E-Partizipation:
Berlins neue Mitte


[21.3.2016] Jahrelang herrschte Uneinigkeit darüber, wie die Berliner Mitte gestaltet werden soll. Jetzt ist es gelungen, in einem offenen Dialogverfahren zehn Bürgerleitlinien zu erarbeiten. Ein crossmediales Konzept hat für hohe Beteiligung und überzeugte Bürger gesorgt.

Mit Bürgerleitlinien die Berliner Mitte gestalten. Die alte Mitte Berlins zwischen Fernsehturm und Spree ist nahezu unbebaut. Im Auftrag des Berliner Abgeordnetenhauses initiierte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt im Frühjahr 2015 unter dem Titel „Alte Mitte – Neue Liebe?“ dazu eine ergebnisoffene Stadtdebatte. Nach einem dreiviertel Jahr intensiver Diskussion gibt es nun eine gemeinsame Vision für die Berliner Mitte. Das Areal zwischen Fernsehturm und Spree ist der Gründungskern Berlins. Wo einst enge Gassen und Fachwerkhäuser das Stadtbild prägten, führten die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und die Planungen der DDR-Moderne schließlich zu einer großen gestalteten Freifläche. Marienkirche, Neptunbrunnen und das Berliner Rathaus sind als historische Wahrzeichen auf dem Platz integriert. Für die einen ist die Mitte eine geschichtsvergessene Einöde ohne Aufenthaltsqualität. Anderen dient sie als nicht-kommerzielle grüne Oase inmitten des Großstadtgetümmels. Jahrelang stand somit die Frage im Raum: Soll die Fläche wieder bebaut oder als Freifläche erhalten werden? In Punkto Bürgerbeteiligung hat die Stadtdebatte zur Berliner Mitte neue Maßstäbe gesetzt. Neben klassischen Beteiligungsformen wie Bürgerwerkstätten und Fachkolloquien wurden auch ungewöhnliche Formate wie partizipatives Theater, ein Townhall Meeting und thematische Erkundungen angeboten. Zugleich wurde das Projekt öffentlichkeitswirksam bekannt gemacht und zwar durch eine Open-Air-Ausstellung zwischen Fernsehturm und Spree, stadtweite Plakatierungen, den eigenen Twitter-Kanal @berlinermitte und eine hohe Medienaufmerksamkeit.

Bürger diskutieren mit

Um von Beginn an wichtige Akteure einzubinden, wurde ein namhaft besetztes Kuratorium berufen. Persönlichkeiten aus Fach- und Stadtöffentlichkeit haben den Prozess intensiv begleitet. Zudem waren die stadtentwicklungspolitischen Sprecher aller fünf Berliner Abgeordnetenhausfraktionen beteiligt. Um das Beteiligungsverfahren zu unterstützen, unterzeichneten sie öffentlich ein Dialogversprechen. Als Geschäftsstelle wurde die Agentur Zebralog beauftragt, um alle Aktivitäten zu koordinieren und den Prozess zu steuern. Dieses ehrgeizige Vorgehen wurde von den Teilnehmenden honoriert. Mehr als 10.000 Bürger nahmen aktiv an der Stadtdebatte teil. In insgesamt über 20 Dialogveranstaltungen konnten sich alle einbringen: Passanten, Anwohner und Jugendliche vor Ort sowie die interessierte Fach- und Stadtöffentlichkeit. Zu Beginn wurde gefragt, wie die Berliner und Besucher das Areal zwischen Fernsehturm und Spree wahrnehmen und was sie sich für die Zukunft wünschen. Alle Ergebnisse der ersten Dialogphase wurden in 15 Thesen zusammengefasst. Diese wurden beim Halbzeitforum – konzipiert als Townhall Meeting – vorgestellt und gemeinsam mit den Bürgern diskutiert. Das Ergebnis war eindeutig: Allen Thesen, die Aussagen zur Bedeutung und Nutzung der Berliner Mitte machten, wurde deutlich zugestimmt. Der erste Baustein für eine Programmierung des Ortes war damit gelegt. Im Online-Dialog und bei den Veranstaltungen der ersten Phase wurden je sechs Dialogbotschafter gewonnen. Diese trugen die Ergebnisse in die zweite Halbzeit der Beteiligung. In der zweiten Dialogphase wurde vertieft und konkretisiert. Eine gemeinsame Vision zeichnete sich ab, in der sich die jeweiligen Schwerpunkte der Thesen sinnvoll ergänzten. So einigten sich die Teilnehmenden zum Abschluss der Stadtdebatte auf zehn Bürgerleitlinien zur Berliner Mitte. Den redaktionellen Feinschliff gaben die Bürger auf dem Abschlussforum Ende 2015.

