DigitalisierungIT-Budgets zusammenziehen

Dr. Martin Hagen, Staatsrat beim Senator für Finanzen in der Freien Hansestadt Bremen
(Bildquelle: Senator für Finanzen, Freie Hansestadt Bremen)
Herr Dr. Hagen, Sie sprechen sich für eine Deutschland-App aus, die Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen bei Verwaltungskontakten per Smartphone unterstützen soll. Geht es Ihnen dabei um mehr Zentralisierung?
Ich glaube, dass wir bei der Digitalisierung einen Punkt erreicht haben, wo wir die Kleinstaaterei hinter uns lassen müssen. Mit den existierenden EfA-Leistungen haben wir demonstriert, dass wir mit einer Lösung alle Bürgerinnen und Bürger und die Unternehmen in Deutschland erreichen können. Diesen Weg sollten wir jetzt konsequent weitergehen. In einzelnen Bundesländern gibt es zwar noch eigene, alternative Lösungen, doch insgesamt kommen wir nur mit dem Einer-für-Alle-Prinzip voran, weil es eben wirtschaftlicher ist. Diese klare Botschaft müssen wir aussenden.
Sollen alle EfA-Dienste in die App eingebunden werden oder lediglich eine Top Ten?
Das wird eine evolutionäre Entwicklung sein. Wichtig ist, ein klares Zielbild zu formulieren: Wenn eine neue digitale Leistung entsteht oder eine bestehende Leistung neu angefasst und auf ein neues Framework portiert werden soll, dann ist das der Zeitpunkt, sie für die Deutschland-App anzupassen.
Sie hatten unlängst im IT-Planungsrat zusammen mit Bernd Schlömer, dem CIO von Sachsen-Anhalt, einen Vorschlag zur Registermodernisierung gemacht. Wie sah der aus?
Sachsen-Anhalt und wir in Bremen, so wie alle anderen Bundesländer auch, verfolgen dasselbe Ziel: Wir wollen die Registermodernisierung so schnell wie möglich umsetzen. Auf der Sitzung des IT-Planungsrates stand nicht dieses Ziel, sondern der schnellste Weg dorthin zur Diskussion. Unser Vorschlag sah vor, die Steuerung und alleinige Finanzierung für das National-Once-Only-Technical-System (NOOTS), das Verbindungsnetz zwischen den einzelnen Verwaltungsregistern, beim Bund anzusiedeln. Einige Bundesländer konnten sich das ohne Verfassungsänderung nicht vorstellen. Wir hingegen haben für eine – zugegeben mutige – Auslegung des Grundgesetz-Artikels 91c Absatz 4 plädiert, wonach der Bund für die Errichtung eines Verbindungsnetzes zwischen Bund und Ländern zuständig ist. Das NOOTS ist ja ein Verbindungsnetz. Deshalb bräuchte man aus unserer Sicht an dieser Stelle keine Gesetze ändern. Dieser Auffassung sind die meisten Bundesländer im IT-Planungsrat aber nicht gefolgt.
„Insgesamt kommen wir nur mit dem Einer-für-Alle-Prinzip voran, weil es eben wirtschaftlicher ist.“
Wie ist die aktuelle Beschlusslage?
Es gibt nun einen Staatsvertrag (wir berichteten), der wesentliche Forderungen von uns aufgenommen hat. So wurde der Zuständigkeitsbereich im Vergleich zur ersten Fassung erheblich erweitert. Das NOOTS soll nun für alle Verwaltungsbereiche und alle Leistungen der öffentlichen Verwaltung gelten. Es bleibt aber weiter bei der Steuerung durch den Bund und sechs Bundesländer. Und die Finanzierung für die kommenden beiden Jahre ist durch die FITKO gedeckt, deren Budget von Bund und Ländern gemeinsam getragen wird.
Es zeigt sich immer wieder, dass föderalistische Strukturen bei Gemeinschaftsprojekten wie der Verwaltungsdigitalisierung hinderlich sein können. Wie lassen sich diese Hindernisse beschreiben?
Es gibt zwei grundsätzliche Hindernisse. Da die Gesetze, um die es bei der Digitalisierung geht, beim Bund in Berlin gemacht werden und die konkrete Ausführung bei den Kommunen liegt, ist der Abstand zwischen dem Gesetzgeber auf Bundesebene und den Problemen auf kommunaler Ebene einfach zu groß. In Berlin kommen kaum Rückmeldungen über die Probleme vor Ort an. Auch sind die Gesetze oftmals wenig digitaltauglich und folgen altertümlichen Annahmen wie etwa, dass es unüberwindbare Silos zwischen den zuständigen Fachbereichen in den Verwaltungen gibt. Das wird alles zu wenig in Frage gestellt und bei der Gesetzgebung berücksichtigt.
