Dienstag, 3. November 2026

Vitako-JubiläumWege zur Netzwerkverwaltung

[07.12.2015] Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Kommunalen IT-Dienstleister wurde vor zehn Jahren gegründet. Auf der Jubiläumsveranstaltung in München richtete sich der Blick zurück und nach vorn.
Vitako-Jubiläum: Rund hundert geladene Gäste nahmen an der Veranstaltung in München teil.

Vitako-Jubiläum: Rund hundert geladene Gäste nahmen an der Veranstaltung in München teil.

(Bildquelle: Vitako – Bundes-Arbeitsgemeinschaft der Kommunalen IT-Dienstleister e.V.)

In der IT-Welt sind zehn Jahre eine Ewigkeit. Im Jahr 2005 waren die heute prägenden Technologien wie Smartphones oder Tablets noch nicht einmal am Horizont erkennbar. Heute finden sich viele Menschen ohne diese Geräte gar nicht mehr zurecht. Dass es auch erstaunliche Kontinuitäten gibt, insbesondere was die Ziele der IT der öffentlichen Hand angeht, wurde auf einer Veranstaltung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kommunalen IT-Dienstleister, Vitako, deutlich. Am 2. Dezember 2005 wurde die Bundesarbeitsgemeinschaft aus der Taufe gehoben. Aus diesem Anlass lud der Verband, der sich 2006 in Vitako umbenannte, zur Jubiläumsfeier nach München ein (2. bis 3. Dezember 2015). Etwa hundert Gäste, darunter viele ehemalige Geschäftsführer aus Vitako-Mitgliedsunternehmen sowie Vertreter aus Politik und Verwaltung, waren der Einladung gefolgt.
Martin Schallbruch, IT-Direktor im Bundesministerium des Innern (BMI), richtete in seinem Vortrag den Blick nach vorn. Schallbruch erwartet in den kommenden zehn Jahren – anders als in den vergangenen – „disruptive Entwicklungen“. Die IT der öffentlichen Hand stehe vor drei Herausforderungen. Es gelte einen digitalen Leistungsverbund aller Ebenen des Staates aufzubauen und digitale Räume zu schaffen, in denen sich öffentliche Hand und private Dienstleister vernetzen. Zudem müsse die Autonomie und Handlungsfähigkeit des Staates bewahrt werden. Schallbruch warnte: „Fast die Hälfte der EU-Staaten nutzt auf zentraler Ebene Cloud-Dienste von Amazon Web Services.“ Um zu verhindern, dass sensible Daten deutscher Behörden in unbefugte Hände geraten, müsse stärker in die digitale Infrastruktur investiert werden. Schallbruch forderte auch eine Debatte über die föderale IT-Infrastruktur. Die derzeitige Aufgabenteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen gehöre auf den Prüfstand. Für ihn ist es Aufgabe des Bundes für die Backbone-Infrastruktur zu sorgen, die vernetze Verwaltung müsse auf kommunaler Ebene aufgebaut werden. Vitako-Vorstand Peter Kühne machte den IT-Direktor im BMI darauf aufmerksam, dass dies nicht ganz einfach werden dürfte: „Wir haben ein durchgehend klammes Kundenklientel.“

