Sonntag, 17. Mai 2026

InterviewOffenheit hat Priorität

[21.02.2022] Die bayerische Landeshauptstadt hat ein klares Bekenntnis zum Einsatz von offenen Schnittstellen und Open-Source-Lösungen abgelegt. Mit welchen Maßnahmen und Projekten die Stadt dies umsetzt, erläutert Münchens Chief Digital Officer (CDO) Thomas Bönig.
Thomas Bönig

Thomas Bönig

(Bildquelle: Landeshauptstadt München)

Herr Bönig, die Stadt München verpflichtet sich in ihrer Digitalisierungsstrategie unter anderem zum Prinzip digitale Souveränität. Welche Bedeutung hat das Thema für die Landeshauptstadt?

München hat sich in der Fortschreibung seiner Digitalisierungsstrategie im Jahr 2020 dem strategischen Prinzip der digitalen Souveränität als Ziel und Grundlage für IT-Entscheidungen verpflichtet. Die digitale Souveränität einer Kommune wird dann bedroht, wenn der selbstbestimmte Umgang mit anvertrauten oder erhobenen Daten nicht mehr frei von Eingriffsmöglichkeiten Dritter gewährleistet werden kann oder Monopole und Abhängigkeiten, etwa von Software-Unternehmen, in bestimmten Bereichen jegliche Entscheidungsfreiheit verhindern. Dementsprechend hat digitale Souveränität für die Landeshauptstadt München eine sehr große Bedeutung.

Welche Voraussetzungen müssen für digitale Souveränität geschaffen werden?

Die erwähnten Entscheidungen im Rahmen der Digitalisierung bewegen sich in einem Spannungsfeld, in dem einerseits hohe Unabhängigkeit erkauft werden muss und andererseits Lock-in-Effekte und moderne Bereitstellungsmodelle dafür sorgen, dass Freiheitsgrade eingeschränkt und Eingriffsmöglichkeiten Dritter eröffnet werden könnten. Da wir die digitale Transformation der Stadt ernst nehmen, haben wir die Herstellerunabhängigkeit zunehmend im Blick. Um dem Anspruch der digitalen Souveränität gerecht werden zu können, müssen wir zudem die Organisation über alle Ebenen hinweg entsprechend ausrichten. Das beginnt bei der Digitalisierungsstrategie, setzt sich bei der IT-Strategie fort und reicht bis hin zu konkreten Vorgaben für Entwicklungsprozesse von IT-Lösungen und -Services. So verfolgen wir das Ziel einer Plattformorientierung und verbinden dies mit einem klaren Bekenntnis zum Einsatz offener Schnittstellen und Open-Source-Lösungen – wann immer es strategisch, wirtschaftlich und technologisch sinnvoll ist. Nicht vergessen werden dürfen auch Kooperationen – insbesondere im kommunalen Bereich –, um unsere Position gegenüber Anbietern zu stärken und gemeinsam Lösungen und Kompetenzen zur Sicherung der digitalen Souveränität aufzubauen.

„München setzt überall dort auf Open-Source-Lösungen, wo entsprechende Software verfügbar ist.“
Welche Wege beschreitet die Stadt München konkret, um das Ziel „mehr Open Source“ zu erreichen?

Sowohl die Digitalisierungsstrategie als auch die IT-Strategie geben klare Ziele und Vorgaben hinsichtlich Open Source, welche bei der Entwicklung von IT-Lösungen oder -Services zu berücksichtigen sind. Wir haben den Auftrag des Stadtrats, über die Schaffung eines Open Source Hub die nötigen Kompetenzen für den Einsatz von Lösungen in unserer IT zu stärken. Verfügbare Open-Source-Lösungen müssen wir für unsere Zwecke einsetzbar machen. München verfügt über die erforderlichen Fähigkeiten bereits heute. Aktuell arbeiten wir unter dem Titel „München Portal der Zukunft“ an einem großen Projekt. Ziel ist es, für die Verwaltung der Stadt München eine moderne Präsenz in der digitalen Welt zu schaffen und eine Digitalisierungsplattform zur Verfügung zu stellen, auf der Verwaltungsprozesse benutzerzentriert angeboten werden.

In welchen Bereichen setzt die Stadt bereits Open-Source-Lösungen ein?

Die Stadt München setzt seit Langem überall dort auf Open-Source-Lösungen, wo entsprechende Software verfügbar und in der IT-Welt gut etabliert ist. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt nutzen wir zum Beispiel im Rechenzentrum im Server-Bereich überwiegend Linux-Lösungen. Auch bei den Themen Datenbanken und Webserver setzen wir in vielen Bereichen zu nennenswerten Teilen auf Open Source. Ein wichtiger Schritt war zudem, bei der Definition unserer strategischen Plattform für Software-Eigenentwicklungen vollständig auf Open-Source-Komponenten zu setzen. Auf dieser Basis wurde etwa der öffentlich zugängliche Mietspiegel 2021 umgesetzt.

Welche Vorhaben sind für die Zukunft geplant?

