Montag, 3. August 2026

Smart Country ConventionDigitalisierung hoch zwei

[29.10.2021] Am zweiten Kongresstag der Smart Country Convention standen die klugen Städte und Regionen im Mittelpunkt. Nach der Verwaltung geht nun die Digitalisierung in die zweite Potenz.
Am zweiten Tag der digitalen Special Edition der Smart Country Convention standen smarte Städte und Regionen im Fokus.

Am zweiten Tag der digitalen Special Edition der Smart Country Convention standen smarte Städte und Regionen im Fokus.

(Bildquelle: © Messe Berlin)

Es geht um Klimaschutz und Daseinsvorsorge, Wettbewerbsfähigkeit und Partizipation, Lebensqualität und Effizienz. Die Zuschreibungen für das Label Smart City können gar nicht groß genug ausfallen. Die Städte, Gemeinden und Kreise sollen und wollen digital werden beziehungsweise digitale Technologien nutzen, um vorausschauender planen und besser funktionieren zu können und damit attraktiver für ihre Einwohner zu werden. Grundlegende Voraussetzung dafür ist der breitbandige Netzausbau. Dass dieser durchaus noch immer nicht allerorten weit fortgeschritten ist, belegt schon die Tatsache, dass Henriette Reker und Thomas Eiskirch, die Oberbürgermeister von Köln und Bochum, den eigenen Netzausbau in ihren Statements so deutlich hervorheben. Köln kann auf eine eigene Netzgesellschaft verweisen, in Bochum sind 90 Prozent Glasfaserleitungen für Bürger und Unternehmen verlegt. Beide Städte rangieren im aktuellen Smart-City-Index des Branchenverbands Bitkom (wir berichteten) übrigens in der Top 10 – Köln auf Platz 2 und Bochum auf Platz 7.
Zweite wichtige Voraussetzung für smarte Städte ist eine digitale Verwaltung. Insofern macht es Sinn, wenn die Smart Country Convention beides an getrennten Tagen in den Blick nimmt. Wie beim Netzausbau herrschen in Sachen Verwaltungsdigitalisierung große Unterschiede zwischen Städten und kleinen Gemeinden und den Bundesländern vor. Eine vom Onlinezugangsgesetz (OZG) – das nach 2022 in ein Verwaltungszukunftsgesetz überführt werden soll – verbürgte Angleichung der digitalen Verwaltungsleistungen landauf und landab wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Große Vielfalt an Projekten

Derweil gehen die Planungen für das Zusammenspiel von intelligenter Verwaltung und smarter Stadt eifrig voran – in durchaus unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Während in Hamburg (in Kooperation mit München und Leipzig) an einem so genannten digitalen Zwilling gearbeitet wird, einem 3D-Abbild der Stadt, das für die Modellierung aller möglichen Sektoren wie Wohnraum, Verkehr oder Schulen eingesetzt werden und wichtige Steuerungsergebnisse liefern kann, ist man in der schleswig-holsteinischen Gemeinde Stockelsdorf froh, die rechtlichen Hürden für die Virtualisierung der Ratssitzungen zur Corona-Zeit erfolgreich überwunden zu haben.
Ulm hat eine Stadtbibliothek für digitale Bildung eingerichtet und bietet Co-Learning für seine Bürgerinnen und Bürger an, die sich dort von Robotern und Chatbos beraten lassen können. Zürich experimentiert mit einem Personenbeförderungssystem auf Zuruf in den späten Stunden. Linz will zur klimaneutralen Industriestadt werden und schickt Wasserstoffbusse auf die Straßen. Wadgassen im Saarland hat sich im Zuge der Pandemie von einer reinen Wohngemeinde zu einem Ort entwickelt, wo die Möglichkeiten für mobiles Arbeiten relevant geworden sind. Immer mehr Menschen wollen und können von zu Hause aus oder vor Ort arbeiten. Die Stadtverwaltung trägt dem nun durch einen Co-Living-Space in unmittelbarer Nähe von Schule und Kita Rechnung, wo die Menschen mobil arbeiten können, wenn es die eigenen vier Wände nicht ideal zulassen.

Konkurrierende Wettbewerbe

Auf der Smart Country Convention sind unzählige und sehr unterschiedliche Beispiele für mehr Smartness in Städten präsentiert worden. Angespornt durch zwei konkurrierende Modellprojektförderungen seitens des Bundesinnen- und des Bundeswirtschaftsministeriums ist für die klugen Städte und ihre sicher sehr guten Ideen einiges an Geld vorhanden. Zusätzlich schüttet das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft innerhalb seines Bundesprogramms Ländliche Entwicklung (BULE) Gelder für die Stärkung des ländlichen Raums und für gleiche Lebensverhältnisse aus, die ebenfalls für Digitalprojekte verwendet werden können. Das reicht vom Car-Sharing über die Nahversorgung bis hin zu Projekten für das Ehrenamt. In Bremke bei Göttingen ist beispielsweise die „sorgende Dorfgemeinschaft“ ausgerufen worden, andernorts entstehen Marktplätze für Landkreise mit den entwickelten Lösungen, die von anderen Kommunen nachgenutzt werden können.