Vorausschauendes Verwaltungshandeln

Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, lobte in seinem Grußwort den Verband Vitako als Vorreiter einer neuen Zusammenarbeit. Die Bedeutung der kommunalen IT-Dienstleister sei in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, ihre Rechenzentren seien systemrelevant. Aufgabe der Kommunen und ihrer IT-Dienstleister sei es nun, die Silos zu verlassen und ihre Aufgaben in Netzwerken zu organisieren. Allerdings drohe Konkurrenz von unerwarteter Seite: Unternehmen wie Google oder Facebook seien bereits tief in den Bereich öffentlicher Leistungen eingedrungen. Google sei der zentrale Online-Zugang zur Verwaltung, über 90 Prozent aller Anfragen nach Behördenleistungen würden über die Suchmaschine gestellt und mit Google Maps habe der Internet-Konzern die Hoheit über Kartenanwendungen gewonnen. Deshalb sollten Staat und Kommunen nach Auffassung von Habbel in das Geschäft mit Daten einsteigen. Das Ziel laute: Vorausschauendes Verwaltungshandeln durch die Auswertung und Analyse von Daten.
Um die Zukunft der kommunalen IT-Dienstleister ging es im Vortrag von Reinhold Harnisch, der für den erkrankten Kölner IT-Leiter Andreas Engel einsprang. Der Chef des Kommunalen Rechenzentrums Minden-Ravensberg/Lippe (krz) nannte drei Pfade, welche die Unternehmen einschlagen können:
Kommunale Rechenzentrumsfabriken: Die Rechenzentren heutiger Prägung werden ersetzt durch RZ-Fabriken, auf denen Rechenleistung, Speicherkapazität und Anwendungen nach Bedarf abgerufen werden.
Kompetenzzentren für innovative Anwendungen: Kommunale IT-Dienstleister entwickeln sich vom Full-Service-Anbieter zu Entwicklern innovativer Anwendungen für spezielle Bereiche. Der Full-Service für Kunden wird durch den Leistungsaustausch der kommunalen Rechenzentren sichergestellt.
Kommunale IT-Strategieberatung: Die IT-Dienstleister werden zu Mitgestaltern einer kommunalen Digitalen Agenda. Sie wechseln die Seite vom IT-Produzenten zum IT-Berater der Kommunen.
Für Harnisch persönlich ist klar, dass in den vergangenen zehn Jahren der Aufbau einer digitalen Infrastruktur verschlafen wurde. Die Aufgabe „Daseinsvorsorge Internet“ würde von den kommunalen Unternehmen noch nicht flächendeckend wahrgenommen. Er warf auch die Frage auf, ob die IT-Anforderungen der Verwaltungen immer so individuell seien, wie behauptet und ob beispielsweise nicht ein Einwohnerwesen für ganz Deutschland genüge. Die größten Erfolge lassen sich laut Harnisch mit gebündelten IT-Leistungen erzielen. Seinen Kollegen schrieb er ins Stammbuch: Nicht die Größten überleben, sondern die Schnellsten.

Digitale Identitäten

Einer der Höhepunkte der Vitako-Jubiläumsveranstaltung waren die launigen Ausführungen von Erwin Schneider. Der Landrat von Altötting war eingeladen, um über die Anforderungen der Kunden an die kommunalen IT-Dienstleister zu referieren. Er gab gleich zu, dass er wenig von IT verstehe – offenbarte aber immerhin eine Smartwatch am Handgelenk, die ihm von seinen Mitarbeitern aufgenötigt worden sei, damit sie ihn jederzeit um dringende Rückrufe per SMS bitten können. Sein Testurteil für die Apple Watch: „Die ist ihr Geld nicht wert.“ Verwundert zeigte sich der Landrat, dass es nicht gelungen sei, mit dem neuen Personalausweis, der digitalen Identität zum Durchbruch zu verhelfen. Diese gebe es andernorts längst. Nach Ausbruch der Rinderseuche BSE sei ein umfassendes Kennzeichnungs- und Registrierungssystem für Rinder – sichtbar an Ohrmarken mit Strichcode – eingeführt worden. Jedes seiner Tiere – der Landrat ist im Nebenberuf Landwirt – habe seither eine digitale Identität. Schneider: „Es gibt keine illegalen Rindviecher in Europa.“ Eine Bitte hatte er dann doch an die versammelten kommunalen IT-Dienstleister: „Denken Sie unsere Anforderungen voraus – und daran, dass das Ganze nichts kosten darf.“

