Interview:
Teilhabe und Service


[2.5.2022] Die Stadt Augsburg arbeitet konsequent an der digitalen Transformation der Verwaltung. Im Kommune21-Interview erklärt Oberbürgermeisterin Eva Weber, welche Projekte umgesetzt werden und warum es wichtig ist, dabei die Stadtgesellschaft einzubinden.

Eva Weber Frau Oberbürgermeisterin Weber, Augsburg gilt als digitale Vorzeigestadt. Welchen Stellenwert messen Sie der Digitalisierung für die weitere Entwicklung Augsburgs bei?

Der digitale Wandel ist eines der ganz großen Themen, welches Unternehmen, Institutionen und unseren gesamten Alltag maßgeblich prägt. Für uns als öffentliche Verwaltung ergeben sich dadurch viele Herausforderungen und gleichzeitig enorme Chancen. Als Verwaltung möchten wir die Digitalisierung nutzen, um die digitale Teilhabe und eine hohe Servicequalität für die Augsburger Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Institutionen zu gewährleisten. Ein orts- und zeitunabhängiger Zugang zur Verwaltung, digitale Kommunikationswege, schlanke und effiziente Prozesse mit transparenter Entscheidungsfindung – wir befinden uns bereits mittendrin in diesem Prozess, der das Ende von papierbasierten Vorgängen, von Ortsgebundenheit und ressourcenbedingter Absprachen zum Ziel hat.

Geht es dabei eher um soziale oder wirtschaftliche Aspekte?

Teilhabe und Zusammenhalt stärken, die regionale Wirtschaft fördern – das sind beides wichtige Zielsetzungen. Uns beschäftigen auch demokratiefördernde Aspekte der Digitalisierung. Wir arbeiten gerade an einer E-Partizipationsplattform, die traditionelle Bürgerbeteiligung auch digital ermöglicht. Grundlage dafür ist Open Data, ein Thema, das im Koalitionsvertrag meiner Regierung einen hohen Stellenwert hat. Durch das Zugänglichmachen von Daten können Bürger, Politik und Stadtverwaltung transparent zusammenarbeiten und somit potenziell bessere Entscheidungen treffen. Dass diese Daten dann auch Unternehmen und Start-ups neue Chancen bieten ist klasse. Auch eine Klimaneutralität der Städte wird ohne das Einbeziehen technischer Tools nicht erreichbar sein. Denken Sie etwa an die datenbasierte, intelligente Verkehrssteue­rung. Damit können wir auf das Staugeschehen reagieren und die Schadstoffkonzentration reduzieren. Vergangenen Oktober haben wir als erste Stadt in Deutschland ein neues Parkleitsystem eingeführt, das den Verkehr im gesamten inneren Stadtgebiet gezielt zu freien Plätzen in Parkhäusern lenkt und so unnötigen Suchverkehr vermeidet.

Sie haben einen 30-köpfigen Digitalrat gegründet, der Sie berät. Wie kam es dazu?

Wie Bürgerinnen und Bürger das Thema Digitalisierung bewerten, ist eine elementare Frage. Daher haben wir in Augsburg auf meine Initiative hin im vergangenen Jahr den Digitalrat gegründet. Auf lokaler Ebene gab es das bis dahin nirgendwo in Deutschland. Unser Digitalrat ist paritätisch besetzt mit Vertreterinnen und Vertretern aus renommierten Augsburger Unternehmen, dem Stadtrat und anderen städtischen Beiräten wie dem Integrations-, dem Senioren- und dem Gleichstellungsbeirat. Das Gremium bildet also einen breiten Querschnitt der Stadtgesellschaft ab. Der Digitalrat soll einen ebenso praxisorientierten wie wissenschaftlich fundierten Beratungs- und Know-how-Transfer gegenüber Verwaltung und Politik gewährleisten. Er soll die Verwaltung und die Entscheidungstragenden bei den Zielen und Strategien für die digitale Transformation unterstützen. Die Stadt Augsburg setzt auf Transparenz, Teilhabe und Mitgestaltung. Digitalisierung ist nicht nur etwas Technisches, sondern vor allem auch etwas, das die Gesellschaft verbindet. Hier gibt der Digitalrat in seiner vielschichtigen Besetzung wichtigen Input.

„Wie Bürgerinnen und Bürger das Thema Digitalisierung bewerten, ist eine elementare Frage.“

Was ist der Stand der Digitalisierung in Augsburg?

