Montag, 2. November 2026

Serie DigitalstädteStadt der Pilotprojekte

[04.08.2026] Wiesbaden setzt bei der Digitalisierung auf einen ganzheitlichen Ansatz. Bürgerorientierung steht bei allen Vorhaben im Vordergrund. Gleichzeitig beteiligt sich Hessens Landeshauptstadt an zwei prestigeträchtigen Pilotprojekten des Bundesdigitalministeriums.
Abholboxen für Pässe oder Urkunden unweit des Wiesbadener Bürgerbüros.

Abholboxen für Pässe oder Urkunden unweit des Wiesbadener Bürgerbüros.

(Bildquelle: Helmut Merschmann)

Beim Gang durch Wiesbadens Innenstadt fallen mehrere Orte auf, die eine moderne Bürgergesellschaft adressieren. In einem leerstehenden Kaufhaus ist zurzeit der sogenannte Werkraum untergebracht, eine Pop-up-Location für Stadtgesellschaft, Gestaltung und Beteiligung. Unweit davon entsteht in einem denkmalgeschützten Gebäude ein Kulturort namens Walhalla, der einen dauerhaften Treffpunkt „ohne Konsumzwang“ für alle Generationen vorsieht. Das Zukunftswerk im Luisenforum wiederum (wir berichteten) lädt zur gemeinsamen Gestaltung der Stadt von morgen ein. Smarte Technologien, innovative Dienstleistungen und interaktive Mitmachformate zielen auf Experiment und Austausch. Hier ist auch der Digitale Zwilling von Wiesbaden öffentlich zu erleben, der einen datenbasierten Blick auf die Stadt erlaubt (wir berichteten).

Wiesbaden investiert in Begegnung, Beteiligung und in die Zukunft. Ähnlich umsichtig geht die Stadt bei der Digitalisierung vor, die hier als ganzheitliche Transformation verstanden wird, die nicht nur technisch vonstatten geht, sondern einen Mentalitätswandel umfasst. Wie anderswo hat die Digitalisierung in Wiesbaden eine längere Geschichte. Bei einigen Digitalprojekten war die hessische Landeshauptstadt früh am Start. So hat sie etwa als erste Behörde bundesweit die Anmeldung zur Eheschließung online umgesetzt (mehr dazu hier). Auch die Wohnsitzanmeldung per Video-Ident (wir berichteten) war hier sehr früh möglich. Mit der Gründung des Amts für Innovation, Organisation und Digitalisierung vor fünf Jahren ist zudem eine neue Form der Arbeit und Zusammenarbeit etabliert worden. So kooperiert das Amt jetzt sehr eng mit dem Referat für Smart City, etwa im Bereich Open Data.

Gleichzeitig analog und digital denken

Nichtsdestotrotz steht Wiesbaden vor den gleichen Herausforderungen wie andere große Städte. Das fängt an bei einer leistungsfähigen Infrastruktur mit Geräten, Netzanbindung und WLAN für etwa 300 Verwaltungsstandorte, umfasst moderne Arbeitsformen wie mobiles und hybrides Arbeiten und reicht bis zu offenen Bürokonzepten mit Desksharing und Open Workspace. Alles Projekte, die nicht von heute auf morgen umsetzbar sind und eine prinzipielle Offenheit für Veränderungen aufseiten der Mitarbeitenden sowie Innovationsgeist auf der Führungsebene bedingen. Unterdessen setzen sich digitale Bürgerdienste nur langsam durch, sodass auf absehbare Zeit analoge Angebote wie das zentral am Markt gelegene Bürgerbüro und die Ortsverwaltungen bestehen bleiben. „Wir müssen immer parallel denken, digital und analog, damit ein gutes Angebot für die Bürgerinnen und Bürger entsteht“, sagt Sike Lehnhardt, Leiterin des Innovationsamts. Die zwei unweit vom Bürgerbüro aufgestellten WI-Boxen zur Abholung von Pässen, Urkunden und Ausweisdokumenten veranschaulichen diesen Ansatz.

Blaupausen für den Roll-out

Vorangetrieben von der Landesregierung, deren Digitalministerin, Kristina Sinemus, enge Kontakte zum Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung pflegt, nimmt die Stadt Wiesbaden an der Digitalisierungsoffensive des Berliner Ministeriums teil (siehe auch hier). Insgesamt sechs hessische Städte und Landkreise beteiligen sich daran. Es sollen Blaupausen für den Roll-out ausgewählter digitaler Bürgerdienste entstehen. „Unsere Aufgabe ist es, die Roll-out-Konzepte zu unterstützen, mögliche Schwachstellen aufzudecken und einen Leitfaden für die flächendeckende Umsetzung in anderen Kommunen zu entwerfen“, sagt Hilmar Moser, Teamleiter Prozessdigitalisierung in Wiesbaden. „Vor diesem Hintergrund ist die unterschiedliche Größe der Pilotkommunen relevant, weil eben jeweils unterschiedliche Umsetzungsstrukturen vorherrschen.“ Unter anderem sind die Verwaltungsdienste elektronische Wohnsitzanmeldung, digitaler Führerscheinantrag, begleitetes Fahren mit 17 Jahren, der Aufenthaltstitel und der Unterhaltsvorschuss im Pilotprojekt inbegriffen.

Obschon einige dieser Online-Dienste in Wiesbaden bereits realisiert sind und von den Fachämtern eingesetzt werden, ist der flächendeckende Roll-out in ganz Hessen auf Basis von civento, der Digitalisierungsplattform des IT-Dienstleisters ekom21, für alle Beteiligten ein spannendes Unterfangen. Als sehr produktiv wird im Pilotprojekt vor allem die direkte und ebenenübergreifende Zusammenarbeit mit dem Bund sowie das Feedback, das man gibt und erhält, wahrgenommen. Digitalisierung par ordre du mufti, das hatte sich beim Onlinezugangsgesetz gezeigt, funktioniert nicht. Und so ist die Anerkennung unterschiedlicher Sachstände auf allen drei föderalen Ebenen ein weiterer Mehrwert des Projekts.

