Dienstag, 1. September 2026

Kommunale IT-DienstleisterWechselvolle Geschichte

[09.04.2013] Über die Entwicklung kommunaler IT-Dienstleister und deren Verdienste um E-Government hat Kommune21 mit Marianne Wulff, Geschäftsführerin der Bundes-Arbeitsgemeinschaft der Kommunalen IT-Dienstleister, Vitako, gesprochen.
Dr. Marianne Wulff

Dr. Marianne Wulff

(Bildquelle: Die Hoffotografen Berlin)

Frau Dr. Wulff, wie haben sich die kommunalen IT-Dienstleister in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten entwickelt?

Die IT-Dienstleister haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Gegründet aus EDV-Kompetenznot und im interkommunalen Geist wurden später etliche der Einrichtungen wieder aufgelöst – mit dem fatalen Effekt, dass auch kleine Kommunen ihre IT teilweise bis heute selbst betreiben, was angesichts der Komplexität gerade kommunaler IT-Infrastrukturen keine Lösung ist. Die IT-Dienstleister haben recht unterschiedliche Formen angenommen. Die meisten agieren gegenüber ihren Kunden als Rundum-Sorglos-Dienstleister. Und sie haben immer wieder neue Aufgaben übernommen. Besonders hervorheben möchte ich den Aufbau und Betrieb von E-Government-Services, mit der zunächst sehr anspruchsvollen Öffnung von IT-Infrastrukturen nach außen, die Integration verschiedenster Fachverfahren und neuerdings die Übernahme kompletter kommunaler Aufgaben wie etwa der Lohnabrechnung.

Inwiefern haben sich das Aufgabenspektrum und das Marktumfeld verändert?

Neben den eben schon genannten neuen Aufgaben kann man sagen, dass die Rolle des Systemintegrators stark an Bedeutung gewonnen hat, wohingegen auf dem Markt kommunaler Fachverfahren eine deutliche Konsolidierung und Bereinigung vollzogen wurde. Nur noch sehr wenige kommunale IT-Dienstleister entwickeln selbst große Lösungen. Entsprechend hat sich die Rolle der Dienstleister vor allem auf dem Feld der Beratung gewandelt: Sie stehen ihren kommunalen Kunden viel stärker als früher zur Seite, wenn es um die Einführung neuer technischer Lösungen oder die Nutzung von IT-Anwendungen zur Verbesserung von Effizienz und Dienstleistungsorientierung geht. Das Umfeld hat sich insbesondere in zwei Dimensionen verändert: So stehen die kommunalen IT-Dienstleister heute im Wettbewerb untereinander, was früher kaum denkbar gewesen wäre. Die privaten Anbieter von IT-Leistungen hingegen sind noch nicht wirklich in den kommunalen Markt vorgedrungen. Die Versuche, IT-Leistungen in Gemeinschaftsunternehmen zu erbringen, sind fast alle gescheitert. Auch die Übernahme kommunaler IT durch private Unternehmen ist bisher zu vernachlässigen. Es gibt jedoch sehr viel mehr Partnerschaften mit Privaten und partielle Kooperationen. Hier hat eine deutliche Annäherung stattgefunden. Die zweite Dimension betrifft das Thema Personal. Da die IT-Dienstleister im Kampf um die besten Köpfe im direkten Wettbewerb mit der Privatwirtschaft stehen, beschäftigen sie sich intensiv mit Fragen des Personal-Managements. Auf diesem Feld sind allerdings weitere Anstrengungen notwendig, um im Wettbewerb bestehen zu können – auch vor dem Hintergrund der teils restriktiven Rahmenbedingungen der öffentlichen IT-Dienstleister, etwa hinsichtlich der Bezahlungsmöglichkeiten.

„Die kommunalen IT-Dienstleister stehen heute im Wettbewerb untereinander.“

Welche wegweisenden E-Government-Projekte wurden mit Unterstützung kommunaler IT-Dienstleister durchgeführt?

Unendlich viele, könnte ich antworten. Ich will aber doch einige herausgreifen: Die IT-Dienstleister haben die Umsetzung der EU-Dienstleistungsrichtlinie intensiv mit vorangetrieben – mit welchem Nutzungserfolg, wissen wir alle. Nachhaltiger ist der teils sehr frühe Aufbau von Portalen inklusive der Implementierung von Authentifizierungslösungen – lange bevor der neue Personalausweis (nPA) kam. Aber auch die Integration der eID-Funktion des nPA in Portale ist eine wichtige Leistung der Dienstleister. Weitere Highlights sind die Integration von Geodaten in E-Services, die Entwicklung von zahlreichen elektronischen Diensten und neuerdings die Entwicklung von Apps. Nicht vergessen werden sollten der Aufbau und Betrieb des Meldeportalverbundes über Ländergrenzen hinweg.

