Dienstag, 23. Juni 2026

KlimawandelDaten gegen den Hitzestress

[23.06.2026] Auf die Herausforderungen des Klimawandels können Städte nicht nur mit baulich-physischen Maßnahmen reagieren. Auch der Aus- und Umbau der digitalen Dateninfrastruktur und die systematische Organisation klimarelevanter Daten stärken die kommunale Resilienz.
Hand mit einem Smartphone auf dem die Temperatur mit 40 Grad Celsius angegeben wird

Städte müssen sich auf sommerliche Hitzeperioden einstellen.

(Bildquelle: Ekaterina Pokrovsky/stock.adobe.com)

Die Hitze liegt drückend über der Stadt. Seit einer knappen Woche gehen die Temperaturen tagsüber kaum unter die 30-Grad-Marke und auch in den Nächten schränken tropische Verhältnisse die Lebensqualität merklich ein. Abkühlung bleibt in diesen Wochen ein frommer Wunsch, da die versiegelte Stadt wie ein großer Hitzespeicher wirkt. Und trotzdem hat sich seit den sommerlichen Hitzeperioden der vergangenen Jahre einiges verändert, seit entsprechende Maßnahmen zum Hitzeschutz ergriffen wurden: Verschattungen an zentralen Plätzen und Fassadenbegrünungen von Gebäuden verbessern die Aufenthaltsqualität im Stadtraum. Qualitätsvolle, gut verbundene Grünzüge kühlen bis in die umliegenden Wohngebiete hinein. Auf den Verkehrs- und Gehwegen absorbieren Begrünungen und Entsiegelungen einfallende Sonneneinstrahlung.

Eine wichtige Rolle spielen auch die digitalen Anzeigetafeln an zentralen Verkehrskreuzungen, Infostelen an innerstädtischen Bushaltestellen oder Displays an öffentlichen Gebäuden. Diese Kommunikationsmittel informieren die Bürgerinnen und Bürger über Gefährdungslagen – in Echtzeit und quartiersscharf. Eine eigene City-App und eine Klima-Webseite erweitern die Vielfalt der Informationsangebote. Offensichtlich reagiert die Stadt nicht nur baulich-physisch auf die Herausforderungen des Klimawandels. Sie betreibt in gleichem Maße auch den Aus- und Umbau ihrer digitalen Dateninfra­struktur.

Datenstrategie ermöglicht effektivere Steuerung

Möglich wurde dies, weil die Stadt in ihrem Klimaanpassungskonzept die Bedeutung verbesserter Datengrundlagen hervorhob und eine Datenstrategie in der Verwaltung sukzessive vorantrieb. Eine zentrale Maßnahme zur Stärkung der Analyse- und Szenarienfähigkeit der Stadtverwaltung ist der Aufbau einer urbanen Datenplattform: In einer solchen Plattform lassen sich Daten aus Luft-, Boden- und Wassersensoren im Stadtraum in Echtzeit einspeisen und anschließend an einzelne Verwaltungsstellen übermitteln.

Das ermöglicht eine effektivere Steuerung: Indem Sensoren eine abnehmende Bodenfeuchte in anhaltenden Hitzeperioden messen, kann die Stadt öffentliche Grünflächen effektiver bewässern. Unter anderem über die City-App versendete Push-Nachrichten warnen die Stadtgesellschaft vor gesundheitsgefährdenden Temperaturen in aufgeheizten Innenstädten. Und: Mit einem an die Datenplattform gekoppelten digitalen Abbild der Stadt – einem urbanen Digitalen Zwilling – lässt sich die aktuelle Hitzeentwicklung auch in Kartenform visualisieren und ein verbessertes Bild über mögliche Gefährdungslagen zeichnen. Urbane Digitale Zwillinge befähigen Stadtverwaltungen darüber hinaus zu Klimasimulationen für baulich-technische Maßnahmen. Diese können so etwa Hitzeeffekte von Neu- oder Erweiterungsbauten im Stadtraum abschätzen und Kühlungseffekte eines Ausbaus der grünen Infrastruktur modellieren.

Insofern stärkt neben baulich-technischen Maßnahmen zur Klimafolgenanpassung auch die systematische Organisation klimarelevanter Daten die Resilienz von Kommunen im Lichte des Klimawandels maßgeblich. Sie erweitert zudem die Kommunikationsfähigkeit zwischen der Stadt und ihren Bewohnern. Einmal aufgebaut, bietet eine urbane Datenplattform die Möglichkeit, weitere Anwendungsfälle anzuschließen – und ergänzend zum Hitzeschutz zum Beispiel auch Module zum Hochwasserschutz oder zur Starkregenvorsorge anzugliedern.

