Montag, 11. Mai 2026

TechnologieDie Stadt als Graph

[15.08.2017] In einer Smart City generieren Sensoren und Zähler eine Unmenge an Daten. Sie fließen in Servern zusammen, wo sie ausgewertet werden. Herkömmliche Datenbanken reichen dafür längst nicht mehr aus. Es gibt jedoch eine Alternative: die Graphtechnologie.
Graphstruktur ähnelt ÖPNV-Netzplänen.

Graphstruktur ähnelt ÖPNV-Netzplänen.

(Bildquelle: Neo Technology)

Bereits heute leben knapp vier Milliarden Menschen in urbanen Ballungsgebieten, spätestens im Jahr 2050 werden es mehr als sechs Milliarden sein. Die Herausforderungen, die auf Städteplaner, Architekten und Behörden zurollen, sind enorm. Wie schafft man es, Klimawandel, Wohnungsknappheit, Energieversorgung und Bevölkerungswachstum zu bewältigen und eine hohe Lebensqualität für die Bürger sicherzustellen? Eine Lösung sehen viele in der Digitalisierung des urbanen Raums. Smart Cities versprechen niedrigen Energieverbrauch, weniger Schadstoffemissionen, mehr Komfort, Sicherheit und Mobilität. Ob effiziente Müllentsorgung dank GPS-Sender oder die Messung von Luftverschmutzung über die intelligente Fahrradfelge – die Idee einer vernetzten Stadt ist keine Zukunftsmusik. Auf dem Reißbrett entworfene Modellstädte wie Songdo New City (Südkorea) und Masdar City (Abu Dhabi) optimieren in Zusammenarbeit mit globalen IT-Konzernen die Abfallentsorgung und die Energieeffizienz von Gebäuden.

Die Vernetzung ist die Herausforderung

In Deutschland wird in unterschiedlichen Pilotprojekten getestet, wie sich bestehende städtische Infrastrukturen ausbauen und digitalisieren lassen. Während München im EU-Projekt Smarter Together einen ganzen Stadtteil energetisch saniert und mit Mobilitätsstationen für Mieträder und Carsharing ausstattet, investiert Hamburg in mit Sensoren versehene Parkplätze sowie eine Straßenbeleuchtung für das Hafengelände, die je nach Bedarf ausreichend Licht spendet.
So unterschiedlich die Smart-City-Projekte auch sind, die größte Herausforderung liegt in der Vernetzung der Daten. Sensoren und Zähler generieren im Sekundentakt neue Daten: Sie messen Emissionswerte und Verkehrsaufkommen, erhalten Werte von Smartphones und vernetzten Fahrzeugen und zählen jedes Kilogramm Abfall, jeden Liter Wasser und jede Kilowattstunde Strom. Diese unfassbare Menge an Informationen fließt aus unterschiedlichen Quellen in Datenbanken zusammen, wo sie ausgewertet werden müssen.

Wirklichkeitsgetreu Daten einfach darstellen

In Industrie und Wirtschaft kennt man diese Herausforderung unter den Schlagwörtern Big Data und Internet of Things. Egal ob Smart Factory oder Onlineshop – das Management und die Analyse der Datenflut hat sich dort zu einem wettbewerbsentscheidenden Faktor gewandelt. Herkömmliche IT-Systeme und Datenbanken reichen dafür längst nicht mehr aus. Stattdessen setzen Branchenschwergewichte wie Google oder Amazon auf eine neue Technologie von Datenbanken – die Graphtechnologie.
In einem Graphen lassen sich Daten sowie die Beziehungen zwischen einzelnen Datenpunkten wirklichkeitsgetreu abbilden. Die Struktur eines Graphen versteht jeder, der einmal auf einem Stück Papier seinen Familienstammbaum gezeichnet hat: Personen werden dabei als Kreise (Knoten) dargestellt, die über Linien (Kanten) miteinander verbunden sind. Jeder Kreis kann mit einem Namen, jede Linie mit einem Verwandtschaftsgrad versehen werden. Dieses einfache Modell lässt sich auf unterschiedlichste Datensätze übertragen: Kunde kauft Produkt, Felge A passt auf Autotyp B, Lebensmittel C enthält Zutat D oder Bürger X ist Wahlkreis Y zugeteilt.

Übersichtlich komplexe Beziehungen aufbereiten

Auf diese Art lassen sich komplexe Daten übersichtlich darstellen. Der große Vorteil von Graphdaten­banken ist die extrem hohe Geschwindigkeit. War es in herkömmlichen Systemen noch nötig, Tabelle um Tabelle zu durchsuchen, springt man bei einer graphbasierten Suchanfrage von einem beliebigen Ausgangspunkt aus entlang der Verbindungen innerhalb weniger Millisekunden zum gesuchten Datensatz. Zudem erfassen Graphdatenbanken neben singulären Daten auch die Beziehungen zwischen den Daten. So lassen sich Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zwischen Systemen, Gebäuden, Orten und Personen gezielt abfragen. Die städtische Infrastruktur findet sich damit realitätsnah in der Graphstruktur wieder. Es entsteht eine Art digitaler Stadtplan, der die komplexen digitalen Beziehungen im urbanen Raum nachzeichnet.