Ein wichtiger Aspekt der jüngeren Open-Source-Priorisierung der Landeshauptstadt ist das Prinzip „Public Money, Public Code“. In diesem Sinne werden alle künftigen Eigenentwicklungen nicht nur auf offenen Standards basieren, sondern wir werden die entstehende Software auch als Open Source zur Verfügung stellen. Als Projekt mit besonderer Bedeutung sei hier noch einmal das „München Portal der Zukunft“ erwähnt. Viele Bürgerinnen und Bürger werden in Zukunft mit der Plattform interagieren, wenn sie auf Services der Stadt zurückgreifen. Auch bei Projekten wie der Ablösung der heutigen Online-Terminvereinbarung durch eine neue Software kommt Open Source zum Einsatz.

Welche Rolle spielt die Open Source Factory (OSF) in der Strategie der Stadt München?

Die Open Source Factory ist ein wichtiger Baustein im Rahmen der Münchner Open-Source-Strategie. Im Munich Urban Colab, das gemeinsam von UnternehmerTUM und Landeshauptstadt gegründet wurde, versuchen wir in dreimonatigen Sprints, Themenstellungen der Stadt in internationalen Teams bearbeiten zu lassen. Diese bauen auf Basis von Open Source Software digitale Prototypen, die München und anderen Kommunen helfen, ihren Weg der Digitalisierung konsequent weiterzugehen. Die Themenfindung findet gemeinsam mit der Politik statt. Zuletzt wurde etwa der Prototyp eines WC-Finders für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen entwickelt. Da das Thema auf breite Akzeptanz stößt und Interesse bei anderen Kommunen besteht, wird weitere drei Monate daran gearbeitet, um die Lösung einerseits für den produktiven Einsatz in der Stadt München zu finalisieren und andererseits auszuloten, inwieweit das Produkt Grundlage für die Gründung eines Start-ups sein kann.

Das IT-Referat beteiligt sich zudem an einer Arbeitsgruppe der Open Source Business Alliance (OSBA) zum Aufbau eines Verzeichnisses für Code der öffentlichen Hand – was steckt hinter diesem Engagement?

Eine zentrale Plattform zum Austausch von Software, die durch öffentliche Mittel finanziert und als Open Source zur Verfügung gestellt wird, ist Dreh- und Angelpunkt, um den Ansatz „Public Money, Public Code“ zu operationalisieren. Auf einer solchen Plattform wird nicht nur die Software selbst ausgetauscht, sondern auch die Zusammenarbeit, zum Beispiel hinsichtlich von Updates, organisiert. Die Stadt München prüft derzeit, auf welcher Plattform wir unsere Entwicklungen veröffentlichen werden. Als langjähriges Mitglied der OSBA arbeiten wir unter anderem an einem Open Source Code Repository mit und sind Teil der Arbeitsgruppe, die das Thema als Handlungsfeld 7 der Verwaltungscloud bearbeitet. Derzeit pilotieren wir die entstehende Plattform mit einer konkreten Eigenentwicklung, die wir dort veröffentlichen wollen. Dabei geht es um ein Plug-in, das die Aufnahme der BayernID in die Open-Source-Lösung Keycloak realisiert – ein zentrales Element, um die digitalen Identitäten der Bürgerinnen und Bürger für Services der Stadt München nutzbar zu machen.

Interview: Bettina Weidemann




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: IT-Infrastruktur
Frauenhand die auf einem weißen Telefon eine Nummer eintippt

Bremen: Klassisches Telefon hat ausgedient

[05.05.2026] Die bremische Verwaltung verabschiedet sich weitgehend vom klassischen Telefon und setzt stattdessen in Zukunft auf das Softphone als Grundausstattung. 
 mehr...

Markus Bremkamp, Stephan Hauber Porträtfotos
interview

Interview: Zwischen Praxis und Politik

[28.04.2026] Im Kommune21-Interview erläutern Stephan Hauber, Vorstandsvorsitzender des VOIS-Vereins, und Markus Bremkamp, Schatzmeister des VOIS-Vereins, was sie zur Gründung ihres Vereins bewogen hat und welche Ziele dieser verfolgt. mehr...

Kreishaus Düren

Kreis Düren: Microsoft 365 eingeführt

[21.04.2026] Der Kreis Düren hat Microsoft 365 flächendeckend ausgerollt. Unterstützt wurde die Kommunalverwaltung dabei vom Dienstleister regio iT. mehr...

Rheinland-Pfalz: OPTIKOM kommt voran

[17.04.2026] Im interkommunalen Prozessmanagement-Projekt OPTIKOM in Rheinland-Pfalz wurden bereits Meilensteine erreicht, wie eine rund 1.000 Prozesse umfassende Blaupause für ein gemeinsames Prozessregister. Im kommenden Jahr können weitere Kommunen in das Projekt aufgenommen werden. mehr...

Grün eingefärbte Nahaufnahme einer Computer-Platine.
bericht

Green IT: Ganzheitlicher Ansatz für nachhaltige Digitalisierung

[08.04.2026] Angesichts der komplexen Aufgaben, denen sich der öffentliche Sektor in seiner digitalen Transformation gegenübersieht, haben Umweltaspekte oft eher niedrige Priorität. Klare Ziele und konkrete, einfache Maßnahmen helfen, Nachhaltigkeitsziele in digitale Strategien zu integrieren. mehr...