Nachnutzung organisieren

Apropos Nachnutzung. Vorausgeschickt sei, dass Modellprojekte und Erprobungsräume, Versuche und Irrtümer sicherlich notwendig sind, um die Modernisierung und Digitalisierung in Städten und auf dem Land voranzutreiben. Allzu bekannte Fehler sollten aber doch möglichst nicht wiederholt werden. Hierzu zählt die Heterogenität genannte Vielfalt an Lösungen, die bereits die Verwaltungsdigitalisierung auszeichnet: die vielen Parallelentwicklungen an unterschiedlichen Orten, deren Akteure offenbar nichts voneinander wissen. Beispielsweise ist es völlig unverständlich, wieso etwa in der Stadt Wolfsburg innerhalb einer Open-Smart-City-App ein Parkticket-System samt Payment, Mängelmelder und Ladesäulenfinder selbst entwickelt werden, wenn es dies längst anderswo gibt. Auch Smart-Parking-Lösungen, wie sie etwa in Lemgo durch das Fraunhofer-Institut IOSB vorangetrieben werden, gibt es bereits am Markt.
Nichts gegen den Wettbewerb um gute Lösungen. Doch sollte unbedingt vermieden werden – vor allem, wenn es sich um öffentliche Gelder handelt –, dass nun Insellösungen entstehen, die an anderer Stelle mangels Standardisierung gar nicht eingebunden werden können. Die Fördermittelgeber in den Ministerien sollten sich rechtzeitig Gedanken über eine professionelle Nachnutzung von Smart-City-Lösungen machen, so wie es in denselben Häusern derzeit bei den Verwaltungslösungen nach dem Einer-für-Alle-Prinzip geschieht.

Helmut Merschmann




Anzeige

Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Smart City
Ein Sensor an einem Baum im Tennenloher Forst, im Hintergrund eine Feuerwehrkraft

Katastrophenschutz: Waldbrände mit KI frühzeitig erkennen

[03.08.2026] Im Rahmen des Projekts SmartForestFire entwickelt das Fraunhofer Cluster für kognitive Technologien CCIT ein KI-gestütztes Frühwarnsystem, um Brände schneller zu erkennen, Fehlalarme zu reduzieren und insbesondere kleinere oder kritische Waldgebiete effizient überwachen zu können. Im Tennenloher Forst bei Erlangen wird es aktuell unter realen Bedingungen erprobt. mehr...

Kassel: Smart-City-App veröffentlicht

[30.07.2026] Die Stadt Kassel hat eine Smart-City-App für Bürgerinnen, Bürger und Gäste veröffentlicht. Die Anwendung bündelt städtische Informationen und Echtzeitdienste auf einer Open-Source-Plattform und soll gemeinsam mit den Nutzenden weiterentwickelt werden. mehr...

Dem Schulwerk unterstehen unter anderem Schulen in Augsburg.

Augsburg: Smart-City-Plattform wächst weiter

[23.07.2026] Augsburg hat seine Smart-City-Plattform technisch und inhaltlich erweitert. Aktuelle Stadt- und Verkehrsdaten lassen sich nun flexibler in Webseiten und Anwendungen einbinden. Teile des Angebots stehen auch in der Augsburg-App bereit. mehr...

Vier Personen aus dem Bad Belziger Smart-City-Team sitzen vor einer Infotafel
bericht

Serie Digitalstädte: Mehrwerte schaffen

[07.07.2026] Förderprojekte wie der Wettbewerb Modellprojekte Smart Cities sind für kleinere Kommunen wie die Stadt Bad Belzig wichtig, um mit der Digitalisierung voranzukommen. Es braucht aber sichtbare Mehrwerte, damit es anschließend weitergeht. mehr...

Mehrere Personen halten Sensoren in die Kamera

Gütersloh: Sensoren unterstützen Winterdienst

[07.07.2026] 
In Gütersloh geht das Smart-City-Projekt „Smarter Winterdienst“ in den Testbetrieb – an 13 Standorten im Stadtgebiet werden künftig Sensoren den Zustand der Fahrbahnoberfläche erfassen. mehr...

Die Stadt der Zukunft ist vernetzt.