Wie werden sich die IT-Dienstleister in Zukunft entwickeln?

Auch wenn wir nicht in der Glaskugel lesen können, sind doch einige Entwicklungen deutlich erkennbar oder sogar schon abgeschlossen, der Öffentlichkeit aber weitgehend verborgen geblieben. Viele kommunale IT-Dienstleister haben ihre Leistungstiefe reduziert. Nicht mehr jeder macht alles, zahlreiche Services werden in Zusammenarbeit mit anderen erbracht. Dabei handelt es sich um bilaterale Kooperationen oder große Verbünde wie den KDN in Nordrhein-Westfalen. Auch Fusionen sind kein Fremdwort mehr.

Für Nordrhein-Westfalen wird immer wieder eine Konsolidierung der kommunalen IT-Landschaft gefordert. Wie bewerten Sie die Situation in dem Bundesland und wie unterscheidet sie sich von der in anderen Ländern?

In Nordrhein-Westfalen sind die Kommunen im Durchschnitt und verglichen mit den anderen Ländern sehr groß und sehr selbstbewusst. Das begründet auch zumindest in Teilen die besondere IT-Landschaft. Denn die großen kommunalen Einheiten waren historisch gesehen sehr viel eher in der Lage, das komplizierte EDV-Geschäft selbst zu betreiben, was dazu führte, dass es von Anfang an viele eigenständige städtische oder regionale IT-Dienstleister in den Kommunen gab. Trotz dieser strukturellen Besonderheiten ist eine Menge Bewegung in die IT-Landschaft gekommen. Dass die Geschwindigkeit der Entwicklung manchem externen Betrachter sehr gering erscheint, verwundert einerseits nicht. Andererseits erfolgt die Entwicklung auch verborgener als zum Beispiel im Norden Deutschlands. Und Kooperationsvereinbarungen und Fusionen sind auch in Nordrhein-Westfalen keine Unbekannten mehr. Daher sollten die Betrachter der IT-Landschaft aufmerksam hinschauen, bevor sie alte Forderungen aufrechterhalten, ohne die Veränderungen zu kennen und zu würdigen.

Interview: Alexandra Reiter




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Panorama

KGSt/Helmut-Schmidt-Universität Hamburg: Agile Arbeitsweisen in Kommunen

[01.09.2026] Die KGSt und die Hamburger Helmut-Schmidt-Universität wollen herausfinden, wie agile Arbeitsweisen in Kommunalverwaltungen eingeführt und etabliert werden. Für eine kurze Umfrage werden noch Personen gesucht, die agiles Arbeiten in ihrer Kommune voranbringen. mehr...

Screenshot: Mann im dunklen Anzug vor professionell ausgeleuchteter heller Wand

Vitako: Schlaglichter auf kommunale Digitalisierung

[31.08.2026] Mit einer neuen YouTube-Reihe zeigt Vitako Perspektiven aus der öffentlichen IT in kurzen Videos. In den ersten Beiträgen geht es um verlässliche digitale Infrastrukturen, digitale Souveränität und interkommunale Zusammenarbeit. mehr...

Blick in den nüchternen Empfangsbereich eines Büros mit digitalen Anzeigetafeln.

digitalSIGNAGE: Digitale Bürgerkommunikation für Rathaus & Co.

[31.08.2026] Digitale Informations- und Anzeigesysteme können das Personal in Kommunen entlasten: Sie erleichtern die Orientierung, organisieren den Besucheraufruf und informieren. Der ISO/IEC 27001 zertifizierte Anbieter digitalSIGNAGE deckt dafür ein breites Produktspektrum ab. mehr...

Farbige Papierfiguren auf weißem Untergrund, verbunden durch Linien

KGSt: Neues Verwaltungsleitbild

[27.08.2026] Die KGSt hat mit der „Netzwerkkommune“ ein neues Verwaltungsleitbild vorgelegt. Es beschreibt eine Verwaltung, die komplexe Aufgaben gemeinsam mit Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft löst. Die Steuerung solcher Netzwerke muss so angelegt sein, dass Kooperation und Vertrauen möglich werden. mehr...

Gruppenbild vor Aufsteller

Peine: Onlinedienste bekannter machen

[27.08.2026] Die Stadt Peine will ihre digitalen Verwaltungsangebote bekannter machen sowie Bürgerinnen und Bürger über deren Vorteile und Nutzungsmöglichkeiten informieren. Dazu begann nun eine langfristig angelegte Kampagne, die Werbeflächen in der Stadt und Social Media bespielt. mehr...