Online debattieren mit Erfolg

Ein wichtiger Anlaufpunkt war die Online-Plattform zur Stadtdebatte. In einer Umfrage und zwei Online-Dialogen konnten alle Berliner ihre Ideen zur Zukunft der historischen Mitte einbringen. Neben erprobten Tools der eingesetzten Dialogzentrale für die Diskussion konnte so eine integrierte Verknüpfung zu den Vor-Ort-Elementen erreicht werden. Vorteile der Dialogzentrale: die übersichtliche Terminankündigung, ein zentrales Anmelde-Management für Veranstaltungen, deren Dokumentation sowie eine umfassende Bibliothek mit wichtigen Dokumenten. Für die Mitte einer westeuropäischen Hauptstadt lesen sich die Ergebnisse der Stadtdebatte beinahe revolutionär: Die Mehrheit der Bürger will einen Ort für alle, frei von Kommerzialisierung und mit Raum für kulturelle Aktivitäten und politische Auseinandersetzung. Eine vollständige Bebauung wurde abgelehnt. Vielmehr setzen die Bürger auf die Weiterentwicklung und Nutzung der vorhandenen Freiräume. Das Spreeufer soll für den Aufenthalt geöffnet und der Verkehr insgesamt beruhigt werden. Senator Andreas Geisel und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher bilanzieren die Stadtdebatte als großen Erfolg. Die jahrelange Kontroverse zwischen Befürwortern einer historischen Rekonstruktion der Alten Mitte und Freiraumbefürwortern konnte aufgebrochen werden. Auch die stadtentwicklungspolitischen Sprecher resümieren, dass jetzt auf einer anderen Ebene diskutiert wird – Entscheidungen zur Gestaltung müssen nun unter der Dachmarke der zehn Bürgerleitlinien diskutiert werden. Die Bürger fühlen sich ernstgenommen und stehen hinter den Ergebnissen. Mit den Leitlinien werden dem Berliner Abgeordnetenhaus klare Aussagen übergeben, an denen sich die Politik orientieren muss.

Daniela Riedel ist Geschäftsführerin der Berliner Agentur Zebralog und leitet den Bereich StadtDialoge. Maria Brückner ist Projektleiterin bei Zebralog und koordinierte die Stadtdebatte Berliner Mitte. Jan Korte, ebenfalls Projektleiter bei Zebralog, verantwortete die Kommunikation der Stadtdebatte Berliner Mitte.

Zu den Ergebnissen der Stadtdebatte und den Bürgerleitlinien (Deep Link)
http://www.berlin.de
http://www.zebralog.de
Dieser Beitrag ist in der März-Ausgabe von Kommune21 erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren. (Deep Link)

Stichwörter: E-Partizipation, Zebralog, Berlin, Bürgerbeteiligung

Bildquelle: Philipp Meuser/Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt

Druckversion    PDF     Link mailen


Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich E-Partizipation
Remscheid: Bürgerbeteiligung per App und Website
[10.8.2022] In Remscheid geht eine neue Online Beteiligungsplattform in die Erprobungsphase, mit der alle Anspruchsgruppen der Stadtgesellschaft frühzeitig in politische Prozesse eingebunden werden sollen. Die opensource-basierte Plattform soll zur Nachnutzung zur Verfügung stehen. mehr...
Krefeld: Beteiligung digital
[4.8.2022] Dem Portal Beteiligung.NRW hat sich die Stadt Krefeld angeschlossen, um ihren Bürgern künftig eine zentrale Plattform für E-Partizipation bieten zu können. Die Erprobungsphase, die mit einer Umfrage zum neuen Bürgerservice-Center gestartet ist, läuft etwa ein Jahr. mehr...
Pforzheim: Online mitmachen
[25.7.2022] Eine neue Online-Beteiligungsplattform bietet die Stadt Pforzheim den Bürgerinnen und Bürgern an. Sukzessive soll das Portal um Funktionen und Themen erweitert werden. Den Anfang macht der Bereich Smart City. mehr...
Pforzheim hat eine neue Bürgerbeteiligungsplattform.
Heusenstamm: Online-Dialog mit Widget-Lösung
[13.7.2022] Einen Online-Dialog ohne separate Beteiligungsplattform führt derzeit die Stadt Heusenstamm durch. Möglich macht dies ein neues Modul von wer denkt was, das als Widget direkt in das vorhandene CMS integriert wird. mehr...
Wertheim: Neuer Kommunikationskanal
[4.7.2022] Einen Online-Melder hat die Stadt Wertheim freigeschaltet. Dieser soll jedoch nicht nur der Meldung von Mängeln dienen, sondern auch für eine bessere Bürgerkommunikation sorgen. mehr...
Wertheim: Neuer Online-Melder ermöglicht eine schnelle und transparente Kommunikation mit der Stadtverwaltung.
Suchen...

Aktuelle Information des Verlags


In Zeiten der Corona-Pandemie werden wir aktuelle Ausgaben von Kommune21 allen Interessierten bis auf weiteres kostenfrei digital zur Verfügung stellen. Weisen Sie bitte auch Ihre Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice auf diese Möglichkeit hin.

Wir haben an dieser Stelle eine Bitte an Sie:
Die gegenwärtige Situation macht einmal mehr deutlich, wie wichtig das Thema Digitalisierung auch in Ihrer Verwaltung, Behörde oder Schule ist. Kommune21 berichtet seit 20 Jahren über alle wichtigen Themen der IT-gestützten Verwaltungsmodernisierung und hilft, die Digitalisierung im Public Sector transparent und besser zu gestalten. Bitte prüfen Sie über Ihre Buchhaltung, ob Sie bereits ein reguläres Abonnement von Kommune21 haben. Wenn nicht, dann freuen wir uns, wenn Sie gerade in diesen Zeiten ein Abonnement in Betracht ziehen. Danke!

Kommune21, Ausgabe 08/2022
Kommune21, Ausgabe 07/2022
Kommune21, Ausgabe 06/2022
Kommune21, Ausgabe 05/2022

Aboverwaltung


Abbonement kuendigen

Abbonement kuendigen
Ausgewählte Anbieter aus dem Bereich E-Partizipation:
leanact GmbH
38106 Braunschweig
leanact GmbH
NOLIS GmbH
31582 Nienburg/Weser
NOLIS GmbH
wer denkt was GmbH
64293 Darmstadt
wer denkt was GmbH
Aktuelle Meldungen