Mobile Government:
Erlaubend regulieren


[19.7.2016] Die Digitalisierung des Privatlebens schleicht sich unaufhaltsam in die Arbeitswelt ein. Öffentliche Verwaltungen sollten darauf reagieren. Statt auf Verbote, Strafen und Standardlösungen zu setzen, sollten sie Arbeitsplätze und Prozesse mit Bedacht regulieren.

Wichtige Arbeitshilfe: Das private Smartphone. Sozialarbeiter Uwe hat ein Problem: Die Jugendlichen, die er betreut, sind für ihn nur schwer erreichbar. Zumindest auf klassischen Wegen. Auf Briefe wird nicht reagiert, E-Mails werden nicht abgerufen, Telefonate nicht angenommen. Das macht es für den Streetworker schwierig, kurzfristig Termine zu vereinbaren. Privat ist Uwe beim sozialen Netzwerk Facebook angemeldet und versendet darüber mit seinem privaten Smartphone Nachrichten an die Jugendlichen. Es dauert nicht lange und er bekommt eine Antwort. Das macht Facebook für den Sozialarbeiter attraktiv. Auch ist das soziale Netzwerk einfach zu bedienen, schnell und es kostet nichts. Zudem ist die Plattform persönlich und Spaß macht sie obendrein.
Um nichts Wichtiges zu vergessen, verfasst Uwe sofort im Anschluss an einen Termin seine Dokumentationen mit der Diktierfunktion seines privaten Tablets. Eine Spracherkennungssoftware sorgt dafür, dass seine Texte nahezu fehlerfrei und zügig erfasst werden, ohne dass er sie zeitraubend via Tastatur eintippen muss. Über sein privates E-Mail-Konto bei Google sendet Uwe die Dokumentation dann an seine Dienstadresse. So spart er sich stundenlanges Nacharbeiten im Büro. Mit Erfolg: Seine Dokumentationsqualität ist die beste im Team. Problem ist jedoch, dass jetzt personenbezogene Daten bei Unternehmen wie Facebook und Google liegen, jenen amerikanischen Internet-Giganten, die im Kern ihr Geld damit verdienen, dass sie Daten Dritter speichern und für eigene Zwecke auswerten. Wo die Daten liegen, was genau damit passiert, ob sie jemals wieder löschbar sind? Wer weiß das schon.

Grenzen zwischen privater und beruflicher Nutzung verschwimmen

Björn Niehaves kennt viele solcher Beispiele, auch aus anderen Bereichen. Ob es die Krankenschwester ist, die Fotos von der Verletzung des Patienten macht, damit der Arzt den Verband nicht unnötigerweise öffnen muss; ob es der Fliesenleger ist, der aus Regressgründen das Badezimmer des Kunden dokumentiert; oder eben Uwe, der Streetworker. Die vielen kleinen nützlichen Helferlein verwandeln bei vielen Millionen Arbeitnehmern ein modernes Smartphone heutzutage zu einer Art Schweizer Messer, zum Fast-Alleskönner für die Brusttasche. Immer da, schnell zur Verfügung, einfach zu bedienen. Damit verschwimmen aber auch die Grenzen zwischen privater und beruflicher Nutzung. Professor Niehaves ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik an der Universität Siegen und Vorstand des Nationalen E-Government Kompetenzzentrums in Berlin. Der gebürtige Bocholter beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt. Der wissenschaftliche Begriff dahinter ist Bring-Your-Own-anything (BYOx). Untersucht wird die Frage, welchen Einfluss konsumentenorientierte Technologien, Geräte und Software auf die Berufswelt ausüben. Niehaves nahm unter anderem den öffentlichen Sektor unter die Lupe. 400 Kommunen haben er und sein Team untersucht und wissenschaftlich ausgewertet. Demnach nutzen 46 Prozent der Verwaltungsmitarbeiter private Geräte wie Smartphones oder Tablets für dienstliche Zwecke. 72 Prozent derjenigen, die private Geräte für Dienstzwecke nutzen, tun dies ohne Erlaubnis, das heißt, ohne Regelung oder gegen bestehende Verbote. 45 Prozent der Verwaltungen haben keine expliziten Regeln für die Nutzung privater Geräte für dienstliche Zwecke und 19 Prozent erlauben Mitarbeitern die dienstliche Nutzung privater Geräte. Niehaves weiß also, wovon er spricht, als er auf der Fachbereichsleitertagung der Stadt Bocholt in Wesel referiert. „Talkin´ about my generation: die Jungen, die Alten und die digitale Arbeitswelt“, lautet der Titel seines Vortrags. „Früher hatten Menschen an ihrem Arbeitsplatz die Technik stehen, die sie zum Arbeiten benötigten. Heute bringen Menschen die Technik in die Arbeitswelt selbst mit, um besser, schneller, effizienter und serviceorientierter zu arbeiten. Weil sie einfach ist, günstig und universell“, so der Professor. Verfüge man über die passenden Geräte, Apps und Software, sei „menschliche Kreativität unerschöpflich“.