Urzellen von Vitako

Den Blick zurück warf Matthias Kammer, der 2005 zum ersten Vorsitzenden gewählt wurde. Die Urzellen von Vitako waren die Interessenverbände der kommunalen Rechenzentren in Nordrhein-Westfalen, AKD (Arbeitsgemeinschaft Kommunale Datenverarbeitung) und KDN (Kommunale Datenverarbeitung Nordrhein-Westfalen). Die AKD hatte sich bereits für Mitglieder außerhalb Nordrhein-Westfalens geöffnet. Im „Blankenheimer Kreis“, in dem sich Vertreter der AKD regelmäßig trafen, wurden dann die ersten Pläne zur Gründung einer bundesweiten Interessenvertretung der kommunalen IT-Dienstleister geschmiedet. Triebfeder der Gründung war nach den Worten von Kammer die Erkenntnis, dass die IT in der Verwaltung eine Management-Aufgabe ist. Der Motor war dann Ulrike Löhr. Ohne das Engagement der damaligen Düsseldorfer Beigeordneten, gäbe es die Bundesarbeitsgemeinschaft heute nicht, sagte Kammer. Mit dem neuen Verband sollten der Erfahrungsaustausch zwischen den einzelnen IT-Dienstleistern intensiviert und die Interessen der kommunalen IT gegenüber Bund, Ländern und der IT-Industrie lauter vertreten werden. Bei der Gründungsversammlung am 2. Dezember 2005 in München fiel dann eine fatale Zahl. Der als Gastredner eingeladene Würzburger Professor Rainer Thome, von 2002 bis 2003 E-Government-Berater der bayerischen Staatsregierung, rechnete vor, dass durch den verstärkten IT-Einsatz in der öffentlichen Verwaltung, fünf Milliarden Euro eingespart werden könnten. In der Pressemeldung zur Gründung der Bundesarbeitsgemeinschaft hieß es dann: „Besser vernetzte Verwaltungen können Milliarden sparen und den Bürgerservice einfacher machen.“ Die Zahl fünf Milliarden sei dann ihm zugeschrieben worden, berichtete Kammer. Mit dem Ergebnis, dass er von Haushältern immer wieder gefragt worden sei: Wo bleibt mein Anteil?
Immerhin: Viel von dem was zehn Jahre später in München diskutiert wurde, war in der Pressemeldung schon genannt. Zitat: „Die Mitglieder möchten Verwaltungsdienstleistungen stärker verknüpfen und unabhängig vom Ort ihrer Produktion dort bereitstellen, wo sie nachgefragt und benötigt werden. Erst mit Informationstechnik wird die öffentliche Verwaltung zur Netzwerkverwaltung, die als Leistungsverbund Aufgaben und Kompetenzen des Bundes und der Länder mit der Sachkompetenz kommunaler Aufgabenträger verbindet und ortsnah verfügbar macht.“ IT-Direktor Martin Schallbruch wird dies auch heute noch mit Interesse lesen.

Alexander Schaeff


Stichwörter: Panorama, Vitako


Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Panorama

Niedersachsen: Polizei verteilt digitale Knöllchen

[03.11.2026] Die Polizei Niedersachsen führt mit dem elektronischen Datenermittlungsbeleg (eDEB) ein durchgängig digitales Verfahren zur Erfassung von Verkehrsordnungswidrigkeiten ein. Verstöße werden künftig direkt vor Ort elektronisch dokumentiert und medienbruchfrei an die kommunalen Bußgeldstellen übermittelt. mehr...

Gütersloh: Urban Stack gewinnt neue Partner

[02.11.2026] Die Stadt Gütersloh hat mit Halle (Saale) die erste Partnerkommune außerhalb Nordrhein-Westfalens für ihre Datenplattform Urban Stack gewonnen. Für Hosting und Bereitstellung wurden Kooperationen vereinbart. Die Vergabe für eine ergänzende KI-Plattform ist abgeschlossen. mehr...

Darmstadt: Stadtgeschichte online entdecken

[30.10.2026] Das Stadtarchiv Darmstadt macht ausgewählte historische Quellen direkt im Internet einsehbar. Historische Ratsprotokolle, Verwaltungsberichte und Grafiken geben Einblick in politische Entscheidungen, die Arbeit städtischer Ämter und das Leben in früheren Jahrhunderten. mehr...

interview

Interview: Es ist Zeit, endlich zu handeln

[21.10.2026] Wie sich Behörden mit sicheren Kommunikationslösungen unabhängiger von außereuropäischen Anbietern machen können, erläutert Benjamin Schilz, CEO von Wire, im Interview mit Kommune21 auf der Smart Country Convention 2026. mehr...

Porträt einer Frau mit Kopfhörern in Office-Umgebung, die konzentriert zuhört.

NExT: Verwaltungsalltag auf Sendung

[20.10.2026] Erfahrungen und Problemstellungen aus der kommunalen Praxis gibt es jetzt auch zum Hören: Das Verwaltungsnetzwerk NExT hat den Podcast „NExT Level Verwaltung“ gestartet. Zwei Verwaltungsprofis sprechen darin über Hürden im Alltag und Spielräume für Veränderungen. mehr...

Der Erste Bürgermeister der Stadt Ulm, Martin Bendel und die neue Chefdigitalisiererin Simone Philp.

Ulm: Neue Koordinierungsstelle für digitale Stadtentwicklung

[14.10.2026] Mit Simone Philp bekommt die Digitalisierung der Stadt Ulm ein neues Gesicht. Als Leiterin der neuen Koordinierungsstelle will die Wirtschaftswissenschaftlerin Digitalvorhaben bündeln, Kooperationen mit Wissenschaft und Wirtschaft ausbauen und Fördermittel einwerben. mehr...