Wir arbeiten derzeit an insgesamt über 200 Digitalisierungsvorhaben: Das fängt bei der Einführung der elektronischen Akte und von digitalen Workflow-Lösungen an und geht über Kollaborationslösungen für Videokonferenzen, Sharing, das Entwickeln von Chatbots, den Einsatz von Software Robotics und künstlicher Intelligenz bis hin zur Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG). Wir sind zudem dabei, eine Mängelmeldeplattform aufzubauen, um von den Bürgerinnen und Bürgern schneller und gezielter über Störungen und Hindernisse im öffentlichen Verkehrsraum informiert zu werden. Auch die Implementierung von digitalen Zugangskanälen bei Bauvorhaben und die Einführung des ELSTER-Unternehmenskontos stehen aktuell auf der Agenda – letzteres als Pilotprojekt für den Freistaat Bayern, damit Unternehmen digitale Verwaltungsleistungen einfacher in Anspruch nehmen können.

Was sind die größten Hindernisse bei der Digitalisierung?

Viele Entscheidungen zu notwendigen Digitalisierungen werden nicht lokal getroffen – nehmen Sie das Beispiel OZG –, müssen aber hier bei uns auf lokaler Ebene umgesetzt werden. Das stellt uns vor Fragen der Finanzierung. Weil Vorgaben fehlen, arbeitet jede Kommune potenziell allein. Augsburg hat daher eine Kooperation mit München und Nürnberg angestoßen. Unsere Fachabteilungen tauschen sich kontinuierlich aus. Der Punkt ist: Nicht alles, was digital möglich ist, ist auch für eine Kommune erlaubt. Eine hohe Erwartungshaltung an Features und einfache Nutzung stehen im Kontrast zu Datenschutz, Datensicherheit und teilweise immer noch vorhandenen Formerfordernissen. Auch müssen die Prozesse und Strukturen der Verwaltung angepasst, bestehende Hierarchien sowie Denk- und Verhaltensmuster aufgebrochen werden. Wir brauchen ein digitales Mindset. Die Veränderung der Organisations- und Führungskultur ist ein entscheidender Erfolgsfaktor für das Gelingen dieses umfassenden Transformationsprozesses. Dabei ist es wesentlich, Führungskräfte und Mitarbeitende gleichermaßen in den Change-Prozess einzubinden.

Das Onlinezugangsgesetz läuft Ende des Jahres aus. Wie schätzen Sie seinen Erfolg ein?

Ohne das OZG wären wir digital nicht da, wo wir heute stehen. Durch die dort verankerte Umsetzungsfrist wurde die städtische Verwaltung gefordert, ihr Angebot an Online-Diensten rasant zu erweitern. Der Erfolg ist anhand der Nutzungszahlen deutlich sichtbar. Um die Vielzahl der geforderten Verwaltungsleistungen digital verfügbar zu machen, setzen wir auf verschiedene Strategien. Zum Einsatz kommen neben bayerischen Lösungen Einer-für-Alle-Dienste. Und natürlich wird die Digitalisierung in Augsburg auch nach Ablauf der Umsetzungsfrist fortgeführt, um bestehende Dienste weiterzuentwickeln, neue Leistungen verfügbar zu machen und Prozesse zu optimieren. Die vom Gesetzgeber beim Onlinezugangsgesetz aufgestellten Mindestanforderungen haben die Erreichbarkeit der Behörden im Fokus. Für den weiteren Prozessweg nach der Antragstellung enthält das OZG kaum Vorgaben. Aber gerade hier steckt das größte Potenzial der Digitalisierung für die Steigerung der Effizienz in der Verwaltung: Medienbruchfreie Datenübernahme und digitale Sachbearbeitung stellen die Basis dar, um mit einem stabilen Personalkörper möglichst auch künftig kostenbewusst immer mehr Services anzubieten und die Rechtsfragen von Bürgerinnen und Bürgern erfolgreich bearbeiten zu können.