Und das zweite Hindernis?
Das Hauptproblem besteht meiner Meinung nach in der Maxime, dass die Bundesländer in Grundsatzfragen für die Verwaltung zuständig sind. Die Abstimmungsprozesse zwischen den Ländern nehmen jedoch zu viel Zeit in Anspruch und bremsen das Weiterkommen aus. Zudem werden dabei meist keine politischen Fragen geklärt, sondern fast jedes Bundesland betreibt – zugespitzt formuliert – Industriepolitik in eigener Sache. Alle wollen gemeinsam vorankommen und zugleich die eigenen Investitionen retten, die bereits in die Digitalisierung geflossen sind. Über diese Hürden muss man hinwegkommen. Deswegen habe ich vorgeschlagen, dass wir die Entscheidungen über den Zeitpunkt neuer Rahmenbedingungen in die Zukunft verschieben. Es sollten zehn Jahre verbleiben, um getätigte Investitionen abschreiben zu können. Da in der IT jedoch in viel kürzeren Abständen Neuerungen und Updates erfolgen oder Geräte ausgetauscht werden, müssen die neuen Rahmenbedingungen schon dann gelten, wenn früher modernisiert wird.
Momentan ist erneut eine Föderalismusreform im Gespräch. Was wäre aus Ihrer Sicht hinsichtlich der Digitalisierung notwendig?
Zu ändern wäre der Absatz vier des Grundgesetzartikels 91c hinsichtlich einer Generalklausel, die es dem Bund erlaubt, alle möglichen Netze mit Wirkung in die Bundesländer hinein gesetzlich zu regeln. Der Grundgesetzartikel darf sich also nicht mehr nur auf das Verbindungsnetz beziehen, sondern sollte auch das NOOTS und zukünftige Netze umfassen, die vielleicht durch Künstliche Intelligenz in den kommenden Jahren wichtig werden. Natürlich kann man auch weitere Dinge im Zuge einer Föderalismusreform angehen. Ich würde mich im Sinne der Dresdner Forderungen immer dafür aussprechen, dass der Bund einige seiner Leistungen – beispielsweise die Verlängerung von Personalausweisen und Reisepässen – selbst regelt und sich nicht der Kommunen bedient. Das könnte man gerne in der Verfassung abbilden, möglicherweise braucht es dazu aber gar keine Verfassungsänderung. Das Wichtigste, was eine neue Bundesregierung unternehmen sollte, ist eine Zentralisierung der IT-Budgets der Bundesressorts. Das ist etwa in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein sehr erfolgreich umgesetzt worden und sollte unbedingt auch auf Bundesebene geschehen.
Mit der vorgezogenen Bundestagswahl werden auch wieder Rufe nach einem eigenen Digitalministerium laut. Würde dies die Sache voranbringen?
Ich halte das Zusammenziehen der IT-Budgets für effizienter als ein Digitalministerium. Bis ein neues Ministerium operativ startet, vergehen zwei bis drei Jahre. Zu dem Zeitpunkt wird es aber schon völlig entmachtet sein. Denn es ist schlecht vorstellbar, dass das Bundesministerium für Finanzen (BMF) und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) ihre Kompetenzen an ein Digitalministerium abgeben werden. Deshalb ist es für mich viel klüger, ein gesammeltes Digitalbudget zu fordern, wie es in einigen Bundesländern schon erfolgreich praktiziert wird. Das Budget könnte man beim Bundeskanzleramt ansiedeln oder beim BMF, denen dann die zentrale Steuerung zukommt.
Thüringen: Wichtige Online-Dienste für alle Kommunen
[11.06.2026] Thüringen und der Bund wollen fünf Verwaltungsleistungen bis Ende März 2027 landesweit digital verfügbar machen. govdigital und KIV Thüringen sollen die Online-Dienste in den Thüringer Kommunen bis zur vollständigen Betriebsfähigkeit integrieren. mehr...
Niedersachsen: Im Maschinenraum der Verwaltungsdigitalisierung
[28.05.2026] Seit April unterstützt eine Taskforce niedersächsische Kommunen dabei, wichtige Verwaltungsleistungen online anzubinden. Die Beteiligten arbeiten eng zusammen, um technische, organisatorische und finanzielle Hürden für den Einsatz der Online-Dienste aus dem Weg zu räumen – mit Erfolg. mehr...
re:publica26: Vom Ankündigen zum Liefern
[21.05.2026] Auf der Digitalkonferenz re:publica26 zieht Bundesdigitalminister Karsten Wildberger eine Jahresbilanz und spricht sich resolut für mehr digitale Souveränität und Open Source aus. mehr...