Die Verknüpfung von Informationen aus unterschiedlichen Quellen bildet die Grundlage für datengeschriebene Entscheidungen.

Ennepe-Ruhr-Kreis: Prozessmanagement kommt voran

[08.04.2026] Ergebnisse des interkommunalen Projekts zum Prozessmanagement im Ennepe-Ruhr-Kreis sind ein umfassendes Prozessregister, abgestimmte Standards und ein belastbares Netzwerk. Nun startet das Projekt in die nächste Phase. mehr...

Eine Person tippt auf einer Computertastatur.

Erkrath: KRZN migriert VOIS-Plattform

[02.04.2026] Das Kommunale Rechenzentrum Niederrhein (KRZN) hat erstmals eine bereits produktiv genutzte VOIS-Plattform in sein Betriebsumfeld migriert. Es handelt sich um die VOIS-Fachverfahren der Stadt Erkrath für das Einwohnerwesen, das Gewerbewesen sowie die Gebührenkasse. mehr...

Mehrere Personen stehen in einem Raum zum Gruppenfoto versammelt, im Hintergrund ist ein Anmeldeterminal zu sehen.
bericht

Besuchersteuerung: Zeitgemäßer Bürgerservice

[27.03.2026] Die IKT-Ost hat eine neue Lösung zur Termin- und Besuchersteuerung eingeführt. Der IT-Träger für zwei Landkreise und eine Stadt setzt dabei auf eine einheitliche Software für alle Kommunen. Profiteure sind Verwaltungen und Bürger. mehr...

Mehrere Personen stehen in kleinen Gruppen versammelt in einem größeren Raum.

Büdelsdorf: Digitales Zielmanagementsystem

[06.03.2026] Die Stadt Büdelsdorf hat ein digitales Zielmanagementsystem eingerichtet. Es soll eine gezielte Steuerung, Wirksamkeitsmessung und Auswertung wichtiger Kennzahlen seitens der Stadt ermöglichen. mehr...

Mehrere Personen bringen einzelne Puzzleteile zusammen.

cit / nextgov iT: Strategische Partnerschaft mit KERN-UX

[03.03.2026] Die Low-Code-Plattform cit intelliForm unterstützt KERN-UX, den User-Experience (UX) Standard für Verwaltungssoftware. Verwaltungsleistungen können somit KERN-konform, also standardisiert, nutzerfreundlich und wiedererkennbar, umgesetzt werden. Als strategischer Partner gestaltet neben cit auch nextgov iT den UX-Standard aktiv mit. mehr...

Mehrere Personen sitzen an einem U-förmigen Besprechungstisch, eine Person ist virtuell via Laptop zugeschaltet.
bericht

Round Table: Saubere Daten

[02.03.2026] Das Round-Table-Gespräch von Kommune21 zum Axians-­Infoma-Innovationswettbewerb zeigt: Die Datenqualität ist der entscheidende Erfolgsfaktor für Digitalisierungsprojekte. mehr...

Vektorgrafik einer Person, die ihren Ausweis per Smartphone vorzeigt.

Sachsen: Digitale Ehrenamtskarte

[27.02.2026] Auch in Sachsen steht nun die Digitale Ehrenamtskarte über die Ehrenamtskarten-App zur Verfügung. Damit greift ein weiteres Bundesland auf die in Nordrhein-Westfalen erarbeitete EfA-Leistung zurück. mehr...

Blick auf den Eisenacher Marktplatz.
bericht

Eisenach: Zeichen stehen auf Wandel

[24.02.2026] Mit einem „Masterplan zur digitalen Transformation“ schließt die Stadtverwaltung Eisenach Stück für Stück Etappen auf dem Weg zur modernen Verwaltung ab. Immer im Fokus stehen dabei die Mitarbeitenden als wichtigster Faktor im Veränderungsprozess. mehr...

Zwei Personen stehen vor einem Feuerwehrauto, neben ihnen befindet sich ein Display, das die Oberfläche der Software rescueTablet angezeigt wird.

Hanau: Tablets unterstützen die Feuerwehr

[24.02.2026] In Hanau sorgt das Einsatzinformationssystem rescueTablet dafür, dass Feuerwehren schon während der Anfahrt relevante Informationen zum anstehenden Einsatz erhalten. Da alle Freiwilligen Feuerwehren der Stadt Hanau sowie die Berufsfeuerwehr das System nutzen, wird eine flächendeckende und einheitliche digitale Informationsbasis für sämtliche Einheiten geschaffen. mehr...

Mehrere Personen stehen zum Gruppenfoto versammelt auf einer Außentreppe.
bericht

Low Code / No Code: Kommunen bündeln Kräfte

[19.02.2026] Am Niederrhein haben mehrere Kommunen eine gemeinsame Plattform für digitale Anwendungen beschafft. Mit der Low-Code-/No-Code-Lösung setzen sie auf Tempo bei der Entwicklung neuer Anwendungen und die Wiederverwendung existierender Komponenten. mehr...