Motivation durch moderne Technik unterstützen

Ein zweiter Megatrend kommt hinzu, der demografische Wandel. Die Gesellschaft wird älter, sie schrumpft, sie wird kulturell bunter. Menschen aus der Zeit der so genannten Babyboomer (49-67 Jahre), der Generation X (34-48 Jahre) und der Generation Y (18-33 Jahre) gehen zudem anders mit Technik und deren Nutzung um, wie Niehaves in seiner Studie herausfand. Mit Folgen: Das Arbeitsleben und seine Anforderungen werden zunehmend uneinheitlich oder wie Niehaves es ausdrückt: „Wir erleben eine zunehmende Heterogenität des Erwerbslebens.“ Der klassische „Nine-to-five-Job“ sei längst auf dem Rückzug und stattdessen Flexibilität gefragt. Auf beide Trends sollten Verwaltungen reagieren. Sie sollten eine Haltung entwickeln, empfiehlt der Wissenschaftler: „Standardlösungen werden dem nicht gerecht und sind schlecht für die Produktivität. Ziel sollte sein, individuelle Produktivitätspotenziale von Mitarbeitern zu heben, indem man Arbeit, Technik und Prozesse nach den Bedürfnissen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausrichtet.“ Verbote und Strafen würden dabei nicht helfen, so Niehaves: „Menschen lassen sich durch Regeln nicht davon abbringen, was sie für richtig halten.“ Studien belegten, dass gerade bei Verwaltungsmitarbeitern eine Grundhaltung, für andere da zu sein, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, besonders ausgeprägt sei. Diese Motivation gelte es, durch moderne Technik zu unterstützen – statt sie zu bremsen. Niehaves plädiert seitens des Arbeitgebers zu einer „erlaubenden Regulierung“, die in Einklang stehen müsse mit Sicherheits- und Datenschutzvorschriften.
Ein weiterer Rat: Verwaltungen sollten, wie Unternehmen, darüber nachdenken, so genannte Chief-Digital-Officer-Stellen einzurichten, um Digitalisierungsprozesse zu steuern. Arbeitsplätze und Geschäftsprozesse sollten einzeln analysiert werden, um über den Einsatz konsumentenbezogener Technik entscheiden zu können.

Karsten Tersteegen ist Leiter im Presse- und Informationsdienst der Stadt Bocholt.

Dieser Beitrag ist in der Juli-Ausgabe von Kommune21 erschienen. Hier können Sie ein Exemplar bestellen oder die Zeitschrift abonnieren. (Deep Link)

Stichwörter: Panorama, Mobile Government, Mobile Device Management

Bildquelle: PEAK Agentur für Kommunikation

Druckversion    PDF     Link mailen



Weitere Meldungen und Beiträge aus dem Bereich Panorama
Kreis Waldeck-Frankenberg: Gemeinsam gegen Digitalisierungslücken
[6.12.2021] Im hessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg sind bisher nur wenige kleine Kommunen mit der OZG-Umsetzung vorangekommen. In interkommunaler Zusammenarbeit wollen vier Gemeinden jetzt alle Digitalisierungslücken schließen – und andere Kommunen an den Erfahrungen teilhaben lassen. mehr...
Meine-Energie: Neues Energiekonto Kommunal
[3.12.2021] Volle Transparenz bei Energiekosten und -verbrauch auch für Kommunen – dies ermöglicht jetzt das neue Energiekonto Kommunal von Meine-Energie. mehr...
Handyparken: Vorteile in der Wintersportsaison
[3.12.2021] Ermäßigte Parktarife zum Skipass oder Bergbahnticket sind ein attraktives Angebot in der Wintersportsaison. Mithilfe von Park-Apps können Tourismusregionen diese Zusatzleistung einfach und kostengünstig umsetzen. mehr...
Von der hohen Akzeptanz beim Handyparken profitieren auch die Parkplatzbetreiber.
Kassel: Dokumentenausgabe im Einkaufszentrum
[2.12.2021] In Kassel können Bürger ihre im Rathaus beantragten Dokumente jetzt auch im Kaufhaus abholen. Möglich macht dies eine Dokumentenausgabebox, die Stadtverwaltung und städtische Unternehmen in einem neuartigen Service Point im Einkaufszentrum anbieten. mehr...
Die Biometric Group unterstützt gern die Dokumentenausgabe im Kassel Service Point via DokBox, sagt Michael Schmidt Barsöe, Country-Manager, Biometric Group.
Architektur-Board: Dokumentation zur föderalen IT-Landschaft
[1.12.2021] Das FITKO-geführte IT-Architektur-Board, das bei der Initiierung und Umsetzung von Maßnahmen der IT-Architektur unterstützt, hat die aktuelle föderale IT-Landschaft modelliert und damit eine erste Wissensbasis zur Etablierung eines föderalen IT-Architektur-Managements geliefert. mehr...
Suchen...

 Anzeige



Aktuelle Information des Verlags


In Zeiten der Corona-Pandemie werden wir aktuelle Ausgaben von Kommune21 allen Interessierten bis auf weiteres kostenfrei digital zur Verfügung stellen. Weisen Sie bitte auch Ihre Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice auf diese Möglichkeit hin.

Wir haben an dieser Stelle eine Bitte an Sie:
Die gegenwärtige Situation macht einmal mehr deutlich, wie wichtig das Thema Digitalisierung auch in Ihrer Verwaltung, Behörde oder Schule ist. Kommune21 berichtet seit 20 Jahren über alle wichtigen Themen der IT-gestützten Verwaltungsmodernisierung und hilft, die Digitalisierung im Public Sector transparent und besser zu gestalten. Bitte prüfen Sie über Ihre Buchhaltung, ob Sie bereits ein reguläres Abonnement von Kommune21 haben. Wenn nicht, dann freuen wir uns, wenn Sie gerade in diesen Zeiten ein Abonnement in Betracht ziehen. Danke!

Kommune21, Ausgabe 12/2021
Kommune21, Ausgabe 11/2021
Kommune21, Ausgabe 10/2021
Kommune21, Ausgabe 9/2021

Ausgewählte Anbieter aus dem Bereich Panorama:
JCC Software
48149 Münster
JCC Software
AIDA ORGA GmbH
75391 Gechingen
AIDA ORGA GmbH
Aktuelle Meldungen