Kreis HöxterDigitale Zukunftsdörfer

Dörfer im Kreis Höxter sind für die digitale Zukunft gerüstet.
(Bildquelle: Kreis Höxter)
Als ländlich strukturierter Flächenkreis ist der Kreis Höxter in Nordrhein-Westfalen wie andere ländliche Räume auch von den Folgen des demografischen Wandels betroffen. Um die Chancen der Digitalisierung zur Förderung der Daseinsvorsorge und Lebensqualität der Menschen zu nutzen, initiierten die beiden Kreise Höxter und Lippe im Jahr 2016 das bundesweit bekannte Leuchtturmprojekt Smart Country Side. 26 Dorfgemeinschaften erprobten drei Jahre lang selbstbestimmt und bedarfsgerecht digitale Lösungen. Zugleich stärkten sie ihre digitale Kompetenz. Schnell entwickelte sich das Modellprojekt zur Blaupause für andere ländliche Regionen. Um weitere Dorfgemeinschaften zu beteiligen, startete im Kreis Höxter 2019 das Folgeprojekt Dorf.Zukunft.Digital (DZD) mit 30 Dorfgemeinschaften aus zehn Kommunen als Roll-out. Seitdem wird eine Vielzahl an niederschwelligen smarten Anwendungen von den Bürgern ehrenamtlich erprobt: Eine digitale Dorfplattform, ein digitaler Dorf-Hilferuf, eine digitale Dorfchronik, eine Neubürgerplattform, Kirche digital, eine smarte Bürgerhalle, digitale Erlebnistouren und vieles mehr. Am Projekt beteiligte Digital-Lotsen schulen ihre digitale Kompetenz und geben als Multiplikatoren ihr Wissen an ihre Mitbürger weiter. Dafür wurden in den Dorfgemeinschaftshäusern digitale Klassenzimmer eingerichtet. 2020 wurde das Projekt DZD vom Bundespräsidenten mit dem bundesweiten Preis für digitale Teilhabe ausgezeichnet, was zu zahlreichen Anfragen anderer Kommunen führte, die ähnliche Projekte auf den Weg bringen wollen und sich für die Erfolgsfaktoren der Digitalprojekte im Kreis Höxter interessieren.
Digitalisierung gehört in Bürgerhand
Vier Faktoren haben sich dabei als entscheidend für den nachhaltigen Erfolg herausgestellt und sind wissenschaftlich bestätigt. Ein starkes bürgerschaftliches Engagement mit einer ausgeprägten Anpack- und Kümmererkultur ist eine gute Ausgangslage. Dazu kommt ein stringenter Bottom-up- und Beteiligungsprozess. Es müssen Experimentierräume und Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit Menschen selbstorganisiert digitale Lösungen erproben und ihre digitale Souveränität stärken. Außerdem ist es von Vorteil, wenn sich die Dörfer lokal, regional und bundesweit vernetzen, Bündnisse und Kooperationen eingehen. Die Leitidee beider Digitalprojekte im Kreis Höxter und zentrale Forderung an Verwaltung und Politik lautet: Digitalisierung gehört in Bürgerhand. Lokale Bündnisse, Netzwerke und Nachbarschaften organisieren generationsübergreifend und gemeinwohlorientiert Halt und Hilfe für Jeden. Sorgende Dorfgemeinschaften schaffen durch ihre Beteiligung an Digitalprojekten soziale Innovationen und zeigen exemplarisch, wie die digitale Transformation gelingen kann. Sie sind damit Vorbilder für die Stadt.
Das nächste innovative Pilotprojekt ist bereits gestartet. 30 Dorfgemeinschaften erproben seit September 2021 bedarfsgerecht digitale Gesundheits- und Pflegeanwendungen. Dafür wird in den Dorfgemeinschaftshäusern ein barrierefreier Gesundheitskiosk als zentrale Anlaufstelle für die Erprobung digitaler Gesundheits- und Pflegeangebote eingerichtet. Dort sollen Videosprechstunden mit Ärzten, Pflegeroboter, elektronische Patientenakten, das eRezept oder Gesundheits- und Senioren-Apps niederschwellig erläutert werden.
