Samstag, 12. September 2026

KonstanzKleine Lücken schließen

[17.08.2026] Die baden-württembergische Stadt Konstanz entwickelt digitale Anwendungen seit einigen Jahren selbst und setzt dabei auf Low Code. Der Schulterschluss mit anderen Kommunen ist der entscheidende Hebel.
Luftaufnahme von Konstanz

Konstanz setzt bei der Digitalisierung auch auf Low Code.

(Bildquelle: MTK / Deutschland abgelichtet Medienproduktion)

Wenn eine Stadtverwaltung über Digitalisierung spricht, geht es meist um die großen Fachverfahren – Einwohnermeldewesen, Finanzsystem, elektronische Akte. Dazwischen aber klafft eine Vielzahl kleiner Lücken: Prozesse, für die es kein passendes Fachverfahren gibt und die immer noch auf Papier, in E-Mail-Postfächern oder in betagten Datenbanken abgewickelt werden. Hier setzt die Stadt Konstanz seit einigen Jahren auf Low Code. Der Ausgangspunkt war, wie in vielen Kommunen, das Onlinezugangsgesetz. Um die Fristen einzuhalten, entstanden zahlreiche digitale Anträge über das landesweite Serviceportal. Was nach Digitalisierung aussah, blieb in der Praxis oft auf halbem Weg stehen: Die Lösung lieferte ein digitales Bürger-Front-End – am Ende gab es jedoch wieder ein PDF, das manuell weiterverarbeitet werden musste. Der Medienbruch war also nicht beseitigt, nur verschoben.

Um echte Mehrwerte durch Digitalisierung zu erreichen, ist jedoch eine durchgängige Bearbeitung vom Antrag bis zum Bescheid notwendig, ohne Medienbrüche und doppelte Datenpflege. Eine Markterkundung zeigte, dass fertige Ende-zu-Ende-Lösungen für viele dieser kleinen, spezifischen Prozesse entweder nicht existieren oder wirtschaftlich nicht sinnvoll sind. Im Austausch mit anderen Verwaltungen wurde die Stadt schließlich auf Low-Code-Plattformen aufmerksam – Entwicklungsumgebungen, mit denen sich Anwendungen weitgehend visuell zusammensetzen lassen, statt sie Zeile für Zeile zu programmieren. Formulare, Workflows, Daten, Schnittstellen und Oberfläche entstehen aus einer Hand.
Eine klassische Softwarebeschaffung bedeutet in einer Kommune nicht nur eine Ausschreibung, sondern in der Regel auch eine eigene Mittelanmeldung, und die ist in Konstanz an den Doppelhaushalt gebunden, also an einen Zwei-Jahres-Rhythmus. Zwischen erkanntem Bedarf und einsatzbereiter Lösung vergehen so leicht mehrere Jahre. Mit einer Eigenentwicklung lassen sich produktive Ergebnisse dagegen in Monaten statt Jahren erzielen und die Anforderungen vor Ort genau umsetzen. Möglich wird dieser pragmatische Einstieg durch einen Rahmenvertrag des ITZBund: Über diese zentrale Beschaffungsvereinbarung des Bundes können Verwaltungen die eingesetzte Plattform OutSystems nutzen, ohne selbst ein eigenes, oft monatelanges Vergabeverfahren durchführen zu müssen. Das spart viel Zeit und senkt die Einstiegshürde.

Mehr als digitale Formulare

Ebenso wichtig ist die Qualität der Prozesse: Medienbrüche beseitigen, Bürgerinnen und Bürgern transparente Online-Services bieten und die Sachbearbeitung von wiederkehrender Handarbeit entlasten. Die Low-Code-Entwicklung ist bewusst im Team Digitalisierung gebündelt. So entsteht keine unkontrollierte Schatten-IT, sondern eine einheitliche, wartbare Anwendungslandschaft mit klaren Verantwortlichkeiten.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt die Einfahrt- und Haltegenehmigung für die Fußgängerzone. Wer mit dem Fahrzeug in die Innenstadt einfahren oder dort halten möchte – ob Handwerksbetrieb, Lieferdienst oder Privatperson –, beantragt die Genehmigung heute vollständig digital. Die Anwendung ist seit Juli 2025 produktiv, und inzwischen werden darüber knapp 150 Anträge pro Monat abgewickelt. Statt der bisherigen Beantragung per Telefon und E-Mail steht den Bürgerinnen und Bürgern nun eine Webanwendung zur Verfügung. Die Sachbearbeitung erhält strukturierte, sofort weiterverarbeitbare Daten, und der Gemeindevollzugsdienst kann erteilte Genehmigungen jederzeit mobil vor Ort kontrollieren. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Ein zweites Beispiel richtet sich an Familien: Ein Elternbeitragsrechner erleichtert die Berechnung der Kita-Gebühren. Die bisherige Exceltabelle wurde durch einen Online-Rechner ersetzt, der die notwendigen Daten abfragt und eine Selbsterklärung erstellt.

