduzieren, Interoperabilität zu fördern und digitale Souveränität zu stärken, ohne die Betriebsstabilität zu gefährden. Wichtige Bausteine sind Offenheit, Steuerbarkeit und Anpassbarkeit der IT-Architektur, die Einbindung von Plattformen wie OpenCoDE sowie die Berücksichtigung der Empfehlungen des Zentrums für Digitale Souveränität (ZenDiS).

Der Fahrplan zu mehr Unabhängigkeit

Ein strukturiertes Vorgehen ist essenziell, um Digitalisierungserfolge zu erzielen und die Vorteile von OSS bestmöglich zu nutzen. Zunächst gilt es, klare strategische Ziele zu setzen – wie die Erhöhung der digitalen Souveränität, langfristige Kostensenkungen und die Reduktion von Herstellerabhängigkeiten. Eine gemeinsame Grundsatzentscheidung muss formuliert werden: „Open Source ist bevorzugt einzusetzen, wo sinnvoll – Closed Source, wo notwendig.“ Anschließend müssen bestehende Anwendungen, Bürosoftware, Fachverfahren sowie Infrastrukturbestandteile inventarisiert und hinsichtlich ihrer Eignung für OSS, einen hybriden Einsatz oder zwingend proprietäre Lösungen kategorisiert werden. Dabei sind Abhängigkeiten und Schnittstellen, etwa zu speziellen Fachverfahren, aufzuzeigen.

Daraufhin steht die Festlegung von Zielarchitektur und Prinzipien an. Die Enterprise-Architektur orientiert sich an offenen Standards (zum Beispiel REST, ODF) und an einem API-first-Ansatz, um Interoperabilität sicherzustellen. Schlüsselfelder für die Umstellung auf OSS sind Betriebssysteme (Linux), Kollaborationslösungen (Nextcloud, Jitsi), Systemtools und schrittweise Office-Anwendungen.

Fachverfahren mit gesetzlicher Bindung bleiben zunächst Closed Source; gegebenenfalls sollte jedoch über ein Beteiligungsmodell nachgedacht werden, um zumindest einen mittelfristigen Einfluss auf Entwicklungen sicherzustellen. Im nächsten Schritt werden konkrete OSS-Lösungen in ausgewählten kommunalen Bereichen eingeführt und im Parallelbetrieb die Praxis­tauglichkeit überprüft.

Praxisnahe Beispiele und Plattformen

Erprobte OSS-Konglomerate bieten bereits jetzt funktionale Plattformen für Kommunen. So zeigt das Beispiel OpenDesk, wie offene Komponenten wie IAM (Identity and Access Management), Verzeichnisdienste, Office-Anwendungen und Dateiablagen zuverlässig technisch orchestriert betrieben werden können. Mit Technologien wie Proxmox, Kubernetes und Helm werden wiederholbare Deployments, Updates und Integrationen auch im laufenden Betrieb möglich.

Open-Source-Software bietet der kommunalen Verwaltung die Möglichkeit, die digitale Souveränität zu stärken, Kosten zu senken und die Flexibilität der IT-Infrastruktur zu erhöhen – gerade in einer Zeit, in der finanzielle Mittel knapp und geopolitische Risiken groß sind. Gleichzeitig ist ein verantwortungsvoller Umgang mit den Herausforderungen im Bereich der Sicherheit und durch den Fachkräftemangel notwendig. Die strategische Ausrichtung sollte daher auf hybriden Modellen basieren, die das Beste aus beiden Welten vereinen und durch gemeinsames Vorgehen, transparente Prozesse und offene Architekturen den Weg in eine souveräne, agile und kosteneffiziente kommunale IT ebnen.

Silvio Große ist Geschäftsleiter der Ostwestfalen-Lippe-IT (OWL-IT).




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