Kein Zukunftsbild, sondern bereits gelebte Realität 

Dies könnte die Storyline einer Stadt sein, die eine proaktive Katastrophenvorsorge betreibt und aktiv mit Klimawandelfolgen umgeht. Dass dies nicht nur ein Zukunftsbild ist, zeigen bereits heute zahlreiche Erfahrungen entlang aller Phasen des Resilienzzyklus, die Kommunen gewonnen haben. Dabei nutzen Städte digitale Anwendungen bisher vor allem für die Problem- und Risikoanalyse, indem sie verfügbare Datengrundlagen mit der Auslage von Sensorik in Boden, Wasser und Luft erweitern.

Ein Beispiel ist die Einführung einer Echtzeit-Datenerhebung im Hochwasserschutz in der Stadt Kalletal, über welche die Verwaltung Wasserstand und Fließgeschwindigkeit der Weser kontrolliert. Ein ähnlicher Ansatz sind die sogenannten sprechenden Bäume in Ulm. An den Bäumen angebrachte Detektoren erkennen zum Beispiel Trockenstress. In diesem Zusammenhang ermöglicht der Aufbau einer urbanen Datenplattform in der Stadtverwaltung eine integrierte Datenhaltung und -verarbeitung: So bauen Städte wie Mönchengladbach und Solingen ihre Plattformen explizit auch mit dem Ziel auf, klimabedingte Datengrundlagen zu bündeln.

Mit Digitalen Zwillingen Handlungsszenarien entwickeln

Urbane Digitale Zwillinge bilden das zentrale Instrument, um Handlungsszenarien zu entwickeln und Entwicklungsziele zu definieren: So ermöglicht der Digitale Zwilling Hofer Land eine szenariogestützte Starkregensimulation für das Gebiet der Stadt Hof, basierend auf einer Kopplung von Hochwassersimulation und einem 3D-Stadtmodell. Auch die Stadt Wuppertal entwickelte einen Digitalen Zwilling, der Hitzewirkungen sowie mögliche Hochwassereffekte von Starkregen­ereignissen simulieren kann.

Das smarte Management in Jena-Lobeda ist ein Beispiel digital gestützter Handlungsansätze und Maßnahmen: Hier unterstützt eine automatisierte und sensorgestützte Bewässerung von Fassadengrün den durch die Stadt betriebenen Ausbau der grünen Infrastruktur. Das Projekt Soester Bürgerwolke steht hingegen exemplarisch für eine digital gestützte Kommunikation mit Bürgerinnen und Bürgern: In Verbindung mit einer City-App ermöglicht sie sowohl ein Klimaresilienz-Echtzeitmonitoring in der Verwaltung als auch eine direkte Kommunikation mit der Zivilgesellschaft zur Warnung vor Extremwetterlagen und urbanen Hitzeinseln.

Das volle Potenzial entfalten

Die Liste an Beispielen ließe sich weiter fortsetzen. Gerade die Erfahrungen im Bundesförderprogramm Modellprojekte Smart Cities zeigen, wie bedeutsam ein systematisches Verständnis von Datenerhebung, -haltung und -verarbeitung für die kommunale Resilienz ist. Alle genannten Beispiele zeichnen sich durch eine klare Einbettung in und Bezugnahme auf die jeweiligen kommunalen Klimaanpassungs- und Nachhaltigkeitskonzepte aus – und somit auf die jeweiligen Zielsetzungen und Handlungsansätze der integrierten Stadtentwicklung. Nur mit einer solch klaren strategisch-fachlichen Einbettung können digitale Lösungen ihr Potenzial für eine klimaresiliente Stadtentwicklung tatsächlich entfalten.

Dr. Ralf Schüle ist Forschungsreferent im Referat „Digitale Stadt, Risikovorsorge und Verkehr“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung und begleitet die Umsetzung des Förderprogramms Modellprojekte Smart Cities.




Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich: Smart City
bericht

MPSC: Vom Piloten zur Praxis (1) – Zusammenarbeit statt Insellösungen

[23.06.2026] Seit 2019 gibt es das Fördervorhaben Modellprojekte Smart Cities, über 70 Kommunen und Regionen haben bisher teilgenommen. Dabei entstanden nicht nur viele erfolgreiche technische Lösungen, sondern auch neue Formen kommunaler Zusammenarbeit – für viele Beteiligte ein entscheidender Faktor. mehr...

Bodensensor in einer Straße in Gütersloh

Gütersloh: Sensoren erfassen Parkplatzauslastung

[12.06.2026] Mit Bodensensoren erfasst die Stadt Gütersloh zurzeit die Auslastung von vier Fahrzeugstellplätzen an der Königstraße. Die Daten sollen in die Planungen zur Umgestaltung des Kreuzungsbereichs zur Hohenzollernstraße einfließen, der ein Unfallschwerpunkt ist. mehr...

Screenshot BBSR-Studie zu digitalen Zwillingen

Studie: Digitale Zwillinge in der Praxis

[10.06.2026] Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung hat eine neue Veröffentlichung zum Thema urbane Digitale Zwillinge herausgegeben, die im Rahmen der Begleitforschung der Modellprojekte Smart Cities entstanden ist. mehr...