Komm.ONE: Landesregierung strebt engere Zusammenarbeit an
[18.05.2026] Die neue Landesregierung in Baden-Württemberg will Landes-IT und kommunale IT künftig enger zusammenführen und ein gemeinsames Rechenzentrum aufbauen. Komm.ONE unterstützt die Pläne und sieht darin eine wichtige Grundlage für die weitere Digitalisierung der Verwaltung. mehr...
Ein Jahr BMDS: Gute Ansätze – zu wenig Verbindlichkeit
[07.05.2026] Ein Jahr nach dem Start des Digitalministeriums ziehen weitere Branchenverbände Bilanz. Die Open Source Business Alliance fordert mehr Verbindlichkeit bei Open Source und digitaler Souveränität, der BREKO verlässliche Rahmenbedingungen für den Glasfaserausbau. mehr...
DStGB: Umsteuern zur rein digitalen Verwaltung
[30.04.2026] Wie digitale Lösungen, Automatisierung und Künstliche Intelligenz zur Modernisierung des Staates beitragen und so für die dringend nötige Entlastung der Kommunen sorgen können, diskutierte der Ausschuss für Digitalisierung des Deutschen Städte- und Gemeindebunds auf seiner Frühjahrstagung. mehr...
Vitako: Impulse für die Digitalisierung
[29.04.2026] Auf der Vitako-Mitgliederversammlung haben Deutschlands kommunale IT-Dienstleister zentrale Weichen für die Verwaltungsdigitalisierung gestellt. Im Fokus standen der Deutschland-Stack, die interföderale Marktentwicklung, das Zukunftsbild der kommunalen IT sowie Fragen der digitalen Souveränität. mehr...
Bitkom: Schulen erhalten Smart-School-Siegel
[24.04.2026] Bundesbildungsministerin Karin Prien hat in Berlin Schulen für herausragende digitale Bildungskonzepte ausgezeichnet. Der Wettbewerb des Branchenverbands Bitkom zeigt, wie sich digitale Innovationen im Unterricht erfolgreich umsetzen lassen und künftig stärker verbreitet werden sollen. mehr...
Mecklenburg-Vorpommern: Schub für die Registermodernisierung
[21.04.2026] Mecklenburg-Vorpommern hat bis zu 150 Millionen Euro für Registermodernisierung und Maßnahmen für mehr IT-Sicherheit freigegeben. Land und Kommunen betonen die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit bei der Verwaltungsdigitalisierung. mehr...
IT-Planungsrat: Kommunen scheuen EfA-Kosten
[17.04.2026] Eine neue Studie des IT-Planungsrats zeigt, warum Online-Dienste von Bürgern zu wenig genutzt und von Kommunen kaum nachgenutzt werden. Sie schlägt eine föderale Antragsplattform mit kommunalen Marken, Ende-zu-Ende-Digitalisierung und einer Cloud-Infrastruktur vor. mehr...
BMDS/Niedersachsen: Fokusleistungen in alle Kommunen
[16.04.2026] Mit einem neuen Ansatz will das BMDS digitale Verwaltungsleistungen in die Fläche bringen. Kernstück ist die Beauftragung eines Generalunternehmers, der die Ende-zu-Ende-Verantwortung für den Roll-out in den Kommunen übernimmt. Nach Bayern und Hessen hat nun Niedersachsen eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet. mehr...
Interview: Wir sitzen im gleichen Boot
[02.04.2026] Im Märkischen Kreis haben sich mehrere Kommunen zum Netzwerk Digitalisierung und E-Government zusammengeschlossen. Welchen Mehrwert der interkommunale Austausch bringt, beschreibt Jasmin Grünschläger, Digitalisierungsbeauftragte der Stadt Menden. mehr...
Schleswig-Holstein: Digitalstrategie 2026 vorgestellt
[19.03.2026] Schleswig-Holstein hat seine neue Digitalstrategie beschlossen. Erstmalig waren zentrale Partner aus Kommunen und Zivilgesellschaft systematisch in den Strategieprozess eingebunden, um einen breiten gesellschaftlichen Ansatz zu ermöglichen. mehr...
Baden-Württemberg: Gemeinsam schneller digital
[18.03.2026] In Baden-Württemberg haben Land und Kommunen eine neue – die inzwischen dritte – E-Government-Vereinbarung unterzeichnet. Das Land will den Roll-out von Verwaltungsleistungen in den Kommunen mit weiteren zehn Millionen Euro finanzieren. mehr...
Thüringen: Land unterstützt Kommunen intensiv
[17.03.2026] Ein neuer Prüfbericht des Thüringer Rechnungshofs sieht beträchtliche Defizite bei der OZG-Umsetzung und der Digitalisierung der kommunalen Verwaltung. In einer Stellungnahme erläutert das Digitalministerium, wie das Land Kommunen unterstützt. mehr...




