Interview: Helmut Merschmann

https://www.augsburg.de
Um das Thema „Wie Digitalisierung in Augsburg gelebt wird“ geht es auch in Teil 4 der Stadtteilgespräche, einem ­Podcast der Stadt Augsburg. (Deep Link)
Dieser Beitrag ist in der Ausgabe Mai 2022 von Kommune21 im Schwerpunkt Geodaten-Management erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren.  (Deep Link)

Stichwörter: Politik, Augsburg, Eva Weber

Bildquelle: Stadt Augsburg

Druckversion    PDF     Link mailen


Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich Politik
Onlinezugangsgesetz: Bundestag beschließt OZG 2.0
[26.2.2024] Der Deutsche Bundestag hat das neue Onlinezugangsgesetz verabschiedet. Es ermöglicht eine nutzerfreundliche und vollständig digitale Abwicklung von Verwaltungsverfahren, die Einführung eines zentralen Bürgerkontos und die Abschaffung der Papierform bei Anträgen. mehr...
Bundesinnenministeriun Nancy Faeser: OZG 2.0 ist ein wichtiger Schritt für ein digitales Deutschland.
Märkischer Kreis: Digital mit Strategie
[22.2.2024] Der Märkische Kreis hat eine Digitalisierungsstrategie beschlossen. Hilfe gab es vom Beratungsunternehmen PD, das dem Digitalisierungsvorhaben im Kreis ein gutes Zeugnis ausstellte. Der Angriff auf den Dienstleister SIT wirkt nach. mehr...
GovData: Saarland übernimmt Vorsitz
[19.2.2024] Das Portal GovData macht offene Verwaltungsdaten von Bund, Ländern und Kommunen aus ganz Deutschland zugänglich. Nun hat das Saarland den Vorsitz über die für das Portal zuständige Bund-Länder-Fachgruppe übernommen. Diese befasst sich vor allem mit der strategischen Weiterentwicklung. mehr...
D21-Digital-Index: Gesellschaft ist digital gespalten
[15.2.2024] 
Die Initiative D21 hat die Ergebnisse ihres D21-Digital-Index 2023/2024 vorgestellt. Demnach wird die deutsche Gesellschaft zwar immer digitaler – viele Bürgerinnen und Bürger stehen der Digitalisierung allerdings skeptisch gegenüber. mehr...
Deutsche Gesellschaft wird laut D21-Digital-Index 2023/2024 digitaler – aber steht der Digitalisierung skeptischer gegenüber.
Brandenburg: Wandel gestalten Bericht
[12.2.2024] In Brandenburg trifft der digitale Umbau auf Strukturwandel, Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum. Seit gut fünf Jahren gibt es eine Digitalisierungsstrategie, als Fortschreibung das Digitalprogramm 2025. Das Land ist auf einem guten Weg. mehr...
Brandenburg: Digitale Transformation im Strukturwandel.
Weitere FirmennewsAnzeige

Kundenportal: Der Weg in die digitale Zukunft der Antragsprozesse
[27.2.2024] Willkommen in der Ära der digitalen Transformation für die öffentliche Verwaltung. Ein Kundenportal für digitale Antragsstrecken revolutioniert nicht nur die Art und Weise, wie Anträge bearbeitet werden, sondern schafft auch Raum für Effizienz, Flexibilität und reibungslose Abläufe. mehr...

EU-Richtlinie 2016/2102: So funktioniert barrierearme Rechnungsverarbeitung
[22.8.2023] Einen barrierearmen Zugang zu Websites und mobilen Anwendungen zu gewährleisten, dazu sind öffentliche Stellen in Deutschland und der EU seit 2019 verpflichtet. Was bedeutet dies für die Verarbeitung eingehender Rechnungen in SAP? Sind Dokumentenprozesse überhaupt betroffen? mehr...

Stadt Essen nutzt Eingangsrechnungsworkflow der xSuite im großen Stil: Sichere Planung durch Rechnungsworkflow
[23.3.2023] Essen ist eine moderne Wirtschafts-, Handels- und Dienstleistungsmetropole im Herzen des Ruhrgebiets. Sie ist Konzernzentrale, zum Beispiel für RWE AG, Evonik Industries AG, E.ON Ruhrgas AG, GALERIA Karstadt Kaufhof GmbH und Hochtief AG. Die Messe Essen ist etabliert unter den Top-Ten der deutschen Messeplätze. Was viele Besucher angesichts der modernen Essener Skyline verblüfft: Die Geschichte der Stadt ist älter als die Berlins, Dresdens oder Münchens. Essen feierte im Jahr 2002 das 1150-jährige Jubiläum von Stift und Stadt Essen. mehr...
Suchen...

 Anzeige



 Anzeige

Aboverwaltung


Abbonement kuendigen

Abbonement kuendigen
LORENZ Orga-Systeme GmbH
60489 Frankfurt am Main
LORENZ Orga-Systeme GmbH
TEK-Service AG
79541 Lörrach-Haagen
TEK-Service AG
KDN.sozial
33100 Paderborn
KDN.sozial
ITEBO GmbH
49074 Osnabrück
ITEBO GmbH
Aktuelle Meldungen