Auch für verwaltungsinterne Prozesse wurden Low-Code-Anwendungen entwickelt. Der aktuelle Schwerpunkt liegt auf der Ablösung zahlreicher, über die Jahre gewachsener Datenbankanwendungen, die zunehmend Kompatibilitäts- und Wartungsprobleme verursachen. Sie werden Schritt für Schritt durch moderne, webbasierte Lösungen ersetzt. Die Nachfrage zeigt, wie groß der Bedarf ist – weitere Anwendungen befinden sich bereits in Planung oder Umsetzung.
So nützlich diese Anwendungen einzeln sind, die eigentliche Erkenntnis reicht weiter. Die Herausforderungen, vor denen die Stadt Konstanz steht, sind in fast jeder Kommune dieselben. Eine Genehmigung, eine Antragsstrecke, eine Adressverwaltung, ein wiederkehrender Freigabe-Workflow: All das wird derzeit vielerorts parallel und unabhängig voneinander entwickelt. Jede Verwaltung erfindet das Rad neu. Das kostet Geld, Zeit und Personal – Ressourcen, die ohnehin knapp sind.
Naheliegend ist deshalb ein anderer Ansatz, der dem Grundsatz „Public Money, Public Code“ folgt, also dem Prinzip, dass mit Steuermitteln finanzierte Software auch öffentlich zugänglich sein sollte. Konstanz baut dazu gemeinsam mit mehreren Städten ein interkommunales Netzwerk auf.

Gemeinsamer Werkzeugkasten

Ziel ist zunächst ein strukturierter Austausch: Wer arbeitet an welcher Lösung, welche Erfahrungen lassen sich teilen, welche Bausteine sind wiederverwendbar? Perspektivisch soll daraus ein gemeinsamer Marktplatz entstehen, über den fertige Anwendungen und einzelne Module zwischen Behörden weitergegeben und nachgenutzt werden können. Voraussetzung dafür ist Standardisierung. Denn damit eine in einer Stadt bereits entwickelte Anwendung andernorts ohne großen Aufwand genutzt werden kann, braucht es gemeinsame Bausteine und eine abgestimmte grundlegende Architektur. Zentrale Elemente wie etwa die Anbindung an das vorhandene Dokumentenmanagementsystem oder an zentrale Schnittstellen wie die BundID sollten nicht jedes Mal neu entwickelt werden müssen. So wird aus einer Sammlung von Einzellösungen ein gemeinsamer Werkzeugkasten, von dem jede der beteiligten Behörden profitiert.

Low Code ist für Konstanz eine pragmatische Lösung, um digitale Lücken zu schließen und Altanwendungen zu modernisieren – schnell, kontrolliert und auch mit knappen Ressourcen. Große Fachverfahren bleiben bestehen; Low Code ergänzt sie dort, wo der Markt keine wirtschaftliche Lösung bietet.
Der größte Mehrwert aber liegt in der Kooperation. Konstanz arbeitet dazu bereits mit den Städten Esslingen und Leinfelden-Echterdingen zusammen und steht mit weiteren Städten im Onboarding-Prozess. Wenn Kommunen ihre Entwicklungen teilen, statt sie parallel zu erstellen, vervielfacht sich der Nutzen jeder einzelnen Anwendung. Der Bedarf wächst dabei weiter: In Entwicklung befindet sich derzeit unter anderem eine Lösung für die Verwaltung der städtischen Bootsliegeplätze. Durch Austausch und Standardisierung sollen künftig Mehrwerte kommunenübergreifend realisiert werden, um die Digitalisierung gemeinsam voranzubringen.

Ambros Ecke ist im Amt für Digitalisierung und IT der Stadt Konstanz tätig.




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