Vorteile pragmatisch nutzen
Eines haben alle projektbeteiligten Orte im Kreis Höxter gemeinsam: Den unbedingten Willen, die Vorteile der Digitalisierung pragmatisch zu nutzen, um Herausforderungen vor Ort zu lösen und die eigene Zukunftsfähigkeit zu stärken. Den Bürgerinnen und Bürgern geht es dabei um alltagstaugliche und niederschwellige Lösungen, die ihre Daseinsvorsorge und Lebensqualität, das Vereinsleben sowie das soziale Miteinander im Dorf stärken. Hier in der Region Ostwestfalen-Lippe wird nicht lange gezaudert, sondern angepackt. Die Menschen wissen: Zukunft ist kein Schicksal, sondern etwas, das man vor Ort selbst gestalten kann. Ihr mutiges Voranschreiten hat mit dazu beigetragen, dass 2022 die Umsetzung der kreisweiten Digitalisierungsstrategie erfolgt, bei deren Entwicklung und Priorisierung die besonderen Anliegen der Dörfer berücksichtigt wurden. Je Dorf gibt es zwei ausgebildete Digital-Lotsen, die zusammen mit den Kommunen die gemeinsam definierten Projekte auf Augenhöhe umsetzen. Denn was nützen schöne neue digitale Bürgerdienste, wenn sie in den Dörfern nicht ankommen oder ungenutzt bleiben?
Im Dorf von Morgen nutzen nicht nur alle Einwohner die digitale Dorfplattform, die mit dem digitalen Rathaus vernetzt ist, sondern auch das digitale Infoterminal, über das auch Touristen und Besucher jederzeit über das aktuelle Geschehen vor Ort und im Kreis im Bilde sind. Im digitalen Dorfzentrum finden im digitalen Klassenzimmer Schulungen und Veranstaltungen zur Vermittlung digitaler Kompetenz für Jung und Alt sowie Homeschooling und Videokonferenzen statt. Hier kann jeder seine digital bestellten Einkäufe abholen, Mitfahrer für das gemeinsame E-Dorfauto treffen oder digitale Gesundheitsservices ausprobieren. Hier befindet sich das digital-analoge Erzählcafé als beliebter Treffpunkt, an dem Dorfgeschichten erzählt und mit digitaler Technik in der digitalen Dorfchronik festgehalten werden können.
Analog und digital
Alle Orte, ob die Kapelle auf dem Berg oder die smarte Bürgerhalle in der Dorfmitte, sind mit breitbandigem Internet und 5G ausgestattet und durch 3D-Ansichten virtuell begehbar. Belegungspläne und Verbräuche sind digital und mobil abruf- und steuerbar. Hier befindet sich der Co-Working-Space mit New-Work-Angeboten. Es finden regelmäßig Social-Media-Gottesdienste statt, die von Schülern vorbereitet werden, damit auch skeptische Eltern und Großeltern gerne teilnehmen. Seelsorge, Halt und Hilfe wird von engagierten Menschen auch digital angeboten und damit die analoge Nachbarschaftshilfe ergänzt. Das Gespräch über den Gartenzaun findet parallel auf dem digitalen Marktplatz statt, hier werden News, Hilfe und allerlei Brauchbares aus Haus, Keller und Garten ausgetauscht. In der digitalen Dorfmitte finden neu Zugezogene Rat und Tat, um sich schnell in die Gegend und ins Dorfleben zu integrieren.
Digitalprojekte wie Smart Country Side und Dorf.Zukunft.Digital zeigen, wie Tradition und Innovation, analog und digital zusammen dazu beitragen können, das Dorf der Zukunft zu gestalten. Wichtig ist, dass sich Menschen auf den Weg machen und die Chancen der Digitalisierung für sich nutzen. Unsere Gesellschaft wird nach der Corona-Pandemie eine andere sein. Smarte, digitale Dienste und digitale Kommunikation werden den Alltag in den Dörfern prägen und bereichern. Wie gut, dass die Dörfer im Kreis Höxter dafür schon heute gut gerüstet sind.
Dieser Beitrag ist im Schwerpunkt Smart City der Ausgabe März 2022 von Kommune21 erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren.
https://www.owl-morgen.de/projekte/smart-country-side
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