Bruchsal:
Der richtige Blick


[30.7.2018] Die Stadt Bruchsal wird ihr Pilotprojekt zum kommunalen Gesamtabschluss in Kürze abschließen. Projektleiterin Jessica Pfersching und Steffen Golka als Leiter der Finanzverwaltung berichten über ihre Erfahrungen.

Jessica Pfersching und Steffen Golka, Projektleiterin und Leiter Finanzverwaltung, Stadt Bruchsal
Frau Pfersching, Herr Golka, die Stadt Bruchsal hat bereits im Jahr 2007, also neun Jahre vor dem gesetzlich vorgeschriebenen Termin, die Doppik eingeführt. In Kürze werden Sie Ihren ersten Gesamtabschluss für das Jahr 2015 vorlegen, obwohl die Verpflichtung hierfür erst ab dem Jahr 2022 besteht. Warum schon wieder so früh?

Steffen Golka: Mit dem Gesamtabschluss haben wir im April 2017 begonnen. Wir hätten vielleicht noch Zeit gehabt; aber es war klar, dass wir frühzeitig beginnen müssen, um das Thema professionell anzugehen. Dann hatte uns ein Software-Hersteller angesprochen, der bereits Erfahrungen mit Gesamtabschlüssen aufweisen konnte und eine Kommune für ein Pilotprojekt in Baden-Württemberg suchte. Seine Präsentation war sehr überzeugend, sodass wir uns kurzfristig zur Mitarbeit in diesem Projekt entschlossen haben. Hierbei sind auch die Gemeindeprüfungsanstalt Baden-Württemberg (GPA) und die Kommunale Informationsverarbeitung Baden-Franken (KIVBF) als unser IT-Dienstleister mit im Boot.

Aus wie vielen Unternehmen besteht der Konzern Stadt Bruchsal?

Jessica Pfersching: Wir haben die Stadtwerke mit zwei Tochterunternehmen, den Abwasserbetrieb, die Wohnungsbaugesellschaft und die Bruchsaler Tourismus, Marketing und Veranstaltungs GmbH – insgesamt einschließlich der Stadt also sieben Betriebe im Vollkonsolidierungskreis. Hinzu kommen zwei assoziierte Unternehmen, die wir nach der Equity-Methode konsolidieren.

Sie sprachen vom Einsatz einer Software. Wäre es nicht auch mit Excel gegangen?

Pfersching: Anfangs dachten wir das auch. Aber aus heutiger Sicht glaube ich nicht, dass wir damit eine Chance gehabt hätten. Das Thema ist in seinen Einzelheiten deutlich komplexer als gedacht und die Software Doppik al dente! von hallobtf! führt uns gut durch den gesamten Prozess. Außerdem brauchen wir uns um viele anspruchsvolle Themen – wie beispielsweise die Kapitalkonsolidierung – nicht zu kümmern, da die Software die entsprechenden Berechnungen automatisch durchführt.

Wie hilfreich war die Unterstützung durch Ihre Projektpartner?

Pfersching: Durch den direkten Kontakt zur Gemeindeprüfungsanstalt konnten wir zu wichtigen Zweifels- und Grundsatzfragen kompetente Ratschläge aus erster Hand einholen. Auch die KIVBF hat uns sehr gut unterstützt. Besonders wichtig war darüber hinaus, dass der Software-Hersteller uns nicht nur ein System zur Verfügung gestellt hat, sondern dass wir auch Zugriff auf sein Expertenwissen und seine praktischen Erfahrungen hatten.

Wie kann man sich diese Zusammenarbeit konkret vorstellen?

Pfersching: Sie begann mit einem zweitägigen Einsteigerseminar des Software-Anbieters. Dort ging es zunächst darum, den richtigen Blick zu entwickeln, mögliche Vorgehensweisen kennenzulernen und einen Überblick über die anstehenden Arbeiten sowie deren Abbildung in der Software zu bekommen. In der Folge hatten wir dann regelmäßige Coaching-Termine mit dem Software-Hersteller und drei Reviews mit allen Projektbeteiligten.