BBSR: Smarte Praxisbeispiele für Kommunen

[06.07.2026] Das BBSR hat sein Kompendium „Smart Cities und Smart Regions“ und die dazugehörige Storymap erweitert. Die 30 neuen Beispiele zeigen, wie Kommunen aus konkreten Problemen digitale Lösungen entwickeln – und was andere Städte und Gemeinden daraus für eigene Projekte lernen können. mehr...

eine der Rheinbrücken zwischen Mannheim und Ludwigshafen

Mannheim: Sensoren schützen Rheinbrücken

[06.07.2026] Optische Sensoren erfassen ab sofort den Verkehr auf den beiden Rheinbrücken zwischen Mannheim und Ludwigshafen. Das von der Smart City Mannheim realisierte Monitorungprojekt soll dazu beitragen, Verkehrsströme transparent zu machen und gezielte Maßnahmen zum Schutz der Bauwerke abzuleiten. 
 mehr...

Grafik zur urbanen Datenplattform in Aalen
bericht

Aalen / Heidenheim: Hoher Praxisnutzen

[29.06.2026] In Aalen und Heidenheim wird Smart City praxisnah: Sensoren liefern Daten zu Glatteis, Pegelständen und weiteren Risiken. Eine gemeinsame Plattform verbindet diese Informationen und unterstützt Verwaltung, Feuerwehr und Bauhof im Alltag. mehr...

Fahrraddaten Screenshot Digitaler Zwilling

Wiesbaden: Positive Bilanz zum Digitalen Zwilling

[29.06.2026] Der Digitale Zwilling Wiesbaden hat sich für die Stadt seit seinem Start im Sommer vergangenen Jahres bereits zu einem wichtigen Werkzeug für Planung, Beteiligung und Information entwickelt. 
 mehr...

Mehrere Personen eröffnen die Digitalen Tage Hamm 2026 durch drücken auf einen symbolischen Startknopf

Hamm: Smart-City-Strategie beschlossen

[29.06.2026] Im Rahmen ihrer Digitalisierungsstrategie hat die Stadt Hamm in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen angestoßen und teils bereits umgesetzt. Für den Zeitraum 2027 bis 2032 wird die Strategie nun als Smart-City-Strategie fortgeschrieben. Die Bürger können mitbestimmen, welche Themen künftig stärker in den Fokus rücken sollen. mehr...

Auf einem Monitor ist der Digitale Zwilling einer Stadt zu sehen

Serie Smart Cities, Teil 3: Mit Zwilling planen

[25.06.2026] Urbane Digitale Zwillinge erlauben es Kommunen, Daten zu ihrem Stadtgebiet strukturiert sichtbar und für Entscheidungen nutzbar zu machen, etwa in der Verkehrs- oder Wärmeplanung. Beim Aufbau eines Digitalen Zwillings lohnt es sich, auf Kooperation zu setzen. mehr...

bericht

MPSC: Vom Piloten zur Praxis (2) – Nachnutzung braucht Struktur

[24.06.2026] Die Modellprojekte Smart Cities haben viele erfolgreiche Lösungen und auch neue Formen kommunaler Zusammenarbeit hervorgebracht. Nun geht es darum, entstandene Netzwerke, Unterstützungsangebote und Entwicklungsgemeinschaften zu verankern - nur so können die Pilotprojekte breit nachgenutzt werden. mehr...

Vektorgrafik einer Smart City.

BBSR: Die Wirkung von Smart-City-Vorhaben darstellen

[24.06.2026] Smarte digitale Projekte stärken die regionale Wirtschaft – aber oft indirekt. Das erschwert es Kommunen, den konkreten Nutzen zu benennen und argumentativ zu vertreten, etwa gegenüber Politik oder Projektpartnern. Eine Praxishilfe erklärt, wie Kommunen solche Effekte erkennen und verständlich vermitteln können. mehr...

Hand mit einem Smartphone auf dem die Temperatur mit 40 Grad Celsius angegeben wird
bericht

Klimawandel: Daten gegen den Hitzestress

[23.06.2026] Auf die Herausforderungen des Klimawandels können Städte nicht nur mit baulich-physischen Maßnahmen reagieren. Auch der Aus- und Umbau der digitalen Dateninfrastruktur und die systematische Organisation klimarelevanter Daten stärken die kommunale Resilienz. mehr...

bericht

MPSC: Vom Piloten zur Praxis (1) – Zusammenarbeit statt Insellösungen

[23.06.2026] Seit 2019 gibt es das Fördervorhaben Modellprojekte Smart Cities, über 70 Kommunen und Regionen haben bisher teilgenommen. Dabei entstanden nicht nur viele erfolgreiche technische Lösungen, sondern auch neue Formen kommunaler Zusammenarbeit – für viele Beteiligte ein entscheidender Faktor. mehr...