Die automatisiert alarmierbare Vorauserkundungsdrohne der Feuerwehr Essen.

Essen: Drohne erkundet Einsatzorte vorab

[09.10.2026] Die Feuerwehr Essen testet seit Mitte September eine automatisiert startende Vorauserkundungsdrohne. Sie soll bereits vor dem Eintreffen der Einsatzkräfte Bilder vom Einsatzort liefern und so eine frühzeitige Lagebeurteilung ermöglichen. Nach drei Monaten wird entschieden, ob das System dauerhaft eingesetzt werden soll. mehr...

Die Bayern nutzen Online-Angebote laut einer Studie der Initiative D21 überdurchschnittlich häufig.

Rheinland-Pfalz: Ehrenamtskarte per App beantragen

[08.10.2026] Rheinland-Pfalz hat eine App gestartet, mit der Ehrenamtliche die Ehrenamtskarte vollständig digital beantragen und Vergünstigungen finden können. Das Land übernimmt eine in Nordrhein-Westfalen entwickelte Lösung. Organisationen und Kommunen bearbeiten Anträge digital. mehr...

Mehrere Karteikästen mit farbigen Registerkarten. Im Vordergrund ist eine grüne Registerkarte mit der Jahreszahl 2013 zu sehen.

Kommune21 im Gespräch: Herausforderung Registermodernisierung

[07.10.2026] Die Registermodernisierung gehört zu den zentralen Vorhaben der Verwaltungsdigitalisierung. Im Live-Webinar „Kommune21 im Gespräch“ am 22. Oktober 2026 zeigen Fachleute des Landes Baden-Württemberg, von Komm.ONE und aus einem kommunalen Pilotprojekt, wo die Umsetzung derzeit steht, welche Erfahrungen bereits vorliegen und was Kommunen jetzt tun sollten. mehr...

Blick in ein Parkhaus

Hanau: Schrankenlos parken

[07.10.2026] Die Stadt Hanau stellt ihre Parkhäuser auf digitale Systeme um. Fast alle städtischen Häuser kommen bereits ohne Schranken und Parktickets aus, das Kennzeichen wird bei der Ein- und Ausfahrt erfasst. Weitere Standorte nutzen ticketlose Systeme mit Schranken. mehr...

Illustration einer diagonal über das Bild gespannten Kette, die gesprengt wird.
bericht

Digitale Transformation: Barrieren beseitigen

[05.10.2026] Ist eine Verwaltung, deren Grundzüge teilweise bis in die Bismarckzeit zurückreichen, überhaupt digital transformierbar? Das an der Universität Münster entwickelte Konzept des „Digital Rebirth“ zeigt, wie der erfolgreiche Einsatz digitaler Technologien gelingen kann. mehr...

Personengruppe unter einer goldenen 50

ab-data: 50 Jahre Softwareentwicklung

[02.10.2026] Mit mehr als 100 Gästen feierte das Softwareunternehmen ab-data sein 50-jähriges Bestehen am historischen Ursprungsort. Neben Erinnerungen an die Gründungszeit ging es um das neue Finanzwesen VOIS|FIWE und die Bedeutung kommunaler Plattformen für die Digitalisierung. mehr...

Drohne in der Luft, im Hintergrund ist verschwommen ein Gebäude der Feuerwehr Hanau zu sehen

rescueTablet: Aus der Luft direkt ins Lagebild

[02.10.2026] Die Einsatzplattform rescueTablet kann jetzt Live-Luftbilder und Telemetriedaten von Drohnen einbinden. Einsatzleitungen sollen dadurch bei Bränden, Hochwasser oder Sucheinsätzen schneller einen Überblick über die Lage erhalten. mehr...

OZG: Kommunen sollten sich startklar machen.

Aachen/Mannheim: G24 geht in die Praxis

[28.09.2026] Aachen und Mannheim erproben den Kombiantrag des Bund-Länder-Projekts G24. Er verbindet Gewerbeanmeldung und steuerliche Erfassung. Aachen bietet das Verfahren bereits vollständig online an, Mannheim folgt schrittweise. Langfristig sollen Gründungen binnen 24 Stunden möglich sein. mehr...

NeXT: Nachnutzung praktisch angehen

[28.09.2026] Ein neues Paper des NeXT-Netzwerks gibt Beschäftigten aller föderalen Ebenen praktische Hinweise, wie sie digitale Lösungen für andere bereitstellen oder selbst übernehmen können. Ein Schnellcheck führt zu den passenden Empfehlungen und weiterführenden Ressourcen. mehr...