„Der allergrößte Teil der Arbeiten betraf die konzerninternen Liefer- und Leistungsbeziehungen.“

Was meinen Sie mit „den richtigen Blick“ entwickeln?

Pfersching: Im Gesamtabschluss stellen wir den Konzern Stadt Bruchsal so dar, als wäre es ein einziges Unternehmen. Wir stellen uns vor, die Stadtwerke Bruchsal und alle anderen Unternehmen des Vollkonsolidierungskreises seien Ämter der Stadt. Aus dieser Einheitsfiktion erklärt sich alles. Beispielsweise stellen die Liefer- und Leistungsbeziehungen im Konzern nichts anderes dar als ILV, also interne Leistungsverrechnungen, die in der Ergebnisrechnung des Konzerns zu eliminieren sind.

Welches waren die aufwendigsten Arbeitsschritte?

Pfersching: Der allergrößte Teil der Arbeiten betraf die konzerninternen Liefer- und Leistungsbeziehungen. Zunächst haben wir alle Buchungen analysiert, um herauszufinden, welche Sachverhalte überhaupt vorliegen. Große Beträge betrafen beispielsweise die Energielieferungen der Stadtwerke Bruchsal und die Gewerbesteuer. Aber wir fanden auch viele kleine Posten wie zum Beispiel die Provision für eine Darlehensbürgschaft. Wir orientieren uns also nicht in erster Linie an den Buchungssätzen, uns geht es vielmehr um die Sachverhalte, zu denen im Konzern Erträge und Aufwendungen angefallen sind, zu denen in der Bilanz aber auch Forderungen und Verbindlichkeiten, Sonderposten, Rückstellungen oder Rechnungsabgrenzungsposten existieren.

Golka: Und wir wollen diese Sachverhalte nicht nur im Sinne der Einheitsfiktion eliminieren, sondern auch den Leistungsaustausch sichtbar machen und darstellen, welche Verflechtungen innerhalb des Konzerns bestehen.

Das hört sich nach einem erheblichen Aufwand an. Aber wenn die Daten einmal erhoben sind, dann ist es doch sicherlich ganz einfach: Gegenseitige Forderungen und Verbindlichkeiten werden weggelassen und gegenseitige Aufwendungen und Erträge werden verrechnet.

Pfersching: So einfach ist es nicht immer. Nehmen Sie beispielsweise die Gewerbesteuer: Das Unternehmen bucht seinen Steueraufwand im Steuerjahr und die Stadt bucht den Steuerertrag zum Zeitpunkt des Veranlagungsbescheids. In solchen Fällen hilft wieder der richtige Blick: Wären die Stadtwerke ein Amt der Stadt, so wären dort die Buchungen zur Gewerbesteuer nicht erfolgt. Auch bei der Stadt wären hierfür keine Steuererträge gebucht worden. Wir machen im Konzern diese Buchungen auf beiden Seiten ungeschehen, indem wir sie gegenbuchen.

Und warum lassen Sie sich nicht einfach, so wie es in privatwirtschaftlichen Konzernen üblich ist, aus den Unternehmen fix und fertig abgestimmte Zahlen liefern?

Golka: Wir haben entschieden, dass unsere Konzernunternehmen für den Gesamtabschluss so wenig wie möglich mit Arbeit belastet werden sollen. Außerdem können wir dadurch einheitliche Vorgaben besser umsetzen und garantieren.

Werden auch andere Kommunen aus Baden-Württemberg von Ihren Erfahrungen profitieren können?

Pfersching: Die Vorgehensweise und die getroffenen Einzelentscheidungen haben wir gemeinsam mit dem Software-Hersteller in einem Erstellungsbericht dokumentiert. Diesen stellen wir anderen Kommunen gerne zur Verfügung.

Interview: Stefanie Thomas, PR-Referentin der hallobtf! gmbh, Köln

http://www.bruchsal.de
http://www.hallobtf.de
Dieser Beitrag ist in der Ausgabe Juli 2018 von Kommune21 in einem Schwerpunkt zum kommunalen Gesamtabschluss erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren. (Deep Link)

Stichwörter: Finanzwesen, hallobtf!, Gesamtabschluss, Bruchsal

Bildquelle: Stadt Bruchsal

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