Friedhof Kreuz Grabstein

Saarland: Weniger Behördengänge im Trauerfall

[25.08.2026] Ein neuer Online-Dienst ermöglicht Angehörigen und Bestattungsunternehmen, Bestattungen digital anzumelden und Unterlagen hochzuladen. Nach dem Start in St. Wendel steht das Angebot nun auch in Kirkel bereit und allen saarländischen Kommunen zur Nachnutzung offen. mehr...

Ein durchsichtiges Sparschwein steht auf zahlreichen 50-Euro-Scheinen.

European Public Administration Report: Ist eine teure Verwaltung auch gut?

[25.08.2026] Deutschland leistet sich eine der teureren öffentlichen Verwaltungen Europas. Mehr Wirkung folgt daraus aber nicht automatisch. Eine Studie aus Österreich zeigt, dass es gute Organisation, qualifiziertes Personal und digitale Werkzeuge sind, die den Unterschied machen. mehr...

Vektorgrafik, die mehrere Personen zeigt, die an einem Tisch sitzend miteinander diskutieren, teilweise mit Laptopeinsatz.

NExT/RuDi: Gemeinsam digital vernetzt

[25.08.2026] Das Verwaltungsnetzwerk NExT baut seine Zusammenarbeit mit der Plattform RuDi aus. Eine zentrale Dateiablage soll Dokumente aus den NExTcommunities bündeln und Beschäftigten des öffentlichen Dienstes den Austausch zwischen Treffen und über Communitygrenzen hinweg erleichtern. mehr...

Park mit hügeliger Wiese mit weißen Blumen und noch jungen Bäumen, im Hintergrund moderne Gebäude

Karlsruhe: Digitales, mobiles Grünflächenmanagement

[24.08.2026] Das Gartenbauamt der Stadt Karlsruhe führt ein digitales Grünflächenmanagementsystem ein. Beschäftigte können Pflegearbeiten und Kontrollen künftig vor Ort mobil dokumentieren. Einheitliche Daten und digitale Karten sollen zudem Planung, Abstimmung und Ressourceneinsatz erleichtern. mehr...

Stapel von broschierten Printprodukten, Titel nicht erkennbar, teilweise aufgeschlagen

NEGZ: Studien zur digitalen Verwaltung gesucht

[21.08.2026] Wie steht es um die deutsche Verwaltungsdigitalisierung? Was läuft gut, wo liegen die größten Hürden – und wie bewerten Verwaltung, Wirtschaft oder Bürgerinnen und Bürger die Entwicklung? Dazu gibt es bereits eine Vielzahl an Untersuchungen. Das NEGZ will diese nun zusammentragen und bittet um Mithilfe. mehr...

Kleve: Online-Umfrage zur Klimaanpassung

[19.08.2026] Die Stadt Kleve befragt ihre Bevölkerung zur Klimaanpassung und setzt dabei auf methodische Beratung des Unternehmens wer denkt was. Die Ergebnisse sollen zeigen, wie die Menschen Klimafolgen erleben, welche Angebote sie kennen und wo weiterer Handlungsbedarf besteht. mehr...

Parkscheinautomat, davor Arm und Hand mit Handy

Wiesbaden: Jeder dritte Parkvorgang ist digital

[18.08.2026] Das Handyparken hat sich in Wiesbaden zum Bezahlen von Parkgebühren etabliert. Über ein Drittel der Parkvorgänge werden digital abgewickelt. Die Stadtverwaltung profitiert von der komfortablen Möglichkeit ebenfalls: Die erforderliche technische Vorrichtung tragen die Parkenden bereits in ihrer Tasche. mehr...

Drei verschiedene Screenshots der App

Regional-App: Das Fichtelgebirge entdecken

[14.08.2026] Was machen wir heute? Darauf hat die FichtelApp jetzt einige Antworten parat. Ihr neuer Tagesplaner stellt aus Ausflugszielen, Veranstaltungen und Einkehrmöglichkeiten Vorschläge für einen Tag im Fichtelgebirge zusammen – für Gäste ebenso wie für Einheimische. mehr...

Aachen: Krönungssaal erhält AR-Führung

[14.08.2026] Aachen entwickelt eine Augmented-Reality-Führung für den historischen Krönungssaal des Rathauses. Ab 2027 sollen Besucherinnen und Besucher mit AR-Brillen sieben Stationen der Stadt- und europäischen Geschichte erleben. mehr...

Kommune21 im Gespräch: Künzell berichtet über Erfahrungen

[12.08.2026] Wie läuft die Einführung neuer Software im Verwaltungsalltag tatsächlich ab? Im nächsten Webinar „Kommune21 im Gespräch“ berichten die Gemeinde Künzell und JCC Software über Erfahrungen, Schwierigkeiten und Erkenntnisse aus mehreren Digitalisierungsprojekten. mehr...