Ampel sendet Verkehrsinformationen

Die Vorteile der Graphstruktur lassen sich am Beispiel öffentlicher Verkehrsmittel verdeutlichen. Dabei reicht ein Blick auf den Netzplan von Bus, Tram oder U-Bahn, um die Parallelen klar zu machen. Abgebildet werden so genannte Knoten (Hauptbahnhof/Ampelanlage X) sowie die Verbindungen zwischen ihnen (Linie 1/Signalleitung). Von einem beliebigen Knoten aus kann man den Verbindungen folgen und das komplette Umfeld einsehen und überwachen. Tritt beispielsweise in einem System eine Störung auf, folgt man dem entsprechenden Knoten (Ampelanlage X) und gelangt über die Verbindung zur Fehlerquelle (Sensor Y).
Auf dieser Grundlage lassen sich Warnsysteme entwickeln, die automatisch und in Echtzeit die Operationszentrale über Störungen informieren. Idealerweise sendet so jede Ampelanlage bei einem Unfall die Informationen direkt an ein übergeordnetes Verkehrsleitsystem, das wiederum mit den Bord-Computern in Autos verknüpft ist. Die schnelle Fehler- und Ursachenanalyse ermöglicht es, auch in Notfällen die Grundversorgung sicherzustellen, etwa bei Wasser- oder Stromnetzen.

Eine smarte City benötigt eine smarte Verwaltung

Die Einsatzgebiete der Graphtechnologie sind vielfältig. Großes Potenzial verspricht der kommunale Bereich, denn eine smarte City benötigt auch eine smarte öffentliche Verwaltung. Getrennte Datensilos lassen sich besser verknüpfen, sodass Verfahren und Anträge von Bürgern schneller bearbeitet werden können. Dank des ganzheitlichen Blicks auf die Daten können Referate beispielsweise Muster und Trends in der Demografie erkennen und Angebote im Gesundheits- und Bildungsbereich entsprechend anpassen – von Stadtviertel zu Stadtviertel.
Klar ist: Die Digitalisierung schafft eine Unmenge an Daten. Richtig ausgewertet und vernetzt eröffnen sich neue Wege und Lösungen für Stadtentwicklungskonzepte. Graphtechnologie schafft hier die technologische Voraussetzung, um im Datendschungel von Smart Cities den Überblick zu behalten.

Dirk Möller ist Area Director of Sales CEMEA bei Neo Technology.




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Smart City
Elisabeth Fröhlich, Projektleitung VIAA, Stabsstelle Verkehrsfluss und Geo-Services, zeigt eine Kamera, die den Verkehrsfluss erfasst.

Lübeck: Weitere Kreuzungen digitalisiert

[11.05.2026] In Lübeck werden derzeit vier Kreuzungen mit einem innovativen System zur Verkehrserfassung ausgestattet. Die Hansestadt setzt damit ein weiteres Teilprojekt im Rahmen ihres Vorhabens VIAA um. mehr...

Grafik zeigt die drei Plattform-Bestandteile
bericht

Plattformen: Von smart zu intelligent

[30.04.2026] Digitale Lösungen können Prozesse beschleunigen, Mitarbeitende entlasten und den Bürgerservice verbessern. Drei Bausteine bringen Kommunen auf diesem Weg entscheidend voran: urbane Datenplattformen, Automatisierungs- und KI-Plattformen. mehr...

Kamera auf einem Mannheimer Abfallsammelfahrzeug

Mannheim: Mit digitaler Hilfe sauberer werden

[29.04.2026] Optische Sensoren sollen der Stadt Mannheim künftig dabei helfen, Verschmutzungen im öffentlichen Raum zu erfassen und so dazu beitragen, das Stadtbild zu verbessern. Die Technik wird zunächst in einer mehrmonatigen Pilotphase getestet. mehr...

Mehrere Personen stehen vor einem Stadtteiltreff in Kassel Wolfsanger

Kassel: App stärkt das Vereinsleben

[28.04.2026] 
Eine App soll in Kassel künftig helfen, die ehrenamtliche Arbeit in den Vereinen besser und einfacher zu organisieren. Jetzt startet der im Rahmen des Modellprojekts Smart Kassel entwickelte digitale Assistent für Vereine in den Praxistest. mehr...

Lübeck: Kommunaler Gesamtabschluss bringt Mehrwert.