Stadt, Bäume und Internet of Things Sensorien Symbolisch
bericht

Serie Smart Cities, Teil 2: Sensoren sinnvoll nutzen

[20.05.2026] Sensorik und Internet of Things sind das Nervensystem der smarten Stadt – sie liefern Daten, welche Prozesse optimieren und die Entscheidungsfindung erleichtern können. Beim Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur können Kommunen auch klein starten. mehr...

Elisabeth Fröhlich, Projektleitung VIAA, Stabsstelle Verkehrsfluss und Geo-Services, zeigt eine Kamera, die den Verkehrsfluss erfasst.

Lübeck: Weitere Kreuzungen digitalisiert

[11.05.2026] In Lübeck werden derzeit vier Kreuzungen mit einem innovativen System zur Verkehrserfassung ausgestattet. Die Hansestadt setzt damit ein weiteres Teilprojekt im Rahmen ihres Vorhabens VIAA um. mehr...

Grafik zeigt die drei Plattform-Bestandteile
bericht

Plattformen: Von smart zu intelligent

[30.04.2026] Digitale Lösungen können Prozesse beschleunigen, Mitarbeitende entlasten und den Bürgerservice verbessern. Drei Bausteine bringen Kommunen auf diesem Weg entscheidend voran: urbane Datenplattformen, Automatisierungs- und KI-Plattformen. mehr...

Kamera auf einem Mannheimer Abfallsammelfahrzeug

Mannheim: Mit digitaler Hilfe sauberer werden

[29.04.2026] Optische Sensoren sollen der Stadt Mannheim künftig dabei helfen, Verschmutzungen im öffentlichen Raum zu erfassen und so dazu beitragen, das Stadtbild zu verbessern. Die Technik wird zunächst in einer mehrmonatigen Pilotphase getestet. mehr...

Mehrere Personen stehen vor einem Stadtteiltreff in Kassel Wolfsanger

Kassel: App stärkt das Vereinsleben

[28.04.2026] 
Eine App soll in Kassel künftig helfen, die ehrenamtliche Arbeit in den Vereinen besser und einfacher zu organisieren. Jetzt startet der im Rahmen des Modellprojekts Smart Kassel entwickelte digitale Assistent für Vereine in den Praxistest. mehr...

Lübeck: Kommunaler Gesamtabschluss bringt Mehrwert.

Lübeck: Hansestadt digital erleben

[27.04.2026] Die Hansestadt Lübeck erweitert ihr digitales Angebot um ein dreidimensionales Stadtmodell. Es macht Gebäude, Straßen und Plätze virtuell erlebbar und soll zugleich neue Anwendungen für Stadtentwicklung und Kulturvermittlung ermöglichen. mehr...

Eine Hand vor einem stilisierten Haus
bericht

Serie Smart Cities, Teil 1: Daten im Griff

[23.04.2026] Kommunale Daten sind die Grundlage jeder smarten Stadt. Wie gelingt es Städten und Regionen, Daten strategisch zu nutzen und so ihre digitale Transformation selbstbestimmt zu gestalten? Start einer neuen Expertenreihe des Fraunhofer-Instituts IESE. mehr...

Mehring sitzend, drei Personen stehen hinter ihm, festlich-förmlicher Rahmen

Markt Weisendorf: Zukunftsfähig mit Digitalen Zwillingen

[23.04.2026] Die Gemeinde Markt Weisendorf nutzt einen Digital Twin für Planung, Steuerung und Beteiligung. Aufbauend auf dem Förderprogramm TwinBy hat die Kommune mehrere Anwendungen entwickelt, die Daten bündeln und visualisieren und so kommunale Entscheidungen unterstützen. mehr...

Gelbes Maßband auf gelbem Hintergrund.

Kassel: Digitale Hilfe für barrierefreie Wege

[17.04.2026] In Kassel werden Daten zur Barrierefreiheit von Gebäuden in der Innenstadt erhoben und anschließend online gebündelt präsentiert. Das Projekt „Digitaler Wegweiser“ soll Menschen mit Hilfebedarf die Orientierung erleichtern. Bürgerinnen und Bürger können sich an der Datenerhebung beteiligen. mehr...

Politik zu Besuch im smarten Dorf Etteln
bericht

Etteln: Klein, aber oho

[16.04.2026] Etteln beweist, dass auch kleinste Gemeinden international Maßstäbe setzen können. Als Reallabor für übertragbare kommunale Digitalisierung zeigt das Dorf, was möglich ist, wenn Technik, Politik und Zivilgesellschaft konsequent zusammenspielen. mehr...

Cover der Präsentation zur Smart City Strategie der Stadt Wolfsburg

Wolfsburg: Smarte Pionierarbeit


[13.04.2026] Im Rahmen der Modellprojekte Smart Cities hat die Stadt Wolfsburg sieben Jahre lang Pionierarbeit als bundesweites Testfeld für eine smarte Stadt geleistet. Das Förderprogramm ist Ende März nun zwar ausgelaufen, der Weg zur digitalen Modellstadt geht aber weiter. mehr...