Noch in diesem Jahr soll das vom hessischen Digitalministerium koordinierte Pilotprojekt abgeschlossen und der landesweite Roll-out beendet sein. Anschließend wird die bundesweite Disponibilität geprüft. Die Herausforderungen bleiben bestehen: standardisierte Schnittstellen und die Anbindung an verschiedenartige Fachverfahren. Wenn hier das Land oder der Bund in die Verhandlung mit den Fachverfahrensherstellern treten würden und universelle Schnittstellen entstünden, anstatt dass jede Kommune sich selbst darum kümmert, ginge es schneller voran.

Daten zur Entscheidungsfindung

Nach längerer Vorbereitungszeit hat Wiesbaden zudem ein städtisches Daten-Ökosystem aufgebaut, das eine Open-Data-Plattform und einen Urbanen Digitalen Zwilling umfasst. Beide Projekte stehen sowohl der Verwaltung als auch den Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung. Die Open-Data-Plattform stellt juristisch geprüfte, offene Daten der Stadt bereit, darunter Mobilitäts-, Umwelt- und Sozialdaten. „Ziel ist es, eine evidenzbasierte Entscheidungsfindung auf unterschiedlichsten Ebenen zu ermöglichen“, sagt Rebecca Wilhelm, Senior Programmmanagerin im Referat Smart City. „Wir wollen etwa der Stadtverordnetenversammlung, den Ausschüssen oder den Ortsbeiräten Daten und Fakten an die Hand geben, damit sie zukunftsweisende Entscheidungen fällen können, und zwar faktenbasiert und nicht nach Bauchgefühl.“

Ein gutes Beispiel dafür ist die Radinfrastruktur, die vom Wiesbadener Verkehrsdezernat vorangetrieben wird. Auf Basis selbst erhobener und externer Daten aus der App DB Rad+ der Deutschen Bahn kann ein Bild der am meisten frequentierten Radlerrouten entstehen. Im Abgleich mit der aktuellen Radverkehrsinfrastrukturplanung und unter Beteiligung der Bürgergesellschaft können auf diese Weise neue Radverkehrswege daten- und faktenbasiert in Planung gehen. Im Entstehen ist auch eine Art Baumkataster, um einen Überblick über Bestand und Arten von Bäumen auf öffentlichen und privaten Grundstücken zu gewinnen. Auf der Datenplattform sollen dafür sowohl Satellitendaten ausgewertet als auch möglicherweise Identifikate von Bürgern zusammengeführt werden, um künftig städtische Klimapläne danach auszurichten.

Neben dem praktischen Nutzen einer Open-Data-Plattform besteht ein weiterer Mehrwert gewissermaßen im Überraschungseffekt, der sich einstellt, wenn verschiedene Ämter die Plattform mit ihren Daten befüllen und entdecken, welche Datenbestände es in der eigenen Stadt gibt. So entsteht Transparenz. „Die Plattform ermöglicht große Effizienzgewinne, wenn man bei Bedarf auf Daten zugreifen kann, ohne einen langen Dienstweg einschlagen zu müssen“, erläutert Daniel Stohr, Teamleiter Beratung und Transformation.

Im Schatten des Zwillings

Der Digitale Zwilling funktioniert ähnlich wie die Open-Data-Plattform, visualisiert allerdings das Datenerlebnis und macht Zusammenhänge sichtbar. So lassen sich beispielsweise Kindertagesstätten stadtweit darstellen. Legt man noch Schulen darüber und aktiviert die Radrouten oder Bushaltestellen aus der Rubrik Verkehr und Infrastruktur, erhält man auf einer 3D-Karte eine gute Übersicht über passende zukünftige Wohnlagen. Bislang sind noch nicht alle verfügbaren offenen Daten in den Digitalen Zwilling integriert, doch werden die beiden Plattformen immer besser verzahnt. Der zentrale Mehrwert besteht in der Vernetzung von Daten und Informationen, sodass sich neue Zusammenhänge ergeben, die zuvor nicht sichtbar waren.

Der Bekanntheitsgrad des Digitalen Zwillings, obwohl online im Netz als auch im Zukunftswerk verfügbar, lässt noch zu wünschen übrig. Trotz Pressereferat, Social-Media-Kommunikation und Präsenz auf Veranstaltungen erfahren offenbar zu wenig Bürgerinnen und Bürger von den digitalen Aktivitäten. Eine geringe Nutzung wiederum könnte für die Politik das Signal sein, an bestimmten Vorzeigeprojekten nicht mehr festzuhalten.

Langfristige Effekte zählen

Dessen sind sich die Digitalisierer in Wiesbaden bewusst und betonen die Zukunftsträchtigkeit ihrer Arbeit. „Angesichts der schwierigen Haushaltslage in Kommunen ist es umso wichtiger, an zukunfts­orientierten Themen wie der digitalen Transformation festzuhalten. Langfristige Effekte werden oft erst nach einer Wahlperiode und zeitlich begrenzten Haushalten sichtbar. Umso wichtiger ist es, die Potenziale hervorzuheben und die Konsequenzen darzustellen“, betont Silke Lehnhardt. „Wer soll die Verwaltungsarbeit erledigen, wenn künftig bis zu 30 Prozent der Mitarbeitenden durch den Generationenwechsel die Stadtverwaltung verlassen?“

Helmut Merschmann




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