Lübeck: Hansestadt digital erleben

[27.04.2026] Die Hansestadt Lübeck erweitert ihr digitales Angebot um ein dreidimensionales Stadtmodell. Es macht Gebäude, Straßen und Plätze virtuell erlebbar und soll zugleich neue Anwendungen für Stadtentwicklung und Kulturvermittlung ermöglichen. mehr...

Eine Hand vor einem stilisierten Haus
bericht

Serie Smart Cities: Daten im Griff

[23.04.2026] Kommunale Daten sind die Grundlage jeder smarten Stadt. Wie gelingt es Städten und Regionen, Daten strategisch zu nutzen und so ihre digitale Transformation selbstbestimmt zu gestalten? Start einer neuen Expertenreihe des Fraunhofer-Instituts IESE. mehr...

Mehring sitzend, drei Personen stehen hinter ihm, festlich-förmlicher Rahmen

Markt Weisendorf: Zukunftsfähig mit Digitalen Zwillingen

[23.04.2026] Die Gemeinde Markt Weisendorf nutzt einen Digital Twin für Planung, Steuerung und Beteiligung. Aufbauend auf dem Förderprogramm TwinBy hat die Kommune mehrere Anwendungen entwickelt, die Daten bündeln und visualisieren und so kommunale Entscheidungen unterstützen. mehr...

Gelbes Maßband auf gelbem Hintergrund.

Kassel: Digitale Hilfe für barrierefreie Wege

[17.04.2026] In Kassel werden Daten zur Barrierefreiheit von Gebäuden in der Innenstadt erhoben und anschließend online gebündelt präsentiert. Das Projekt „Digitaler Wegweiser“ soll Menschen mit Hilfebedarf die Orientierung erleichtern. Bürgerinnen und Bürger können sich an der Datenerhebung beteiligen. mehr...

Politik zu Besuch im smarten Dorf Etteln
bericht

Etteln: Klein, aber oho

[16.04.2026] Etteln beweist, dass auch kleinste Gemeinden international Maßstäbe setzen können. Als Reallabor für übertragbare kommunale Digitalisierung zeigt das Dorf, was möglich ist, wenn Technik, Politik und Zivilgesellschaft konsequent zusammenspielen. mehr...

Cover der Präsentation zur Smart City Strategie der Stadt Wolfsburg

Wolfsburg: Smarte Pionierarbeit


[13.04.2026] Im Rahmen der Modellprojekte Smart Cities hat die Stadt Wolfsburg sieben Jahre lang Pionierarbeit als bundesweites Testfeld für eine smarte Stadt geleistet. Das Förderprogramm ist Ende März nun zwar ausgelaufen, der Weg zur digitalen Modellstadt geht aber weiter. mehr...

Gera: Mit City-App auf Entdeckungstour

[10.04.2026] Eine City-App hat die Stadt Gera entwickelt. Der digitale Begleiter soll Gera für Einwohner, Besucher und Touristen gleichermaßen noch zugänglicher, informativer und komfortabler machen. mehr...

Team von Smart City Eichenzell und seine Partner auf der SCCON 2025

Eichenzell: Fundament für digitale Daseinsvorsorge

[08.04.2026] Mit einer neuen IT-Infrastruktur, einer Datenplattform und Sensoren hat die hessische Gemeinde Eichenzell das Fundament geschaffen, um eine Vielzahl an Prozessen digitalisieren und automatisieren zu können. mehr...

fünf Personen mit Preis_Gütersloh erhält DIGITAL-Award für Urban Stack

Gütersloh: Urban Stack ausgezeichnet

[02.04.2026] Für ihr Innovationsprojekt Urban Stack ist die Stadt Gütersloh mit dem DIGITAL-Award ausgezeichnet worden. In der Kategorie „Kommunen und Gemeinden über 100.000 Einwohnende“ gewann das Projekt den von der Öffentlichkeit gewählten Preis. mehr...

Fünf Personen, der in der Mitte hält ein Tablet_Gütersloh stellt Urban Stack vor
bericht

Gütersloh: Vernetzt mit Urban Stack

[01.04.2026] Von Kommunen für Kommunen: Nach diesem Prinzip hat die Stadt Gütersloh das digitale Ökosystem Urban Stack entwickelt. Durch gemeinschaftliche Weiterentwicklung können Synergien gehoben und Kosten gespart werden. Erste Interessenten gibt es bereits. mehr...

Screenshot des Digitalen Zwillings der Stadt Aachen.

Aachen / Mannheim: Verlässliche Daten für die Stadtplanung

[30.03.2026] Wie urbane Digitale Zwillinge die klimafeste Stadtplanung unterstützen können, wollen die Städte Mannheim und Aachen in dem vierjährigen Förderprojekt MACspeeDZ zeigen. Die nötigen Daten liefern im Stadtgebiet installierte Sensoren, Künstliche Intelligenz hilft bei der Aufbereitung der Messwerte. Am Ende soll ein Werkzeug entstehen, das auch andere Städte nutzen können. mehr...